Das Leben und seine gewissen Umstände

  • "Das Leben und seine gewissen Umstände" wird ein ein Novellenzyklus im Geiste der Theorien des 18./19. Jh. Der Inhalt wird aber in der heutigen Zeit spielen und das Genre wird zwischen den Geschichten stark variieren. Die Erzählung ist mittlerweile nun bereits 58 A4-Seiten lang (und weitaus mehr sind bereits im Konzept fertig!). Bis jetzt hat die Geschichte größtenteils nur positive Bewertungen erhalten, weswegen ich jedem aufrichtig empfehlen kann diese Geschichte zu lesen.


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    Dramatis Personae


    Hauptcharaktere


    (Die Personen sind nach ihrem Auftreten in der Einleitung geordnet)


    Julian - 36 Jahre, ist durch einen Blitzeinschlag gestorben
    Theodor - 95 Jahre, ist aufgrund seines Alters gestorben
    Hakim - 14 Jahre, hat sich selbst umgebracht
    Rolf - 46 Jahre, wurde erschossen
    Felix - 25 Jahre, starb an einer Krankheit (eine Mutation einer normalen Grippe scheinbar)
    Max - 31 Jahre, er weiß nicht, wie er gestorben ist


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    Einleitung


    „Es gibt ungewöhnlichere Umstände zu einer Gesprächsrunde zusammenzukommen.“
    Der Tisch war rund, bestes Mahagoni, umringt von sechs Personen. Über dem Tisch hing eine alte Lampe, mehr schlecht als recht ihrem Namen gerecht werdend als das man kaum erkennen konnte, wer überhaupt an dem Tisch alles saß. Aber es war sicher, dass es alles Männer waren – außer einem kleinen Schatten, was wohl einem Kind zuzuordnen wäre. Der Satz gerade war von einem der Männer gesprochen wurden. Die Stimme klang kontrolliert kühl und rational.
    „Ach, sie bezeichnen das hier als normal oder was?“, erklang die höhnische Stimme eines wesentlich älteren Mannes.
    „Ich will nur sagen, dass wir diese Situation ruhig angehen sollten!“, bemerkte der erste Sprecher ein wenig aufgebracht.
    „So ruhig klingen sie aber nicht mehr.“, sagte eine leise Stimme. Sie war jung, zurückhaltend, beinahe sich vor ihrem eigenen Klang fürchtend. Man konnte sehen, dass jener junge Sprecher am weitesten in den Schatten von den sechs saß. Ihm schien die Situation mehr als allen anderen nicht zu behagen als das er noch zu jung war um die Situation zu verarbeiten – seine Stimme deutete auf ein Alter von etwa 12 bis 15 Jahren hin.
    „Oh, klar, reden wir ganz ruhig mal über unser Problem: Wir sind alle gestorben!“, erwiderte eine andere etwa dreißigjährige Stimme. Sie klang verzweifelt, suchend und auf irgendeine Form von Erkenntnis hoffend, die alles erklären könnte.
    „Naja, so schlecht ist es doch gar nicht…“, begann ein anderer Sprecher als ihm die letzte Person, die noch nicht gesprochen hatte dazwischenfuhr: „Unser Problem?! Soweit ich mich erinnere, sollte ich gerade bei der Arbeit sein! Ihr wisst ja, dass ihr gestorben seid, aber ich kann mich durchaus daran erinnern, dass ich noch lebe, besser noch, ich lebte und im nächsten Moment saß ich hier. Welch absurder Tod ist das? Und überhaupt: Was sollen wir hier?“
    Auf diese Frage folgte ein Schweigen, für das wahrscheinlich jeder seine eigenen Gründe hatte.
    Nach einer Weile ergriff der erste Sprecher wieder das Wort, nachdem er mit einem Räuspern seine Absicht theatralisch angekündigt hatte: „Ich denke, wir sollten damit beginnen, uns vorzustellen. Es ist schwierig in dieser Dunkelheit den Anderen zu sehen.“
    „Ich beginne dann mal.“, erklärte zögernd der fünfte, der beim letzten Mal, als er etwas sagen wollte unterbrochen wurden war, „Mein Name ist Felix und ich war 25 Jahre alt. Ich bin aufgrund einer Grippe gestorben. Es war irgendeine mutiere Form, hat man mir gesagt, aber mein Fieber war so hoch, dass ich wenig von den Fakten mitbekommen habe.“
    Der zweite, älteste Sprecher meldete sich zu Wort: „Mein Name ist Theodor und ich war 95 Jahr alt. Ich bin vor dem Fernseher eingeschlafen, wenn ihr versteht, was ich meine.“
    Jeder wusste, dass die letzte Bemerkung ein Witz sein sollte, aber keiner konnte über den trockenen Humor des alten Theodor lachen.
    „Mein Name ist Rolf und ich starb mit 46. Ich bin von jemanden mitten auf der Straße erschossen wurden. Ich hab nicht viel mitbekommen, da ich gerade die Kopfhörer meines Mp3-Players im Ohr hatte. Aber den Schuss habe ich gehört und im Fallen sah ich, dass auch andere neben mir angeschossen wurden. Meine Familie… Sie… Wahrscheinlich… auch…“
    Rolfs Stimme verlor sich im Schluchzen.
    Der sechste Sprecher seufzte und begann sich vorzustellen: „Mein Name ist Max und ich bin 31 Jahre alt. Ich habe keine Ahnung, was ich hier soll. Ich habe einen Hamburger gegessen. Vielleicht bin ich daran erstickt oder es war so voll gefährlicher Chemikalien, dass sie mich sofort getötet haben. Jedenfalls habe ich keine Ahnung, warum ich hier bin als das ich nicht weiß, dass ich gestorben wäre. Wie steht es eigentlich mit dir? Du bringst uns dazu unser Leiden zu erzählen und du selbst hast dich gar nicht vorgestellt bis jetzt…“
    „Ja, meine Schuld. Mein Name ist Julian, ich bin mit 36 Jahren gestorben. Ich war gerade im Park und wollte in meine Wohnung, weil ein Gewitter begann. Dann…“
    Julian hielt inne als würde er nach Worten suchen oder als wäre es ihm peinlich davon zu erzählen.
    „Dann wurde ich vom Blitz getroffen.“
    Man konnte hören, dass Max versuchte sich ein Lachen zu verkneifen, aber ansonsten schwiegen alle, da auch keiner so recht wusste, was man zu dieser absurden Todesursache sagen sollte.
    „Wir haben einen in unserer Runde vergessen…“, bemerkte Theodor.
    „Mein Name ist…“, begann der jüngste in der Runde, aber er sprach so leise, dass man ihn kaum verstand. Man konnte deutlich die Nervosität in seiner Stimme spüren als alle Aufmerksamkeit sich auf ihn konzentrierte.
    „Sprich lauter verdammt noch mal!“, regte sich Rolf auf.
    „Sei nicht so hart, Rolf.“, wandte Felix beschwichtigend ein.
    „Er hat Recht. Er hat es am schwersten von uns, er ist schließlich nur ein Kind.“, fügte Julian zustimmend hinzu.
    „Wollt ihr ihn nun reden lassen oder über die Anwesenheit eines Kindes in unserer bescheidenen Runde streiten?“, gab Theodor seufzend hinzu.
    Alle verstummten wieder und warteten auf die Vorstellung des Jungen, welcher einige Momente brauchte um sich zu sammeln: „Mein Name ist Hakim und ich bin 14 Jahre alt. I-Ich habe mir mit der Rasierklinge meines Vaters den Arm geschnitten und bin dann verblutet.“
    „Na toll, ein minderjähriger Selbstmörder…“, grummelte Max leise.
    „Warte, du bist nicht Deutsch, Hakim?“, fragte Theodor verwundert.
    „Stimmt, ist mir gar nicht aufgefallen, aber bis jetzt sind wir doch alle deutsch. Also ich bin deutsch.“, sagte Rolf.
    „Ich auch.“, sagte Felix.
    „Ich ebenfalls, obwohl ich nicht so stolz darauf bin.“, sagte Theodor.
    „Ich bin auch Deutscher. Du sicherlich auch, oder, Julian?“, fiel Max ein.
    „Ich auch.“
    „Seid ihr alle bescheuert? Natürlich bin ich auch ein Deutscher! Ich rede doch gerade mit euch Deutsch.“, regte sich Hakim empört auf, wobei er mehrere Endungen in der Rage seiner Rede verschluckte.
    „Aber dein Name…“, gab Rolf zweifelnd zu bedenken.
    „Was hat mein Name damit zu tun?!“
    „Hmm, ich muss ihm zustimmen. Der Name hat nichts damit zu tun. Ich denke, du verdienst eine Entschuldigung von uns, Hakim.“, gab Theodor ein wenig betreten zu, der sich deutlich seiner Annahme schämte, ihn nicht für einen Deutschen zu halten bloß wegen des Namens.
    „Deutsch hin oder her. Wir wissen immer noch nicht, warum wir hier sind.“, sagte Max, dem die Empörung des Jungen ziemlich egal gewesen war. Es gab schließlich größere Probleme als den Stolz von Neudeutschen, deren Eltern erst vor ein paar Jahren nach Deutschland gezogen waren, dachte er.
    „Und was ist mit eurer Entschuldigung?“, gab Hakim bockig zurück.
    „Mann, deswegen wollte ich nie Kinder haben… Also es tut uns allen Leid, dass wir deine Deutschheit angezweifelt haben, zufrieden?“
    „Nein, ich kann es schon verstehen, wenn er eine Entschuldigung will. Es war nicht in Ordnung, das war es einfach nicht.“, sagte Julian mit ein wenig Reue in der Stimme, so als wollte er sich gerade für einen Mord rechtfertigen.
    „Julian hat Recht. Der Junge verdient `ne richtige Entschuldigung.“, stimmte Theodor zu.
    „Oh und wie stellst du dir das vor in so einer Situation? Ich gebe Max Recht: Es gibt größere Probleme.“, sagte Rolf ein wenig genervt von dem Thema der Entschuldigung.
    „Hakim, du solltest einfach verstehen, dass wir unter viel Stress gerade stehen, wir haben alle Angst, das musst du verstehen.“, begann Felix.
    „Hakim?“, fragte er nach einer Weile.
    Max fragte erstaunt: „Ist er verschwunden?“
    „Nein, er ist noch da.“, gab Hakim mit einem schmollenden Ton zurück.
    „Warum stehen wir eigentlich nicht auf und gehen?“, fragte Felix spontan in die Runde.
    Es herrschte Schweigen. Es war absurd: Die Lösung schien so offensichtlich, aber dennoch war sie irgendwie nicht greifbar, jedenfalls erhob sich keiner einfach und verließ die Runde.
    „Wir wissen auch immer noch nicht, wo wir sind?“, wechselte Julian das Thema.
    „Hmm, schöner Tisch, hässliche Lampe, ziemlich einseitiges Ambiente sonst, etwas dunkel, ziemlich einsam, wenn es die Hölle wäre.“, fasste Theodor kurz zusammen.
    „Danke, sehr ermunternd.“, bemerkte Max.
    „Na gut, fassen wir einfach die Fakten zusammen: Wann seid ihr gestorben? Ich bin genau um 11:32 Uhr gestorben. Ich weiß es, weil ich gerade auf die Uhr sah.“, führt Julian weiter die Diskussion.
    Keiner antwortete.
    „Was ist denn?“, fragte Julian verwirrt.
    „Ich kann nicht für die anderen sprechen, aber ich bin auch 11:32 Uhr gestorben. Und ich habe auch zufällig auf eine Uhr gesehen als ich starb.“, sagte Rolf.
    „Bei mir ist es genauso, war einer der wenigen Momente, wo ich klar denken konnte.“, fügte Felix hinzu.
    „Bei mir das gleiche“, sagte Hakim.
    „Ich kann mich zwar nicht mehr genau erinnern, aber es war, glaube ich, 11:32 Uhr.“, sagte Theodor.
    Alle schwiegen bis Max als letzter hinzufügte: „Das letzte woran ich mich erinnere ist 10:32 Uhr.“
    „Dann bist du wahrscheinlich innerhalb der einen Stunde gestorben.“, merkte Hakim leise an. Keiner widersprach ihm.
    „Gut, einigen wir uns auf diesen Fakt: Wir sind wahrscheinlich alle um 11:32 Uhr gestorben.“, fasste Julian zögernd zusammen. Über den eigenen Tod zu reden war kein Thema, über das man leichthin reden konnte.
    „Hmm, ziemlich wenig Leute hier, wenn dies hier der Tisch für die ist, welche um 11:32 Uhr gestorben sind.“, bemerkte Max in einem sarkastischen Ton.
    „Außerdem wüsste ich nicht, warum dann nur Leute aus Deutschland hier sein sollen. Ist ja nicht so, als würden Nationalitäten in der Hölle eine Rolle spielen.“, fügte Theodor ebenfalls sarkastisch hinzu.
    „Könnt ihr das bitte lassen?! Ich bin nicht freiwillig hier, das ist kein Spaß!“, fuhr Rolf auf.
    „Jeder hat eben seine eigene Art mit der Situation fertig zu werden, Rolf.“, sagte Felix in einem beschwichtigenden Ton.
    „Wir brauchen vor allen einen klaren Kopf…“, begann Julian.
    „Komm mit nicht mit dem Dreck, Julian! Du musstest ja nicht mit ansehen, wie deine Frau gestorben ist vor deinen Augen und dann auch noch meine Tocher… meine Tocher… Sie war so jung…“
    Julian war seltsamerweise still und schien keine Antwort darauf parat zu haben.
    „Beruhige dich, Rolf. Wir wissen, wie schwer du es hast. Aber wir müssen wirklich einen Weg aus dieser Situation finden, nicht wahr, Julian?“, sagte Felix wieder beschwichtigend.
    „Ja, du hast Recht, Felix.“, sagte Julian ein wenig unsicher. Etwas in Rolfs Anschuldigungen schien ihn sehr erschüttert zu haben.
    „Nicht wahr, Theodor?“, fuhr Felix fort.
    „Ja, natürlich.“
    „Nich…“
    „Jaja, Felix. Komm wieder runter. Du bist nicht Mutter Teresa.“, fuhr Max gelangweilt dazwischen.
    „Ich wollte nur helfen.“, sagte Felix in einem entschuldigenden Ton.
    „Klar, also? Was machen wir jetzt?“, fragte Max in die Runde, immer noch hörbar gelangweilt. Ihm schien die Situation am wenigsten von den Anwesenden bewusst zu werden. Er schien immer noch anzunehmen, dass er gar nicht gestorben ist.
    „Ist euch schon einmal aufgefallen, dass keiner von uns sich auch nur einen Zentimeter bewegt hat? Ich sehe nur die Schatten von euch, die Umrisse, aber jene sind starr.“
    „Beweg du dich doch mal, Hakim.“, begann Max.
    „Hmm.“
    „Jetzt, Hakim.“
    „Ich habe mich bereits bewegt, Max.“, gab Hakim trocken zurück.
    „Oh…“, entfuhr es Max verwundert.
    „Haben eure jungen Augen irgendwas gesehen? Ich traue meinen alten Dingern da nicht wirklich…“, sagte Theodor.
    Einer nach dem anderen gaben alle zu, keine Bewegung gesehen zu haben.
    „Das macht die Situation nur noch mysteriöser.“, sagte Julian mehr zu sich selbst als zu den anderen am Tisch.
    „Und was ist, wenn es einen Grund gibt, warum wir hier sind?“, meldete sich Rolf zu Wort.
    „Wie meinst du das?“, fragte Felix, der nicht ganz verstand, was Rolf meinte.
    „Ich denke, Rolf meint diesen Kram, den man in jedem guten Mystery-Thriller sehen kann, die von Hitchcock z.B.“, erklärte Theodor.
    „Hitchcock? In welchem Jahrhundert bist du gestorben, Theodor? Heute gibt es nur eine Art Klassiker in Sachen Thriller: Saw.“, warf Max ein.
    „Saw ist doch kein Mystery-Thriller.“, sagte Rolf.
    „Er sagte nur Thriller, Rolf.“, merkte Felix an.
    „Saw ist überhaupt schrecklich und ich will meine Situation nicht mit Saw vergleichen.“, führte Rolf weiter aus.
    „Was ist dieses ‚Saw’, Jungs?“, fragte Theodor verwirrt.
    „Das willst du gar nicht wissen…“, gab Felix seufzend zurück, dem klar anzumerken war, dass er nichts von dem Film hielt.
    „In Saw geht es um ein paar Leute, die langsam alle sterben. Ist so eine Art Spiel von so einem Irren. Ist schon cool gemacht, wie da manche draufgehen…“
    „Der Kleine redet gerade von Saw oder?“, fragte Felix ungläubig.
    „Warte, du hast schon Saw gesehen, Hakim?“, fragte Max nun Hakim.
    „Klar, meine Freunde haben ihn auch schon gesehen.“, gab er stolz zu.
    „Deine Freunde auch? Kinder genießen es mit anzusehen wie Leute sterben? Die heutige Jungend… Ich kann es echt nicht verstehen. Als ich ein Kind noch war, gab es so was nicht.“, fragte Theodor empört.
    „Der Geschmack der Leute ändert sich, Theodor. Du bist einfach nicht mehr informiert.“, stellte Julian kühl fest.
    „Aber das ist nicht unser hauptsächliches Problem. Aber erklärt noch mal deine Ansicht, Rolf.“, sagte Felix, dessen Spannung immer noch deutlich spürbar war im Gegensatz zu denen der anderen Anwesenden, die sich mehr oder weniger mit dem derzeitigen Zustand abgefunden hatten.
    „Ich meine, dass es einen Sinn gibt, warum wir sechs hier sind. Warum wir miteinander reden, warum wir zusammen im… Jenseits sind.“ , erklärte Rolf
    „Und wie soll dieser ‚Sinn’ aussehen?“, fragte Max skeptisch.
    „Ich denke, das finden wir nur auf eine Weise heraus.“, sagte Julian in einem Ton, der eine Idee andeutete.
    „Und wie?“, fragte Felix neugierig und hoffnungsvoll.
    „Jeder von uns erzählt seine Geschichte, wie er gestorben ist.“
    „Na toll, Zeit haben wir ja wenigstens.“, bemerkte Max trocken.
    „Und wer will anfangen?“, fragte Hakim.
    Und als keiner sofort antwortete wusste jeder, dass keiner nicht irgendein dunkles Geheimnis zu verbergen hatte.


    Erste Geschichte: Schicksal eines Spiels


    „Ich beginne…“, begann Felix zögernd.
    „Na dann ist das also geklärt.“, fuhr Max ungeduldig dazwischen.
    Schweigen breitete sich. Keiner wollte ihm danken dafür, dass er ihnen die Bürde abgenommen hat als Erste über die Ereignisse zu sprechen, welche zu dem eigenen Tod geführt haben. Natürlich war dies bei Max nicht der Fall, er wusste einfach nicht worüber er reden sollte.
    „Wie viel wollt ihr hören?“, fragte Felix, immer noch zögerlich.
    „Ich denke, dass überlassen wir dir. Aber die Ursachenkette, welche zu deinem Tod führte, sollte klar erkennbar sein.“
    „Natürlich nur, wenn es dir keine Probleme macht.“, fügte Julian nach einer Pause hinzu mit ein wenig Scham in der Stimme als hätte er einen Fehler bemerkt.
    „Nein, ich werd alles erzählen.“, erklärte Julian, dessen Stimme so klang als hätte er eine Entscheidung getroffen.
    „Irgendwas, was wir beachten sollten, Felix?“, fragte Theodor in der neutralen Stimme einer Frage, die mehr zur Füllung der Zeit gestellt wurde als um eine wichtige Antwort zu bekommen.
    „Vielleicht…“, begann Felix, „Manchmal wird es unglaublich klingen, aber es ist so passiert! Ich meine, ich glaube es selber ja nicht einmal, aber ich sitze ja hier, wir alle sitzen hier… Hört einfach zu, dann werdet ihr verstehen. Es begann folgendermaßen…“


    Schuldig. Das war das Wort, das in meinen Gedanken widerhallte als ich über die leere Landstraße mit meinem Auto fuhr um meine Eltern zu besuchen. Es gab natürlich einen Grund, warum ich meine Eltern besuchte.
    Aber beginnen wir bei dem Grundlegenden: Mein Name ist Felix, wie ihr sicherlich wisst und ich studierte eigentlich bis vor einigen Wochen noch Philosophie. Ein recht wertloses Studium, dass ich mit dem Idealismus begann, dass das Schicksal mir schon die Chance bieten wird, die ich brauchte. Schließlich war ich einer der besten Schüler in meiner Klasse damals in der Schule gewesen. Die Realität hatte mir aber Ernüchterung gebracht als das der Unterricht im Studium nicht halb so interessant war wie das, was ich in der Freizeit zu Philosophie bis dahin gemacht hatte. Es war alles so komplex, systematisch, wissenschaftlich… es war einfach ein Zwang sich in dieses Ding hineinzufinden, nicht ohne den Spaß, das Abenteuer des ungezwungenen Suchens zurückzulassen. Aber wer wollte schon die Abenteuer der Kindheit als wissenschaftlich bezeichnen? Auch wenn jene so untypisch sich um das Lesen von philosophischen Büchern handelten.
    Nun fragt man sich sicherlich mittlerweile, warum ich an ‚Schuldig’ in jenem Moment dachte, ja, das war der Punkt, wo ein großes Problem auftauchte: Ich hatte zwei Jahre studiert, nun hatte ich mein Studium abgebrochen und keinerlei Perspektive was ich von nun an machen sollte. Ihr alle wisst, dass die Zukunft mir dieses Problem abnehmen würde, aber damals wusste ich es noch nicht, dachte nicht einmal, dass irgendetwas Außergewöhnliches passieren würde. Es war einfach dasselbe Leiden, was viele einfach nur die Umstände des Lebens nannten und mich hatten sie nun auf diese Landstraße zu meinen Eltern gebracht.
    Ich fuhr nun schon seit zwei Stunden auf einer gottverlassenen Straße. Ich zweifelte daran, dass ich noch auf der richtigen Straße war. Meine Eltern waren letztes Jahr umgezogen. Sie sind in dieses kleine Dorf „Hellenlicht“ gezogen. Ja, es war so klein, dass es weder im Navi, noch in meinem Autoatlas, noch auf einer regionalen Karte auftauchte. Meine Eltern hatten mir dann eine Beschreibung per Telefon (Ein Wunder, dass es dort überhaupt eine Telefonleitung gab) gegeben, welche mich zu jenem Dorf bringen sollte, aber ich musste mich verfahren haben. Ich bin seit Stunden weder einem Schild noch einem anderen Auto begegnet, aber die Straße war seltsamerweise frisch asphaltiert und das fein säuberlich. Und was noch ungewöhnlicher war: Da in den letzten Tagen, es war schließlich Anfang Dezember, heftiger Schneefall gewesen war, kämpfte man überall mit der plötzlichen Unmenge an Schnee, mit Glatteis usw. Aber diese Straße war frei geräumt und so gut befahrbar als wäre es Hochsommer.
    Auf einmal musste ich bremsen als ein kleines Mädchen auf der Straße stand. Man wird mir jetzt sicherlich vorhalten, dass man auf einer geraden Straße sicherlich recht weit sehen kann und so hätte ich ja frühzeitig sie sehen müssen. Aber vielleicht lag es an der Eintönigkeit der Fahrt und der weiten kargen Schneelandschaft um mir herum oder vielleicht auch an den vielen Gedanken, die mich ablenkten, aber für mich wirkte es in jenem Moment so als würde sie aus dem Nichts auftauchen.
    Sie trug eine dunkelrote Winterjacke und Jeans. Sie war sicherlich etwa 15 Jahre alt, so schätzte ich. Bevor ich überhaupt weiter mich wundern konnte, wie sie überhaupt auf mich wirkte, ging sie auf die rechte Seite vom Auto und stieg ein. Auf dem Beifahrersitz nun sitzend war ihre Erscheinung noch einschüchternder. Ihre Haut hatte eine unnatürliche Blässe, nicht eine solche, wie man sie bei Leichen kannte, mehr so als hätte tatsächlich jemand der Hautfarbe eines durchschnittlichen Europäers einen kräftigen Schuss Weiß gegeben. Und ihre Augen wirkten gläsern, leer, starrend, bohrend und als mich diese dunkelgrünen Augen anschauten fühlte ich mich von einer Unsicherheit und Angst übermannt, die man nur im Augenblicke höchster Gefahr zu spüren bekam. Mein Puls beschleunigte sich und ich schluckte, bereit aus dem Auto zu springen und wegzurennen.
    „Kann ich mitfahren?“, fragte sie da mit einer Stimme, die an das Ringen kleiner gläserner Glocken erinnerte, was an sich schön klang, wenn da nicht der radikale Mangel einer emotionsbedingten Menschlichkeit war. Ihre Stimme klang schön, aber keinesfalls menschlich und sie rang in meinen Ohren immer fort, auch in diesem Moment kann ich diese klare Melodie ihrer Stimme hören. Es war einfach nicht menschlich.
    Ich hatte natürlich in jenem Moment viel zu viel Angst überhaupt zu erwägen auf ihre erste Frage mit ‚nein’ zu antworten. Ich frage mich, was passiert wäre, wenn ich es getan hätte. Vielleicht wäre ich dann nicht durch eine Krankheit gestorben, sondern durch irgendeinen übernatürlichen Hokuspokus, den ich ihr durchaus zugetraut hatte in jenem Moment.
    „W-Wohin willst du?“, fragte ich nervös.
    „Wohin willst du?“, kam ihre Gegenfrage.
    „Hellerslicht.“
    Sie starrte mich an, es war ein Blick von dem man sich abwenden wollte, aber nicht konnte, weil die Vorstellung zu grausige Visionen gab, was passieren könnte, wenn man diesen Augen den Rücken zukehrte. Ich weiß nicht, wie lange ich mit dem Auto dastand, wie lange sie mich anstarrte, wie lange ich verzweifelt überlegte, was ich tun sollte, was überhaupt gerade passierte.
    „Du solltest umkehren.“
    „Warum?“, kam meine verwirrte Reaktion, aber ich fügte schnell hinzu: „… wenn ich fragen darf.“
    „Die Ahnen jenes Ortes hatten versucht es zu verstecken, aber keiner, der nicht aufmerksam ist, würde es nicht sehen.“
    „Was versuchten sie zu verstecken?- wenn ich fragen darf.“
    „Ich weiß es nicht, ich kenne das Versteckte, also ist es für mich nicht versteckt und ich kann nicht verstehen, wie es ist, eben jenes als versteck anzusehen.“
    In jenem Moment gingen zwei Gedanken durch meinen Kopf: Erstens, dieses Mädchen war nicht normal. Zweitens die Situation war es ebenfalls nicht.
    „Aber meine Eltern wohnen in Hellerslicht und… ich will sie besuchen.“
    „Nein, das willst du nicht.“
    Man stellt sich immer vor, dass man in diesen Situationen eine passende Antwort finden könnte, aber man konnte es nicht, dafür war die Situation einfach zu absurd, war zu plötzlich gekommen – nicht das unter normalen Bedingen auch normalere Dinge auch so beschaffen hätten sein können.
    „Hmm.“, war alles, was ich sagte.
    Sie wand sich von mir ab, was mich erstmal beruhigt aufatmen ließ. Sie schaute auf die Straße.
    „Ähm, soll ich weiterfahren?“
    „Ja.“
    Dies tat ich dann. Nach einer Weile als ich die Situation mir durchdachte, wurde mir klar, dass ich gerade Angst vor einem Kind hatte. Auch wenn sie seltsam aussah, eine verdammt seltsame Art an sich hatte, sie war ein Kind. Ein ganz normales, na gut, eher fast normales Kind.
    „Du solltest dich anschnallen.“, begann ich um ein Gespräch aufzubauen.
    „Das habe ich bereits.“
    Ich dachte es wäre ein Scherz, als ich kurz rüberblickte. Sie hatte sich schon angeschnallt! Wann hatte sie…?!
    „Ah… Ähm…Hmm, ok.“
    Ehrlich gesagt wusste ich nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Im Übrigen war mir in jenem Moment mehr danach das Auto lieber zu verlassen, sie irgendwo wieder raus zu lassen oder… Ich hörte auf darüber nachzudenken, was ich tun wollte. Was sollte ich meinen Eltern erzählen? „Sorry, da war dieses Kind und ich hatte so viel Angst vor dem Kind, dass ich nicht zu euch kommen konnte.“ Zu der Schmach meines geschmissenen Studiums würden sie mich wahrscheinlich für irre halten, ein Kind zu fürchten.
    „Du willst wissen, wann ich mich angeschnallt habe, nicht wahr?“
    „Ja, eigentlich schon.“, gestand ich nervös.
    „Vorhin.“, kam die offensichtliche Antwort.
    „Ja, ich meine… ich hatte es nicht bemerkt.“, sagte ich, als ich kurz zu ihr rüber sah.
    „Verstehe.“, antwortete sie und während ich zu ihr sah, löste sie die Schnalle und steckte sofort die Schnalle wieder in ihren Platz.
    „Jetzt hast du es bemerkt.“, stellte sie fest und ein Anflug von einem Lächeln war zu erkennen.
    Das ist aber nicht das Problem gewesen, dachte ich verzweifelt, aber sagte natürlich nichts, nickte nur und konzentrierte mich wieder aufs Fahren.
    Als wir eine weitere Stunde gefahren waren, die mir wie eine Ewigkeit erschienen war, kamen wir in das Dorf. Nun sagte ich ja bereits, dass man das Dorf auf keiner Karte fand und so würde man annehmen, dass sich ein altes, zurückgebliebenes Dorf wieder finden würde, doch dem war nicht so. Mehr noch: Es wirkte wie das luxuriöseste Dorf, dass ich mir vorstellen kann, wenn jemand mit unendlich viel Geld und Arbeitskraft dieser Tage eine Stadt erbauen würde. Es war absurd diese moderne Kleinstadt inmitten der weiten Ebenen von wilden Wäldern und Berghängen zu sehen, und zudem war alles noch von einer matten dicken Schicht Schnee bedeckt, sodass die Stadt inmitten dieser unberührten Natur der hohen Berge fehl am Platze wirkte. In der Ferne waren auch die Berge der Alpen zu erkennen, gehüllt in einen undurchsichtigen weißen Nebel, der nie endende Kälte versprach, doch wirkten die fernen Berge vertraut im Gegensatz zu dieser Stadt, durch die ich fuhr. Die Stadt war ungewöhnlich belebt, so wie man es von einer Stadt einer solchen Größe erwarten würde, doch was mich verunsicherte war die Stille. In einer Stadt hatte man immer irgendwelche Geräusche, die man aufschnappen konnte, in dieser Stadt wirkte es aber alles geordnet. Zum einen redete niemand, jeder ging seinen eigenen Dingen nach, man lief eifrig und strebsam zu seinem Ziel, ohne die anderen Geschehnisse der Stadt zu beachten. Zum anderen wirkte die sonstige Geräuschkulisse dieser Stadt leblos. Ihr mangelte es an Zufall. Wie ein Ticken des Uhrwerks schien hinter jedem Geräusch ein System zu liegen: Das Rauschen des Windes war wie das abrupte Ein- und Ausschalten eines Föns, das Rascheln der wenigen Bäume in der Stadt wirkte wie eine Rassel, die durch eine ausgeklügelte Mechanik einen bestimmten Rhythmus spielte und wenn irgendwo ein Auto hupte, ein Postbote an einer Tür klingelte oder die Straßenbahn durch ein Tuten ihr Erscheinen an der Haltestelle ankündigte, so war man nicht überrascht, man schien die Geräusche mit der Gewissheit zu erwarten, dass es einfach so sein sollte. Es war ein unangenehmer Ort. Ich hatte mir die Nummer der Wohnung meiner Eltern gemerkt.
    Nach ein wenig Suchen hatte ich das Haus natürlich nicht gefunden. Es half natürlich nicht, dass die Adresse so seltsam wie A-340-Y-1 war, was mir die Hoffnung gegeben hatte, dass nur ein sehr kleiner Teil der Stadt derartig seltsame Adressen haben würde. Aber natürlich hatte ich mich getäuscht. Ich fuhr an den Straßenrand und stieg aus.
    „Hallo, ich suche eine Ad…“, begann ich jemanden anzusprechen, doch jener behandelte mich wie Luft und ging weiter.
    Die nächsten zehn Personen taten es ihm gleich. Seufzend setzte ich mich ins Auto.
    „Du solltest es ihnen nicht übel nehmen. Es ist nicht deren Schicksal derartige Auskünfte zu geben.“
    „Oh, eine tolles Schicksal, wo man nicht einmal höflich sein darf.“, antwortete ich seufzend.
    „Ich denke nicht, dass Schicksal etwas mit Höflichkeit zu tun hat.“
    „Wie auch immer…“
    Sie begann etwas zu sagen, ich ahnte, dass sie nicht den Unterschied zwischen Ernsthaftigkeit und Humor kannte.
    „Es war ein Witz, ok?“, erklärte ich ein wenig entschuldigend. Ich musste wohl oder übel mit dieser Situation zu Recht kommen. Es bringt nichts sich wegen ein wenig Seltsamkeit aufzuregen. Man muss es gelassen nehmen und dann würde man eine Lösung schon finden, hoffte ich zumindest. Aber erstmal meine Eltern. Da merkte ich, dass ich immer noch nicht wusste, wo sie wohnten. Da fiel mir ein…
    „Sag mal, weißt du wo A-340-Y-1 ist?“
    „Ja.“
    „Wo ist das?“
    „Da.“
    Sie zeigte auf die übernächste nach rechts biegende Straße. Nun da ich wusste, dass es diese Straße sein sollte, erkannte ich auch das kleine blaue Schild, dass diese Nummer trug.
    Ich seufzte: „Welch ein Zufall…“
    „Nein, Schicksal.“
    „Ich würde mir wirklich wünschen, wenn das Schicksal das nächste Mal ein klein wenig offensichtlicher sein könnte.“
    „Das liegt nicht in meiner Macht.“
    „Ich hab nur mit mir selbst geredet, nur mit mir selbst…“
    „Das ist nicht gesund.“, stellte sie fest.
    „Ich weiß.“
    Als wir in die Straße, wo meine Eltern wohnten, einbogen bot sich mir der Anblick vieler gleichaussehender Einfamilienhäuser, welche sich auf beiden Seiten für einige Kilometer gerade aus erstreckten. Meine Suche würde also weitergehen.
    Auch hier waren Leute auf dem Gehweg, aber auch sie ignorierten ihre Umgebung, selbst wenn sie nur spazierten oder den Hund Gassi führten.
    „Weißt du, dass du eine seltsame Art hast, dich zu unterhalten?“, fragte ich sie gelangweilt. Ich musste zugeben, dass es keine Seltsamkeit gab an die man sich nicht gewöhnen könnte. Und ich war eine Person, die recht schnell sich anpasste – oder unterordnete, je nachdem was besser war.
    „Im Vergleich zu wem?“, fragte sie als wäre es eine Art Test, die eine perfekte Antwort benötigt.
    „Hmm…“
    Als ich überlegte musste ich eingestehen, dass ich sicherlich mit ihr besser dran war als mit diesen schweigsamen, starrsinnigen Androiden von Bewohnern auf dem Gehweg.
    „Im Vergleich zu mir dann.“, sagte ich nach einer Weile.
    „Dann ist deine Art sich zu unterhalten, seltsam.“
    „Warum?“, aber mir dämmerte schon die Antwort von ihr.
    „Die Beurteilung, ob etwas seltsam ist oder nicht, ist subjektiv, damit würdest du aus meiner Sicht seltsam reden.“
    „Danke, dass hat mir noch niemand gesagt.“ Ich wechselte das Thema und fragte: „Habt ihr eigentlich Autos?“
    „Nein.“
    „Warum?“
    „Jemand könnte fliehen.“
    Ich musterte sie. Sie meinte es wirklich ernst und der Gedanke, dass meine Eltern in einer solchen Stadt wohnten, behagte mir nicht, noch weniger, dass ich nun auch in dieser Stadt war. Ich steig aus und das Mädchen folgte mir, was mich daran erinnerte, dass ich immer noch nicht ihren Namen wusste. Aber als ich sie fragen wollte, welchen Namen sie hat, öffnete sich bereits die Tür und meine Mutter lächelte mich an. Sie wirkte vertraut, aber irgendetwas störte mich an ihrem fröhlichen Gesicht. Aber ich schob es auf die seltsamen Ereignisse, die ich bis dahin erlebt hatte und deshalb begrüßte ich sie mit der Freude, die man hat, wenn man seine Eltern seit Langem wiedersieht – angenommen natürlich, man hat ein dementsprechend gutes Verhältnis mit seinen Eltern.
    „Oh, es ist so lange her, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe Felix.“, sagte sie freudig nachdem sie mich in das Haus geführt hatte.
    „Ja, es sind jetzt…“
    „Fünf Jahre.“, erklang die Stimme des Mädchens, dass ich völlig vergessen hatte nachdem mich meine Mutter begrüßt hatte.
    Meine Mutter hatte einen seltsamen Ausdruck auf ihrem Gesicht als sie das Mädchen musterte. Sie war nicht entsetzt, überrascht oder Ähnliches. Es war einfach als hätte sie gerade mitbekommen, dass man mal wieder Staub wischen sollte. Sie tat das Auftreten, die Erscheinung und die Art des Mädchens mit einer Alltäglichkeit ab, die es wirken ließ, als hätte sie erwartet, dass jenes Mädchen auftaucht und dies sagt. Dies war natürlich Quatsch, aber wirklich beunruhigend war es für mich schon als meine Mutter ungestört und fröhlich fortsetzte: „Ja, sie hat Recht. Fünf Jahre sind es nun… Aber jetzt setz dich erstmal und ich mach dir was zu Essen. Es war sicherlich eine lange Fahrt.“
    Ja, das war es und du hättest mir ruhig sagen können, dass die Fahrt fünf Stunden dauern würde, dachte ich grimmig.
    „Ja, sehr nett. Deine Wegbeschreibung war sehr hilfreich.“
    „Lügner.“, flüsterte das Mädchen, dass sich, ohne das ich es bemerkt hatte, neben mir an den Esstisch in der Küche gesetzt hatte, in der ich, meine Mutter und jenes Mädchen nun waren. Der Flur war sauber, genauso die Küche – es war wirklich alles sehr schön anzusehen. Es war genauso wie ich mir ein modernes, der Mode entsprechendes Haus vorstellen würde.
    „Kannst du Gedanken lesen?“, fragte ich sie leise.
    „Nein.“, kam die leise Antwort.
    „Nein?“
    Ich war überrascht, ich hatte wirklich erwartet, dass sie mit ‚Ja’ antworten würde, aber dann…
    „Warum bin ich dann ein Lügner?“
    „Weil es so sein soll.“
    Bevor ich weiterfragen konnte, kam meine Mutter.
    „Frisch geerntet aus meinem neuen Garten.“, erklärte sie freundlich.
    „Ah, du baust wieder Gemüse an, die Möhren und das Kohlrabi damals…“, begann ich bis ich innehielt als ich den Teller sah, den sie gebracht hatte.
    „Ananas?! Melone?!“, bemerkte ich verblüfft. Es musste ein Scherz sein.
    „Ja, Felix, frisch geerntet heute früh aus meinem Garten.“, erklärte meine Mutter stolz.
    „Ähm, wir haben November und es ist verdammt kalt… Also, na ja, wie soll ich es sagen…“
    „Nein, das sind natürlich keine normalen Ananas und Melonen.“, erklärte sie lachend.
    „Das dachte ich mir schon, Mutter.“, bemerkte ich kurz.
    „Er will wissen, wie es sein kann, dass Ananas und Melonen bei dieser Kälte im November geerntet werden können.“, erklärte das Mädchen.
    Sie kann wirklich nicht Gedanken lesen, wunderte ich mich. Was war es dann? Vorsehung? Nein, vielleicht war sie einfach höchstbegabt und konnte meine Gedanken durch Deduktion vorhersagen.
    „Ah, ich vergesse immer wieder, dass da draußen noch keiner von Gencoon weiß.“
    „Gencoon?“
    „Die Firma, die den Bau der Stadt finanziert hat und uns mit ihren Errungenschaften ausgestattet hat.“
    „Errungenschaften? Was genau?“
    „Sie haben die Genetik auf eine neue Stufe gehoben, so was in der Art. Ich bin kein Experte, also weiß ich nicht wirklich, was genau das sein soll. Aber ich kann jetzt Bananen, Ananas usw. in meinem Garten anbauen und zu jeder Jahreszeit ernten und es gibt keine Probleme durch Schädlinge, Krankheiten usw. Gencoon kann die meisten Krankheiten bei Tieren, Pflanzen und Menschen heilen und hat innerhalb weniger Wochen aus Hellerslicht ein ökologische Zuflucht für alle bedrohten Tier- und Pflanzenarten gemacht.“
    „Klingt ja wie das reinste Paradies.“, antwortete ich bewundernd.
    Wie kam es, dass diese Errungenschaften noch nicht in der ganzen Welt bekannt sind? Ich hatte das mulmige Gefühl, dass noch mehr hinter dem Ganzen steckte. Die Atmosphäre in der Stadt war einfach beängstigend gewesen und als ich zurück dachte, fielt mir etwas anderes ein.
    „Seit wann seid ihr denn eigentlich solche Fans von modernen Wohnungen, Mutter?“, erklärte ich, als ich aufstand und von der Küche aus in das Wohnzimmer ging. Natürlich war es sehr elegant und modern eingerichtet, aber verglichen mit dem eher bäuerlich-traditionellen Stil der alten Wohnung meiner Eltern war der Unterschied einfach zu krass um tatsächlich normal und überlegt zu wirken.
    „Ah, nein, Gencoon hat die Wohnung eingerichtet.“
    „Und ihr seid damit zufrieden?“
    „Natürlich, wir bekommen alles was wir brauchen. Dein Vater kann wieder arbeiten, ich kann die Hausfrau sein, die ich immer sein sollte. Es ist alles in Ordnung.“
    „Und ihr könnt euch das alles wirklich leisten?“
    „Gencoon will nur, dass wir deren Errungenschaften testen und niemanden außerhalb dieser Stadt davon erzählen.“
    „Verwandte sind natürlich eine Ausnahme.“, fügte meine Mutter schnell hinzu.
    „Ich könnte es aber irgendjemanden erzählen, wenn ich wieder zurück komme.“
    „Kannst du nicht.“, sagte das Mädchen, das wieder urplötzlich neben mir stand. Vielleicht kann sie sich teleportieren? Oder sie kann Geräusche kontrollieren? Nein, warte, sie hatte wieder etwas sehr Seltsames und Beunruhigendes gesagt.
    „Warum nicht?“, fragte ich.
    „Du wirst in drei Tagen sterben.“, bemerkte sie nahezu gleichgültig.
    Meine Mutter schaute weg als ich lachte und ich merkte, dass sie dem Mädchen Glauben schenkte. Stille senkte sich über den Raum als meine Mutter nichts sagen wollte und ich nicht wirklich wusste, was ich sagen sollte. Natürlich glaubt man es nicht, wenn einem gesagt wird, dass man in drei Tagen sterben wird. Schließlich kann keiner in die Zukunft sehen. Aber nachdem ich bereits so viele seltsame Dinge an jenem Tag erlebt hatte, war ich mir nicht mehr so sicher und der Gedanke, dass mein Leben enden würde, behagte mir nicht. Besonders, wenn ich mir nicht ausmalen wollte, wie der Tod in dieser seltsamen Stadt aussehen mag.
    „Wo ist eigentlich Vater?“, unterbrach ich die Stille und versuchte so normal wie irgend möglich zu klingen.
    „Er arbeitet. Er holzt Bäume ab.“, erklärte sie lächelnd.
    „Ich dachte, Gencoon ist umweltfreundlich, jedenfalls klang deine Beschreibung so.“
    „Natürlich sind sie das. Für jeden Baum, der gefällt wird, werden mehrere neue geplanzt, bessere Bäume, die länger leben, resistenter sind und schneller wachsen. Dein Vater gehört nur zu den Arbeitern, die jene alten Reste beseitigen, die eh keine Chance auf ein Überleben in dieser Welt gehabt hätten. Die Umweltverschmutzung war etwas, wogegen die Natur nicht ankam, sie konnte nur sterben. Gencoon wird dies ändern und eine Natur schaffen, die gegen derartige Dinge resistent ist. Überhaupt wachsen die alten Bäume viel zu unplanmäßig und nicht wirklich so effizient.“
    „Na gut, ich habe noch nicht wirklich darüber nachgedacht, ob das Wachsen eines Baumes effizient ist.“
    Bevor meine Mutter etwas Weiteres sagen konnte, klingelte es an der Tür. Sie stand lächelnd auf und ging zur Tür. Dort redete sie mit einem Mann, den ich nicht kannte.
    „Was geht hier vor?“, fragte ich das Mädchen neben mir.
    Sie schaute mich an, nein, starrte mich an, vielleicht musterte sie mich auch. Nach einer Weile sagte sie…


    „Der größte Fantasydreck, kann ich dir sagen!“, fiel Max in Felix Erzählung mit diesen Worten.
    „Komm schon, wie billig ist das denn? Oh Gott, wer soll denn diesem Kram glauben? Eine Firma, die eine Stadt im Gebirge baut um ihre verrückten Genexperimente durchzuführen? Was wird das? Ein Sci-Fi-Bestseller?“, fuhr Max höhnisch fort.
    „Es ist wirklich passiert.“, erklärte Felix ruhig.
    Felix Stimme wirkte ernst und aufrichtig, aufrichtiger als sonst. Max sagte nach einer Weile: „Du willst mich auf den Arm nehmen oder…?“
    Der Zweifel war Max Stimme anzuhören.
    „Warten wir einfach das Ende ab, Max.“, erklärteJulian.
    Felix sagte nach einer Pause: „Danke, also das Mädchen sagte…“


    „Vergiss nicht: Heute Nacht Zimmer 211. Das dritte Fenster von rechts im Erdgeschoss.“
    Ich verstand natürlich nicht, was sie genau damit meinte, aber ich hatte keine Zeit nachzufragen, denn ein Mann wurde von meiner Mutter hereingelassen. Er trug die Uniform irgendeines Beamten, aber dies war auch schon das einzige Bemerkenswerte an ihm. Ich wüsste nicht ihn zu beschreiben, ohne dabei so vage zu sein, dass auch hundert anders aussehende Leute damit beschrieben werden könnten.
    „Guten Tag. Ich bin hier, um die neuen Bewohner zum Hauptgebäude zu bringen.“, erklärte der Mann recht beiläufig.
    „Ich bin nur zu Besuch, es besteht kein Grund…“, begann ich als ich den starrenden Blick des Mannes gewahr wurde, zu dem ich redete. Er wirkte als würde er schon darüber nachdenken mich mit Gewalt zu diesem Hauptgebäude zu bringen. Ich hielt nervös inne und sagte: „Na gut, warum muss ich denn in das Hauptgebäude?“
    „Sie brauchen einen Existenzberechtigungsschein, wenn sie in dieser Stadt bleiben wollen.“
    „Huh?“
    „Ja, es wäre doch fatal einfach jemanden hier existieren zu lassen von dem wir nichts wissen.“
    „Aber ich bin doch bereits hier…“
    „Nein, nicht wirklich. Haben sie sich nicht gefragt, warum sie von all den Leuten in der Stadt ignoriert wurden sind? Es liegt daran, dass sie bis jetzt keinerlei Existenzberechtigung besitzen.“
    „Und woher wissen die, dass ich keine habe?“
    „Deswegen sollten sie mir folgen. Ach und das Mädchen wird auch mitkommen.“, stellte er fest, während er das Mädchen betrachtete, dass dem Mann, gleichmütig wie immer, folgte. Und was ist mit meiner Frage? Natürlich wurde sie ignoriert, aber ich hatte an jenem Tage einfach schon zu viele seltsame Dinge erlebt, um anzunehmen, dass ich zwangsläufig auf jede Ungereimtheit eine Antwort finden könnte.
    Wir mussten in einen kleinen Transporter einsteigen, welcher genauso unscheinbar wirkte wie der Beamte, welcher ihn fuhr. Ich saß mit dem Mädchen hinten im Laderaum, aber verkniff mir sie nach irgendwas zu fragen. Ich wusste nicht, wem ich trauen konnte und wem nicht. Diese Beamten wirkten eher wie Letzteres. Jedenfalls sagte das mir meine Erfahrung mit typischen Science-Fiction-Erzählungen.
    Die Stadt, so denn ich aus dem Fenster des Transporters sah, wirkte so systematisch wie immer und keiner schien sich an dem Transporter zu stören, niemand zeigte darauf und fragte, was jener hier soll, sogar wenn er sehr auffällig war in dieser Stadt wo so gut wie nie ein Auto fuhr.


    Unser Ziel, jenes ominöse Hauptgebäude, hatte in meinen Gedanken vielerlei Assoziationen hervorgerufen, aber keine davon war das gewesen, was ich letztendlich vor mir sah, denn an sich war jenes Hauptgebäude eher ein barockes Schloss als die Art von öffentlichen Hauptgebäuden ominöser Megakonzerne, die ich im Geiste vor mir hatte. Jenes barock wirkende Schloss war von mehreren Kilometern wunderbaren Gärten umgeben und sicherlich würde ein Spaziergang darin sehr erholsam ausfallen, nur wirkte dies unpassend, mehr noch, genauso wie mich der Eintritt in jene Stadt geschockt hatte, so schockte mich nun wieder jener abrupte Wandel, der sich vollzog als ich vor dem Hauptgebäude stand.
    In jenem Moment gingen mir die typischen Fragen durch den Kopf: Werde ich hier die Wahrheit dieses ganzen Mysteriums erfahren? Warum stand hier ein barockes Schloss? Wo ist die Toilette?
    Als ich mich mit meiner dringendsten Frage an den Beamten richten wollte, der den Transporter gefahren hatte, stieg jener auch bereits aus und deutete an ihm zu folgen – ohne mich eines Blickes zu würdigen.
    „Sprich ihn nicht an.“, erklang die Stimme des Mädchens und in jenem Moment hatte ich sie so vergessen, dass ich ein wenig schockiert war ihre Stimme zu hören. Als ich mich ihr zuwandte war sie schon auf dem Weg dem Beamten zu folgen.
    „War das…“, begann ich als ich zu ihr aufgeschlossen hatte.
    „Es war keine Telepathie.“
    „Aber dann ka…“
    „Ich kann nicht Gedanken lesen.“
    „Du weißt doch gar nicht was ich sagen wollte.“, sagte ich mit dem Seufzer als wenn man feststellen würde, dass man seit zwei Stunden in einer Warteschlange stand, die sich keinen Zentimeter bewegt hatte.
    „Du wolltest etwas anderes sagen?“, fragte sie beiläufig als wir durch die große gläserne Eingangstür in einen großen barocken Saal traten.
    „Ähm… nein, aber was ich damit sagen will ist, dass…“
    „Herr Klampfer wird gleich erscheinen.“, verkündete der Beamte wie der Herold irgendeines Königs und wahrscheinlich war das dieser Kerl, denn wer sonst würde sich ein barockes Schloss bauen lassen, auch wenn man das Geld dafür hätte.
    „Ich würde den Herr und die Dame bitten, dass sie sich bitte auf jenen Stühlen dort einfinden würden.“
    „Ah… Nein, vorher würde ich gerne fra…“, begann ich als mir das Mädchen zuflüsterte: „Nein, setz dich lieber es ist besser so.“
    Ich sah sie an, musterte sie und – konnte daraus nichts ableiten. Sie wirkte so ernst und gleichgültig wie immer, was nicht gerade hilfreich war, herauszufinden, was genau ihre Intentionen war, wenn sie so wenig sagte.
    „Dann setzen wir uns.“, sagte ich und bemerkte, dass zwei barocke Stühle an der Wand standen, wobei jene aber recht verloren wirkten in der riesigen grazil ausgestalteten Halle. An den Wänden wo nicht riesige Fenster zu finden waren, hingen riesige Spiegel, welche das Licht, welches durch die Fenster kam, noch einmal reflektierten und so den Raum noch heller machten als er eigentlich war.
    „Um noch mal das Thema vorhin auszugreifen. Du…“
    „Ich sollte dich ausreden lassen.“
    „Genau.“
    „Zwecklos.“
    „Ich nehme an, dass du auch dafür einen logischen Grund hast.“
    „Sicher.“
    „Und… könnte ich den hören?“
    „Nein.“
    „Ah.“
    „Du wärst beleidigt.“
    „Gut, dann will ich es vielleicht nicht wissen.“
    „Du hast aber gefragt.“
    „Aber wenn es beleidigend ist, will ich es nicht hören.“, erwiderte ich gleichgültig, versucht mir nicht anmerken zu lassen, dass ich ihre Begründung jetzt schon nicht ernst nahm.
    „Genau deswegen ist es zwecklos dich ausreden zu lassen.“
    „Aber es ist höflich, jemanden ausreden lassen.“
    „Aber es ist zeitsparender die Antwort vorzugreifen, wenn man die Frage bereits kennt.“, widersprach sie und ich war überrascht ein klein wenig wie Nachdruck in ihrer Stimme zu hören, so als wäre es ihr wichtig, dass sie mich von ihrer Meinung überzeugen müsste.
    „Sehe es so…“, sagte ich, „Ähm…“
    „Ja?“
    „Ich denke über eine Erklärung nach, warum es höflicher erscheint mich ausreden zu lassen.“
    „Zwecklos.“
    „Du hast nicht vor deine Meinung zu ändern oder?“
    „Nein.“
    Ich seufzte, wahrscheinlich musste ich wohl wieder wie so oft bereits an jenem Tage einfach das Ganze schlucken, genauso wie wenn man feststellt, dass die teuer erworbene Pralinenschachtel so scheußlich schmeckt, dass man sie lieber sofort in den Mülleimer verbannen will.
    In jenem Moment kam Herr Klampfel aus einer der vielen Türen in jener Eingangshalle und er sah ziemlich gestresst aus. Er trug den feinen Anzug eines Geschäftsmannes, wie man ihn oft in Filmen sah, doch der Anzug war nur ein Extra zu seiner ganzen Erscheinung, welche recht nobel und autoritär wirkte. Er hatte bereits graue Haare, aber jene schienen nur seine scheinbare Weisheit zu betonen, welche in seinen offenen aufrichtig wirkenden Gesichtszügen zu erkennen war. Aber sein Blick wirkte geistesabwesend und mit anderen Aufgaben beschäftigt als auf seine Umgebung zu achten. Gerade als er auf dem Weg war in irgendeine der anderen Türen wieder zu verschwinden, wendete er seinen Kopf sodass er mich und das Mädchen neben mir sah. Ich, der nicht wirklich wusste, ob ich wirklich einen so gestressten Mann aufhalten sollte und mir überhaupt immer noch unsicher war ob dieser Kerl überhaupt jener Klampfel ist, sagte nur: „Hi.“
    Er starrte mich an, dann das Mädchen, dann wieder mich. Dann fing er an zu lachen, was ihn recht lächerlich und seltsam erscheinen ließ, aber als ich mir die ganzen Geschehnisse des Tages mir ins Gedächtnis rief, bemerkte ich, dass mich seine Art eher beunruhigte.
    „Schaut mich nicht so an. Na gut, nicht das deine Freundin jemals anders geschaut hat.“
    Ich musterte die Reaktion des Mädchens neben mir. Er kannte sie, aber auch er benutzte ihren Namen nicht. Wusste überhaupt jemand ihren Namen? Nein, warte, hatte sie überhaupt einen Namen. Als ich sie anschaute, erklang ihre Stimme: „Darf ich eine Frage stellen?“
    Ihr Mund hatte sich aber nicht bewegt! Konnte es sein, dass sie gerade…
    „Ich beherrsche keine Telepathie.“, sagte das Mädchen neben mir und schaute mich direkt an, ihr Mund bewegte sich auch als sie jene Worte sagte und während sie dies sagte, deutete sie auf eine Tür rechts von mir. Eine andere Person schien eingetreten zu sein – die genau so aussah und klang wie das Mädchen neben mir. Selbst ihre Art war erschreckend ähnlich.
    „Sicher. Nur zu.“, erwiderte Klampfel lächelnd.
    „Warum ist sie hier?“, fragte jenes andere Mädchen empört und offensichtlich verärgert. Sie schien auf jeden Fall emotionaler zu sein zu können als ihr Zwilling neben mir, welcher eher gleichgültig wirkte.
    „Sie hat keine Funk…“, fuhr das Mädchen fort als Klampfel harsch dazwischen fuhr: „Gerade deshalb ist es essentiell sie hier zu haben. Mehr als alles Andere ist es ihre Zwecklosigkeit, welche dem ganzen noch seine Würze geben wird.“
    Wovon redete er? Ich hatte natürlich keine Ahnung und ich kam mir vor als hätte ich irgendeine komplexe Science-Fiction-Reihe angefangen zu lesen, ohne einen Schimmer zu haben, wie genau das Setting aussah und um was es eigentlich geht.
    „Entschuldigung, Herr Klampfel. Ich darf doch auch eine Frage stellen oder? Ähm… Um was geht es eigentlich genau? Und dann wollte ich noch fragen, wo die To…“
    Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, hätte ich lieber erst nach der Toilette fragen sollen. Und überhaupt: Warum fragte ich worum es geht? Wahrscheinlich hätte ich da lieber nach einem Weg fragen sollen, wie ich mir den kommenden Ärger hätte ersparen können oder wie ich einfach mit meinen Eltern verschwinden kann oder ich hätte einfach nur nach der Toilette fragen sollen und so mir den ganzen mystischen Ärger erspart. Vielleicht aber hätte ich in jenem Moment auch für die Existenzberechtigung fragen sollen, wegen der ich ja eigentlich an jenem Ort gelandet war, aber welche ich nun völlig vergessen hatte im Angesicht der wieder völlig absurden Ereignisse.
    „Oh gute Frage, Felix! Sehr gute Frage! Fangen wir bei dem Grundlegenden an: Warum dieses Dorf?“, unterbrach mich Klampfel grinsend. Der Zwilling des Mädchens neben mir musterte ihn und seufzte – ein schlechtes Zeichen. Und woher kannte er meinen Namen?
    Klampfel klang als würde es ihn erfreuen darüber zu reden und deshalb bereute ich es sofort ihn danach gefragt zu haben. Es gibt Leute, die gerne reden, es gibt Leute, die viel reden und wenn man Pech hatte, begegnet man einer Person, die gerne und viel redet – eine solche Person war Klampfel. Scheinbar jegliche Beschäftigung vergessend, der er eigentlich nachgehen wollte, schien er sich mental für einen langen Vortrag vorzubereiten.
    „Schauen wir uns die Evolution an: Chaos, Zufall, fragwürdige Auslesen usw. Wenn wir uns heute die Fähigkeiten eines Tyranosaurus Rex anschauen, so können wir nicht verstehen, wie ein solches Ungeheuer aussterben konnte.“
    „Vergessen sie meine Frage. Was ich eigentlich wissen wollte, war…“, versuchte ich ihn zu unterbrechen, aber er redete einfach weiter: „Es war eine Laune der Natur – sei es Meteorit, Eiszeit oder andere höhere Katastrophen, die so plötzlich kamen, dass sie die bisherige Logik der Natur über den Haufen werfen konnten. Was soll man daraus schließen, wenn nicht, dass die Natur wenig organisiert ist, noch weniger vernünftig und keinesfalls logisch. Launen sind es, die das Ende vielversprechender Möglichkeiten waren. Sind wir denn wirklich die Spitze der Evolution oder vielleicht nicht auch nur das Beste dessen, was die Natur durch deren unvorhersehbare Launen übrig gelassen hat. Aber wir Menschen besitzen nun mal ein Verständnis für Organisation, für Vernunft und für Logik – daher muss es unsere Aufgabe sein auch der Natur diese Werte zu vermitteln, wenn eben jene ihr mangeln. Gencoon verbessert die Natur selbst mit ihren Errungenschaften und dieses Dorf ist der erste Schritt. Die Natur wird kein Geheimnis mehr bieten, dass es sich zu entdecken lohnt, nachdem Gencoon seine Errungenschaften angewandt hat. Keine unangenehmen Überraschungen wie Klimawandel und Naturkatastrophen. Selbst die Anzahl der Tropfen, die bei einem Regen fallen wird berechenbar sein! Die Erde – .“
    Und so redete er immer weiter, schwärmte von Gencoon, schwärmte von seinen Visionen einer besseren Welt. Auch wenn ich nicht mehr wirklich zuhörte, was genau seine Visionen beinhaltete, so wunderte es mich, wie wenig wissenschaftlich sein Auftreten war, auch die Argumente, die er vorbrachten, wirkten mehr wie die eines Priesters, welcher die Dogmatik seiner Religion anpreisen wollte. War er überhaupt ein Wissenschaftler?
    „Es ist Zeit, Herr Klampfer.“, unterbrach ihn der Klon des Mädchens, das neben mir saß. Ihre direkte, ausdruckslose und gleichgültig erscheinende Art erinnerten mich stark an das Verhalten des mir bekannteren Mädchens neben mir. Es musste also tatsächlich ein Klon sein!
    „Achja, Sophie, nimm das Mädchen dann mit. Felix, sie folgen mir, wir geben ihnen ihre Existenzberechtigung.“, erklärte Klampfer in einem befehlenden Ton. Der Klon mit dem Namen Sophie öffnete eine der Türen in jenem Saal und das Mädchen neben mir stand auf und folgte ihr durch die Tür. Ich war mit Klampfer allein.
    „Wissen sie, ich wollte die ganze Zeit schon etwas fragen.“
    „Ja, Felix?“
    „Wo ist eigentlich die Toilette?“
    „Ach, deshalb wirkten sie so gestresst!“, erklärte Klampfer lachend, „Das hätten sie doch gleich sagen sollen.“
    Wie denn, wenn du so viel redest, dachte ich, aber verkniff mir die Antwort und folgte ihm.


    Natürlich gab es ordentliche, moderne Toiletten in jenem barocken Gebäude. Scheinbar war die Toilette eine jener Errungenschaften der menschlichen Zivilisation, die der Besitzer bei aller Nostalgie alter Zeiten nicht missen wollte. Ich saß nun endlich auf der Kloschüssel in der abgeschlossenen Toilettenkabine. Ich konnte also nun in Ruhe mein Geschäft verrichten, aber…
    „Wissen sie, Felix, die Natur des Menschen bietet viele Möglichkeiten. Möglichkeiten, die man nutzen muss, die man erschöpfen muss.“, erklärte Klampfer eifrig, der beim Waschbecken scheinbar stand. Was hätte ich nun für eine schalldicht abschließbare Toilette gegeben.
    „Gut, aber diese Möglichkeiten müssen nicht zwangsläufig gut sein.“, erwiderte ich, es aufgebend, dass jenem Klampfer einfallen würde, wie seltsam es ist, philosophische Gespräche in einer Toilette zu führen.
    „Aber wer sagt denn, was gut ist und was böse? Ich? Sie? Gott? Nein, wir müssen unseren Zielen folgen.“
    „Das klingt wie ‚Der Zweck heiligt die Mittel’.“
    „Warum nicht? Dank Gencoon haben wir endlich die Gelegenheit allen Schaden ungeschehen zu machen, den die Menschheit angerichtet hat.“
    „Aber ist nicht jener Schaden auch eine Erinnerung an die Fehler der Menschheit, welcher uns daran erinnert, was gut ist?“
    „Wieder diese Moral! Gut, stellen sie sich vor jemand wirft einen Stein in einen See und jener Stein schlägt Wellen und sinkt auf den Grund. Wer hat nun die Wellen erzeugt? Der Mensch, welcher den Stein warf? Der Stein? Oder gar war es nur das Wasser, das hier selbstständig agierte? Was sagt uns, dass tatsächlich eine kausale Verbindung zwischen diesen Dingen herrscht?“
    „Aber mit der Naturwissenschaft…“
    „Machen wir es doch naturwissenschaftlich. Wenn sie einen Stein halten und jenen loslassen. Was passiert dann?“
    „Er fällt herunter.“, antwortete ich interessiert, denn es war klar, dass scheinbar hier ein Funke Wahrheit zu finden war zu dem Ganzen, was ich bisher nicht verstanden hatte.
    „Sie können sich also die Situation vorstellen, Felix?“
    „Ja, natürlich.“
    „Und warum fiel der Stein herunter?“
    „Weil ich ihn losgelassen habe natürlich.“
    „Und wenn die Hand nicht da wäre, so würde der Stein nicht runterfallen?“
    „Nein, er würde trotzdem runterfallen…“
    „Wegen…?“
    „… der Gravitation.“
    „Sehen sie? Wir haben nie von der Gravitation geredet und auch haben sie erst die offensichtliche Hand als Ursache angesehen, aber die eigentliche Ursache war ein unsichtbares Ding, dass in der Beschreibung der Situation keine Erwähnung fand, überhaupt besteht gar keine kausale Verbindung zwischen dem Herunterfallen und der Hand. Die Gravitation lässt den Stein fallen, nicht die Bewegung der Hand.“
    „Ich verstehe, sie wollen damit sagen, dass dem offensichtlichen Vorgang oft eine unsichtbare Ursache zu Grunde liegt, welche in dessen Beschreibung keine Erwähnung findet.“
    „Sie verstehen mich voll und ganz, Felix.“
    Ich trat aus der Toilettenkabine und wusch mir die Hände, während ich erwiderte: „Na gut, aber was hat das mit der gegenwärtigen Situation zu tun?“
    „Oh, eine ganze Menge.
    „Nehmen sie an…“, begann Klampfer.


    „Langweilig…!“, beklagte sich Max.
    „Musste das wirklich sein, Max? Gerade kam wieder der spannende Part!“, regte sich Hakim auf, der wirkte als würde man mitten in einem spannenden Film auf Stop drücken, was an sich mehr oder weniger gerade passiert war.
    „Ich nehme an, du hast einen guten Grund, Max.“, erklärte Julian.
    „Sicher. Es ist verdamm langweilig diesem philosophischen Gelaber zu folgen. Muss das so ausführlich sein, Felix?“
    „An sich schon, weil…“
    „Sag nichts, Felix! Die Story ist verdammt gut, ich hasse es, wenn Leute das Ende spoilern.“
    „Ähm, was? Ist das nicht was bei einem Fahrzeug?“, fragte Theodor verwirrt, aber seine Frage wurde ignoriert.
    „Ist mir doch egal, Hakim. Dies ist kein Hollywood-Movie, falls es dir aufgefallen sein sollte. Der Kerl hier behauptet, das erlebt zu haben.“, antwortete Max genervt
    „In dem einen oder anderen Film behaupten die Akteure das auch.“, bemerkte Rolf leicht lachend.
    „Vor allem: Warum findet dieses so wichtige Gespräch auf der Toilette statt?“, setzte Max verwundert hinzu, obwohl mehr noch jene Note von Sarkasmus dazu kam, welche vermuten ließ, dass er bezweifelte, das eben jene Geschichte wahr sei.
    „Wie du gesagt hast, Max: Dies ist kein Hollywood-Film.“, erklärte Julian.
    „Es ist ja nicht so, als wollte er zu jenem Zeitpunkt auf Toilette gehen.“, setzte Theodor hinzu, dessen Grinsen in der Stimme zu hören war.
    Felix räusperte sich und sagte: „Theodor hat Recht. Ich musste nun mal auf Toilette. Ich kann mir es nun mal nicht aussuchen, wann ich gehen muss und wann nicht.“
    „Aber die Spannung, Felix. Wenn du schon uns deine Geschichte antust, dann erzähle wenigstens die spannenden Parts!“
    „Aber ich dachte, wir hatten uns geeinigt so genau wie möglich zu bleiben.“, erwiderte Felix aufgebracht.
    „Ja, aber wer hätte ahnen können, dass du ein so verdammt gutes Gedächtnis hast.“, bemerkte Max sarkastisch.
    „Du musst auch die Spannung bedenken, Felix. Es hat schon seinen Grund, dass die Helden der Geschichte bei den Schlüsselgesprächen nie auf Toilette müssen oder derartiges.“, fuhr Max weiter fort.
    „Max, ich sagte doch bereits, dies ist kein Hollywood-Film…“, begann Julian seufzend.
    „Gut, wenn ihr es so haben wollt.“, erwiderte Felix wütend auf Max Rede.
    „Ähm warte, Felix, nur Max hat sich aufgeregt…“, bemerkte Julian, aber er wurde wieder ignoriert als Hakim sagte: „Na gut, warum nicht? Wenn die Story dadurch spannender wird, wegen mir. Aber lass nichts Wichtiges aus, ok, Felix?“
    „Story? Er meint Geschichte, nicht wahr? Warum sagt er ‚Story’? Bedeutet das was anderes?“, fuhr Theodor fragend dazwischen.
    „Es bedeutet Geschichte, Theodor.“, erklärte Felix, „Also wo machen wir da weiter…“
    „Warte, nur Max hat sich beschwert…“, begann wieder Julian, aber Felix fuhr ungestört fort…


    Es war spät in der Nacht und ich lag hellwach in jenem Gästezimmer, welches das neue Haus meiner Eltern auch besaß. Es war verstörend, dass meine alten Sachen beim Umzug auch in jenem Gastzimmer gelandet wären so als wäre jenes Zimmer nie für etwas anderes gedacht gewesen als mich zu beherbergen – es wirkte wie ein Gefängnis wenn man darüber nachdachte. Aber ich dachte natürlich nicht wirklich darüber nach. Normalerweise würde man es wohl eh sofort als Quatsch, Aberglauben oder unbegründeten Zweifel abtun. Das ich aber nicht darüber nachdachte, lag daran, das ich wesentlich größere, seltsamere Dinge erlebt hatte. Was sollte ich nun damit anfangen? Meine Eltern konnten im Winter die exotischsten Früchte anbauen, ein seltsamer Konzern praktiziert abgeschieden vom Rest der Welt Genexperimente, deren Fortschrittlichkeit Stoff für einen Science Fiction Roman wäre und ich war diesem Mädchen begegnet, diesem seltsamen Mädchen, dass irgendwie alles zu verstehen schien, was sie wohl schon alleine seltsam machte, aber natürlich kamen noch dutzend andere Dinge hinzu, die mich erschaudern ließen als ich sie mir ins Gedächtnis rief und ich wunderte mich immer wieder, wie schnell ich mich daran gewöhnt hatte, neben ihr zu sitzen, mit ihr zu reden, wo sie doch so… Unmenschlich? War das überhaupt das richtige Wort dafür? Der ganze Tag bisher erschien mir unmenschlich, alles schien so absurd, so fremd…
    Aber nun hatte ich meine Existenzberechtigung, hatte meine Eltern getroffen, denen es gut ging und nun blieb mir nur übrig ihnen beizubringen, dass ich mein Philosophiestudium abgebrochen hatte und nun nach Arbeit suchen würde, welche ich hoffentlich finden würde. Und dann wäre ich weg von diesem absurden Ort. Ich hoffe sie werden mich auch gehen lassen. In Fällen wie diesen denkt man unvermeidlich an Zombiehorden und sonst wie irgendwelche Arten von tödlichen Grauen – es war einfach die Furcht, die einem alle Möglichkeiten vorspielte, wie man sterben könnte. In meinem Falle bedeutete dies nur, dass man auch den unsinnigen Kram in Erwägung zog, den Kram, der eigentlich nur als Popcornkino dienen sollte.
    Während ich so über das Geschehene und meine nächsten Schritte nachdachte, öffnete sich die Tür meines Zimmers, langsam, vorsichtig, so als würde der Eindringling mit jedem Schritt zweifeln, ob er überhaupt den nächsten machen wollte. Irgendwann fiel das Licht vom Gang vollends ins Zimmer. Mein Rücken war der Tür zugewendet. Ich tat so als würde ich schlafen aber mein Herz schlug heftig und wurde mit jedem Schritt, den jener Eindringling machte schneller. Ich schluckte nervös. Sollte ich mich umdrehen? Wahrscheinlich dachte er, dass ich noch schlafe? Vielleicht war es nur meine Mutter, aber warum war sie so vorsichtig und warum genügte ihr nicht der Anblick meiner scheinbar schlafenden Gestalt? Was ist, wenn dieser Klampf einen Auftragskiller geschickt hat, der mich nun töten sollte? Nein, warte, würde er dann nicht einfach schießen und wieder verschwinden? Also doch meine Mutter. Aber was wäre, wenn ich einem Ungeheuer gegenüberstehe?
    Langsam drehte ich mich um. Mein Herz setze bald aus als ich sah, wer in meinem Zimmer war. Es war meine Mutter. Mit einem tränenüberströmten Gesicht, scheinbar ständig dagegen ankämpfend laut zu schluchzen. Aber was meinen Blick wirklich ergriff und mich schockierte war das lange Küchenmesser in ihrer rechten Hand.
    Ehrlich gesagt war ich überrascht, wie schnell ich darüber nachdachte, wie ich sie hätte außer Gefecht setzen könnte, notfalls auch töten. Ich dachte nach: Wenn all meine Sachen in diesem Zimmer wären, dann müsste noch meine Fechtausrüstung aus meinen Gymnasiumstagen hier sein als ich noch im Fechtverein war. Als ich schnell den Blick durch den Raum schweifen ließ, sah ich die hölzerne Box, wo sich mein Degen befinden würde. Er war nicht scharf, aber würde mir ermöglichen sie zu entwaffnen und dann sollte ich meine Mutter überwältigen können.
    Drei Schritte, berechnete ich in Gedanken. Ich musste Zeit gewinnen.
    „M-Mutter… Was machst du?“, fragte ich, versucht nicht meine Absichten durchklingen zu lassen, während ich langsam aufstand und mich sehr langsam mit kleinen Schritten zu der hölzernen Box vorarbeitete. Ich hielt inne als sie ihr Messer hob und mir drohend hinhielt. Schluchzend und schwer verständlich antwortete sie mir: „De… Priester… Er wollte misch… Ich hab’ keine Wahl…“
    Priester? Welcher Priester? Aber ich hatte Wichtigeres zu tun: Während ich im Geist durchging, wie ich die Box schnell öffnen würde, antwortete ich: „Aber warum? Ich bin dein Sohn!“
    Es war natürlich nicht die perfekte Antwort, aber ich war nur noch einen Schritt von der Box entfernt. Meine Mutter schien zu zögern mich zu töten, was mich beruhigte, denn somit war es nicht ihre Absicht wenigstens mich zu töten. Jemand musste sie dazu gezwungen haben – wie und warum würde ich klären müssen, nachdem ich sie überwältigt hatte.
    Meine Mutter schluchzte wieder und sagte irgendwas Unverständliches, während sie das Messer an ihre Seite senkte, beginnend mir etwas zu sagen als ich mit einem Satz zu der Box sprang, jene öffnete und mit dem Degen in der Hand sie angriff. Sie war überrascht, stolperte nach hinten und ließ von selbst das Messer vor Schock fallen, während sie auch danach noch auf allen Vieren zur nächstliegenden Wand von mir weg kroch. Ich war ihr dankbar, sie hatte mir erspart, dass ich es über mich bringen musste, sie zu schlagen. Trotz allem war sie ja immer noch meine Mutter.
    Ich hob das Messer auf und fragte ruhig: „Wer hat dich gezwungen das zu tun, Mutter? Keine Sorge, ich glaube dir, dass du es nicht selbst warst, die mich umbringen wollte.“
    Sie schluchzte wieder und sagte nach einer Weile: „Da war dieser Priester…“
    „Ein Priester?“
    „Ja, er geht immer durch die Stadt und man sieht ihn auch oft in das Hauptgebäude gehen. Er hat keine Existenzberechtigung, wie die Gerüchte behaupten und er arbeitet für niemanden.“
    „Weswegen ist er dann hier?“
    „Das weiß man nicht. Er war auch nie in der Kirche dieser Stadt.“
    „Woher wisst ihr dann, dass er ein Priester ist?“
    „Er hat sich als solcher vorgestellt…“
    „Hmm, wie sieht er aus?“
    „Ich… Das mag jetzt seltsam klingen, aber das weiß ich nicht.“
    „Aber er hat doch mit dir gesprochen oder?!“
    „Ja und er sagte, dass ich versuchen sollte dich zu töten. Nur versuchen, er betonte, dass du nicht sterben dürftest!“
    „Aber das ist doch unsinnig! Warum würdest du einer solchen Bitte folgen? Und warum weißt du nicht wie er aussieht?“
    „Sein Gesicht, ich habe es einfach nicht gesehen, ich weiß, dass ich ihn angesehen habe, aber ich kann mich nicht erinnern, sein Gesicht gesehen zu haben.“
    „Also hatte er kein Gesicht?“
    „Er hatte eins, da bin ich mir sicher. Ich hab es einfach nur nicht…“
    Meine Mutter schluchzte wieder: „Oh, Felix, es ist so schrecklich, das ist alles so komisch, so seltsam. Ich kann es nicht erklären, ich weiß nichts, ich verstehe diesen Kram nicht.“
    Ich musterte sie. Sie sah wirklich mitgenommen aus. Hatte ich etwas übersehen? Seit wann sah sie so gestresst und „zerstört“ aus? War ich so sehr mit mir selbst beschäftigt gewesen, dass ich nicht einmal das Leiden meiner Mutter bemerkt habe?
    „Na gut, aber warum wollte er, dass du versuchst mich zu töten?“
    „Er sagte, dass du dann aufwachen würdest. Das du es verstehen würdest, um was es wirklich geht.“
    Kryptische Worte, die natürlich keinen Sinn ergaben. Das kenne ich, dachte ich amüsiert.
    Das Mädchen!
    Warte, was hatte sie gesagt? Achja, „heute Nacht, Zimmer 211“. Wie spät war es? Ich schaute auf den Wecker: 2:34 Uhr. Mitten in der Nacht.
    Aber was war in diesem Zimmer und warum sollte ich dahin? Ich hatte keine Wahl, ich wusste, dass ich noch etwas vergessen hatte, aber ich war mir sicher, dass ich mich erinnern würde, sobald in bei diesem Zimmer wäre.
    „Sorry, aber ich muss noch was erledigen.“
    Ich zog mich hastig an und stürmte aus dem Zimmer. Warte.
    „Ich nehme den Degen und das Messer mit, ok?“
    „Ja.“, antwortete meine Mutter knapp in einem weinerlichen Ton.
    „Komm heil wieder, Felix. Bitte.“
    „Ja, mach ich.“, antwortete ich mit einem hoffnungsvollen Lächeln, während in meinem Kopf mir die Furcht immer noch die Bilder aller möglichen unglaublichen Ungeheuer präsentierte, wie jene mich innerhalb von Sekunden töteten.
    Als ich im Auto saß und los fuhr, um zum Hauptgebäude zu gelangen, bemerkte ich etwas Komisches: Ich fand mich zwar in einem überraschten Zustand chaotischer Gefühle voll Furcht, Hoffnung und anderen Dingen, aber ich war keinesfalls schockiert. Nach all den Absurditäten an diesen Tag, nach all diesen schockierenden Unglaublichkeiten, war ich auf eine Weise abgestumpft, wie sie mich scheinbar nicht einmal schockiert fühlen lassen konnte als meine Mutter versuchte mich umzubringen. Es wirkte alles so surreal, so fremd, so anders, so als würde man ein banales Spiel spielen und es würde keinerlei Einsatz geben, den man verlieren könnte. Die Wirklichkeit schien entfernt und alles was in diesem Moment die Realität darstellte, waren die Regeln jenes Spiels in dem ich mich befand.
    Aber nun galt es erstmal das vor mir liegende zu lösen, bevor ich über das Geschehene philosophieren könnte. Die Stadt, durch die ich fuhr, war leer, nahezu als Geisterstadt zu bezeichnen, wären da nicht die Straßenlichter gewesen… und auf einmal sah ich am Straßenrand, jenen Priester. Seine Gestalt wirkte kräftig wie die eines Sportlers, obwohl dies schwer zu prüfen war bei seinen langen klerikalen schwarzen Roben. Er stand genau unter einer Laterne. Man würde annehmen, dass man sein Gesicht in diesem Falle klar erkennen würde, aber dies war nicht der Fall: Es war als würde jeder verfügbare Funke Dunkelheit sich um sein Gesicht sammeln und einen undurchdringlichen Schattenschleier schaffen, der nur die schwachen Umrisse eines Kopfes preisgab. Im nächsten Moment war ich auch schon an ihm vorbei gefahren. Wer war dieser Kerl? Wie hatte er es geschafft, meine Mutter von diesem Vorhaben zu überzeugen? Ich wusste nicht weiter, aber ich wusste, dass ich in Zimmer 211 Antworten finden würde.
    Irgendwie gelang ich zum Hauptgebäude und mein Gefühl sagte mir, dass ich scheinbar gar nicht hätte das Hauptgebäude verfehlen können, egal wo ich lang gefahren wäre, aber dies konnte auch nur Einbildung sein.
    Auch als ich beim Hauptgebäude ankam, war niemand zu sehen. Alles lag ruhig, die Nacht schien friedlich, auch wenn immer noch jener penible Rhythmus bei den Geräuschen der Natur mitschwang, der jener Szenerie trotz all ihrer Friedlichkeit die Erscheinung jener Absurdität gab, die ich schon den ganzen Tag an diesem Ort erfuhr. Umso klarer wurde mir, dass egal wie die Antwort auf all die Fragen dieses Ortes ausfallen würde – sie würde nicht normal sein, vielleicht wird sie nicht einmal logisch sein, vielleicht würde es nicht einmal eine Antwort geben und alles was hier passierte, war einfach nur absurd und nichts weiter, vielleicht war die Annahme einer Antwort nur meine Sehnsucht nach Normalität, nach einer Logik hinter allem, sicher, Filme hatten sie immer: die Antwort. Die Lösung auf alles, aber was wenn es keine gäbe? Der Zuschauer würde sich beschweren, würde den Film als schlecht einstufen, als „nicht durchdacht“ bezeichnen, aber was sollte ich nun tun? Was brachte es mir, zu behaupten, dass es schlecht wäre, wenn es keine Antwort gibt? Würde dies irgendetwas ändern? Würde dies die Situation ändern? Die Absurdität? Den Versuch meiner Mutter mich zu töten? Letzten Endes konnte ich nur handeln, nur hoffen. Die Antwort war eigentlich für mich völlig unbedeutend in diesem Moment, bemerkte ich. Was ich wollte, war nur die Normalität, die Friedlichkeit, das, was ich mein Leben nannte, das was ich manchmal verfluchte, manchmal liebte, manchmal nicht verstand, aber was immer etwas Erklärbares war. Aber das, was ich heute gesehen hatte, was ich heute erlebt hatte, das war nicht mein Leben und dies wusste ich, fühlte ich jede Sekunde, die mir eine neue Absurdität entgegen warf, wie um meinen Sinn für Normalität, mein Vertrauen in die Kenntnis dieser Welt zu spotten.
    Ich seufzte als ich durch das offene Tor fuhr. Immer mehr hatte ich den Verdacht, dass ich erwartet wurde, aber da war niemand, der auf mich wartete, da war kein Hinterhalt. Zum Glück, dachte ich beruhigt, aber noch war ich nicht in diesem verdammten Zimmer. 211. Hoffentlich finde ich es sofort.
    Ich stieg aus dem Wagen aus, welches ich genau an derselben Stelle abgestellt hatte, wo mich der weiße Van vorher abgesetzt hatte. Ich nahm den Degen und das Messer mit, wobei ich letzteres in meine Jackentasche tat. Es war eigentlich idiotisch diese Dinge mitzunehmen. Es brauchte nur einen selbstsicheren Wächter mit einer Pistole und schon wäre ich aus dem Spiel. Aber es war eben nicht mehr, ich hatte nicht mehr als dies. Es musste reichen. Und wieder spürte ich, dass die Sicherheit meines Gefühls, dass nichts Schwerwiegendes mich in naher Zukunft bedrohen würde, von einer Art instinktiven Verstehens der Situation stammte. Es war als hätte ich die Situation verstanden, aber konnte dieses Gefühl nicht in Worte formen, welche mir das Ganze logisch hätten formulieren lassen können.
    Ich öffnete die Eingangstür und fand mich wieder in der Eingangshalle, welche wie immer jenen prächtigen barocken Stil besaß, denn ich schon heute Mittag bewundert hatte. Das Erste, was mich verwunderte war, dass die Lichter brannten. Wieder schien es als würde ich erwartet werden, aber keiner wartete auf mich. Es schien als seien alle Menschen verschwunden von diesem Ort. Daher konnte ich ungestört nach dem Zimmer suchen, aber es konnte auch bedeuten, dass hier vielleicht etwas vorging, was ich nicht bemerkte und dessen ich nichts wusste. Es war beunruhigend, vielleicht sogar mehr als wenn ich auf hunderte von Wachen gestoßen wäre. Zu ahnen, dass da etwas sein könnte, was man nicht kennt, ist etwas sehr Beunruhigendes.
    Nun ging es aber erstmal darum, jenes Zimmer zu finden. Ich wählte zuerst die rechte Tür, in welche heute Mittag Klampf gehen wollte. Ich hoffe mal, dass dahinter irgendwas Wichtiges ist und das dieses Wichtige eben jenes Zimmer 211 ist, dachte ich. Ich öffnete vorsichtig die Tür und schaute dahinter. Es war niemand da, das Licht brannte aber auch hier und der Raum war so prächtig wie der Eingang, aber mich beunruhigte natürlich in dieser Situation nur dessen Verlassenheit und Mangel eines Zeichens irgendeiner Person. In dem Raum führte eine Wendeltreppe in ein höheres Stockwerk. Soweit ich weiß, gab es in barocken Gebäuden eigentlich keine Wendeltreppen, aber vielleicht war dies nur eine weitere Absurdität, dachte ich verwundert. Ich ging jene marmorne Wendeltreppe vorsichtig hoch, immer erwartend, dass ich Fußschritte anderer Personen hörte oder irgendein anderes Zeichen, dass mir andeutete, irgendeine Person am Ende der Treppe anzutreffen. Aber da war nichts, kein Zeichen, also war es auch nicht überraschend, dass ich niemand sah als ich auf einem langen Gang rauskam als ich am Ende der Treppe ankam.
    Der Gang war ebenso barock eingerichtet wie der Rest des Gebäudes mit dem Unterschied, dass die Türen wie jene irgendeines bekannten Bürogebäudes waren und das neben diesen Türen in Augenhöhre schwarze Schildchen mit weißer Schrift waren auf denen Nummern standen.
    Ich schaute auf die erste Tür: 657.
    Die Tür gegenüber: 656.
    Ich seufzte. Offensichtlich war ich im falschen Komplex. Ich schritt den Gang entlang und nur Türen mit Nummern, welche mit einer Sechs begannen, waren zu sehen. Ich wollte gerade zurück als ich Schritte hörte. Sie kamen von der Treppe und die Schritte waren schwer, wahrscheinlich die eines kräftigen Mannes. Wachen? Es war wenigstens nur eine Person. Als ich den Gang entlang rannte, weg von der Treppe, von welcher ich gekommen war, hörte ich auch auf der anderen Seite Schritte. Hatten sie mich gefunden? Aber wie? Ich hatte keinerlei Kameras gesehen.
    Ich dachte nach. Die Frage, wie sie mich gefunden hatte, musste später eine Antwort finden. Jetzt erstmal musste ich verschwinden. Aber wie? Natürlich waren da die Zimmer, aber ich hatte Zweifel, besser gesagt: Ich fürchtete mich, dahinter etwas anzutreffen, was mich töten könnte. Es schienen wie normale Türen und keinerlei Geräusche waren von den Räumen dahinter zu hören. Ich stand vor einer Tür: 644.
    Meine rechte Hand bewegte sich zögerlich zum Knauf. Die Hand zitterte ein wenig. Gerade als meine Hand auf dem Türknauf lag, hörte ich den lauten Ruf einer kräftigen, tiefen Männerstimme: „Halt!“
    Ich schaute zur Treppe. Ein Mann mit einem kräftigen Kreuz kam von der Treppe emporgestiegen. Er trug einen förmlichen Anzug und hatte in der linken Hand ein Walkie-Talkie, welches er in einer fließenden Bewegung an seinem Gürtel wieder befestigte. Ich wusste, dass ich es mit ihm nicht aufnehmen würde können. Er war kräftiger, erfahrener und er schien auch noch recht geschickt und schnell. Aber es würde eh aus sein. Er würde nur seine Waffe ziehen müssen, was er auch tat, aber…
    Ich erwartete natürlich eine Pistole oder sonst irgendeine Feuerwaffe, aber er zog einen Degen! Welche Ironie des Schicksals hatte dafür gesorgt, dass er mit einem Degen ausgerüstet war?! Er kam den Gang entlang gerannt. Trotz das er nun auf einem Gebiet kämpfe, wo ich ihm vielleicht Parole hätte bieten können, hatte ich nicht wirklich Vertrauen in meine Fähigkeiten, denn schließlich war es Ewigkeiten her, seit ich Fechten ernsthaft trainiert hatte. Ich drehte also den Knauf und sprang in die Tür und schloss jene hinter mir. Ohne den Raum zu mustern, stämmte ich mich sofort gegen die Tür, in dem Versuch ein Eindringen zu stoppen. Aber da kam nichts. Keiner versuchte die Tür zu öffnen. Ich schluckte, ahnte, was kommen würde. Langsam drehte ich mich herum und sah mir den Raum an und übergab mich bald als die paradoxe Raumgröße auf mich einwirkte.
    Von der Größe eines Fußballstadiums erstreckten sich vor mir endlose Reihen von manngroßen Zylindern, welche mit einer schleimigen, gräulich grünen Flüssigkeit gefüllt waren. In den Zylindern war alles Mögliche: Pflanzensamen, Tiere aller Formen und Größe, in größeren Zylindern dann auch Tiere wie Elefanten, auch Bäume und riesige Felsen waren zu finden. Lebendiges und auch nicht Lebendiges waren in den Zylindern. Aber es war zum Glück kein Mensch darunter. Ich wollte mir nicht vorstellen, was ich dann empfunden hätte. Auch waren manchmal einzelne Organe in den Zylindern, manche bekannt, wie Nieder, Leer oder Lungen, andere waren mir nicht bekannt und wirkten so offensichtlich fremdartig, dass ich bezweifelte, dass jene jemals Teil eines Menschen gewesen waren oder sonst irgendeines Tieres.
    Es war als würde man eine Sammlung aller Dinge ansehen, auch jener, welche scheinbar noch keinen Zweck hatten, aber womöglich noch einen haben würde, aber dies war nur meine Vermutung. Unter den Zylindern waren Messingschilder auf welchen Zahlen standen und dies ziemlich viele. Auf manchen standen um die zehn Zeilen voll zufällig erscheinender Anreihungen von Zahlen. Der Beschriftung schien keinerlei Ordnung innezuwohnen und mir erschien daher die Verteilung recht zufällig, auch wenn ich mir vorstellen konnte, dass irgendjemand mit dem nötigen Wissen hinter diesen verwirrende Zahlenunmengen eine Ordnung hätte sehen können.
    Aber es blieb natürlich die Frage, wofür diese Zylinder dienten. Zufällig blickte ich nach oben und bemerkte schockiert, dass sich ein dunkles purpurnes Grollen die Decke (war ich überhaupt noch in einem Raum?) überzog. Unnatürlich bewegten sich die purpurnen Wolken oder was auch immer sie waren wie windende Würmer, in zähen Bewegungen gegeneinander kämpfend, während das sporadische Leuchten zusammen mit einem tiefen Grollen wie die Geräusche jenes Kampfes wirkten.
    Bei dieser ganzen atemberaubend schockierenden Szenerie hätte ich fast vergessen, dass ich ein Zimmer suchte und das Wachen mich bemerkt hatten. Aber sie kamen nicht durch die Tür, durch welche in dieses… Reich eingedrungen war. Und natürlich wäre es unsinnig gewesen, durch diese Tür wieder zu gehen. Sicherlich warteten sie auf der anderen Seite, denkend, dass ich es hier drinnen nicht aushalten würde und wieder rauskommen würde aus Angst oder derartigen.
    Ich ging an dutzenden von Zylindern mit den schauerlichsten Inhalten vorbei und versuchte so gut wie möglich jene zu ignorieren, als ich plötzlich vor einer Reihe von Türen stand. Es waren etwa an die dreißig und neben jenen waren auch Schilder, welche leer waren bis auf…
    „Drittes Fenster rechts im Erdgeschoss.“, las ich verwundert.
    Eine ziemlich seltsame Beschriftung für eine Tür… Auf einmal fiel mir ein, dass das Mädchen mir gesagt hatte, das dritte Fenster rechts im Erdgeschoss zu nehmen. Seltsam, dass damit am Ende eine Tür gemeint sein würde, vor der ich zufällig gelandet war. Der Gedanke ließ mich innehalten. Ich erinnerte mich wie ich vor einigen Minuten noch diese Situation mit einem Spiel verglichen hatte und wieder kam mir der Gedanke als ich an den seltsamen „Zufall“ dachte, welcher mich letztendlich hierher geführt hatte – oder war es Schicksal? Ich wusste es nicht und wieder blieb mir nur die Wahl des scheinbar vorbestimmten Weges. Ich öffnete die Tür und die kalte Nachtluft blies mir entgegen. Ich trat nach draußen und schaute zurück, aber alles, was ich sah war eine Wand.
    Seufzend wandte ich mich um, kaum glaubend, was gerade passiert war als ich gleich wieder schockiert feststellen musste, dass mein Auto einige Schritt entfernt dastand. Als ich mich fragte, wer das Auto dorthin gebracht hatte, sah ich das Mädchen auf dem Beifahrersitz gelangweilt sitzen, während sie mich anstarrte. Warte, war ich nicht überhaupt erst aufgebrochen, weil ich sie retten wollte? Wie kommt es dann, dass sie mit der Fluchtmöglichkeit bereit stand um mir aus der Patsche zu helfen? Aus der Ferne hörte ich aufgebrachte Rufe der Wachleute, die warum auch immer mich nun als Feind zu betrachten schienen, auch wenn sie überhaupt gar keine Ahnung haben sollten, ob ich überhaupt ihrer Mühe wert war.
    Ich setzte mich schnell auf den Fahrersitz und startete den Wagen
    „Ich sollte jetzt nicht fragen, warum du hier draußen bist oder?“, fragte ich.
    „Nein.“, kam die tonlose Antwort.
    „Ich soll wahrscheinlich auch nicht fragen, wie du meinen Wagen vom Eingang zu… wo auch immer dieser Teil ist, gebracht hast?
    „Nei… Vielleicht.“
    „Dann…“
    „Nein, frag lieber nicht.“
    „Aber…“
    „Du fragst dies erst in Akt V.“
    Na gut, ich antwortete darauf nicht, denn erstens musste ich mich auf die Fahrt konzentrieren, welche mich durch irgendeinen Wald führte und zum zweiten war dies ein neues Level an Seltsamkeit, was Antworten von ihr betraf. Als ich in den Rückspiegel sah und erleichtert keine Verfolger bemerkte, hielt ich den Wagen an und musterte sie: „Was geht hier vor?“
    Sie wandte ihren Kopf langsam mir zu: „Akt III also?“
    Ich seufzte: „Ja, ganz genau – auch wenn ich keine Ahnung habe, was du damit meinst.“
    „Es ist ein Spiel.“, erklärte sie.
    „Ein Spiel?“
    „Jemand bringt hunderte von Variablen zusammen, um ein Experiment zu testen und dieses Experiment ist eine Art Spiel mit Regeln, Spielfiguren und – einem festgelegten Ablauf.“
    „Aber dann ist dieses ganze Gencoon…“
    „Nur ein Spielstein auf einem Spielbrett.“
    Ich hatte schon vorher die Absurdität dieser Situation mit einem Spiel verglichen, aber nie hätte ich erwartet, dass dieses ganze Erlebnis tatsächlich eine Art Spiel wäre. Aber warte, warum glaub ich ihr?
    „Du hast es bereits vorher gewusst oder jedenfalls geahnt.“, stellte sie fest.
    „Woher…?“
    „Deine Rolle ist bereits festgeschrieben, in Vorbereitung auf dieses Spiel, wurde versucht die Variablen so weit wie möglich zu begrenzen und auf das Notwendige für das Experiment zu beschränken – diese ist die Aufgabe von Gencoon.“
    „Dann sind diese genetischen Errungenschaften…“
    „… nicht mehr als die Eliminierung der Variable Natur.“, beendete sie den Satz.
    Ich schluckte. Es klang irrsinnig, die ganze Existenz selbst war ja dann nur noch eine Masse von Dingen, die geformt werden konnten, wie es beliebte, ohne Wert, ohne Bedeutung außer natürlich jener, die man ihr selbst gab.
    „Aber es ist etwas falsch gelaufen…“, begann sie.
    „Und es hat etwas mit mir zu tun, nicht wahr?“, sagte ich seufzend.
    Sie nickte in einer recht abrupten Bewegung und sagte: „Du bist zu früh gekommen, du hättest dein Philosophiestudium erst übernächstes Jahr abbrechen sollen.“
    „Dann ist es nicht meine Schuld, dass ich mein Philosophiestudium abgebrochen habe?“, fragte ich verwirrt.
    „Solange du glaubst, dass es irgendwann einmal eine Wahl gegeben hat – ja.“
    Ich wusste, dass der Gedankengang niederschmetternd war und ich wollte nicht unbedingt wissen, inwieweit ich nie eine Wahl im Leben gehabt hatte, trotz des Gefühls, dass ich jene gehabt hätte.
    „Also…“, begann ich nach einer Weile, „was hat mein zu frühes Erscheinen ausgelöst?“
    „Zum Einen ist das Spiel noch nicht komplett. Akt II, wo du mit dem Mysterium konfrontiert wirst, war zu kurz.“
    Ich dachte an die Zylinder und sagte: „Nach meinem Geschmack war es schon lang genug.“
    „Dann hat das Spiel noch ein paar Fehler, wie z.B. die dreiunddreißig Türen vorhin, die dich rausführen sollten. Eigentlich sollte es ein Rätsel werden, wo du herausfinden sollst, welche Tür nach draußen führt. Die Antwort ist aber…“
    „Das dritte Fenster rechts im Erdgeschoss. Also was wäre denn die Frage gewesen?“
    „Das ist der Teil, welcher noch erarbeitet werden müsste.“
    Toller Spielleiter, der sich zuerst eine solch seltsame Antwort ausdenkt und dann erst nach der Frage dazu sucht. Nach welcher Logik hatte er überhaupt dieses Spiel konzipiert, er macht es nicht wirklich sinnvoller, indem er es so unsinnig grotesk gestaltet – oder war dies sein Ziel? Er wirkt aber tatsächlich wie die Art von Person, die man wohl als Normalsterblicher nie verstehen wird.
    „Und was bedeutet das am Ende wirklich? Ich meine, es bringt mir nicht viel, wenn sein Spiel ein paar Bugs enthält.“
    „Du kannst das Spiel noch gewinnen.“
    „Ich… kann gewinnen?“
    „Du wirst zwar so oder so nach drei Tagen sterben, aber wenigstens kannst du gewinnen.“
    Ich hielt inne als ich begriff, dass sie es wirklich ernst meinte mit dieser Vorhersage und im Angesicht des Geschehenen, wusste ich nun, dass sie sehr wahrscheinlich die Wahrheit sprach. Aber vielleicht konnte ich etwas daran ändern, wenn ich gewinnen wurde? Es war natürlich eine lächerlich idealistische Hoffnung, aber ich wollte nicht die drei Tage einfach nur rumsitzen. Aber dann wiederum waren dies vielleicht nur die Gedanken, welche ich in diesem Moment haben sollte… Ich konzentrierte mich auf das derzeitige Geschehen und sagte: „Aber wieso sollte ich die Chance haben zu gewinnen? Wollte er nicht Variablen eliminieren?“
    „Nicht alle und du bist eine davon, die übrig bleiben soll. Aber da du früher gekommen bist als erwartet, kannst du auch noch Variablen nutzen, die er im eigentlichen Spiel nicht in jener Weise eingeplant hat, wie er es eigentlich beabsichtigt hatte.“
    „Gut, nehmen wir an, ich vertrau dir. Was hast du davon? Ich nehme an, dass du keine Variable bist oder?“
    „Nein, meine Rolle war von Anfang an, dir das Ganze zu enthüllen, ich habe nur die ungenaue Definition meiner Rolle und die derzeitige Situation genutzt, um das Ganze interessanter zu gestalten.“
    Sie klang beinahe wie einer der Bösewichte als sie dies tonlos vortrug als wäre es eine Art Plan zur Weltvernichtung. Aber was hatte ich besseres zu tun? Ich musste dieses Spiel gewinnen, denn jemand, der überhaupt erst sich so ein Spiel ausdenkt, sollte nicht auf der Gewinnerseite stehen, dies war sicher. Aber dann wiederum wurde mir auch klar, dass vielleicht auch dieser Funkt Hoffnung von diesem angeblichen Fehler des Spiels auch nur Teil des Spiels sein könnte, aber solange ich hoffen konnte, dass dies nicht so ist, würde ich dies auch tun.
    „Sag mal, wie genau wollen wir gewinnen?“
    „Wir holen uns Verbündete.“, stellte sie fest.
    „Oh, ich nehme an ein Ritterorden oder irgendwelche Ökoaktivisten…“
    Sie schwieg eine Weile und sagte ominös: „Warte einfach ab, bis du sie siehst.“


    „Wie lange dauert das noch?“, fragte Max gelangweilt.
    „Ich…“, begann Julian, als Max immer noch gelangweilt, fortfuhr: „Ich weiß, Julian, du vermisst auch das Popcorn. Aber Snacks scheinen ja nicht Teil der Show zu sein.“
    „Kann ich fortfahren, Max?“, warf Felix seufzend ein.
    „Tu dir keinen Zwang an. Ich hoffe, du kommst endlich mal zu den Actionszenen.“
    Felix und Julian seufzten fast zeitgleich, worauf die anderen leise lachten. „Die Actionszenen also…“, bemerkte Felix mit einem seltsam melancholischen Unterton und setzte seine Geschichte fort.


    Wir fuhren eine ganze Weile durch die Stadt, ich immer den Worten des Mädchens folgend, welche oft nicht mehr als „Links“ oder „Rechts“ oder „Erst rechts, dann links“ darstellten, was mir mehr das Gefühl gab, ein Navigationsgerät dabei zu haben als eine Person neben mir sitzen zu haben. Obwohl vielleicht schon der Gedanke, jenes Mädchen mit den Standards einer Person zu vergleichen, schon ein solch waghalsiges Unterfangen war, dass es von da an eh schon zwecklos war, weiterzudenken.
    Die Stadt wurde immer verwahrloster, aber es war bei näheren Betrachten offensichtlich, dass die Verwahrlosung beabsichtigt war und eher wie das Set irgendeines Filmes aussah, dass mit einer großen Liebe zum Detail aufgebaut wurden war. Was für Alliierte waren bloß in diesem Teil der Stadt zu finden?
    „Halt.“, sagte das Mädchen plötzlich.
    Für einen Moment erschlich ich mich bei dem Gedanken, dass mein Navigationsgerät spinnen muss, denn dies sagte eher „Sie sind an ihrem Zielort angekommen“, erinnerte mich aber dann der Tatsache, dass ich kein Navigations-Gerät dabei hatte und das es das Mädchen gewesen war, welche dies gesagt hatte.
    „Halt!“, wiederholte sie lauter.
    „Jaja, ich hab dich schon gehört.“, erwiderte ich und fuhr den Wagen an den Rand der Straße. Die Straße war zwar viel zu klein dafür, aber da eh kein Auto kommen würde und da hier auch niemand zu wohnen schien, hatte ich keine Bedenken, auch das Halteverbotsschild zu ignorieren, dass inmitten des gekünstelten Chaos einer verwahrlosten armen Stadt eh völlig fehl am Platze wirkte.
    Der Gehsteig war mit Müll übersät, obwohl nur einige Meter weiter ein Papierkorb war, der demonstrativ komplett leer war. Man kann es auch mit dem Chaos übertreiben, dachte ich. Die Häuser sahen alle wie halbe Ruinen aus und erinnerten an alte Fabrikhallen, die seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt wurden sind. Wie gesagt, war aber offensichtlich, dass die Dinge nur mit diesem Anschein gebaut wurden waren und so fiel dann doch an manchen Stellen dies auch auf, wie z.B. der Mangel jeglichen Mooses in den Dachrinnen. Oder dann gab es auch eingeschlagene Fensterscheiben, deren Glassplitter aber nirgends zu finden waren.
    „Also… Wen werden wir hier treffen?“, fragte ich das Mädchen, welche aber anstatt mir zu antworten einfach nur auf ein großes Tor einer jener Fabrikhallen zuging und davon stehenblieb und sich mir zuwandte: „Kommst du?“
    Ich seufzte und dachte nur, dass wenn schon im Skript kein Dialog an dieser Stelle vorhanden war, sie mir wenigstens dies sagen könnte. Als ich neben ihr am Tor stand, schlug sie mit ihrer kleinen Hand gegen das Tor und ich war überrascht, wie laut dieses Klopfen nachhallte. Einige Sekunden vergingen, während alle Möglichkeiten mir durch den Kopf gingen, was nun passieren könnte, auch die, dass dies alles nur ein Hinterhalt sein könnte. Nach einer Weile aber schob jemand das Tor auf: Es war ein Bettler, der nicht nur wie einer aussah, sondern auch wie einer roch.
    „Yo, Erika.“, grüßte er das Mädchen mit einem breiten Grinsen, dass ein Haufen Zahnlücken enthüllte und die übriggebliebenen Zähne sahen mehr danach aus, den anderen zu folgen als noch lange in jenem Mund zu bleiben.
    „Ischt’r dasch?“, fragte er wirsch als er mich musterte und das Mädchen, dass nun Erika zu heißen schien, nickte nur und folgte dem Bettler ins Innere. Ich folgte ihr natürlich und das Erste was mir auffiel war der Grund, warum der Bettler stank: Die ganze Halle, in der jener Bettler hauste, stank danach. Inmitten der riesigen leeren Halle stand eine Tonne, in der ein Feuer brannte, an welchem auch noch ein anderer Bettler stand, der wahrscheinlich als hübsch und kräftig gelten würde, wenn nicht sein Lebensstil ihn so verwahrlost aussehen lassen würde und ihn so stinken lassen würde, dass jegliche Sympathie, die ich für ihn bei meinem ersten Eindruck hätte aufbauen können, in dem Moment verschwand als ich in seinen Dunstkreis trat, der eine neue Spitze an Gestank darstellte.
    „Ah, da ist er ja endlich…“, bemerkte der Bettler an der Tonne ungeduldig.
    „Erchischauchakerion?“, fragte mich der Bettler, der das Tor aufgemacht hatte. Es gab gewisse Probleme in dieser Situation: 1. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, welche Sprache der Mann sprach. 2. Ich verstand ihn deswegen nicht. 3. Die anderen beiden schienen ihn genauso wenig zu verstehen.
    „Was? Können sie das ein wenig deutlicher sagen?“, fragte ich so höflich wie möglich und ich sah wie der Bettler den anderen beiden verwunderte Blicke zuwarf, bemerkte, dass auch jene ihn nicht verstanden haben und schüttelte stumm den Kopf. Er sagte nichts, sondern schien zu überlegen und nach einer Weile zuckte er nur mit seinen Schultern, griff in seinen Mund und holte ein Gebiss heraus. Er hatte strahlend weiße Zähne! Warum? Wahrscheinlich wieder ein Bug dieses unfertigen Games.
    „Besser so?“, fragte er mit einer kräftigen und festen Stimme, die mich vollkommen überraschte.
    „Uh, ja, natürlich… Also was sagten sie?“
    „Ich hatte sie gefragt, ob sie für das erste Rätsel bereit wären…“
    Das hatte definitiv nicht wie diese Frage geklungen, dachte ich und von welchem Rätsel sprach er überhaupt?
    „Es ging darum, sie erst hereinzulassen, nachdem sie herausfinden, was an mir falsch ist.“
    „Und die Antwort wäre… ihr Gebiss gewesen, nehme ich an?“, fragte ich verwirrt. Was war das für ein Rätsel, wo der Rätselsteller schon Probleme hatte, sein Rätsel überhaupt zu verkünden? Und überhaupt war die Antwort unsinnig, denn welcher Bettler würde sich ein Gebiss leisten können?
    „Ja, Felix, aber wir haben wichtigeres zu tun.“, begann Erika und musterte die beiden Bettler.
    Ich verstand sofort und fragte die beiden: „Nun gut, wer seid ihr eigentlich? Ich meine, ihr sollt mich unterstützen in meinem Kampf und…“
    Mir fiel auf, dass ich dabei war, Bettler, Taugenichtse um Hilfe zu bitten. Konnten die mir überhaupt helfen?
    „Ihre Verwirrung ist verständlich, Felix.“, erklang vom anderen Ende der Halle eine alte aber sehr autoritäre Stimme. Die Stimme erinnerte mich an die irgendeines Bergeremiten, der aus irgendeinem Grund immer weiser war als alle anderen Charaktere in der Erzählung.
    Ich hatte Hoffnung, dass diese Leute vielleicht mir tatsächlich helfen konnten, Gencoon zu besiegen.
    Der alte Mann, der tatsächlich auch so weise wirkte, wie seine Stimme klang, schritt in ruhigen Schritten zu dem Feuer und hielt seine Hände darüber. Auch wenn er auf den ersten Blick auch nur wie ein Bettler wirkte, brauchte es nur einen Blick in seine grauen Augen, um die Weisheit zu sehen, die darin lag.
    „Wer seid ihr? Ich nehme an, dieses ganze Bettler-Ding ist nur eine Tarnung.“
    „Sehr gut beobachtet, Felix. Wir sind mehr als das. Wir sind…“
    Er machte eine Kunstpause und ich malte mir alles Mögliche aus, von Rittern, Magiern, laserschwertschwingenden Elite-Hackern, ich hatte nahezu alles abgedeckt, auch das Absurde – dachte ich jedenfalls, bis er sagte:
    „… ein Weltuntergangskult.“
    „Huh?“, entfuhr es mir überrascht. Bevor der alte Mann etwas sagen konnte, deutete ich ihm gestisch an zu schweigen und zerrte Erika zur Seite.
    „Was soll das?“, sagte ich unbeabsichtigt laut und wütend und als ich zu den Bettlern herüber sah, wendeten jene sich schnell irgendeinem Fussel auf ihrer Kleidung zu. Es war klar, dass sie zu mir geschaut hatten.
    „Es verläuft alles wie geplant.“, meinte Erika ruhig.
    „Wie das? He, ich dachte, ich bin der Gute. Warum muss ich dann mit einem Weltuntergangskult zusammenarbeiten?! Die wollen die Welt zerstört sehen – ich aber nicht!“, flüsterte ich, mich zusammenreißend, nicht zu laut zu sein.
    „Es ist so: Derjenige, der dieses Spiel erstellt hat, hat die heutige Filmwelt studiert und befunden, dass die Guten oft jene sind, die völlig unerwartet zu Helden werden. Also warum keine Bettler nehmen, von denen keiner erwartet, dass sie irgendetwas hinbekommen? Und dann hat er noch erkannt, dass die Guten immer das Gegenteil von den Bösen wollen. Er hatte damit ein Problem, denn Gencoon wollte die Welt perfektionieren, also blieb ihm nichts anderes übrig als die Guten zu einem Weltuntergangskult zu machen, die den Untergang der Welt wollen. Die Seiten müssen ja gegensätzliche Positionen haben.“
    Die Logik war verständlich, aber bei genauerer Betrachtung einfach idiotisch. Ich seufzte. Das Spiel war nicht nur unausgereift, der Schöpfer des Spiels schien auch keinen gesunden Menschenverstand zu besitzen – oder vielleicht hatte er nur einfach die völlig falschen Werke als Referenz genommen.
    Ich seufzte und ging wieder zu den drei Bettlern. „Also gut, ich brauche eure Hilfe.“
    „Ja, du willst die Welt zerstören, nicht wahr?“, meinte der dunkelhaarige Bettler.
    „Äh, ja, mehr oder weniger.“
    „Wir sollten uns erstmal vorstellen: Dies ist Tooth.“, sagte nun der alte Bettler und zeigte auf den Bettler mit den strahlend weißen Zähnen. Passender Name, dachte ich. „Dies ist Nighteye.“, sagte er und zeigte auf den dunkelhaarigen Bettler. „Und ich bin Owl.“
    „Das… sind aber nicht eure richtige Namen oder?“, fragte ich verwundert.
    „Nein, unsere Decknamen natürlich.“, bemerkte Nighteye abschätzig als wäre es das Normalste der Welt, aber ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, warum ein Weltuntergangskult, der nur als eine kleine Bettlergruppe in einem abgelegenen und verfallenen Teil der Stadt lebte, Decknamen braucht.
    „Und… ich weiß, es wird dumm klingen, aber wie gewinnen wir eigentlich den Kampf?“, fragte ich, insgeheim immer noch zweifelnd, dass dieser Kult mir wirklich helfen konnte. Aber genau als ich die Frage gesagt hatte, zogen alle drei, von irgendwoher in der professionellsten Art und Weise Degen hervor. Ich konnte sie nur überrascht anstarren, worauf Nighteye wütend sagte: „Schau nicht so blöde, wenn es deine Schuld ist, dass wir fechten müssen.“
    „W-Was? Meine Schuld…?“
    „Vor Jahren hast du dich in deiner Schulzeit entschieden, dem Fechtclub beizutreten. Deswegen ist die einzige Art von Kampf, die in diesem Spiel stattfindet – Fechten.“, erklärte Erika. Was war das für eine dämliche Entscheidung? Keiner würde doch diese Dinge in Verbindung setzen.
    „Hast du’s immer noch nicht verstanden?“, sagte Nighteye genervt, während er die Augen verdrehte, „Wenn du dem Ruderclub beigetreten wärst, wären wir jetzt bei einem Paddelwettbewerb. Nebenbei bemerkt, wäre mir Fußball am liebsten gewesen.“
    „Ich glaube, er hat es verstanden, Nighteye.“, sagte Tooth, während er mir verstehend zulächelte.
    „Gut, gut, es ist meine Schuld. Also, trotzdem muss ich fragen: Wie wollen wir das Ding gewinnen?“
    „Wir warten.“, warf Owl enigmatisch ein.
    „Was? Warum?“, fragte ich.
    „Weil in zwei Tagen die Welt untergehen wird natürlich, Dummkopf.“, bemerkte Nighteye.
    Ich musste unwillkürlich zu Erika schauen und daran denken, wie sie mir gesagt hatte, dass ich zur selben Zeit sterben würde. Aber wenn dies wahr war, was war meine Rolle in dem Spiel? Was hatte ich zu tun? Sollte ich wirklich nur warten? Ich war mir sicher, dass die Dinge nicht so einfach waren. Aber eines war ich mir sicher: Ich hatte nur noch zwei Tage Zeit, es herauszufinden.


    „Aber gegen wen hast du dann gekämpft?“, fragte auf einmal Theodor, der so unerwartet die Erzählung unterbrach und für einen Moment versuchte jeder diese plötzliche Frage einzuordnen, plötzlich erkennend, dass sie nicht Teil der Geschichte war, sondern von der Geschichte handelte.
    „Wie meinst du das?“, fragte Felix, dessen Stimme noch so abwesend klang als wäre er gerade aus einem langen Schlaf erwacht.
    „Oh, er meint sicherlich den Bösewicht des Dramas, oder, Theodor?“, bemerkte Max, dessen Grinsen deutlich aus seinen Worten zu hören war.
    „Mehr oder weniger…“, stimmte Theodor in einem ablehnenden Ton hinzu, der mehr aus der Ablehnung der Person, die das Argument gesagt hatte, andeutete als die Ablehnung des Arguments selber.
    „J-Ja…“, stammelte Felix, völlig überrascht von der plötzlichen Ablehnung, die Theodor für Max hatte. War Max mit seinen Worten unbeabsichtigt auf einen wunden Punkt von Theodors Vergangenheit gestoßen? Felix war nicht der einzige in jener Runde, der dies in jenem Moment dachte.
    „Ich denke, ich überlasse diese Antwort für das Ende.“, antwortete Felix schließlich.
    „Das Ende?“, fragte Julian verwundert.
    „Es ist… kompliziert.“, brachte Felix gepresst heraus, deutlich mit sich ringend, überhaupt davon zu reden.
    „Das ist es immer, nehme ich an.“, bemerkte Max lachend.
    „Dann sind wir dem Ende nahe, nehme ich an?“, fragte Rolf ruhig.
    Anstatt zu antworten, fuhr Felix einfach mit dem Erzählen fort…

  • „Ich muss zugeben, dass ich aber eines immer noch nicht weiß“, bemerkte ich und alle in der Runde schauten mich in diesem Moment an, mich musternd, erwartend, dass ich noch irgendwas sagen würde. Ich, Nighteye, Owl und Tooth, sowie auch das Mädchen standen in der Fabrikhalle um die Tonne herum im Kreis, während das Feuer in der Tonne sein Spiel aus Licht und Schatten auf die einsame Dunkelheit der Halle zauberte. Ich konnte mich nicht des Eindrucks erwehren, mich wie verloren zu fühlen, umgeben von der Größe der Halle, der Gesellschaft von Menschen, die ich, wenn ich ihnen im Alltag begegnen würde, nur Worte wie „verrückt“ oder „abgedreht“ finden würde und vor allem schreckte mich der Gedanke, diese Leute verstehen zu können, so etwas wie Mitgefühl zeigen zu können, denn es bedeutete das ich Teil dieser Welt war, Teil dieser Gruppe von „abgedrehten“ Leuten, Teil dieser verlassenen Halle, die eine Gruppe „abgedrehter“ Leute beherbergte. War das wirklich noch ich? Was erlebte ich eigentlich hier noch als „ich“, wenn alles, was ich bis gestern erlebt hatte, rein gar nichts mit der Welt zu tun hatte, in der ich mich jetzt befand. Was war die Vernunft von gestern wert, wenn sie heute schon wieder verworfen werden musste? Ich dachte all dies und konnte nicht sprechen, ein Satz, nicht beendet hing in der Luft und mir fehlten einfach die Worte, ihn zu beenden. Aber beschrieb dies nicht die Situation eh – am besten?
    „Du fragst dich, wer auf der anderen Seite des Spiels steht.“, sagte das Mädchen, ihren Blick starr auf das Feuer gerichtet in einem üblichen Ton, der mir nun bereits einen Schauer über den Rücken laufen ließ, denn mittlerweile konnte ich die Gefühllosigkeit ihrer Antworten als nichts anderes deuten als sie zum Teil des Spiels zu zählen und wenn ich eines wirklich bereute, so war es Teil eines solchen Spiels zu sein anstatt einfach meine Eltern zu schnappen und von hier zu verschwinden. Warum überhaupt hatte ich dies nicht getan? Aber dann erinnerte ich mich schmerzhaft an die Erlebnisse vor einigen Stunden als meine Mutter mich angreifen wollte und mich töten wollte. Und dies nur, weil es ihr dieser „Priester“ gesagt hat: War dies auch Teil des Spiels gewesen? Ich schaute zu dem Mädchen. Sie hatte nie ihn erwähnt, nie seine Rolle erklärt. Und ich konnte mich auch nicht des Eindrucks erwehren, dass die Nachricht des Priesters, dass ich durch den Tötungsversuch aufwachen soll, mehr sagte als nur mich daran zu erinnern, wo ich hätte in der Nacht dem Skript des „Spiels“ folgend hätte sein sollen.
    „Es ist doch Gencoon… oder?“, flüsterte Nighteye und mir wurde auf einmal klar, dass die drei scheinbar genauso wenig Ahnung vom „Spiel“ hatten wie ich. Waren sie also nicht auch nur weitere Spielfiguren auf dem Brett, das der Schöpfer dieses Spiels „Schicksal“ getauft hatte? Wenn es einen Unterschied gab, so lag er in den unterschiedlichen Rollen begründet, die ich und die drei hatten – und das Mädchen? Sie war ein Mysterium. Hatte Klempfel nicht gesagt, dass sie „zwecklos“ wäre? Welche Rolle würde dies sein auf einem Spielbrett, wo kein Zufall existierte? Oder war sie damit überhaupt noch Teil des Spielbretts? Aber dann wiederum hatte sie auch gesagt, dass jenes Spielbrett an sich nicht so perfekt ist, wie es sein Schöpfer gerne gehabt hätte, es war also nicht komplett determiniert.
    „Es ist ein… Wesen.“, erklärte das Mädchen unsicher. Hatten wir den Bereich geplanter Unterhaltung nach Skript verlassen? War dies Teil des Spiels oder änderten wir es gerade damit?
    „Also kein Mensch.“, stellte ich fest und war überrascht, wie wenig schockiert ich dabei klang. Ich erinnerte mich an die Tanks im Hauptgebäude und deren seltsame Inhalte.
    Owl mit seinen ernsten Augen, schaute der Reihe nach jedem von uns in die Augen wie sicher zu stellen, dass jeder vorbereitet sei auf das, was er sagen würde.
    „Wir müssen es töten.“, sagte er ernst.
    Tooth seufzte, Nighteye starrte ins Feuer, während er zustimmend nickte und das Mädchen sagte, während sie zu mir blickte und mich zu mustern schien: „Wir müssen das Spiel gewinnen.“
    „Was am Ende dasselbe ist… oder?“, fragte ich mit unsicherer Stimme an das Mädchen gewandt. Sie nickte nur.
    „Nicht ganz“, meinte Owl, mich ernst musternd, „Es könnte sein, dass der Schöpfer des Spieles gar nicht in das Spiel involviert ist, es nur geschaffen hat, um zu existieren, um seinen geplanten Ablauf zu nehmen.“
    „Wenn das so ist, dann frag ich mich welchen Zweck dieses kranke Szenario denn haben soll! Aus meinen Augen nur ein Grund mehr lieber den Schöpfer zu suchen und ihn zu töten als philosophische Diskussionen über das Spiel zu beginnen!“, knurrte Nighteye grimmig.
    „Aber wo fangen wir an?“
    „Beim Haupthaus?“, schlug Tooth vor und blickte sich unsicher in der Runde um und Owl antwortete nickend: „Dies wird wohl die logische Konsequenz sein, denn wo sonst sollte er sein?“
    Nighteye erhob sich und sagte: „Dann ist es also beschlossen. Das Haupthaus.“
    Und Tooth ging in eine Ecke der Halle und zog schnaufend eine große Stahlkiste hervor, eingestaubt und mit einem simplen Schloss unzugänglich gemacht. Owl trat darauf neben Tooth und holte aus seiner Jackentasche einen Schüssel, mit dem er die Kiste öffnete, in welcher, als ich zusammen mit Nighteye an die Kiste herantrat vier Degen mit Gürtel waren, an denen man jene Degen befestigen konnte. Wortlos nahm jeder die Degen an sich und die Anspannung war fühlbar, die Ahnung, dass es bald zu einem ernsthaften Kampf kommen würde, behagte niemanden, besonders nicht mir, da ich sogar anzweifelte, den Degen richtig führen zu können.
    Auf einmal nieste Tooth und schnaubte in ein dreckiges Taschentuch, dass er aus der Hosentasche geholt hatte. Und Owl sagte tonlos: „Verdammt, jetzt hast du glatt die spannende Atmosphäre zerstört.“
    Es war nicht wirklich witzig, aber wir waren angespannt und lachten deshalb alle vier für ein paar Sekunden vergessen wollend, was auf uns zukommen würde und wir gingen mit Erika zu meinem Wagen. Sie hatte nicht gelacht – zu Recht wahrscheinlich.
    „Wartet. Irgendwas fehlt noch...“, begann ich, als wir draußen standen, aber verstummte wieder und das Gefühl, dass ich etwas wichtiges vergessen hatte oder das Gefühl, dass ich mich noch an etwas wichtiges erinnern sollte kam über mich. Aber es war nur ein Gefühl letztendlich, dass meine Gedanken streifte wie der Mond, der auf mein Auto schien als wir vor der Halle standen und mich alle musterten. Ich schüttelte verwirrt den Kopf. Wurde ich verrückt oder war dieses Gefühl ein Hinweis? Aber wie sollte ich etwas deuten, was ich nicht verstand?
    „Es fehlt nichts.“, sagte da plötzlich das Mädchen an mich gewandt, flüsternd, furchtvoll vor möglichen Zuhörern außer unserer Gruppe, „Es ist alles da, wo es sein soll – oder besser gesagt, wo es nur sein kann.“
    „Und da niemand dies wollen kann, tun wir das, was wir tun werden.“, fügte Owl lächelnd hinzu.
    „Macht das einen Unterschied?“, fragte Erika tonlos, aber Owl schüttelte nur mürrisch seinen Kopf und wir gingen zu meinem Wagen. Als ich hinter dem Steuer saß, fragte ich, mehr zu mir selbst als irgendjemand anderem, aber dennoch fragte ich laut, hoffend, dass der Frage mehr Realität zukam als sie in meinen Gedanken hatte: „Macht das, was wir tun, wirklich keinen Unterschied?“
    „Mein Vater sagte einmal“, sagte Tooth, „dass ein Stein eine Lawine auslösen kann, aber nie alleine eine Lawine sein wird.“
    „Und was sind wir da?“, fragte Nighteye, „Die Lawine oder der Stein?“
    „Du hast die dritte Möglichkeit vergessen.“, erklärte Erika kalt und ich fragte mich, ob die Nacht schon immer so kalt gewesen war wie sie es jetzt gerade war, „Wir können auch die sein, welche von der Lawine begraben werden.“
    „Aber wird der Stein nicht meistens auch von der Lawine begraben?“, fragte ich, nur um der unangenehmen Stille zu entfliehen, die untrennbar schien mit der Kälte, die ihr immer folgte oder vielleicht war es nur die Erinnerung daran, dass wir in der Stadt bis jetzt niemanden begegnet waren. In dieser Stadt war dies normal, aber da normalerweise jeder in seiner vertrauten Wohnung war, so würde wohl auch keiner die unheimliche kalte Stille der Nacht sehen, die in dieser Stadt herrschte und die wie ein leises Flüstern dem, der ihr zuhörte, von dem erzählte, was man nicht hören wollte, aber unverkennbar erkennen musste: Diese Stadt war zum Untergang verurteilt. Die Kälte sprach von kommenden Unheil, denn die Finsternis, die in den Schatten der Nacht verborgen lagen sprachen von keinen Geheimnissen und vielleicht gab es auch keine Geheimnisse in dieser Stadt, nur Notwendigkeiten und notwendig war das Ende wie der Anfang, aber der Anfang lag weit in der Vergangenheit und das Einzige, wovon die Nacht flüsterte war die Kälte der Abwesenheit der Stadt, deren Untergang.
    Und die Gedanken der anderen schienen ähnlich, denn keiner antwortete auf meine Frage.


    Das Tor zum Haupthaus stand offen und Owl, Nighteye und Tooth waren genauso verwirrt wie ich.
    „Dies ist das erste Mal.“, flüsterte Tooth.
    „Mag sein, aber es ist keine Überraschung, oder Erika?“, fragte ich mit der Idee, dass dies Teil des Spiels war, aber Erika schüttelte ihren Kopf: „Es sollten Wachen da sein.“
    „Vielleicht haben sie gerade Mittagspause.“, merkte Nighteye an.
    „Mitten in der Nacht, genau...“, antwortete ich, meine Stimme voll Ironie.
    „Es könnte ein Hinterhalt sein.“, schlug Owl misstrauisch vor.
    „Oder jemand war vor uns da gewesen.“, war Erikas Vorschlag.
    Meine Gedanken kamen sofort zurück zu dem Priester. War er hier? Aber was wollte er?
    „Auf jeden Fall macht dies unsere Mission einfacher.“, sagte ich.
    Wir gingen langsam, immer wieder stoppend aufgrund normaler Geräusche, aber die in der Stille, die wir auf die Fahrt hierhin schon erlebt hatten so verzerrt, so ungewöhnlich klangen, dass sie wie eine eindringende Kraft wirkten, die nur bedrohlich wirken konnte. Tooth wirkte still und unaufmerksam, mehr mit seiner Furcht ringend als seine Umgebung beobachtend, Nighteye musterte grimmig, immer darauf hoffend, dass endlich jemand aus dem Dickicht der Parkanlagen vor dem Haupthaus hervorspringen würde und uns angreifen würde. Owl wirkte am ruhigsten, aber auch ihm war anzumerken, dass ihn die Stille, die Monotonie der Abwesenheit von den üblichen Nachtgeräuschen beschäftigte. Erika wirkte so gefühllos wie eh und je und in solchen Situationen konnte ich sie nur beneiden und die Furcht war für mich so spürbar wie der kalte Nachtwind, der ab und zu über uns hinwegwehte. Ich fühlte mich zwar durch meine Kumpanen etwas sicherer, aber dennoch konnte ich nicht das Gefühl loswerden hinter jedem Schattenspiel einen Gegner zu vermuten oder den Priester, den ich immer noch hier vermutete aufgrund der Worte von Erika.
    „Wir sollten reingehen.“, sagte Owl.
    Ich nickte nur und wir gingen an die Eingangstür, die genauso offen stand wie das Eingangstor. Dahinter war der Saal zu sehen, den ich vor mehreren Stunden schon mal betreten hatte als ich das erste Mal hier gewesen war.
    „Wir sollten uns wohl besser aufteilen.“, flüsterte Tooth.
    „Wir wissen nicht, was uns erwartet. Ich bin dafür, dass wir zusammenbleiben.“, merkte Nighteye leise und angespannt an.
    Ich nickte und sagte: „Du hast Recht, aber wir werden ewig brauchen, dieses Gebäude zu durchsuchen, wenn wir alle zusammenbleiben.“
    Nighteye schien immer noch skeptisch, aber sagte nichts. „Dann machen wir es so“, schlug Tooth vor, „Nighteye und Tooth bilden ein Team, Erika und Felix sind das andere. Ich werde den Wagen bewachen.“
    „Aber Felix hat keinerlei Kampferfahrung“, an mich gewandt, sagte Nighteye, „Nichts für ungut.“
    „Er hat Recht, Tooth.“, stimmte ich ihm zu, „Ich werde keine große Hilfe im Kampf sein. Verdammt, ich weiß nicht einmal mehr, ob ich überhaupt noch richtig fechten kann oder ob es nicht eher...“
    „Spar dir die Vergleiche, dies ist kein Rezitationswettbewerb.“, grummelte Nighteye.
    Owl warf aber, Tooth lächelnd zuzwinkernd, ein: „Soweit ich aber Tooths Plan verstehe, soll das eine Team eine Ablenkung sein, während das andere Team in Ruhe sucht. Und du bist es, Felix, der... ‚Es’ finden soll.“
    Tooth sagte ein wenig beschämt: „Uh, ja, das hätte ich wohl dazu sagen sollen. So wie es aussieht, gibt es keine Patrouille. Das bedeutet, dass entweder niemand da ist...“
    „Oder sie alle an einem Ort sind.“, beendete ich seinen Gedanken.
    Nighteye sagte an Tooth gewandt: „Gut, aber bei einem so riesigen Gebäude ist es eher unwahrscheinlich, dass ich und du den Ort finden werden. Genauso gut könnte Felix und Erika jenen Ort finden, wo diese ganzen Kerle sind.“
    „Keine Sorge“, erklärte Tooth lächelnd, „Ich weiß, wo sie wahrscheinlich sind.“
    „Ich hatte anfangs hier gearbeitet.“, fügte er achselzuckend hinzu als er meinen fragenden Blick bemerkt hatte.
    „Gut, dann ist ja alles geklärt.“, stellte Owl fest.
    Owl ging daraufhin langsam und wachsam wirkend zurück zum Wagen, während ich und der Rest durch die Tür trat. Eine Tür führte nach links und die andere nach rechts. Durch die linke war ich heute schon einmal gegangen, also sollte ich... wieder jene nehmen?
    „Welche Tür willst du nehmen?“, flüsterte Nighteye, der neben mir stand, seine Umgebung misstrauisch musternd als würde die Decke jeden Moment einstürzen können.
    „Spielt das eine Rolle?“, fragte ich seufzend als ich hochschreckte als Erika neben mir tonlos flüsterte: „Alles spielt eine Rolle.“
    „Alle Entscheidungen haben Konsequenzen, Felix.“, fügte Tooth pathetisch hinzu.
    Ich schaute zu Nighteye, der die Augen verdrehte und sagte: „Ich nehme links. Komm, Tooth, vielleicht haben wir das Glück dem Schicksal selbst zu begegnen.“
    „Wir begegnen es auf Schritt und Tritt, Nighteye.“, erwiderte Tooth leise lachend und er und Nighteye öffneten die linke Tür und gingen in den dunklen Raum dahinter.
    „Sollen wir?“, fragte ich an Erika gewandt, bemerkte aber, dass sie schon verschwunden war. Mich suchend umblickend sah ich zur rechten Tür, die sie schon öffnete, ohne auf mich gewartet zu haben. Ich hastete zu ihr, erwartend, dass in dem Raum dahinter irgendeine Gefahr lauern könnte, die uns anspringen könnte, wenn wir unachtsam die Tür öffnen würden, aber es passierte nichts und ich seufzte vor Erleichterung.
    „Ich nehme an, so oft zu seufzen erfüllt irgendeinen Zweck außer dem Versuch, den Wind zu imitieren und dabei zu scheitern oder?“, fragte sie mich tonlos, während sie schon den nächsten Raum betrat, ohne auf eine Antwort von mir zu warten.
    „Ich schließe daraus, dass dies eine rhetorische Frage war.“, flüsterte ich zu mir selbst.
    Die Gänge waren noch so barock wie ich mich von meinem vorherigen Besuch erinnern konnte, der fern in der Vergangenheit schien, aber so wie ein paar Stunden in der Vergangenheit eine Ewigkeit entfernt wirkten, so wirkten auch die paar Stunden Fahrt zum nächsten Dorf von hier wie eine unüberwindliche Mauer, deren Überquerung die Ewigkeit brauchen würde. Vielleicht war es auch das Ende, dass nahte, das mich die Ewigkeit nun so manifest und nahe wirken ließ und mir seine distanzierte Unüberwindlichkeit klarmachte.
    Die Gänge waren beleuchtet, aber menschenleer, der geisterhafte Wind durch die verlassenen Gänge ziehend wie um diesen Eindruck zu bestätigen und die uhr-ähnliche Rhythmik, die allen Klängen an diesem Ort innewohnte wurde durch den einsamen geisterhaften Wind ein gebrochener Zauber, der Wind mehr den Mangel eines Teils anmahnend als selbst eines zu viel zu sein, die Uhr in ihren Teilen zersprungen den Zauber ihrer Gestalt - verloren. Die Warnung war an mir nicht vorübergegangen und nachdem ich und Erika mehrere hundert Meter einem Gang entlang gegangen waren, machte der Gang einen Bogen nach links und auf der rechten Seite waren statt der monoton gleichen Türen Fenster, die auf einen gigantischen länglichen Innenhof zeigte, der von außen nicht zu erahnen war, aber von hier zu sehen war. Die anderen Fenster im Hof waren alle erhellt durch die Lampen der Gänge, was das Ganze nur noch mysteriöser wirken ließ.
    Gerade als ich mich abwenden wollte von dem Anblick des Innenhofes, kam ein starker Wind durch den Gang, unerwartet und unnatürlich stark in Kälte wie auch in Kraft, so dunkle Ahnungen tragend, dass ich schockiert nach Luft schnappte und auch Erika presste sich an die linke Wand wie um zu fliehen, verschwinden zu wollen vor dem, wovon dieser Wind kündigte. Ich merkte erst ein paar Sekunden, nachdem ich bereits auf dem Boden lag, dass ich gefallen war und mich Erika anstarrte, furchtvoll. Furcht?
    Ich richtete mich kopfschüttelnd auf, mein Körper leicht zitternd, mein Atem eine weiße Wolke vor dem hektischen Atem, versuchend mit meinem pochenden Herzen mitzuhalten.
    „Was war das?“, kam es aus meiner rauen Kehle und ich bemerkte wie tief in Gedanken versunken ich die ganze Zeit gewesen war. Zeit? Wie viel Zeit war vergangen, seit ich mich von den anderen getrennt hatte. Ich schaute zu Erika und sie stand kühl und gleichgültig neben mir wie ein Beobachter, der nie wirklich anwesend gewesen war und nur teilnahmslos zusehen konnte, was geschehen war, ohne die Geschehnisse zu beeinflussen oder von ihnen beeinflusst werden zu können. Ich schüttelte wieder meinen Kopf, hatte ich mich getäuscht Furcht in ihren Augen gesehen zu haben, in diesen Augen, die genauso gut aus Glas hätten bestehen können für die Emotionen, die sie bis jetzt gezeigt hatten?
    In diesem Moment setzte das Licht aus, schlagartig kam zu der Kälte und der unangenehmen Stille eine Dunkelheit, die mehr als passend zum Rest der Dinge stand, sodass der Eindruck der Überraschung abgemildert wurde durch eine Ahnung dessen, was sein sollte. Ich wollte gerade etwas zu Erika sagen, als jene leise flüsterte: „Es beginnt...“
    Ein Schauer lief mir über den Rücken und die Ahnungen, die der Wind getragen hatte, wurden wahr als Schreie zu hören waren, tausende mussten es sein, die in jenem Moment der Stille, Kälte und Dunkelheit klagten, wimmerten und rannten, Schritte waren zu hören, laut hallend durch die sonst stillen Hallen, aber nur Geräusche waren es, die ich hören konnte, auch fühlen in ihrer Intensität und Realität, doch entfernt und distanziert und nicht bedrohlich – noch nicht.
    Ich musste hier weg. Dies war mein erster Gedanke, aber ich war mir nicht sicher, ob ich fliehen konnte, vor was ich überhaupt floh. War es jener, der dieses Spiel geleitet hatte? Aber zumindest hatte Tooth mit der Theorie Recht gehabt, dass alle in diesem Gebäude an einem Ort gewesen waren – aber warum? Und was war ihnen passiert? Fragen über Fragen, die nur Ungewissheit und das mulmige Gefühl der Unausweichlichkeit schürten.
    „Soll dies so sein?“, kam meine bedrückte Stimme und ich fragte mich, seit wann das Spiel ein Halt geworden war, eine Furt durch den Fluss aus Chaos, Ungewissheit und der stetigen Spottung all dessen, was ich Normalität bisher genannt hatte.
    Erika schaute zu mir als ich diese Frage stellte und unsere Augen trafen sich, ohne zu sprechen, ohne zu vermitteln, was nicht eh schon gesagt wurde oder nie gesagt werden würde.
    „Das Ende nähert sich.“ Eine Feststellung. Die Schreie waren noch immer zu hören, aber es wurden weniger genauso wie die Schreie verzweifelter wurden, sie redeten nicht, sie fluchten nicht, sie schrieen einfach nur und ich wollte mir nicht vorstellen, welche Angst einem die Worte rauben konnte, was genau ihnen widerfahren musste, damit diese Geräusche durch das Gebäude hallen konnten und mussten. Es war schließlich Teil des Spiels.
    Auf einmal waren Schritte zu hören, Schritte, die näher kamen und ich schaute unsicher zu Erika, die nur gleichgültig gerade aus starrte. Mit sicherer Gewissheit kamen die Schritte näher und ich griff unsicher zu dem Degen, der an meinem Gürtel hing, schwer und unheilvoll. Ich war mir sicher, dass der Tod folgen würde, wenn ich den Degen ziehen würde, ob es der meines Gegners oder mein eigener war, konnte ich natürlich nicht wissen und vielleicht würden wir auch beide sterben. Hoffnung, hatte ich keine, nur die Gewissheit des Todes im Nacken, die man in jedem Kampf fühlte in Umständen wie diesen.
    Und in jenem Moment schälte sich auch ein Schemen aus der Dunkelheit am Ende des Ganges, der nach rechts abbog. Die Gestalt hinkte und nun da ich es sah, hörte ich es auch in der ungewöhnlichen Verzögerung seiner Schritte, wenn er seinen rechten Fuß mehr nach vorne hob als ihn setzte.
    Er kam näher, denn mittlerweile waren die Umrisse seiner Gestalt erkennbar und im schwachen Mondlicht, dass durch die Fenster auf der rechten Seite in den Gang fiel, wurde auch langsam sein Gesicht erkennbar. Rundlich mit einer knolligen Nase und zusammengepressten Lippen aus denen immer wieder stoßweise ein Stöhnen drang, dass gleichermaßen Ausatmen wie Einatmen war, keinen Unterschied erkennbar machend. Seine rechte Hand hatte er an einen Ort oberhalb der Hüfte auf seiner rechten Seite gepresst und anhand des dunkel gefärbten weißen Hemdes, dass er trug, war offensichtlich, dass er verletzt war. Er musste einen Anzug getragen haben, aber die Jacke dazu längst verloren haben, während der Flucht und sein linker Arm war auch nackt, frei eines Ärmels, der dort hätte sein sollen, stattdessen waren mehrere tiefe Kratzspuren erkennbar, von denen dünne Rinnsale aus Blut seinen Arm in dunklen Mustern glitzern ließen und einen kleinen Tropfen immer hörbar fallen ließen, wenn wieder genug Blut an der Spitze des nach unten hängenden Hand sich gesammelt hatte. Er war nur noch zehn Meter entfernt als sein Blick auf mich und Erika fiel. Ich hatte mich nicht bewegt, konnte mich nicht bewegen, aber ich zitterte in Furcht, genauso viel vor der Bestie (denn dies musste es wohl sein, den Kratzspuren nach zu urteilen) wie vor der Person vor mir. Würde sie versuchen, mich zu töten?
    „Wer bist du?“, fragte der Verletzte keuchend und schnaufend, sich hektisch und furchtvoll umblickend, die Schatten mehr fürchtend als mich. Was war ihm bloß passiert?
    „Ich...“, meine Stimme bebte vor Unsicherheit und dem kalten Gefühl, dass sich in meiner rechten Hand, welche auf dem Knauf des Degens ruhte, ausbreitete, „Ich bin zufällig hier, ich sah...“
    Was sollte ich bloß gesehen haben? Ein offenes Tor, ein Spiel, dessen Regeln mich banden hier zu sein? Wusste er es? Sollte ich ihm erzählen, in welch irrsinnigen Spiel er sich befand?
    „Ich meine, wir...“
    „Wir?“, sagte er zweifelnd und starrte mich an, seine Augen waren fiebrig und es war klar, dass es wenig brauchen würde, ihn von der Klippe zu stoßen, die in den Abgrund des Jenseits führte.
    „Ich und...“, begann ich und bemerkte nun, dass Erika weg war, verschwunden, ich schaute mich hektisch um. Sie war weg. Ich schluckte. Nervosität machte sich in mir breit. Ich war allein. Sollte ich allein sein, schallte die unsichere Frage in meinem Kopf. Ich schaute wieder zu dem verletzten Mann vor mir: „Nein, ich... bin allein.“
    Er nickte, zu schwach, um meine verrückten Worte zu hinterfragen: „Du musst verschwinden.“
    „Was ist passiert?“
    „Ich...“, mehrere Schreie waren wieder zu hören, Entsetzen war auf dem Gesicht des Verletzten erkennbar, seine Augen aufgerissen, starrend ins Nichts, „Albert...“
    Ich trat unsicher an ihn heran: „Lass mich dir...“
    Bevor ich meinen Satz beenden konnte, ging er beinahe stolpernd einen Schritt von mir zurück: „Weg! Verschwinde!“
    Er blinzelte kurz und fügte entschuldigend hinzu: „Nein, ich.... Du weißt nicht, was dort unten passiert ist. Wir waren alle da und er...“
    „Was wollte er?“, fragte ich neugierig, vermutend, dass er mir nun endlich erklären könnte, wem es zu verdanken war, dass dieses Spiel existierte.
    „Er wollte uns etwas sagen, etwas Wichtiges, aber stattdessen... es war schrecklich...“
    Sein Blick verschleierte sich als er die Vergangenheit wieder durchlebte und hinter jenem Schleier waren Dinge, die ihn zittern ließen und für einen Moment fürchtete ich, dass seine Erinnerungen ihn zusammenbrechen ließen, aber er fing sich plötzlich, versuchend ruhig ein- und auszuatmen, aber verhindert durch die Wunde an seiner rechten Seite, deren Schmerzen sein Gesicht verziehen ließen vor Qualen.
    „Ich nehme an, du bist ein Zivilist, also wirst du wahrscheinlich nur wissen, was Gencoon öffentlich über sich selbst sagt und bis jetzt gezeigt hat.“
    Ich erinnerte mich an das Gespräch mit meiner Mutter und wie sie mir gesagt hatte, dass Gencoon die Natur effizienter gestalten würde und mein Verständnis dieser Dinge erläuterte ich auch dem Mann, aber er schüttelte lächelnd seinen Kopf: „Das war nur die Oberfläche, kleine Spielereien, nur Schritte zu dem, was man wirklich kreieren wollte.“
    Um was ging es wirklich in diesem Spiel, fragte ich mich düster. „Was genau haben sie hier gemacht?“
    „...Oder versucht zu machen.“, fügte er lächelnd hinzu, „Ich war ‚Bewahrer des Gartens der illusionären Träume’.“
    Er zog scharf die Luft ein als er sich langsam an die linke Wand lehnte und auf den Boden rutschte, dabei vor Schmerzen keuchend und seine Gesicht verzerrend. Als er unten saß mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, sagte ich: „Wow, langer Titel... uh, was genau macht man“, ich gestikulierte hilflos, mein Unverständnis bekundend, „damit?“
    Er lachte: „Zumindest war der Job gut bezahlt und für eine gute Bezahlung würden viele alles machen, ich einer von ihnen, hab mir deshalb selbst nie diese Frage gestellt, bis es an mir war, diesen Job auszuüben.“
    Er ist meiner Frage ausgewichen, warum? Aber der Titel klang genauso verrückt wie eh schon das ganze Spiel wirkte, was aber die Frage des eigentlichen Zweckes nicht weniger interessant gestaltete.
    „Gut aber was ich eigentlich wis...“
    In dem Moment waren wieder Schreie zu hören und er unterbrach mich panisch: „Dafür bleibt jetzt keine Zeit. Irgendjemand muss es weitererzählen! Es ist notwendig, dass sie davon wissen, dass alle davon wissen, die Menschheit wird betrogen!“
    „Dann ist Gencoon...“, begann ich unsicher, aber er unterbracht mich hektisch: „Vergiss Gencoon, sie mögen der Anfang sein, aber das Ende ist woanders.“
    „Um was geht es dann? Was ist das Ziel dieses verdammten Spiels?“, fuhr ich ihn verzweifelt an.
    Er schaute mich an, seine Augen prüfend, aber mit jedem Moment weiter in die Bewusstlosigkeit rutschend, nur seine Willenskraft hielt ihn wahrscheinlich jetzt noch am Leben.
    „Leibniz sagte einmal, dass diese Welt die beste aller möglichen wäre.“, begann er leise immer wieder von Husten unterbrochen, dessen röchelndes Geräusch nichts Gutes verheißen ließ, was er auch wusste, „Alles, was wir wollten, waren Möglichkeiten, mehr Möglichkeiten, bessere Möglichkeiten. Wir wollten der Welt mehr Möglichkeiten geben, die beste aller möglichen Welten war uns nicht gut genug – und warum auch nicht? Gott würde uns ja nicht mit dem Blitz erschlagen, wenn wir uns in seine Schöpfung einmischen würden, nicht wahr?“
    Er lachte, aber es wirkte bitter und sarkastisch, wahrscheinlich das Lachen genau des Wesens spiegelnd, dass ihn so zugerichtet hatte.
    „Aber wir sahen nicht, dass da draußen noch Dinge lauern konnten, die wir nicht kennen, Dinge, älter als dieses Universum... na gut, vielleicht ist dies übertrieben, aber auf jeden Fall scheinen wir die Aufmerksamkeit von Wesen erregt haben, deren Augenmerk man lieber nicht spüren will.“ Er pausierte kurz, schwer atmend, überlegend und fuhr dann nachdenklich fort: „Aber warum? Zufall? Nein, vielleicht haben wir niemals die Aufmerksamkeit von irgendjemanden erregt, vielleicht waren wir von Anfang bis Ende nur Figuren auf einem Spielbrett, dass sich Schicksal nannte und die Spieler waren namenlos für die Figuren, denn gleich wer am Spielbrett saß, er würde immer versuchen zu gewinnen gegen den, der auf der anderen Seite saß, zwei Spieler vertieft in ein Spiel genannt Schicksal und alles was die Figuren sehen, sind andere Figuren.“
    „Ich werde es zu Ende bringen.“, sagte ich entschlossen, einen Schimmer dessen erkennend, was er mit dem ‚Spielbrett’ meinte.
    Aber er schüttelte traurig den Kopf: „Nein, das wirst du nicht, das Spiel ist noch nicht zu Ende.“
    Und ich dachte an Erika. Wo war sie? Bis jetzt hatte ich immer angenommen, dass sie nicht Teil des Spiels war, aber stimmte dies? Sie war verschwunden und meine Befürchtungen und Zweifel unterstellten ihr keine guten Gründen verschwunden zu sein.
    „Du musst verstehen, worum sie spielen – und es ihnen nehmen. Solange sie keinen Einsatz zum Verwetten haben, können sie das Spiel nicht weiterführen.“
    „Aber was soll ich ihnen neh...“, begann ich, aber dann fiel das Mondlicht auf sein Gesicht und ich sah, dass seine Augen leblos geworden waren und mit einem Male begriff ich, dass ich etwas Winziges vergessen hatte, ein Detail, so klein, unbedeutend, aber doch so normal und als ich dies erkannte, verstand ich meine Rolle in diesem Spiel und um was es ging. War es das Richtige dies zu tun? Ich wusste es nicht, aber jemand würde gewinnen, jener, der mich ins Spiel gebracht hatte, würde gewinnen. Vielleicht war er gut, vielleicht böse oder vielleicht spielte seine moralische Einstellung gar keine Rolle in diesem Spiel.
    Die kleinen Dinge, es sind die kleinen Dinge, welche Normalität definieren. Vor ein paar Tagen hätte ich zuerst nach seinem Namen gefragt, dachte ich lächelnd und schloss die Augen des Namenlosen. Es gab viel zu tun und wenn ich Recht hatte, würde ich tatsächlich bald sterben.


    „Du bist freiwillig in den Tod gegangen?“, fragte Julian unvermittelt, Verwirrung und Unglaube eindeutig in der Stimme erkennbar.
    „Ich...“, begann Felix, aber zögerte, worauf Max dazwischen fuhr: „Oh Gott, Julian! Wie oft musst du eigentlich noch die Rolle des Professors spielen? Bringen wir es hinter uns – egal wie die Geschichte ausgeht.“
    „Die Geschichte hat durchaus Bedeutung, Max!“, erwiderte Julian ungewohnt harsch und für einen kurzen Moment kehrt Ruhe ein in die Runde als nach einem Moment Theodor mit zitternder Stimme leise einwarf: „Ja, das hat sie. Diese Geschichte hat Bedeutung, für alle von uns.“
    Und bevor jemand hinterfragen konnte, was Theodor damit sagen wollte, setzte Felix fort wie als wäre er einem stillen Einverständnis der Runde gefolgt.


    Ich rannte durch die Gänge, nicht wirklich wissend, ob ich den richtigen Weg ging, nicht wirklich wissend wie viel Zeit ich gebraucht hatte, jenen Weg zurückzulegen, immer verfolgt von den Schreien aus Angst, Entsetzen und den letzten Atemzügen Verdammter, deren Rolle in diesem Spiel zu Ende war, aber letztendlich kam ich schnaufend in der Eingangshalle an und stürzte durch die große Eingangstür zum Wagen, wo mich Owl erwartete, der mich fragend musterte, genauso schockiert von den Geräuschen wie ich es war, wahrscheinlich mehr, da er wusste, dass der Rest seiner Gruppe genau in dem Gebäude war, woher diese schrecklichen Geräusche kamen – und er nichts daran ändern konnte.
    „Wo sind die anderen?“, fragte er harsch und eindringlich als er aus dem Wagen stieg und mit furchterfüllten und fordernden Augen auf mich zutrat, „Wo ist Night Eye, Tooth? Und wo ist Erika? Sind sie tot?!“
    In diesem Moment erst begriff ich, was ich getan hatte. Ich wusste, was ich tun musste, um das Spiel zu gewinnen, aber dabei hatte ich sie vergessen. Nighteye, Tooth und Erika – wo waren sie? Sie mussten in dem Gebäude sein und als ich mich umdrehte zu dem dunklen Gebäude, dass nun da es immer stiller wurde, nur noch furchteinflößender wirkte, lief mir ein Schauer dem Rücken runter. Da drinnen mit... was auch immer alle da drinnen getötet hat. Was konnte ich tun? Hatte ich sie etwa nun geopfert? Oder hätte ich hier rausrennen sollen? War es Teil des Spiels, hier zu sein und nicht da drinnen?
    Ich wandte mich wieder zu Owl, der mich immer noch anstarrte, fordernd, langsam aber schmunzelnd, verwundert, nachdenkend, zweifelnd.
    „Erika ist weg. Ich weiß nicht was mit den anderen beiden geschehen ist.“, antwortete ich knapp und tonloser als beabsichtigt, was die Worte recht gleichgültig selbst in meinen Ohren klingen ließ. Owl sagte nichts. Ich schaute zur Seite, beschämt und mehr aus Frust fügte ich energisch hinzu: „Ich weiß es aber jetzt, Owl, mir ist jetzt klar, was wir machen müssen!“
    „Ist dir das?“, fragte er traurig, erkennbar die verschwundenen drei als Opfer dieser Erkenntnis betrachtend. Dachte er, dass ich sie geopfert habe?
    „Erika...“, begann ich, denn ich musste es erklären, ich hatte nichts Falsches getan, nur: es war Teil des Spiels. Ich muss so handeln, weil ich so handeln sollte, aber das war keine Ausrede oder? Es war irrsinniges Gequatsche, aber hier war es die Wahrheit, heute Nacht war es die Wahrheit, nur dieser eine Moment, wo Wahnsinn als Wahrheit galt, wo Logik verworfen wurde und Vernunft verraten.
    „Sie war einfach verschwunden als das Licht ausgegangen war, einfach so, aber ich habe jemanden von den...“, ich zögerte, wie sollte ich ihn bloß nennen, es war zu absurd, alles hier war absurd, „Angestellten getroffen.“
    „Und?“
    „Er war verletzt, aber er konnte noch reden...“
    Owls Gesicht verfinsterte sich, sich langsam erholend von dem Gedanken, dass Tooth, Nighteye und Erika tot sein könnten: „Was hat er gesagt?“
    „Tooth hatte Recht, sie waren an einem Ort. Irgendjemand sollte ihnen etwas sagen, etwas Wichtiges, aber...“
    Owl nickte nur, er hatte es auch gehört.
    „Hilfe, wir müssen Nighteye retten!“, schrie da jemand, der aus dem Haupteingang herausgerannt war und zu meiner und Owls Überraschung war es Tooth. Er lebte! Aber im selben Moment, wo ich dies dachte, waren schon die ersten Explosionen zu hören und Säulen aus Rauch und Flammen waren zu sehen, die aus dem Gebäudekomplex aufstiegen. Die Luft füllte sich mit dem beißenden Geruch von frei um sich schlagenden feuer, ewig hungrig nach allem greifend, was brennen konnte. Es war nicht das Ende. Es war nur ein weiterer Schritt, ein Ende eines Schrittes, der Beginn eines weiteren, dies war mir nun klar. Und es musste enden – dies war mir nun auch klar geworden.
    Tooth stand keuchend vor uns, auf die Knie gesunken, schluchzend, er sah schrecklich aus. Keine Spur von Nighteye als die letzten Schreie im Gebäude verstummten oder einfach von den Explosionen übertönt wurden.
    „Ich…“, begann Tooth, uns anschauend, weinend, zu schwach, um weiterzureden.
    „Nighteye ist…“, begann Owl, aber schüttelte nur traurig seinen Kopf, „Wenigstens hast du es geschafft, Tooth.“
    „Ich weiß, dies ist der falsche Moment, dies zu sagen, aber wir müssen von hier verschwinden.“
    Tooth starrte mich entsetzt an und sagte empört: „Er könnte noch da drinnen sein, Felix! Wir sollten zurückgehen, er… war hinter mir, direkt hinter mir und dann… und dann…“
    Er stoppte und sein Blick wurde leer: „Er schrie, Felix, er schrie, hat geschrien bis ich draußen war, er könnte…“
    Ich musterte ihn und sein leerer hoffnungsvoller Blick wandte sich zu mir, ich konnte ihm keine Hoffnung geben, Nighteye war tot, Erika verschwunden und Gencoon begann seinen nächsten Schritt, wie auch immer jener aussehen mag.
    „Wir müssen weg.“, sagte ich absolut und Owl fügte nur tonlos hinzu: „Wie sieht der Plan aus?“
    Tooth schniefte und stand auf, versuchend zu vergessen, was er erlebt hatte: „Was meinst du, Felix? Und wo ist Erika, ist sie…“
    „Sie ist verschwunden, wir müssen von hier weg, Tooth, ich weiß es nun, ich weiß wie wir gewinnen können…“
    Tooth hellte ein wenig auf und wir drei stiegen still in den Wagen, wegfahrend, das Hauptgebäude hinter uns brennend. Keiner schaute zurück. Es gab nichts zu sagen außer mit der Erinnerung zu leben, die in uns weilte. Nach einer Weile sagte Tooth ernst: „Wie genau hast du den Plan zum Gewinnen des Spiels entdeckt?“
    „Ich traf jemanden in dem Gebäude, einen…“, ich suchte nach einem besseren Wort, aber Tooth erwiderte geistesgegenwärtig: „Welche Funktion hatte er?“
    Funktion? Seltsame Umschreibung von Beruf… Aber dann wiederum in Hinsicht auf das Spiel passender.
    „Er war ‚Bewahrer des Gartens der illusionären Träume’.“, erklärte ich ernst.
    Stille.
    „Das war ein Scherz oder?“, bemerkte Owl schmunzelnd.
    „Er war Bewahrer…“, begann ich, als mich Tooth unterbrach: „Das wissen wir, aber was verdammt noch mal soll dieser ‚Bewahrer‘ machen, das klingt nicht annähernd wie ein normaler Job.“
    „Aber du…“, antwortete ich zögernd, „Ich dachte, dass alle Berufe da drin so abgedrehte Titel haben, dieses Spiel ist doch von Anfang bis Ende abgedreht gewesen…“
    „Ach, verdammt… Also welche tolle Idee hat dir der Kerl beschert?“, fluchte Owl und ich zweifelte selbst an mir, warum genau ich dem Kerl diese irrsinnige Jobbeschreibung so bereitwillig abgenommen habe, aber nun war er tot. Die Welt ist verdammt seltsam.
    „Wisst ihr noch, wie ihr euch mir vorgestellt habt?“, begann ich, wissend, dass sie meinen Plan nicht wirklich mögen würden.
    „Wir haben uns als ‚Weltuntergangskult‘ vorgestellt.“, antwortete Tooth verwirrt.
    „Genau und das ihr die Guten seid…“, fuhr ich fort, aber wurde unterbrochen als Owl scharf und abrupt bremste, mich schockiert musternd: „Du hast doch nicht vor…?“
    Ich seufzte und nickte: „Ihr habt doch sicherlich eine Prophezeiung wie die Welt untergehen soll oder?“
    Verständnis dämmerte nun auch Tooth, der verwundert sagte: „Du willst doch nicht wirklich… das ist verrückt…“
    „Es ist Wahnsinn! Verdammt, Felix, du willst das Spiel gewinnen, indem du einer Prophezeiung vom Weltuntergang folgst?“
    „Gencoon mag der Anfang sein, aber das Ende ist woanders.“, zitierte ich den ‚Bewahrer‘ leise.
    „Das ist doch lächerlich! Denk nur an seine Job-Beschreibung, von wegen ‚Bewahrer des Gartens der illusionären Träume‘, ein verdammter Scherz, das ist es! Dieser Kerl war nicht richtig im Kopf, Felix!“, fluchte Tooth, aber Owl schaute nachdenklich zum Himmel, wo der Halbmond hell am Himmel stand, umgeben von Sternen in einer kalten Nacht, genauso kalt wie der Tod, der durch das Hauptgebäude heute Nacht gefahren war, still, unheimlich, unmenschlich. Menschenleere Straßen, nur der Wind war zu hören, die Bäume raschelten angespannt, ahnend, dass etwas kommen würde, dass die Entscheidung kommen würde. Owl hörte es auch und schmunzelte
    „Es würde Sinn ergeben, wir die Guten sind ein Weltuntergangskult und die Guten gewinnen, indem sie die Welt untergehen lassen.“, begann er nachdenklich als Tooth dazwischenfuhr: „Das kann nicht dein Ernst sein, Owl! Das ist Wahnsinn!“
    „Und wenn schon?“, fuhr Owl Tooth an, der erschreckt in seinen Sitz zurücksank, „Wir müssen etwas tun, ich weiß, der Plan klingt verrückt, aber…“
    Owl schloss seine Augen, Verwirrung und Frustration deutlich in sein Gesicht graviert.
    „Das Spiel, Tooth…“, erklärte ich ruhig, „Es ist nicht normal, logisch, vielleicht nicht einmal menschlich, vielleicht ist weder der eine Spieler noch der andere menschlich und wir sind insignifikante Spielsteine auf dem Feld des Schicksals. Vielleicht macht es keinen Unterschied, was wir hier machen, vielleicht ist es nur ein weiterer Zug in einem Spiel, dass unser Verständnis weit übersteigt. Aber dieser Zug sollte es wert sein, jemand brachte uns hierher, weil er dachte, dass wir einen Unterschied machen können.“
    Weder Owl noch Tooth antworteten darauf und ich wusste nicht, ob ich zu viel oder zu wenig gesagt hatte. Was sollte ich machen, wenn sie mir nichts von der Prophezeiung erzählen würde?
    Owl seufzte und erzählte die Prophezeiung, die das Spiel wenden sollte, die uns gewinnen lassen sollte, die zum Weltuntergang führen sollte: „Es heißt, dass Hellerslicht mit einem Kloster an einem Berghang begann, voll von Eremiten und einem Hort voller Reliquien, die alle möglichen Arten von Wunder vollbringen konnten. Und warum nicht? In dieser bergigen Einöde zu überleben, war damals ein Wunder an sich und als die Leute davon hörten, kamen sie hier her, aus verschiedensten Gründen, aber immer, um Teil dieses Wunders zu sein. So enstand Hellerslicht. Und so soll die Stadt immer größer und schöner werden, immer größere Wunder anhäufen bis…“
    Tooth fuhr zähneknirschend dazwischen: „Du musst dies nicht tun, Owl. Das ist einfach Wahnsinn!“
    Aber Owl setzte die Geschichte fort, Tooth ignorierend: „Bis zu einem Tag, wenn drei Leute wieder in das Kloster kommen würden und den Weltuntergang proklamieren würden und so wie sie dies gesagt hätten, würden ihre Worte auch wahr werden und Hellerslicht würde so werden wie es war bevor die Mönche nach Hellerslicht gekommen waren.“
    Das Kloster also, dachte ich, dort würde es sich also entscheiden.
    „Verdammt“, sagte Owl mit gedrückter Stimme nach einer Weile, „hätte ich gewusst, dass die Prophezeiung so wichtig ist, hätte ich mir eine bessere Formulierung überlegt.“
    Leise lachend sagte ich: „Dann gibt es ja nur noch eins zu tun.“
    Und Tooth fügte lächelnd hinzu: „Den Weltuntergang proklamieren, wirklich, mir würden hundert Dinge einfallen, die ich lieber machen würde, um als Held den Tag zu retten.“
    Owl fuhr wieder los, dem Kloster entgegen und sagte tonlos: „Das dachte ich auch gerade.“


    Fortsetzung folgt...


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