Erinnerungen (Kurzgeschichte)

  • Und hier eine weitere Kurzgeschichte von mir. Dieses Mal aus der Perspektive eines alten Mannes ^^ .




    Er konnte nicht schlafen. Vor dem Fenster rasten Autos, laut waren sie und ihre schnell vorbeiziehenden Lichter tauchten das Schlafzimmer in einen schnellen Wechsel aus der Helligkeit des Tages und der Dunkelheit der Nacht. Mit geschlossenen Augen hätte man nicht wissen können, ob es Tag oder Nacht ist. Was sollte er tun? Vielleicht ausziehen, sich ein Haus auf dem Land suchen… Nicht, dass er darüber nachgedacht hatte, aber ihm fehlte das Geld und dann auch noch umziehen in seinem Alter! Er war 78, kein Alter für große Veränderungen – so hatte er es beschlossen.
    Er lag wach im Bett, die Lichter bewegten sich durch das Zimmer, die Umrisse der Gardinen waren manchmal im Licht erkennbar. Er braucht Jalousien, dachte er. Aber wozu? Es ist ja nicht störend am Tag, nur in der Nacht ist es störend. Am Tag würden die Jalousien stören, sie sahen hässlich aus, befand er. Hässliche Dinge wollte man nicht ins Tageslicht stellen. Aber nachts… Nachts wollte er schlafen, also musste er dieses Prinzip ändern. Er könnte auch tagsüber schlafen, dachte er. Tagsüber sind nicht solche Lichter da. Also muss er am Tag schlafen. Aber wer schläft am Tag?! So ein Unsinn! Jeder würde ihn für verrückt halten, dass er am Tag schläft. Er drehte sich zur Seite, schaute nun vom Bett auf die Tür. Er könnte im Wohnzimmer schlafen. Dort ist es dunkler. Sollte er? Nein, er erinnerte sich:
    Er wachte auf, er hatte nicht im Schlafzimmer geschlafen, sein Rücken schmerzte. Seufzend stand er auf.
    „Verdammt!“, fluchte er laut.
    „Was schläfst du auch auf dieser Couch!“, erhob seine Frau beschuldigend die Stimme als sie sein Leid erkannte.
    Sie hatte Recht, aber er hatte ihr noch nie gerne Recht gegeben: „Die Kälte, ich sage dir doch, es ist die Kälte!“
    Seine Frau musterte ihn zweifelnd: „Die Kälte?“
    „Ja, die Kälte! Du lagst ja noch nicht hier, also kannst du es gar nicht wissen.“, antwortete er verbittert.
    Seine Frau schwieg und begann wieder das Frühstück vorzubereiten.
    Wenn er so darüber nachdachte, dann sollte das Fenster in der Nacht geschlossen sein, solange es Winter ist. Kälte macht sich nicht gut hatte er an jenem Tag beschlossen und es wäre seltsam Gegenteiliges im Schlafzimmer zu behaupten, wenn er es auch schon im Wohnzimmer behauptet hatte, welches doch natürlicherweise immer wärmer als das Schlafzimmer war. Er drehte sich auf den Rücken, schaute zum Fenster.
    Ein Auto, zwei Autos, drei Autos… und sie rasten vorbei, es interessierte sie nicht, ob sein Fenster offen war oder nicht. Er musste es wohl oder übel selber schließen. Aber aufstehen? Seine Beine waren nicht mehr die Besten, er würde wach werden. Wenn er also aufstehen würde, dann würde er wach werden und dann bräuchte er sich auch keine Gedanken mehr dazu zu machen, wie er besser schlafen könnte. Er würde es ertragen müssen. Es ist ja nicht so, dass er es nicht ertragen könnte, versicherte er sich. Er war ein Mann und er hatte schon Schlimmeres erlebt als ein offenes Fenster in der Nacht. Es war aber auch wirklich kalt diese Nacht, dachte er. Er erinnerte sich: Wohnzimmer auf fünf, Flur auf eins, Schlafzimmer wie immer null, die Küche… Er hatte es vergessen! Die Heizung war immer noch auf null! Ein kaltes Schlafzimmer war nichts, aber eine kalte Küche… Er musste die Heizung aufdrehen, nicht auszudenken, wenn er in einer kalten Küche frühstücken müsste. Verdammt, er musste wieder fluchen. Es war ihm schon einmal passiert:
    „Schatz, warum ist die Küche kalt?“
    Seine Frau hatte wieder diesen nörglerischen Ton an sich.
    „Hast du die Heizung nicht hochgedreht?“, fragte er.
    „Das wolltest du doch machen!“, fuhr sie ihn scharf an.
    „Aber du warst zuletzt in der Küche!“, sagte er aufgebracht.
    Am Ende stritten sie zehn Minuten, wer nun hätte was machen sollen, was jener aber nicht gemacht hatte. Es stelle sich heraus, dass keiner das machte, was er tun sollte.
    Er lag wieder auf der Seite und schaute zur Tür. Auf einmal begann ein dumpfes Hämmern. Rhythmisch, aber schnell, es war nervend, nicht weil der Rhythmus schlecht war, sondern weil es Nacht war. Nachts wollte man schlafen, ruhen, aber dieser Rhythmus war nicht ruhig, wollte nicht zum Schlafen geleiten. Er musste wieder fluchen. Er fluchte oft in letzter Zeit. Der Staat geht einfach zugrunde, dachte er. Er spürte es schon. Seine Enkel schauten ihn immer zweifelnd an, wenn er dies sagte. Sie hielten ihn für verrückt und das, wo er schon dutzende Jahrzehnte mehr gesehen und erlebt hatte als diese Rotzbengel. Er mochte seine Enkel nur weil sie seine Enkel waren, ansonsten schienen sie kein Interesse haben ihm zuzuhören. Wer mochte schon Menschen, die einem nicht zuhören konnten?
    Er wusste wieder, was der Auslöser war:
    „Was wünschst du dir zum Geburtstag, Mark?“, fragte er nett seinen Enkel.
    „Einen Gameboy.“, sagte er fröhlich grinsend.
    Hilfe suchend und verwirrt wendete er sich zu seiner Tochter.
    Sein Schwiegersohn sagte zu ihm: „Ist so eine Art Computer, Papa.“
    Er mochte es nicht, wenn man ihn Papa nannte. Deshalb mochte er seinen Schwiegersohn auch nicht.
    „Gut, dann kauf ich dir einen, Mark.“
    Er freute sich, weil sein Enkel sich freute. Hätte er zu dem Zeitpunkt gewusst, wie viel solche Dinger kosten, hätte er eher seinem Enkel erklärt, was Bescheidenheit bedeutete. Aber wenigstens wusste er jetzt, warum sein Schwiegersohn damals so grinste.
    Er schaute zur Decke. Das dumpfe, rhythmische Hämmern war nicht verschwunden. Wie hieß der Kerl, dachte er wütend. Er könnte aufstehen und sich beschweren. Aber er kannte nicht seinen Namen, wie sollte er sich beschweren ohne seinen Namen zu kennen? Er könnte unten an der Haustür nachlesen, aber seine Augen… In den letzten Jahren waren sie seltsamerweise schlechter geworden. Vielleicht lag es an dem ganzen chemischen Kram in den Mahlzeiten, die man heutzutage im Supermarkt findet. Deshalb vertraute er nur Bio, der Rest ist nur giftiger Müll, kein Grund sein Leben aufs Spiel zu setzen, er wollte leben, also musste er Bio essen. Er hatte sofort gemerkt, dass seine Sehkraft besser wurde. Seine Augenärztin dachte anders.
    „Sie brauchen eine Brille, Herr…“, begann sie.
    „Eine Brille?! Ich habe mein Leben lang keine Brille gebraucht. Ich kann noch gut sehen. Das… Das ist nur, weil ich zu wenig Schlaf heute hatte.“, fuhr er sie wütend an.
    Sie verzog das Gesicht, aber schwieg. Er hatte bis heute keine Brille.
    Na gut, er würde damit leben, beschloss er. Er war ein erfahrener Mann, der schon Schlimmeres erlebt hatte. Aber schlief immer noch nicht. Dies war ein Problem. Bumm, Bumm, Bumm… Immer so schien sich das Geräusch zu wiederholen, immer ein dumpfes Hämmern, unendlich nervend, unendlich sich fortsetzend, unendlich monoton, aber er lag im Bett. Er lag im Bett und das Hämmern war laut, aber über ihn, er konnte nur hören, er sah nichts, er konnte seine Hand nicht ausstrecken und etwas berühren, er konnte nicht einfach rufen „Sei still!“, er konnte nicht einfach dem Übeltäter in die Augen starren, ihm ohne Worte zeigen, was er wollte, ja weder Worte noch sonst irgendwas konnte er jetzt noch gebrauchen. Die Autos würden draußen weiterfahren, immer Tag und Nach innerhalb weniger Sekunden in seinem Schlafzimmer ablaufen lassen, der monotone Rhythmus seines störenden Nachbarn würde immer weitergehen, ohne das er sah, was dies für seine Nachbarn bedeutete und er, er würde nicht schlafen können.
    Er drehte sich nach links und wollte etwas sagen.
    „Ah…“, er erinnerte sich. Seine Frau ist tot.