Ein Abenteuer (eine kleine Kurzgeschichte)

  • Eine kleine Kurzgeschichte mit naturalistischen Ansatz aus der Perspektive eines kleinen Jungen. Es ist einer meiner ersten Versuche mich vom Fantasygenre wegzubewegen, also würde ich mich über Kritik und Meinungen freuen ;) .
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    Es war still, wie immer an einem Sonntagnachmittag hier. Also war es normal. Ich stand alleine vor dem Haus meiner Eltern. Es war nicht mehr jung, schon in Gebrauch seit meiner Urgroßeltern. Tradition nannte man es in der Öffentlichkeit. Geldsparen unter vorgehaltener Hand. Der weiße Anputz war aber frisch. Ein kleiner Lottogewinn hatte es ermöglicht und ich, wie auch meine Eltern, dachten, dass nun bessere Zeiten kommen würden – mit einem kleinem Lottogewinn, der gerade mal für eine notdürftige Reparatur von ein paar Dingen reichte. Der eigentliche Beginn neuer Freuden war eine Notwendigkeit, eigentlich verzögert, zu spät, aber ich würde auch da sein – später, wenn ich eine Familie hätte. Jetzt nicht, jetzt war ich ein Kind, noch, konnte ich sagen und sagte es mit Freude.
    Meine Mutter sagte oft: „Wir sollten weg von hier.“
    Sie sagte „wir“, aber meinte mehr sich selbst, wenn sie dies sagte.
    Mein Vater dann: „Dort ist es auch nicht besser als hier...“
    Er sagte nicht viel, aber immer dasselbe.
    „Aber hoffen...“
    Hoffnung war ein schönes Wort für meine Mutter. Ich mag es auch.
    „Das ist Träumerei.“
    Mein Vater mag es scheinbar nicht. Vielleicht hatte er keine Hoffnung.
    Ich ging auf die Straße, sie war mit Löchern übersäht, manche mit Teer geflickt, was die Straße wie eine ramponierte Dorfstraße aussehen ließ. Ich wohnte aber in einer Kleinstadt, auch wenn die Straße die ich entlangging von größtenteils leerstehenden Eigenheimen an der Seite geschmückt wurde („Kleinstadt ist der Name, der Rest die Realität“, sagte einst mein Vater). Sie wirkten alt, oft nur mit einem Schild „Zu vermieten Tel.Nr. ...“ und den Rest wollte man gar nicht sehen. In dem einen oder anderen Haus war ich mit meinen Freunden drin gewesen. Als Mutprobe. Den Mut die Besitzer anzurufen hatte aber keiner. Deswegen war es auch leer, stellte ich fest.
    Die Straße war leer. Verständlich, schalt ich mich, es war Sonntagmorgen, heute will man ausschlafen. Die Sonne war schwer erkennbar hinter den grauen Wolken am Himmel. Aber es war hell, heller als in der Nacht. Wenigstens etwas, dachte ich und zog meinen Kragen höher. Es war Herbst, der Wind schon kalt, es würde bald Winter sein und der war immer kalt. Und ich würde wieder Kohlen schippen müssen.
    „Warum haben wir eine Kohlheizung.“, hatte ich meinen Vater auf einen Zettel geschrieben. Es war eine Übung, die ich oft am Tag wiederholen sollte und auch musste. Zur Verbesserung meiner Schreibschrift. Meine Eltern verstanden mich auch so schneller, meinten sie manchmal. Aber es war nur für die Schule, man lernte auch bekanntlich fürs Leben, nicht für die Schule. Ein wenig mehr Übung in der Freizeit würde mir also das Leben erleichtern.
    Er hatte dann geantwortet: „Frag in zehn Jahren und dann wirst du es hoffentlich nicht mehr wissen müssen.“
    Ich fragte nicht weiter. Man fragt nie zweimal, es war unhöflich. Meine Mutter fragt oft, wenn sie denkt, dass ich nicht da bin und dann streiten sich meine Eltern. Zu oft fragen bringt Streit, lernte ich daraus.
    Ich blieb vor einem Haus stehen. Es war alt, das älteste auf dieser Straße. Es hatte kein Schild, keine Telefonnummer, nicht einmal Mut würde es wohl retten. Die Fenster waren in löchriges Holz gefasst, die Scheiben meist zersplittert und so staubig, dass sie kaum von der braunen Fassade zu unterscheiden waren. Es war wie als würde das Haus zu Sand werden, vergehen, ganz langsam. Der Garten war schon mehr wie ein Wald, also wie ein Teil davon. Hohes Gras, dunkle wilde Bäume, zerrissene weiße Zäune, die nur noch zerbrochen zwischen Wald und Grundstück lagen. Moos war auf dem schwarzen Dach. Es würde vergehen, ganz langsam, unbeobachtet, ohne das jemand es retten würde. Aber es gehörte nun zum Wald wenigstens und bald würde es auch Wald sein.
    Ich ging weiter, verließ das Grundstück. Ich hatte nicht den Mut fremde Grundstücke alleine zu betreten. Als ich auf den Marktplatz kam, sah ich ein paar Menschen. Sie sahen müde aus, man sollte sie nicht ansprechen, sie wollten schlafen, suchten nur noch das passende Bett. Einer lag auf der Bank, er sah unordentlich aus. Er schlief, murmelte vor sich hin.
    Ich wollte vorbeigehen als er aufwachte: „Hah!“
    Er schaute mich an und sagte: „Wer bist du?“
    Sein Atem stank, ich ging einen Schritt zurück. Ich schwieg, blieb aber stehen.
    „Du hast nicht zufällig einen Euro, Kleiner?“
    Ich schwieg.
    Er seufzte und stand auf, machte einen Schritt auf mich zu, ich einen zurück, er wieder einen auf mich zu, ich schnell wieder einen zurück, er wurde schneller, begann zu grinsen, meine Nackenhaare sträubten sich, ich hatte Angst, sein Grinsen wurde breiter, ich suchte Hilfe, keiner war da, ein paar Schritte im Wechsel noch, er voran, ich zurück, ich stolperte, er kam näher und blieb stehen.
    „He, ich weiß, das ich furchterregend aussehe, Kleiner.“
    Ich zögerte. Sollte ich nun fliehen?
    „Ich war auch mal so klein wie du.“
    Er sollte wie ich gewesen sein? Ich konnte mir nicht vorstellen irgendwann wie er auszusehen. Er bemerkte meinen Blick und sagte: „Ah, du bist schüchtern oder? Nein? Naja, geht schon. Jeder wie es ihm beliebt, obwohl mir beliebte es zur falschen Zeit zu falschen Sachen. Man sollte wohl seine Liebe immer genau wählen.“
    Ich wollte nicht wählen, nein, ich lebte wie es meine Eltern wollten und ich war damit zufrieden. Aber später...
    „Was willst du werden? Feuerwehrmann? Polizist? Raumfahrer? Dies alles nicht? Dann vielleicht... Wissenschaftler? Auch nicht? Gute Wahl, die Träume von Kindern vergehen zu schnell, du ersparst dir wirklich den harten Teil des Erwachsenenseins, den, wo man realisiert, dass Träumen allein nichts bringt. Was ich mache willst du wissen oder?“
    Ich nickte.
    „Ja, dieser Onkel ist verloren. Ein Streuner. Was macht dein Vater?“
    Ich schaute ihn unwissend an.
    „Er auch? Ja, so geht es vielen. Kann keinem Übel nehmen seinen Kindern nichts davon zu sagen.“
    Ich schaute auf die Gasse rechts von mir.
    „Du musst gehen? Du solltest immer dran denken, dass das Leben kein Abenteuer ist.“
    Mir gefiel das letzte nicht. Ein Abenteurer wollte ich sein, so wie die Helden in den Büchern, Drachen erschlagen, Indianer treffen, das klang spannend, spannender als alles in dieser Stadt.
    Er schwieg eine Weile schaute mich ernst an, dann lachte er und ging. Er sagte nicht auf Wiedersehen, wahrscheinlich wollte er nicht, dass ich ihn wieder sehe.
    Ich ging die Straße hinunter zum Fluss. Aber ich konnte nun wählen, welchen Weg ich gehen würde: Den rechten oder den linken. Der linke würde zu den Ruinen von dem großen Fabrikgebäude führen. Der Recht führte zum kleinen Spielplatz. Ich würde ein Abenteuer erleben, versprach ich mir.
    Ich wiederholte in Gedanken: „Dies ist ein Abenteuer.“
    Es klang wie ein Scherz.
    Ich blieb stehen und wartete. Auf was? Die Straßen waren leer. Es war Sonntag Morgen. Natürlich war niemand da, auch nicht beim Spielplatz. Allein war ich schon immer beim Spielen und bei den Abenteuern. Ich hatte mich daran gewöhnt. Ich konnte nicht mit meinen Freunden umgehen, sie konnten mehr, besser sich verstehen, ich schwieg immer nur. Ein Nachteil, denn sie redeten viel und laut. Aber ich wollte ein Abenteurer werden, was neues entdecken, neues erleben. Ich ging dieses Mal nicht zum Spielplatz. Ich will kein Kind mehr sein. Ich bin nun ein Abenteurer.
    „Dies ist ein Abenteuer“, wiederholte ich stumm.
    Es klang nun besser.
    Ich ging den linken Weg zu den Ruinen. Dort würde mein Abenteuer beginnen. Ich rannte und rannte als ich innehielt. Die Ruinen waren erkenntlich. Da war aber nichts zu machen. Sie waren furchterregend und man konnte nicht herumtollen. Eine Mutprobe war dies nicht, niemand war da um meinen Mut zu bewundern. Meine Hoffnung sank und ich schaute mich um. Ich hörte den Fluss rauschen und dachte, dass ich an den Fluss gehen sollte und die Fische beobachten sollte. Aber das Gefühl, dass dies ein Abenteuer ist, blieb. Ich ging durch die Ruinen, so gut es ging. Wenigstens mir bewies ich Mut. Ich war stolz auf mich.
    Als ich an den Fluss kam, sah ich ein Mädchen an der Seite sitzen. Sie wartete.