Die Nacht

  • Na gut, ich denke, das ist eine der Geschichten, die eher schwer zu verstehen ist. Aber ich denke, all das zu finden, wovon hier die Rede ist (vor allem überhaupt die Grundhandlung des Ganzen) ist ein lohnenswertes Unterfangen für jeden, der denkt, Kafka würde tolle Erzählungen schreiben.


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    Oh, wenn sie wüssten! So stumm schrie er mit bewegloser Miene, er eine unscheinbare Figur hinter der Theke des hell beleuchteten Innern der Tankstelle. Es war Nacht und draußen war es dunkel, die Lichter der Autos nicht mehr als ein Schimmern ferner Sonnenstrahlen, nur künstlicher, fremder, kälter. Und so würde trotz der künstlichen Lichter keiner von einer hellen Nacht reden. Aber er! Er saß im Hellen, im Lichte dieser Tankstelle, nicht anders war natürlich jenes Licht und keiner würde sagen, dass es Tag wäre in dieser Tankstelle, doch wenn sie sehen würden, sehen, wie es in ihm aussah. Welche Dunkelheit sie da sehen würden! Wahrlich! Sie würden noch lernen, dass selbst der Mondschein der Nacht noch ein angenehmer Ersatz der Sonne ist im Vergleich zu dieser Dunkelheit. Aber er saß hinter der Theke, wartend, ungeduldig, aber wartend, still, aber unter dem Tosen tausender Gedanken, konzentriert, aber abschweifend in ein dunkles Loch ohne Hoffnung auf Licht. Ja, er war nicht in der Lage zu sagen, was er nun tun sollte – außer seiner Pflicht.
    Er konnte nicht sagen, wer kam und wer ging, denn keiner kam oder ging, der in seiner Erinnerung verbleiben hätte können. Für ihn waren sie durchaus gesichtslos, er schaute sie nicht an, wohl hätte ein Freund kommen können und er hätte ihn nicht erkannt, so sehr sah er nach innen. Wohl hatte er bereits vieles gelernt im Leben, am wenigsten aber von sich selbst! Und so war ihm ein Mysterium, dies, was in ihm war, diese Dunkelheit und so er dann nach außen blickte, so sah er das Licht der Tankstelle, fremd, künstlich und falsch. Die Nacht: sie wirkte nur real, wenn es nicht im Mondschein lag. Wie konnte man nur von Nacht reden mit diesem hellen Ding am Himmel! Schaute keiner nach innen, in sich selbst – und erschauderte? Waren sie denn alle so sehr bedacht diesen Mond zu sehen? Das Licht der Tankstelle, Mond – einerlei, wie er es nannte, es war falsch, nicht richtig. Es war Nacht! Es sollte dunkel sein, wie es in ihm war! Welchen Platz hatte jemand, der nicht wie außen auch innen sich beweisen und nachweisen konnte? Die Natur mag wohl seltsam sein, nicht nur Ebenbilder zu erschaffen, sondern auch Abgründe. Man muss wohl den Abgrund als Notwendigkeit der Natur sehen, um Sinn aus seiner Dunkelheit zu machen, die welche er innen hatte, nicht die erhellte da draußen. Ja, er sollte wohl nicht nach außen schauen, wenn er sich selbst betrachten wollte.
    „Hände hoch!“
    So rief der Mann, dem er nun gegenüber war. Er stand hinter der Theke und ihm gegenüber stand der Unbekannte. Aber er als ihn so im Licht sah, da erkannte er dessen dunkles, verhülltes Gesicht. Nein, keines Gesicht hatte er angesehen, dass ihm bis jetzt in die Augen gesehen hatte, doch dieses Gesicht, dass nur aus Augen und Mund bestand, der Rest verhüllt, dies Gesicht war es, dass er erkannte! Ja, er wusste, wie er aussah und er rief lachend aus: „Oh, welch Zufall, nein, nicht Zufall! Ich kenne dich, du, der ich bin. Ja, natürlich, sonst hätt ich dich doch nicht erkannt. Bei diesem Licht scheint doch alles gleich, aber gerade weil du versteckt dich hältst warst du umso klarer. Ich sah nur in meine Dunkelheit, meine Augen sind gewöhnt die Dunkelheit deines Gesichtes zu sehen!“
    Diese Worte, gesprochen in wahnsinniger Freude, in wahrer Erkenntnis, schockten den Räuber, welcher nichts anderes als dies zu beabsichtigen schien mit der Waffe, die er auf die Person hinter der Theke gerichtet hatte.
    „Ich kenne dich nicht! Nein, Nein, nie werde ich dich kennen! Ich glaubte dich zu kennen, doch dachte ich falsch, du bist verrückt.“, rief der Räuber euphorisch.
    „Verrückt? Das Licht! Du musst bei besserem Licht mich sehen! Als du hier eintratst, dieses Licht gab dir das völlig falsche Bild. Du verkennst mich!“, sagte der Mann hinter der Theke flehend, sich beinahe auf den Räuber stürzend, so als würde dies sein Argument stärken. Jener, sich hilflos des Wahnsinns seines Gegenübers wissend, denkend, dass ein Ausweg unmöglich zu finden wäre, schoss voll Inbrunst erst einmal, dann noch einmal als sein Opfer nach hinten fiel, dann noch einmal als er zu Boden glitt, dann noch einmal als jener aufblickte und dann noch einmal als er seine Augen schloss. Der Räuber wusste, dass dieser Mann ihn niemals angesehen hatte, sein Blick war woanders gewesen, es musste da wohl dunkel gewesen sein, seinen Pupillen nach zu urteilen. Der Räuber verschwand, das Geld interessierte ihn nicht mehr, das Licht hatte ihn die Dinge anders sehen lassen.


    Der Räuber fuhr in die Stadt, es war Nacht und doch hell. Wieder war es hell, wieder wollte er etwas tun, was er schon immer tun wollte, doch nie hätte er es tun sollen. Er rang mit seinem Gewissen, ob er gesehen würde in dieser Helligkeit. Es war nicht schwer jemanden zu sehen, wenn es so hell wäre, doch es war nicht leicht zu sagen, ob man auch richtig sah. Am Tag gab es nur die Sonne und die Schatten, die von deren Abwesenheit kamen. Doch in der Nacht, in der es nur Dunkelheit geben sollte, da waren so viele Lichter! Nein, nicht nur der Mond, auch noch andere Lichter. Welch eine schreckliche Erfindung dieses Licht! Wer würde nur wollen so viel auch in der Nacht zu sehen, besonders da Sehen auch immer ein Irrtum sein würde, denn nie würde man wissen, ob man richtig gesehen hatte, so man nicht würde auch fragen. Aber wen sollte er fragen! Nein, allein musste er sein um das zu tun, was er tun wollte, aber nur konnte er es nun wollen, weil das nötige Licht für diesen Weg auch in der Nacht da war. Selbst der dunkelste Weg war so beschreitbar, ohne dass man bemerken würde, dass es ein dunkler Weg wäre, aber man wollte ihn ja beschreiten! Was gäbe man doch nur für das Vergessen des Willens in solchen Stunden, lieber nur Sollen und Müssen, die Einfältigkeit hat auch ihre Stärken, war er sich sicher. Diese Stärken waren eine Hilfe immer blind zu sein, immer nur das zu sehen, was in einem war, nicht dieses Licht, dass einem jeden Weg weisen konnte und man so das tun konnte, was man wollte, oh, welch Unglück könnte nur durch die eine oder andere Dunkelheit bewahrt werden. Man muss wohl auf ewig die Dunkelheit lieben, um zu wissen, was in einem vorgeht!
    Als er nun vor der Tür der Wohnung stand, so war er überrascht sie geöffnet zu finden. Er hatte das Licht im Hausflur angeschaltet um die richtige Wohnung zu finden. Endlich hatte er den Weg dorthin gefunden, wohin er wollte. Alle Hindernisse, welche einen unnötigen Schatten warfen, waren beseitigt. Nun würde er endlich erfahren, was er sich seit Ewigkeiten gewünscht hatte! Verheißung trieb ihn unachtsam in die Wohnung, das Licht folgte ihm, den Weg weisend wie ihn verwirrend, ihn verführend sich des Weges sicher zu sein. Als er vor der letzten Tür stand, so zögerte er. Sie musste schlafen! Oh, sie schlief in der Dunkelheit! Welch wunderschönes Bild dies gab in seinem Verstande! Sie war nun frei! Er hatte sie befreit, sie befreit von dieser Dunkelheit. Zu lange hatte sie auf die lichten Erscheinungen und Hoffnungen verlassen. Nein, er würde ihr den Weg weisen, auch ohne Licht. Und als er die Tür aufstieß, traf ihn der Schock: Das Licht! Er hatte das Licht vergessen. Helle Strahlen fielen in das Schlafzimmer. In den dunklen Schatten wirkte es durchaus unscheinbar und friedlich, aber im Lichte brannte es rot in den Augen, rot!
    „Herr Peindorf!“, rief eine Männerstimme. Eine Frauenstimme flüsterte hektisch.
    Aber er blieb vor dem Zimmer stehen, er war zu spät, sie war verloren, sie würde auf ewig in der Dunkelheit bleiben. Für einen Moment beneidete er sie, aber er würde die Wahrheit aufweisen. Aber als die Männerstimme sich in Form eines Polizisten auflöste, der entsetzt das Rot ansah und die Frau dazukam, welche schrie „Herr Peindorf! Sie sind’s Herr Peindorf! Sie können nicht mehr leugnen, sie sind enthüllt!“, in jenem Moment wollte er die dunkle Wahrheit enthüllen, er wollte all das sagen, was er hätte sagen wollen. Aber er ward verkannt! Verkannt! Das Licht, hätten sie ihn doch nicht so gesehen! Der Polizist setzte ihm Handschellen an. Der Räuber, der Mörder, der Zwilling, der Liebhaber, er ließ sich stumm verkennen, nur das Licht stumm anklagend.
    Und als er von dem Polizisten zur Haft abgeführt wurde, so waren seine letzten Worte leise gesprochen und in einem Momente, wo so viele Schatten wie irgend möglich um ihn versammelt waren, er flüsterte: „Endlich ist der Gerechtigkeit genüge getan.“