The Dying Sun - Sterbende Sonne

  • Yo, hab den Forum durchgelesen und bin ziemlich beiendruckt, wie viele kreative Leutz wir hier haben ) Bekam Lust mitzumachen, deswegen stell ich hier mal die Geschichte, an der ich grade arbeite, rein, hoffentlich gefällt sie euch! Würde mich wahnsinig sowohl auf positive als auch negative Kritik freuen!




    The Dying Sun




    - Sie sehen Geister?


    Es war kalt im Zimmer, so verdammt kalt. Dabei hatte er alle Fenster und Türen sorgfältig zugemacht, die Zimmertemperatur sollte auch über 25 Grad sein…Doch ihm war kalt und die Kälte trieb schon wieder alles Gute aus seinen Gedanken.


    - Nicht wirklich…ich würde sie nicht Geister nennen, sondern eher…Schatten…dunkle und kalte…Schatten


    - Schatten also? Und seit wann sehen Sie diese, Mr. Kallon?


    - Ich weis nicht…es hat angefangen mit dem Tod meiner Mutter, denke ich…aber früher war ich sicher, dass es einfach meine Einbildung ist, Halluzinationen oder was auch immer…


    - Und jetzt glauben Sie…


    - Das es wahr ist, und das ist das schlimmste. Ich kann Sie sehen, verstehen Sie Doktor? Nicht die Schatten, die Menschen… ohne Schatten.


    Er sah Professor Weissmann, den selbsternannten „Schamanen der Psyche“(was wohl dieser Mist heißen soll?) an. Hoffnungslos, egal wie man’s sieht, es ist nur ein weiterer nichtwissender Fettsack.


    - Und was sind das für Menschen?


    - Mörder…manchmal sieht man nur, dass der Schatten nicht da ist…Früher hätte ich so was nicht bemerkt aber jetzt sehe ich aus Reflex den Menschen vor die Füße…Manchmal verändern sie sich so, dass man glaubt, man wäre in einem schlechten Horrorfilm gelandet…kennen sie „Langoliers“?...Ich versuche es mir nicht anmerken zu lassen, so ist es sicherer.


    - Und können die anderen Menschen diese Horrorgestalten auch sehen?


    - Nein…nicht wirklich.


    - Also sind Sie der einzige, der sie sehen kann?


    Atmen, ruhig bleiben. Das war nur eine einfache Frage, reg dich nicht auf.


    Er sollte nicht ausrasten. Noch nicht.


    - Sie glauben mir nicht und das nehme ich Ihnen nicht übel. Mir selber wäre es viel lieber, wenn ich der einzige wäre, der diese Visionen hat…


    - Aber?


    - Ich bin nicht allein. Es gibt nicht viele von uns, aber es gibt sie…Menschen, die auf der Anderen Seite waren.


    - Andere Seite?


    - Ja, eine andere Realität, die parallel zu unserer funktioniert.


    - Eine parallele Welt also…


    Jetzt war dieses Lächeln da, dieses vielsagende Lächeln, das man einem Verrückten schenkt, dieses „Oh, sie haben grüne Männchen gesehen“ Lächeln. Verdammt, Doc machte es ihm nicht leicht und noch dazu war es so kalt hier…


    - Nein, keine parallele Welt, unsere Welt, nur von der anderen Seite gesehen. Für sie klingt es bestimmt wie eine dieser verrückten Science Fiktion Geschichten aber glauben sie mir, diese Welt ist uns viel näher als uns lieb ist…


    - Sie haben also so was wie ein Tor gefunden, das in diese Welt führt?


    - Nein nein, vergessen sie diesen Scheiß sagte ich Ihnen, keine andere Dimension, keine Tore oder schwarze Löcher, durch die man reist... Stellen sie sich vor…Sie sind mitten in einer Straße voller Menschen, es fängt gerade an dunkel zu werden…Halbdunkel ist Vorraussetzung verstehen Sie? Sie fühlen die Kälte, die durch ihre Knochen geht, die Schatten werden länger und ein Nebel legt sich vor ihre Füße…Und dann hören sie die Schreie.


    Er verstand nicht. Kein Bisschen.


    - Was für Schreie?


    - Ich kann es nicht beschreiben, stellen Sie sich die Mischung aus dem Aufheulen einer Hyäne und dem Wind in den Bergen, haben Sie? Dann sind Sie trotzdem noch weit davon entfernt, dieses Geräusch in Worte zu erfassen…Ich hab versucht ihn aufzunehmen, auf die Camera, auf das Handy, mit einem teueren Aufnahmegerät - nichts hat funktioniert…Egal, wenn Sie diesen Schrei einmal gehört haben, werden Sie ihn nie vergessen, der Schreck sitzt Ihnen danach tief in den Knochen…


    - Also Sie haben den Schrei gehört und…


    - Machte einen Schritt nach vorn.


    Der Blick von Doc könnte man als „Langweilig, wann kommt die Stelle mit den Dinosauriern?“ interpretieren.


    - Einen Schritt??


    - Nur einen…kleinen Schritt. Klingt es einfach?...Könnte sein, doch nur sehr wenige können das sehen was ich gesehen habe und noch weniger Menschen waren auf der Anderen Seite….


    - Sind Sie also…


    Er konnte böses Lachen nicht unterdrücken.


    - Ein Auserwählter oder so was? Nein. Ich habe Ihnen doch nicht die wichtigste Vorraussetzung von allen erzählt, danach werden Sie die kleine Story besser verstehen…


    - Und die wäre?


    - Ein Mord. Im Grunde ist es ganz einfach, nur einer, der ein Menschenleben auf dem Gewissen hat, kann rein, der Rest nicht. Und wenn Sie es unbedingt wissen wollen, es war…


    - Nein, warum sollte ich…


    Tue nicht so, du willst es doch hören.


    - …Meine Mutter


    Professor Weißmann sah ihn lange Zeit schweigend an, wahrscheinlich dachte er nach, ob er weitermachen oder lieber gleich gehen soll.


    - Sie haben mir doch vorhin erzählt, sie wäre bei einem Autounfall ums Leben gekommen als Sie noch 9 Jahre jung waren?


    - Das ist wahr… Doch ich war schuld an dem Unfall…Ich hab mich nie gefragt, wieso ich die Dinge sehe, die ich sehe…Ich wusste, dass ich ein Mörder bin…das ist nur ein weiterer Beweis dafür.






    Morgen der 13 April 2004. der Tag an dem Es seinen Anfang nahm.




    Ich wandelte durch diese Kälte,


    Kein Sonnenschein fiel auf meinen Pfad.


    Dies war mein Grab,


    Die Hölle, die ich wählte


    Die Sonne starb.






    Es regnet weil die Engel um uns weinen, hat ihm seine Mom immer erzählt. Wenn sie weinen, dann lacht wahrscheinlich die Hölle und Eli lachte auch, sie war sein ganz persönlicher Dämon. Sie lachte obwohl draußen Wasser von Himmel fiel wie russische Raketen im zweiten Weltkrieg…Er fragte sich, wenn er Noah wäre, wen er in sein Boot mitnehmen würde…


    - Sind Sie schon wieder eingeschlafen, Mr. Bookman?


    Frau Rosenberg, ihre Kunstlehrerin sah ihn scharf an hinter ihren riesigen Gläsern. Die „Rosie“, wie die Studenten sie nannten, hatte eine tiefe Stimme, die fast schon männlich klang und ihre Zähne waren so glänzend weiß, sodass man ihr oft nicht direkt ins Gesicht schauen konnte, sonst wäre man geblendet wie von der Sonne.


    - Nein, Frau Rosenberg, ich hab nur…kurz nach draußen geguckt.


    - Sind Sie also schon fertig mit ihrem Bild?


    - Ja.


    - Dann zeigen Sie’s mir!


    Jake nahm das Bild an dem er letzte zwanzig Minuten gearbeitet hat, vom Tisch und stand auf. Alle Blicke richteten sich sofort auf ihn. Er wusste was sie dachten. „Dieser Angeber“, „Streber“ – er konnte es in ihren Augen lesen. Jake wagte nicht in Eli’s Richtung zu schauen, wahrscheinlich war sie nicht anders aber er wollte, dass sie besser von ihm dachte als die anderen. Seine neue Klasse war er vom Tag 1 unbeliebt, weil er überall der beste war: Mathematik, Deutschunterricht, Geographie, Englisch, Französisch und Latein, nur im Sport war er schlecht. Aber noch mehr hassten sie ihn weil ihm nichts was auszumachen schien, er war nie bemüht irgendetwas zu machen, er schaffte alles mit Leichtigkeit. Dabei konnte Jake gar nichts dafür, er würde gerne wie die anderen sein, doch man kann nicht aufhören arrogant zu wirken, wenn man es erst gar nicht ist…


    - Scheiß auf sie, das sind alles nur Versager, siehst du den Neid in ihren Augen? Hör auf dich davon zu verstecken, genieße es!


    Er blieb wie angewurzelt mitten im Klassenraum stehen. Nicht schon wieder! Diese Stimme in seinem Kopf, einen Moment war sie da und dann wieder weg, doch wann immer sie kam, er hatte keine Chance sich zu wehren.


    - Scheiß auf die Klasse, du bist denen nichts schuldig! Scheiß auf die sogenannten „Kumpels“, sie beneiden dich noch mehr als die anderen! Scheiß auf Rosie mit ihrem falschen Lächeln, eigentlich will sie nur in Ruhe gelassen werden und dann kommst du… „Baam! Ich muss arbeiten!“ du überforderst sie und das mag die Schlampe nicht.... “Sei doch bitte so blöd wie die anderen! Hör auf nachzufragen!“ Guck hinter diese hässliche Brille, dann siehst du es in ihren Augen!


    - Nein!


    - Du bist zu naiv! Wenn andere über dich schlecht denken, bist du traurig. Nicht nur das, du fängst sogar über dich selbst schlecht zu denken oder schwimmst im Selbstmitleid!


    - Lass mich in Ruhe!


    - Hast du nicht im letzten Mathetest mit Absicht ein Fehler gemacht, nur um nicht die Bestnote zu bekommen? Wie armselig! Du bist unbeliebt aber man respektiert dich für deine Leistung, verlierst du die, bist du ein Niemand in deinen eigenen Augen!




    - HALTS MAUL!




    Stille. Sie war weg…Diesmal hat er wohl geschafft, seinem „Alien“(so nannte er ihn) Paroli zu bieten oder „er“ ist abgehauen, weil er alles gesagt hat, was er wollte. So oder so, für eine Weile hatte Jake seine Ruhe.


    - Haben sie was, Mr. Bookman? Rosie sah ihn scharf an. Die Brille ist wirklich hässlich, dachte er für sich.


    - Nein, hab nur kurz nachgedacht…über so Sachen.


    - Dann denken sie bitte im Sitzen nach und nicht im Stehen, sonst behindern Sie die anderen Schüler.

    Die Klasse lachte. Er blickte in die Runde und machte sich auf dem weg zum Lehrertisch


    - Jaky ist heute ausergewöhnlich langsam, nur 20 Minuten! - erhob die Stimme Martin, der Blondschopf, dessen Hauptmerkmale riesige immer lächelnde blaue Augen und Sommersprossen waren…Und vielleicht große Fäuste, mit denen er gut umgehen konnte, was Jake ein paar Mal an seiner eigenen Haut erleben durfte.


    Die ganze Klasse lachte wieder. Rosie musterte währenddessen das Bild, das sie von Jake bekam und legte es danach beiseite. Perfekt! – sagte sie nach einer Pause. Sie sagte immer „perfekt“, nie „gut“ oder „sehr gut“ wie bei den anderen wenn es hieß, man bekommt eine Eins, nur perfekt. Manchmal dachte er, sie würde es mit Absicht machen. Außerdem sprach sie ihn immer auf englische Art mit „Mister“ an, was dazu führte dass auch seine Mitschüler ihn öfters so nannten um ihn zu ärgern.


    Rosie lächelte ihn an. - Mr. Bookman kann jetzt sich eine Pause erlauben, ich will aber dass der Rest nach 5 Minuten auch fertig ist!


    Als Antwort gab es leise Fluche und Beschwerden. Jake seufzte auf und ging aus dem Klassenzimmer, die Leute hier lieben mich ja immer mehr.


    Feedback hier


  • Die letzte Deutschstunde fiel aus und Jake machte sich auf den Weg nach Hause. Es regnete immer noch und der Himmel sah aus wie ein sich ständig bewegender Rabenschwarm. Und er hatte wieder kein Regenschirm dabei, eigentlich hatte er nie eins dabei. Jake hasste Regenschirme.


    Draußen schlug ihm der Wind entgegen, als ob er ihn aufhalten wollte. Von allen Seiten versuchten sich Menschen zu der U-Bahn Station durchzuschlagen, Schüler waren wie gewöhnlich am schnellsten wenn es um Nachhausegehen ging. Jake stieg in die überfüllte U-Bahn ein und schloss die Augen, während Menschenmasse ihn an die Türe drückte, auf denen „do not open“ stand. Er fragte sich immer, was diese Nachricht bringen soll, denn die Türen würden während des Fahrens eh nicht aufgehen.


    Jake war todmüde und als er aus der U-Bahn ausstieg trug er Gerüche dutzender anderer Menschen mit sich, was ihn nicht sonderlich freute. An der Oberfläche hat der Regen gestoppt, was aber noch übrig blieb waren die Pfützen, so riesig, dass man in ihnen schwimmen könnte.


    Jake zählte die Minuten und Meter, die ihn von der warmen Dusche und dem Sofa fernhielten und dachte zum hundertsten Mal über die Kunststunde nach, vor allem über sein zweites „Ich“, dessen Existenz er vor einem Jahr entdeckte und das ihn verängstigte aber auch faszinierte. Ja, es führte alles auf diesen Traum zurück.


    Der Schlag in den Rücken kam wie aus dem Nichts und Jake stolperte blind nach vorne, aus Seinen Gedanken gerissen und erschreckt.


    - Hey, du Penner – Martin Debbs stand mit Seinen zwei Kumpels, dem fetten Patrick aus der Parallelklasse und einem Mann in Lederjacke, den Jake nie davor gesehen hat und der zu alt für einen Schüler aussah, auf der Straße und lächelte ihn böse an. Die Sonne kam raus und spiegelte sich in Martins Haaren und sein Gesicht strahlte förmlich. Wie ein Ritterschild aus den Büchern, die Jake als Kind nie lesen wollte.


    - Was willst du? – Jake versuchte die Stimme so cool wie möglich klingen zu lassen doch versagte kläglich.


    - Weißt du was Klugscheißer? Martin ging langsam um ihn herum als markiere er die Linie, die Jake nicht überschreiten durfte. – Eine Sechs! Ja eine Sechs. Wegen dir habe ich heute eine Sechs in Kunst bekommen und nur weil du unbedingt halbe Stunde vor Schluss dein perfektes Bild abgeben musstest!


    - Hör zu Martin, es tut mir leid…


    - Halt die klappe! Du weißt was jetzt kommt, oder?


    - Du weißt mittlerweile, Martin, ich prügele mich mit niemanden. Klar, nur das Blöde ist, auch wenn du keinen Schlagen willst, wirst du gerade deswegen geschlagen.


    - Das hast du schon letztes Mal gesagt als du von mir eine verpasst bekommen hast! Martin lachte ihm ins Gesicht. – Oh, warte, ich hab dir gar nicht meine Freunde vorgestellt! Patrick kennst du ja schon, der große hier ist Ruben…


    - Martin mach die Scheiße schnell sonst gehe ich – eine tiefe Stimme platzierte Worte wie Schläge, ruhig aber hart. Jake sah den Sprechenden noch mal an. Ruben war ungefähr Meter neunzig groß, hatte einen gepflegten Bart und sah aus wie zwanzig.


    - Ich hab Training um 18, wenn ich zu spät komme… Während er sprach, sah Ruben Jake an, nur das sein Blick an keiner Stelle stehen blieb und einfach durch ihn durch ging. So sieht man ein unwichtiges Objekt an.


    - Okay okay man, das dauert nicht lange. Martin drehte sich wieder zu Jake um.


    - Du hast ihn gehört Bookman, denk schnell nach, entweder du kämpfst oder ich verprügele dich noch übler als letzte Woche!


    Schöne Perspektive. Jake hatte keine Ahnung, warum er das hier durchzog und nicht einfach wegrannte, in einer Minute würde er zu Hause und in Sicherheit sein… Doch das Bild von Eli stand ihm vor den Augen. Wenn sie dass erfährt…Schlimm genug, dass er sich in der Schule ständig blöd anstellt, von ihr als Feigling angesehen zu werden wollte er um keinen Preis! Aber du hast etwas versprochen…vor langer Zeit, nicht wahr?


    - Ich kämpf… nicht. Ich bin Pazifist, das habe ich dir…


    Die Faust traf in auf die Nase, Martin wollte ihn wohl nicht ausreden lassen. Danach bekam er einen Schlag mit dem Knie auf die Rippen und fiel um. Jemand trat ihm auf den Kopf, wahrscheinlich Patrick, Ruben würde bei jemand wie ihn nicht mitmischen.


    Er sollte einfach liegen bleiben, irgendwann werden sie schon aufhören…


    Glaubst du das etwa?


    Stummes Geräusch, salziges Geschmack im Mund…Morgen wird er einfach so tun als ob nichts passiert ist…


    Kannst du das?


    Er ist nicht weggelaufen, er hat nur nicht gekämpft…


    Der Blonde wird bestimmt in der Schule allen erzählen wie er dich vermöbelt hat.


    Sekunden fuhren langsam vorbei wie tonnenschwere Tracks. Er ist kein Feigling…


    SIE wird es auch erfahren.






    …Seine Haare waren klebrig von Blut, seine Augen geschwollen. Er sah nur Schatten im roten Nebel. Etwas hinderte ihn daran sich aufzurichten…eine Hand, er schlug sie weg.


    Er spürte etwas… Eine riesige dunkle Welle, ein Zunami, der all seine Ängste und Zweifel wegfegte, überschwemmte ihn.


    Eine Lavine aus heißem Zorn.


    Die Schatten vor ihm bewegten sich, er schlug drauf ein, traf etwas, schlug noch mal zu…Schmerz kümmerte ihn nicht mehr, er fühlte sich wie in einem Stummfilm, der in Slowmotion abgespielt wird.


    Du siehst ihn nicht aber du spürst seinen Atem, hörst seine Schritte. Schlag zu! Fester! Schlag ihn bis er liegt!


    Die Stimme von Alien war nicht mehr nur eine störende Fliege an seinem Ohr, sie steuerte ihn und gab Befehle…


    Doch er war zu müde, seine Schläge zu schwach und unplatziert. Sein Atem kam schwer aber noch viel wichtiger, er hat es gebrochen. Das Versprechen, das er in seinem Herzen trug und nie brechen durfte….


    Jemand kam mit langsamen Schritten auf ihn zu, leise wie eine Raubkatze…


    - Pazifist, huh?


    Etwas traf ihn. Dunkelheit.

  • Er wachte auf einer Bank vor seinem Haus auf. Martin und seine Kumpels waren weg, wahrscheinlich waren sie es auch, die ihn hierher getragen hatten.


    Es war schon spät am Abend, die Sonne näherte sich langsam dem Horizont und der Spielplatz vor ihm war auch leer, was er aber auch sonst fast immer war… Es ist keine gute Gegend für Kinder, sagte oft seine Mom.


    Er machte langsam die Augen auf und dann wieder zu, seltsame Ruhe überkam ihn. Er spürte die Schmerzen in jeden winzigsten Teilen seines Körpers, doch das machte ihm nichts aus. Kalter Wind berührte zärtlich sein Gesicht, wie eine liebende Mutter ihr Kind berühren würde, wie seine Mutter ihn berühren würde und dann sagen das die Zeiten sich ändern und das man nicht in Vergangenheit blicken muss, sondern nur nach vorn.


    Er konnte nicht. Er sah in die Zukunft und erblickte nur noch mehr Trauer und Verluste. Das Einzige, woran er sich noch geklammert hat, sein Versprechen, war jetzt auch weg und seine Seele war leer wie eine trockene Wüste. Er saß auf der noch nassen vom Regen Bank und erinnerte sich an den Tag, als er seinen besten Freund getroffen hat.




    - Du bist doch der eine Amerikaner der hier wohnt?


    Der Junge sah ihn an, seine riesigen braunen Augen musterten Jake, als wäre er eine seltsame Käferart oder ein komisch geformter Stein.


    - Mein Vater sagt, Amerikaner machen Kriege und sind böse! Er sah Jake an als erwartete er ein Ja, doch der angesprochene war gerade mit seinen blutenden Nase beschäftigt, außerdem waren die Wolken, die er beobachtete viel interessanter als dieser komischer Kerl, der aus nirgendwo kam und seltsame Fragen stellte.


    - Aber ich finde dich cool! Ich hab nämlich gesehen, wie du dich mit zwei älteren Typen angelegt hast und sie von dir weggerannt sind!


    Jake musste lachen, hielt sich dabei aber vorsichtig an den Rippen fest. Ihm kam vor er wäre ein Kartenhaus, bei jeder kleinsten Berührung könnte er in Stücke zerfallen.


    Besiegt…Die sind mit meinem Geld abgehauen, Schwachkopf…


    Er sah den Jungen zum ersten Mal genau an. Er war ungefähr in seinem Alter, war aber kleiner, sauberer und seine braune Locken waren akkurat geschnitten…kurz gesagt er sah aus wie einer dieser reichen Kinder aus dem Süden der Stadt, über die seine Mutter sagte; „Die kriegen doch alles was sie wollen, deswegen haben sie keine Ahnung wie schwer das Leben sein kann…Und später werden sie alle Zahnärzte“


    - Du bist stark.


    Der Junge sah ihn sehr ernst an, als ob er damit seinen Worten noch mehr Gewicht verleihen könnte. Dann sagte er den Satz noch mal:


    - Du bist stark! Wirklich sehr stark!


    - Ich weiß Schwachkopf. Was ist damit?


    Jake bereute sofort überhaupt etwas gesagt zu haben. Was wollte dieser komische Kerl überhaupt von ihm? Egal was, Jake hatte nichts für ihn.


    - Wir könnten ein Team bilden und uns gemeinsam gegen diese Typen verteidigen! Du kannst mir beibringen wie man so gut kämpft und dann werden sie uns nichts antun können!


    - Was?


    - Wir bilden ein Team, sowie in Comics! Wie Batman und Robin!


    Er würde sich totlachen doch er konnte nicht. Klar, wusste er dass die Comics nur ausgedachte Geschichten waren, doch schon so oft hätte er sich gewünscht, irgendwas Besonderes tun zu können…Vielleicht wäre dann alles anders.


    - Und dann läufst du zu deinem Daddy und verrätst ihm alles. Nein, außerdem kann ich mich selbst verteidigen…


    Er sollte sich auf den Weg machen, der Gespräch verwirrte ihn, genauso wie der Typ selbst. Ich hatte nie jemanden. Und ich brauche auch niemanden.


    - Nimm meine Hand. Du kannst dich so wie du bist nicht mal aufrichten, kannst du?


    Er versuchte es, doch musste gestehen das der lockige Typ Recht hatte. Zwei Sekunden sah Jake die Hand an als wäre es eine giftige Schlange, doch dann nahm er sie und stand auf. Danach ohne ein Wort zu sagen drehte er sich um und machte sich auf den Weg nach Hause. Seine Mutter wird wieder schimpfen und ihn an die Hausaufgaben setzen aber immer noch besser als hier seine Zeit zu verschwenden.


    - Ich habe keinen Daddy.


    Jake blieb stehen, drehte sich aber nicht um.


    - Vor zwei Monaten…Meine Eltern hatten ein Autounfall, danach sind Mamy und Papa nicht mehr aufgewacht. Kristina sagt sie sind beide im Himmel, Kristina ist meine Oma. Sie ist einbisschen taub deswegen war es mir langweilig mit ihr in der Wohnung allein…


    Jake hörte ein Schluchzen.


    - I-i-ich wollte nur…stärker sein. Wollte nur so stark sein wie du…Aber ich kann nicht, ich bin schwach und eine Heulsuse, ich bin…


    Wenn er sich jetzt fragen würde, warum er damals nicht einfach wegging, wüsste Jake die Antwort nicht. Mitleid war es nicht, ihre Gegend war voll von solchen Geschichten…Und wenn er nach Ähnlichkeiten zwischen ihnen suchte, fand Jake auch keine. Marc(und so hieß der Junge mit braunen Locken) war ein netter, lieber Kerl, bei dem statt einem „Ja“ oder „Nein“ als Antwort man gleich eine ganze Geschichte zu hören bekam…Jake dagegen war eher einer der in der gleichen Situation einfach genickt oder mit dem Kopf geschüttelt hätte.


    Und trotzdem blieb er und so fing ihre Freundschaft an, Freundschaft die für Jake damals der Sinn und die Bedeutung seines Leben war…


    - Und diese Bedeutung hast du ausgelöscht.


    Jake machte mit einem Schlag die Augen auf. Marc stand vor ihm, mit der Pelzjacke und einer Baseballmütze, so wie er ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Er hatte auch seine Schultasche dabei und lächelte ihn wie immer freundlich an. Nur seine Augen passten nicht zu diesem Lächeln, sie waren wie schwarze Tunnels, leblos und böse. Marc sprach mit der Stimme von Alien – Du Wichser hast mich ausgelöscht.“




    Hier zum Feedback




    9 Tage nach meinem ersten Besuch rief Professor Weißmann bei mir an. Ich habe es nicht erwartet, auf meine Frage hat er nur kurz gesagt –„Es hat was mit Ihrem Fall zu tun. Kommen Sie so schnell wie möglich vorbei“ Natürlich war ich gleich am nächsten Tag bei ihm. Hat der Angeber etwa die Lösung für mein Problem? Doch wie es sich herausstellte hatte er jetzt ein eigenes.


    Es war ein regnerischer Nachmittag und sein Haus in der Buchwälderstrasse kam mir leer und verlassen vor. Professor Weißmann war geschieden und hatte keine Kinder, zum ersten Mal kam mir der Gedanke dass er einsam sein musste. Ich klingelte an der Tür, sagte in die Sprechanlage meinen Namen und wenige Sekunden später machte mir Professor die Türen auf. Diesmal hatte er nur einen Pulli und Jeans an. Kein Anzug, keine Krawatte. Und er schwitzte. Er schwitzte und hatte in den Augen den gleichen Ausdruck, den ich jeden Morgen im Spiegel sah: Ungewissheit. Angst. Verzweifelung….


    Ich stand da, an die Türrahmen gelehnt und fing an zu lachen. Ich musste lachen, lachte meine Seele weg…. über ihn aber vor allem über mich selbst und meine Hoffnungen.


    Noch lachend kam ich an dem wie erstarrt stehenden Professor vorbei und schmiss mich auf den Sofa in dem Empfangzimmer. Dann sah ich ihn an und mein Lachen blieb mir im Hals stecken. Weißmann war kreidebleich und zitterte am ganzen Körper. Etwas ist passiert, etwas schlimmes.

    - Sie sind ein Mörder. Stimmt’s Doc? Es war nur eine Vermutung, doch was sonst konnte es sein? Eins mit eins zu addieren war hier kein Problem, in der Schule war ich immer gut in Mathematik…


    Er setzte sich jetzt auch hin, richtete seine Augen auf mich und fing an zu erzählen: „Selbstverteidigung. Es war ein Einbrecher, hier, in diesem Haus. Etwa vor 4 Monaten habe ich mitten in der Nacht Krach gehört, im rechten Flügel…Nahm das Gewehr und kam nach unten aus dem Schlafzimmer. Es war ein Junge…Sechzehn Jahre alt, er hatte ein Messer dabei und versuchte von hinten auf mich einzustechen…Ich schoss auf ihn…Sieben mal, ich war in Panik, total aufgedreht…. Er hat aber noch gelebt, 3 Stunden lang und starb im Krankenhaus.


    - Er hat laut geschriehen, Doc. Vor Schmerz, er musste schreckliche Schmerzen haben.


    - …Ja. Dann wurde er ohnmächtig, kurz darauf kam die Polizei.


    - Aber davor hat er etwas zu Ihnen gesagt, richtig? Was war es?


    Professor sah mich lange an bevor er antwortete.


    - Er sagte…dass ich ein Mörder bin. Dass ich in der Hölle brennen würde.



    Dienstag der 14 April 2004. Der Traum und das Tor.


    Ich sehe in Spiegel,


    Erblick nur ein Schatten,


    Verliere zunehmend


    Mein eignes Gesicht.


    Ich will alles lieben,


    Doch kann nur noch hassen.


    Der Schatten bin ich.



    Jake kam erst um 10 Uhr abends nach Hause, legte sich auf das Sofa und machte den Fernseher an. Er sah sich ein Paar Musikvideos bei MTV an und schaltete die Glotze wieder aus. Ihm war nicht danach und seine Gedanken waren immer noch dort, auf dem verlassenen Spielplatz vor seinem Haus. Hat er halluziniert? War Marc ein Tel seines Traums oder etwas, das aus seinen Erinnerungen und Schuldgefühlen entstanden ist?


    Bevor dieser Traum erschien, träumte Jake öfters von Marc. Meistens ging es um die Zeit, die sie miteinander verbracht haben: ihre Spiele, kleine Streiche oder die Kämpfe gegen die anderen Jungs aus der Gegend. Nur einmal träumte er von seinem Tod, in diesem Traum stand er alleine vor Marc’s Grab und sprach mit Marc, der mit einem Fussball in den Händen auf dem Gras saß und sich nicht in den Grab legen wollte. Jake fragte ihn: „Was meinst Kumpel, bist du tot?“


    Marc lächelte ihn an und schüttelte mit dem Kopf


    „Oder lebst du noch?“


    Marc schüttelte wieder mit dem Kopf und warf mit dem Fußball auf ihn, als ob er sagte „Komm, lass uns spielen“. Doch er sagte nie wirklich etwas, es war wie ein Stummfilm in dem die Schauspieler durch Menschen aus seinem Leben vertauscht wurden…


    Doch nie in diesen Träumen war sein Freund wütend auf ihn. Nie in diesen Träumen war er wirklich tot, nicht so wie dieses Mal. Nie hatte er diese bösen Augen oder sagte mit der Stimme von Alien zu ihm „ du Wichser hast mich ausgelöscht.“ Nie davor hatte Jake Angst vor ihm.


    Marc in diesem Traum war nicht real. Alien war nicht real. Doch sie beide existierten, irgendwo in seinem Kopf und wenn sie angefangen haben sich zu verschmelzen war etwas nicht in Ordnung. Total nicht in Ordnung.