Dunkle Träume

  • Der erste Teil ist fertig und der zweite Teil beginnt jetzt. Wie im Feedback angemerkt, wird der zweite Teil in drei Teile geteilt werden, welche immer durch eine Ouvertüre eingeleitet werden. Und jeder Teil besteht wiederum aus drei Kurzgeschichten, wobei jeweils eine Geschichte aus jedem der Oberbereiche eine gewisse Entwicklung darstellen (thematisch, im Sinne von Charaktern, aber auch plottechnisch).
    Als Hinweis sei hier angemerkt, dass der Inhalt oft sehr philosophische Tendenzen hat, also ist schon ein gewisser Anspruch an den Leser gestellt mit dieser Art zu schreiben auch umgehen zu können.


    Teil 1: Der Traum, der alles änderte


    "Weil aber angenommen wird, dass während des Schlafens die Werkzeuge der Sinne jedes neuen Eindrucks unfähig sind, sodass also kein neuer Gegenstand auf sie wirken kann, so muss bei diesem Ruhestand der Sinne ein Traum eine weitaus größere Klarheit haben als alle Vorstellung eines Wachenden." Leviathan: Zweites Kapitel - Von der Einbildungs- und Vorstellungskraft, Thomas Hobbes



    Die Kinder rannten lachend und heiteren Mutes in den Wald. Die Sonne war beinahe untergegangen und tauchte die Welt in ihr dämmriges Zwielicht und die scharfen Konturen der Welt verschwammen im Nahen der Nacht. Die dunklen Schatten der Bäume wogen sacht in dem kühlen Nachtwind, der so gespenstig heulte, so sehr die Wanderer warnte weiter voranzuschreiten – doch die Kinder, acht waren es, ignorierten jene Warnungen, welche die Natur aussprach, denn so groß war Neugier und Scham vor ihren Kameraden, dass selbst die Angst, jener sechste Sinn, der die Menschen diesen Ort meiden ließ, ihren Schritt weder verlangsamte noch sie in ihren Lachen zögern ließ. Ja, gar war die Angst gebannt für jenen Augenblick und selbst der Wind verstummte, als die Kinder in den dunklen Wald traten. Vielleicht war er zu ermüdet um weiter die Kinder zu warnen oder selbst er wagte es nicht jenen Wald zu betreten, ihn mit seinen Winden zu durchwehen.
    Die Kinder verteilten sich im Wald um Verstecke zu spielen und gerade jene gespenstige Atmosphäre unter dem dichten Blätterdach, dass so dicht war, wie es nur im fruchtbarsten Frühling sein konnte, stachelte die Kinder an nur noch toller zu sein, auf das der Ruhm ihre Mutes noch heller erstrahlen mochte. So unberührt und urtümlich wirkte dieser Wald, dass selbst das Rascheln der Blätter wie die Erinnerungen uralter Wesenheiten so alt wie die Dämmerung klang. Aber die Kinder in ihren jugendlichen Trieben, die noch frei waren von jeglichem Makel, frei von jeder Belehrung, die die Welt sie hätte lehren müssen, hielten nicht inne und lauschten nicht den dunklen Worten getragen von den widernatürlichen Winden jenes Waldes. Und so versteckten sich alle. Ein Junge mit dem Namen Georg war es, der erkoren wurde der erste zu sein, der suchen sollte. Er war immer der erste, denn er war immer der schlechteste im Verstecken und so war er es immer, der bereitwillig lieber suchen wollte, als sich zu verstecken. Als er bis hundert gezählt hatte, wobei er mehrere Zahlen übersprungen hatte um schneller suchen gehen zu können, denn nun alleine wie er war, war ihm die ganze Sache mulmig und er wollte nicht mehr alleine sein, öffnete er die Augen um mit dem Suchen zu beginnen und erschauerte bei dem Anblick des nun schon gänzlich dunklen Waldes. Sein Herz begann in einem hektischen Rhythmus zu schlagen, als er die eigentlich üblichen Geräusche des Waldes vernahm, doch nun da er allein war, klangen sie verzerrt und auf eine seltsame Art und Weise bösartig und gefährlich. Und als er nun durch den Wald rannte, nach seinen Kameraden schreiend und sie anflehend zurückzugehen, so antwortete ihm niemand, denn zu wahrscheinlich dachten seine Freunde an eine Täuschung um sie hervorzulocken.
    Doch Georg suchte seine Kameraden schon seit einer Stunde und war sich sicher, dass er sich verlaufen hatte, denn egal wohin er blickte, so sah er immer nur Bäume und die dunklen Weiten des Waldes. Zwei weitere Stunden irrte er und kam dann aus dem Wald raus. Gepeinigt von Angst und Entsetzen rannte er nach Hause um Sicherheit zu suchen, um jene alptraumhafte Welt hinter sich zu lassen, die er ohne sein Wissen betreten hatte. Als er abends im Bett lag, war er froh über seine Entscheidung obwohl er sich vor seinen Freunden schämte und er legte sich die Worte zurecht, wie er seinen Freunden seine Feigheit zu erklären.
    Er wusste nicht, dass er nie dazukommen würde jene Worte der Reue auszusprechen, denn seit jenem Tage hatte weder Georg, noch sonst irgendjemand, seine Freunde je wieder gesehen.


    1. Kapitel: Erinnerungen
    Tagebucheintrag: 17. November
    Dunkelheit. Ewige Dunkelheit. Und dann auf einmal ein Ausgang, ein Weg nach draußen. Natürlich ergriff ich sie. Und da war ich nun – zurück an dem Ort, der nie mein Zuhause gewesen war, denn die Bindung zwischen diesem Ort und meinem Leben war dünn wie Glas und so bitter wie eine Zitrone.
    Warum? cafe-anime.de/attachment/14138/
    Intuition – dieses unterbewusste Gefühl alles zu wissen. Ich nenne es Erinnerung. Aber warum? Wenn man sich entscheiden soll, ob man den rechten oder den linken Weg wählen soll, dann handelt mach nach der Intuition, aber im Grunde gehen wir im Unterbewusstsein all unsere Entscheidungen durch, die wir in ähnlichen Situationen je getroffen haben und dabei kommt heraus das eine Entscheidung erfolgreicher war als die andere. Wir handeln mit der möglichst höchsten Erfolgswahrscheinlichkeit – aus unserer Sicht. Am Ende sind wir nur Bilder unserer Erfahrungen. Wahrscheinlich könnte jeder vernünftige Mensch nun eine Weisheit zu berichten wissen oder irgendein Zitat aus einem Buch nennen können, aber ich kann es nicht.
    Warum?
    Zeit – diese Einheit die alles in der Welt ein Verfallsdatum gibt, diese Konstante, die alle ändert. Ich nenne es eine Illusion. Aber warum? Wenn ein Leben nur aus Qual, Folter und Monotonie besteht, dann spielt Zeit keine Rolle. Zeit wird dann in Ereignissen, in Meilensteinen gemessen – wovon ich wenig hatte, was bedeutet, dass ich keine Ahnung habe, wie viel Zeit vergangen ist. Aber mein Leben war nicht immer so. Früher war es... anders. Dessen bin ich mir sicher. Aber ich weiß nicht mehr wie es war.
    Warum?
    Vergessen – dieser Schleier der sich über die Gedanken legt und alles unter sich begräbt. Dies ist wahre Folter. Aber warum? Erfahrung gibt uns alles. Wenn ich Leid durch eine dornige Pflanze erfahren habe, dann fasse ich sie anders an. Erfahren bedeutet Lernen. Lernen bedeutet Wissen und ich hatte viel. Die mageren Reste, die ich heute besitze, sind nichts wert. Ich habe vieles vergessen und dazu zählte mein früheres Leben. Aber es gefiel mir nicht. Das Leben was danach kam war trotzdem nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Jeden Tag arbeiten. Ganz allein saß ich tagelang in lebendigen Schatten, die mich umkreisten und darauf warteten, dass ich einen Fehler machen würde. Aber ich tat ihnen nicht den Gefallen und irgendwann konnte ich fliehen.
    Nun war ich hier. Zurück in der Heimat. Aber ich erkannte nichts. Und mit der Erinnerung hatte ich etwas verloren, was mich all die dunklen Jahre am Leben erhalten hat – mein Zuhause.
    ____________________________
    Ich weiß nicht, wer diese Zeilen schrieb, aber lesen konnte ich sie in meinem Tagebuch seit ich denken kann. Ich weiß nicht, was sie bedeuten, ich weiß nicht wer sie schrieb, aber von dem Moment an als ich dieses Tagebuch in einem Wald fand und diese Zeilen las, wusste ich, dass ich es füllen musste, ihm Erinnerungen geben musste auf das dieser Sinn der Einsamkeit in diesem Text verschwinden konnte. Sollen die folgenden Aufzeichnungen voll Glückseligkeit sein, denn ich Markus Geherich bin nur ein ganz normaler Mensch mit einem ganz normalen Leben – und jenes war bei weitem nicht so einsam und tragisch, wie diese Zeilen es sind.


    Georg lief durch die verlassenen Straßen der Kleinstadt und genoss die angenehme Ruhe. Aber es war nicht still, denn die für den Sommer typischen Grillen zirpten und der warme Nachtwind sang sein trauriges Lied als er Georg durch seine kurzen blonden Haare fuhr. Georg betrachtete sein Spiegelbild in der dunklen Pfütze unter der Laterne, die wie ein dunkles Loch wirkte, so tief, dass man am Ende nur sich selbst sah anstatt des zu erwarteten Grunds. Georgs Züge wirkten traurig und seine runden Gesichtszüge sowie seine gewittergrauen Augen spiegelten seine düstere Stimmung wieder. Er hatte sich verändert seit damals vor zwölf Jahren.
    Zwölf Jahre...
    Zwölf mal war er hier langgegangen und war den Verlauf jenes Tages immer wieder durchgegangen, zwölf mal hatte er sich versucht zu erklären, was passiert war. Ein Tier, hatten sie ihm damals gesagt. Ein Bär oder ein Rudel Wölfe, doch Georg hatte schon damals in ihren Gesichtern gesehen, dass sie nicht einmal ihren eigenen Worten glaubten. Was war damals passiert? Vielleicht lebten ja seine Freunde noch? Was würden sie von ihm nun denken? Georg riss sich von seinem Spiegelbild los und ging ein paar Schritte weiter, als er an einer Seitengasse anhielt. Er wusste nicht warum, aber sein Blick wurde auf die kleine Bar gezogen, deren Reklame durch zwei kleine Strahler an der linken und äußeren Seite erhellt wurde.
    „Zur Guten Hoffnung“.
    Ein passender Name für diesen Tag, dachte Georg. Langsam ging er auf die Bar zu und öffnete die Tür, erwartend von den Stammgästen sofort wieder herausgeschmissen zu werden, denn jene waren sicherlich bestimmt schon besoffen. Georg schaute kurz auf seine Uhr am linken Arm. Es war eine komplett aus Silber bestehende Uhr und sie wog schwer, was ihn zuerst gestört, aber er hatte sich darin gewöhnt. Es war ein Erbstück seines Großvaters gewesen, der eine gewisse Manie bezüglich des Sammelns von Uhren besaß. Georg hatte all seine Uhren bei seinem Tod geerbt. Er hatte sie alle verkauft bis auf jene, die er trug. Warum er gerade jene behalten hatte, wusste er nicht, zumal es nicht einmal die wertvollste gewesen war. Aber sie sah so rein aus, so unschuldig und sie erinnerte ihn an den silbrigen Glanz des Mondes von damals...
    Georg seufzte als er an die Worte von Lilly, seiner ersten Liebe, denken musste, die ihm immer vorgehalten hatte, dass er zu sehr an der Vergangenheit hängen würde. Er hoffte nur, hatte er damals geantwortet, dass er eines Tages es verstehen würde. Was gab es da zu verstehen, gab sie verzweifelt zurück. Er hatte sich abgewandt und mehr zu sich selber als zu ihr gesagt „Alles.“. Danach hatte sie ihn nie wieder danach gefragt. Wahrscheinlich hatte sie es akzeptiert oder einfach aufgegeben.
    Georg betrat die Bar und die Stille darin traf ihn wie eine Faust. Mehrere alte Männer saßen stumm an ihren Tischen und starrten ausdruckslos auf ihre Gläser. Keiner schein ihn zu beachten, als er sich an die Bar setzte. Der Barkeeper putzte auf eine mechanische Art und Weise ein Glas, das längst sauber zu sein schien. Sein Blick starrte ins Nirgendwo, ohne irgendeine Art von Emotion oder Geistesgegenwart zu zeigen. Überhaupt wirkte die Kleidung der Gäste alt und staubig und tatsächlich beobachtete Georg angewidert, dass auf manchen Schultern schon eine Staubschicht lag, sodass selbst der einst edle schwarze Anzug des Barkeepers eher grau als schwarz wirkte. Jetzt brauchte er erstmal einen Cognac, dachte er und wollte sich an den Barkeeper wenden um seine Bestellung abzugeben, als jener mit einer Flasche in der Hand auf Georg zukam und vor ihn das passende Glas hinstellte während er Cognac eingoss, bloß um sich ein anderes Glas zu greifen und wieder in derselben Position und in denselben Bewegungsabläufen zu verharren, die Georg schon am Anfang beobachtet hatte. Gruselig, dachte Georg finster und war sich nun sicher, dass er das Lokal lieber gleich wieder verlassen wollte.
    „Nicht alles was verloren zu sein glaubt, kann nicht wieder entdeckt werden.“
    Georg schaute links neben sich auf den Hocker an der Bar, den er leer geglaubt hatte. Nun saß ein zierliches junges Mädchen mit feuerroten Haaren neben ihm. Sie trug eine weiße Bluse und einen langen, grünen Rock, der ihr über Knie ging und sie lächelte ihn an, als hätte sie gerade einen alten Bekannten begrüßt. Georg konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, dass sie nach Rosen roch. Ein ziemlich starkes Parfüm, dachte Georg, aber es war gut und er überlegte sie danach zu fragen, denn dann hätte er ja endlich ein Geschenk für seine Mutter zu ihrem Geburtstag. Aber sie schien auf eine Antwort von ihm zu warten, denn ihr Ausdruck wurde fragend und sie musterte ihn eindringlich.
    „Wie meinst du das?“, gab Georg ein wenig holprig zurück.
    Die Situation wurde ihm nun ein wenig ZU seltsam.
    „Du wirst es verstehen, wenn es soweit ist.“
    „Was werde ich dann verstehen?“
    Das Mädchen schaute auf ihr Glas und flüsterte kaum hörbar: „Deine Suche...“
    „Meinst du das mit meinen Freunden? Was weiß du darüber?! Sprich!“
    Die letzten Worte schrie Georg bald und einige der sonst passiv wirkenden Gäste blickten zu ihnen auf, obwohl sich ihr Gesichtsausdruck in keinster Wiese veränderte. Georg sah sich um und bemerkte die leeren Blicke, die ihn fixierten. Schaudernd wand Georg sich wieder zu dem Mädchen, das ihn unbeeindruckt und ruhig ansah.
    „Es ist mir nicht erlaubt mit dir jene Informationen zu teilen. Es würde ihnen nicht gefallen.“, sagte sie und zeigte dabei auf die anderen Gäste der Bar und den Barkeeper.
    Georg schaute sie fragend an und sie fuhr fort: „Rastlos sind sie, immer wartend auf das Ende, auf die Erlösung. Aber sie hängen zu sehr an ihrem Leben, zu sehr an ihrem Leid um sich gehen zu lassen. Sie sind verflucht.“
    „Warum?“, fragte Georg neugierig.
    „Sie sprachen Worte, die niemals gesprochen werden durften. Sie sahen Dinge, die niemals gesehen werden durften. Sie taten Dinge, die niemals hätten geschehen dürfen. Sie sind der dunkle Schatten, der Wasser in Blut verwandelt. Sie sind der Makel, der Genuss in Hedonismus verwandelt, der Zorn in Sadismus wandelt. Sie sind hier, weil sie böse sind.“
    „Eine sehr farbenreiche Beschreibung, aber ich weiß immer noch nicht wer sie sind.“
    Das Mädchen lächelte nur und sagte geheimnisvoll: „Ich glaube die Antwort wäre Grund genug ihnen Gesellschaft leisten zu müssen.“
    „Und warum bin ich dann hier?“, fragte Georg ohne den Unterton der Angst in seiner Stimme verbergen zu können.
    Das Mädchen lächelte nur und sagte: „Alles zu seiner bestimmten Zeit.“
    Georg wollte auf einmal schreien, wollte diesen Ort verlassen. Alles in seinem Körper spannte sich vor dem unfassbaren Entsetzen, dass in der Luft lag, dieser unheimlichen Stille in der jede Unmenschlichkeit Platz zu haben schien und schlimmeres darüber hinaus.
    Georg erschauerte wieder bei seinen Gedanken und dem Anblick der Szenerie und fragte das Mädchen: „Werd ich sie jemals wieder sehen?“
    Als er keine Antwort erhielt blickte er zu dem Platz wo er das Mädchen erwartet hatte und sah einen leeren Platz. Sie war verschwunden und als er sich wieder in dem Lokal umsah, erkannte er, dass auch die anderen Gäste verschwunden waren, sowie der Barkeeper. Nur der Cognac auf dem Tresen zeigte ihm, dass er nicht geträumt haben konnte. Außerdem war die Beleuchtung noch eingeschaltet. Georg trank sein Glas in einem Zug aus und verließ das Lokal. Vielleicht war dies hier ein Zeichen gewesen und es gab wirklich Hoffnung oder er begann jetzt einfach wahnsinnig zu werden.
    Nicht alles was verloren zu sein glaubt, kann nicht wieder entdeckt werden.
    Das waren ihre Worte gewesen und er wusste, dass sie wahr waren, er fühlte es. Er würde die Wahrheit finden, egal was es ihn kosten würde.
    Und genau deshalb hatte er Angst.


    Der Himmel war ein funkelndes Meer aus Sternen und dazwischen das endlose Dunkel. Sollte man es schön nennen? Ich weiß nicht, wie man es nennen soll, denn was ist am Ende Schönheit im Angesicht dieser Unendlichkeit. Ist Schönheit nichts Vergängliches? Wie kann ein Mensch, das Lebewesen, dass durch seine Endlichkeit, seine Sterblichkeit bedingt ist, über die Unendlichkeit urteilen? Kann ein Mensche von Unendlichkeit reden? Wenn er es nicht könnte, wie kann er es einem Namen geben? Wenn Worte die Welt definieren und Worte eine Erfindung von etwas sind, dass endlich ist, so muss das Produkt zwangsläufig auch endlich sein und so – die Welt. Wir denken nur über die Anfänge der Unendlichkeit nach, was heißt: Wir wissen nichts davon.
    Warum denke ich dann daran? Ich stand alleine an dem geisterhaften Teich, auf dessen Oberfläche ein weißer Nebel schwebte. Auf seiner Oberfläche spiegelte sich nichts oder ich konnte dank des Nebels nicht tief genug sehen. Ich lächelte und wusste, dass die Unendlichkeit genauso sein musste – ein verschleiertes Spiegelbild. Seltsam, dass man nie das getan hat, was man in jenem Falle hätte tun sollen – in den Himmel zu blicken. Warum tue ich es dann nicht?
    Ich wusste es nicht und so drehte mich einfach um und ging zurück auf den Gehweg. Bei den vielen Gedanken verliert man sich am Ende noch selbst, dachte ich seufzend. Mein Name war Markus Geherich. Ich hasse meinen Namen, ehrlich gesagt. Ich werde ihn ändern lassen, wenn ich das Geld dazu habe, aber jetzt bin ich nur ein einfacher Schüler, was nicht heißen soll, dass mein Leben dadurch einfacher wäre. Meine Eltern starben letztes Jahr und nun stehe ich alleine da. Nicht einmal entfernte Verwandte habe ich.
    Die Einsamkeit kann grausame Dinge mit der Vernunft eines Menschen machen. Das Schlimmste: Vergessen. Ich hatte mich an mein Leben gewöhnt. So sehr, dass ich manchmal über mich selbst erschrak, wie wenig ich noch mein altes Leben wertschätzte. Ich konnte nicht mehr über meinen Verlust trauern, denn da war nun kein Verlust mehr, sondern nur der ewige Wandel des Lebens. Aber wahrscheinlich ist dies das bittere Los mit dem Leben. Man verliert nie etwas – man bekommt es nur anders zurück.
    Was soll ich sagen zu meinem Leben? Ich könnte über meine Schule erzählen, meine Freunde, meine bereits verstorbenen Verwandte usw. – aber am Ende wäre ich wieder bei mir gelandet, denn solange ich über mich erzähle, wie will man dann wissen, wer ich bin, wenn man nur hört, wie ich denke - zu sein? Das Leben wird nicht von der eigenen Hand geschrieben, genauso wenig von den Händen der Menschen um mich herum. Ich will nicht auf das Schicksal oder Gott hinaus. Das erstere wäre fatalistisch, das letztere blind. Der Wille. Ich glaube fest daran, dass ein Mensch es weit bringen kann, solange er weiß was er will. Natürlich wissen dies die meisten Menschen nicht – und ich auch nicht. Ein wertloses Leben also, so muss es dem erscheinen, der mich kennt, aber warum dann hier? Ich meine, welchen Sinn hat es, ohne Zweck zu existieren? Aber ich bin jung, 17 Jahre alt. Viele sagen, dass sie viel Zeit haben in diesem Alter. Aber eines hatte ich schon früh gelernt: Bei der Dauer eines Weges, kommt es nicht auf dessen Länge, sondern auf das Ziel an.
    Nun wusste ich, warum niemand in den Himmel blickte. Er war unendlich – ein Weg ohne Ziel. Also das genaue Gegenteil des Menschen. Warum der Himmel trotzdem schön ist? Man kann die Dunkelheit sonst nicht vom Licht abgrenzen.
    Hätte ich in jenem Moment nicht wieder zum See geblickt, so hätte ich sie wahrscheinlich übersehen, aber so wandte sich mein Blick zu ihr. Ich weiß nicht, wie ich es hätte beschreiben sollen, aber seltsamerweise war das erste was ich fühlte Furcht, so als wäre es nicht richtig, dass sie dort stand, als könnte sie eine Gefahr für mich sein. Aber wie konnte sie? Warum sollte ich in jenem Moment nicht meinen Augen vertrauen, wie ich es sonst auch getan habe? War das nicht der Grund warum ich sorgenfrei durch das Leben ging, weil ich meinen Sinnen vertrauen konnten?
    Langsam und doch mit ein wenig Furcht näherte ich mich der Gestalt. Es war, wie ich schon festgestellt hatte, ein Mädchen. Ich konnte nur ihre dunkle Jacke und ihre Jeans erkennen, sowie das lange rote Haar, dass bis zur Hälfte ihres Rückens ging. Mich wunderte es, dass sie mich nicht bemerkte, selbst als ich genau neben ihr stand, war ihr Körper starr. Ihr Gesicht, von der Seite betrachtet, war auf jeden Fall etwas, was man wohl als wunderschön bezeichnen konnte. Ihre Züge waren verstörend perfekt und ihre grünen leuchtenden Augen wirkten wie zwei Smaragde in dem wie gemeißelten, makellosen Gesicht. Ich verlor mich fast in jenen hypnotischen Augen und nur meine Furcht hielt mich davon ab, sie minutenlang anzustarren. Wer war sie? Ich wagte es aber nicht, die wahre Frage auszusprechen, selbst in Gedanken nicht, denn die wahre Frage war: Was war sie?


    Georg lief mit betrübter Stimmung nach Hause. Ihm war eigentlich nicht danach nach hause zu gehen. Sein Sohn würde wieder ihm in den Ohren liegen, was er alles bräuchte. Und seine Frau würde sich wieder über seinen faulen Sohn aufregen, dass er sich lieber auf die Schule konzentrieren sollte. Und dann würden sie beide wieder minutenlang streiten und irgendwann würde dann einer der beiden ihn ansehen, mit diesen zornigen Augen, diesen Augen, die ihn aufforderten Partei zu ergreifen. Aber für wen, frage er sich dann immer? Welches Recht hatte er denn über das Leben anderer zu urteilen, wenn er sein eigenes nicht mal im Griff hatte? Sein Sohn war auf dem Weg nach unten, das wusste er. Seine Frau konnte nichts dagegen tun und ihre Arbeit zusammen mit jenen Problemen quälten sie psychisch immer mehr. Sie wurde immer gereizter und ungeduldiger von Tag zu Tag. Und er? Was war mit ihm? Er sah zu – er sah nur zu...
    Und da fragen sie ihn Partei zu ergreifen. Was sollte er denn tun? Was erwarten sie von ihm? Ja, das waren die Worte, die er ihnen sagen würde, aber die Wahrheit sah meistens so aus, dass er schwieg. Er konnte nicht anders. Wenn man dieses Leid vor sich sah, wenn man sah, wie sich die Dinge entwickelt hatten, wie Hass Liebe ersetzt hatte, wie Misstrauen Verwandtschaft im Geiste aufgelöst hatte – wie sollte man da Partei ergreifen?! Er sah, wie Worte voll Hass und Zorn getauscht werden, zwischen den Menschen, die er liebt – und er soll Partei ergreifen!


    Die Straße war dunkel und die Straßenlampen waren nur dunkle Gerippe in der Nacht. Georg erinnerte sich schwach, dass wegen Reparaturen das Stromnetz ausgeschaltet wurde. Eine seltsame Zeit dafür, dachte er. Arbeiten die etwa um die Zeit, dachte er mürrisch. Aber ändern konnte er nichts daran und so war wohl jeder Gedanke daran verschwindet, beschloss er, während er auf der stillen Straße lief.
    Auf einmal blieb er stehen. Ein kalter, heulender Wind war durch die Straßen gefegt und hatte ihm einen Schauer über den Rücken gejagt. Was war das? Angst? Er sah sich vorsichtig um und sah nur wieder diese einsame Straße, begrenzt durch die kleinen stillen Häuser mit ihren Vorgärten. Es wirkte so ruhig – so verlassen. War es schon so spät, fragte er zweifelnd. Und mit einem male fiel sein blick auf das kleine Tor. Jenes kleine, schwarze Tor, das nur noch durch ein altes Vorhängeschloss, dass längst verrostet war, zusammen gehalten wurde. Das Grundstück dahinter war verwildert und das haus eine verfallene Ruine. Georg hatte hier mal gespielt, als er noch Freunde hatte. Als sie noch nicht – ihn verlassen hatten. Sein Puls beschleunigte sich, als Frustration und Verzweiflung seine innere Spannung ins Unermessliche erhöhten. Er fühlte sich, als müsste er etwas zerreißen, etwas finden, wo er seine Wut entladen konnte, als wäre er ein Blitz, der den nächstbesten Weg in die Erde suchte.
    „Verdammt!“, schrie er in die stille Nacht voller Verzweiflung – und er bekam keine Antwort.


    Kapitel 2: Entfernte Welten
    Tagebucheintrag: 18.November
    Es ist nicht so, dass ich in einer anderen Welt lebe, aber ich fühle mich nicht wohl hier an jenem Ort. Es ist nicht so, dass ich etwas misse, aber seit dem Tod meiner Eltern ist es einfach keine Heimat mehr für mich. Selbst die Erinnerungen der Vergangenheit ändern dies nicht.
    Doch ich glaube es ist nicht die Umgebung, die mich stört, sondern ich selber. Ich fühle mich – gespalten. Vielleicht sollte man mich verrückt nennen und traurigerweise war ich dies auch wahrscheinlich. Es kam immer wieder vor, dass ich einschlief und wieder woanders aufwachte ohne Erinnerungen an die Geschehnisse, die mich hierher führten. Ich habe Angst - vor mir selber.
    Ich geh oftmals wie jeder andere auch in die Schule und ich sehe daran nichts Seltsames. Doch wenn ich unter Stress stehe, wenn von mir verlangt wird mein Bestes zu geben (Leider nehme ich im Unterbewusstsein solche Dinge ziemlich ernst, auch wenn es meist nicht so scheint...), dann schalte ich ab und wenn ich dann den Schilderungen meiner Freunde glauben kann, bin ich dann ein anderer Mensch. Ich meine, man stelle sich vor, dass man nicht einmal sich selber mehr sieht, wenn man in den Spiegel sieht. Man fragt sich: Bin ich die falsche Persönlichkeit oder er? Wer bin ich dann? Vielleicht bin ich die Person, die nicht zum Wesen jenes Gesichtes passte.
    Aber ich lebe noch und das zählte wahrscheinlich am Ende und ich hätte mir keine Gedanken weiter darüber gemacht (wozu auch...), wenn nicht dieser Traum gewesen wäre...


    Ich war in einem dunklen, friedlichen Wald auf einmal. Die Änderung meines Standorts war plötzlich und ließ mich ein wenig taumeln, so als hätte ich mich in eine Achterbahn gesetzt und würde nun gerade von der anstrengenden Fahrt erholen. Die Grillen zirpten und ein frischer Wind, der den verschwindenden Geruch eines warmen Sommertages mit sich trug, wehte durch die Allee, in der ich gelandet war. Nun ist es so, dass es nicht ungewöhnlich ist, in einem Traum an seltsamen Orten zu sein und so dachte ich mir natürlich, dass ich einfach nur herausfinden sollte, was an diesem Ort war. Ich musste träumen, dachte ich. Das Mädchen, dieses plötzliche Teleportieren – dies konnte nur ein Traum sein.
    Ich bemerkte nach ein paar Schritten, dass ich auf einem Kiesweg ging und auch die Anwesenheit von weißen Laternen, deren Lichter von flatternden Motten umgeben war bemerkte ich nach einer Weile. Nach einer Weile fiel mir auch der See auf, der sich hinter den Bäumen am Rande des Weges verbarg. Und auch die Gestalt, die am Seeufer stand und auf die Wasseroberfläche blickte. Na gut, im Ganzen sah der Weg genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte, bloß das ich eigentlich hier schon einmal lang gelaufen bin vor ein paar Minuten und eigentlich an dem See stehen sollte. Dann musste die Gestalt am See das Mädchen sein.
    Ich näherte mich ihr, auf alles gefasst von meinem schlimmsten Alptraum bis zu... na ja eben anderen Sachen, die einem da so durch den Kopf gehen in solchen Momente, wo man annimmt, dass alles nur ein Traum ist. Die Gestalt vor mir war ein Jugendlicher, 17 Jahre alt. Er hatte schwarze unordentliche Haare und seine Kleidung war eine zerknitterte graue Jogginghose, deren originale Farbe nicht erkennbar war und dann noch ein ebenso unordentliches T-Shirt. Die Sachen waren seit einem Monat nicht gewaschen wurden. Ich hoffte, dass der Traum auch nicht ihren Duft nachahmte – aber nach ein paar Metern wurde ich leider in dem Aspekt enttäuscht. Das Gesicht des jungen Mannes war hager und die dunkelgrünen Augen fixierten mich mit einer Gelassenheit und Geistesabwesenheit, die keine Maschine besser nachmachen hätte können. Was mich an der Gestalt aber wirklich störte, war der simple Fakt, dass sie wie ich aussah!
    Es gibt viele Dinge, die ich verkraften konnte, seitdem ich den Tod meiner Eltern miterlebt hatte, aber diese Situation überstieg jene Grenze doch ein wenig – auch wenn es ein Traum war.
    „Huh?“, entfuhr es mir mit einer überraschten Stimme.
    Mein Gegenpart starrte mich weiter gleichgültig an. Nach einer Weile sagte er nahezu ohne jegliche Gefühle: „Du siehst wie ich aus.“
    „Ja, nicht ganz...“, antwortete ich kurz.
    „Eine Abweichung ist nicht auszuschließen, da du nicht ich bist und ich nicht du, was heißt das ich andere Eigenschaften als du habe und du andere als ich. Natürlich sind wir verschieden, aber wir sind dieselbe Person.“
    Während ich darüber nachdachte, wie man solche Wortspiele mit einer solchen Ruhe und Gelassenheit vortragen konnte, fuhr mein Doppelgänger monoton fort.
    „Aber ich freue mich, dass wir uns endlich begegnen konnten.“
    „Freude? Ich bin in einem Traum, wo ich einem Zwilling begegne, der wohl alles darstellt, was ich nicht sein will. Nicht gerade das freudigste Treffen vorgeführt zu bekommen, wie schrecklich man aussehen kann.“
    „Unwahrscheinlich. Alpträume verursachen Furcht nicht Bestürzung.“, antwortete der Doppelgänger neutral. Fühlte er sich nicht beleidigt, fragte ich mich verzweifelt.
    „Hast du überhaupt Gefühle?“
    „Ja.“
    Natürlich fasste ich dies in meinen Hintergedanken eher als ein nein auf. Nun blieb immer noch die Frage, was ich hier sollte.
    „Sag mal, warum wolltest du mich treffen?“
    „Weil wir den selben Körper bewohnen – Symbiose.“
    „Ja, jetzt haben wir uns getroffen.“, sagte ich entschlossen in der Hoffnung, dass mein Zwilling mehr sagen würde.
    „Ja.“
    Es gab schweigsame Menschen und dann gab es jene, wo ich meinen würde, dass selbst wenn man ihnen die Gelegenheit gäbe mehr zu sagen oder gar ihre Gedanken lesen würde, nicht mehr rauskommen würde. Diese Person gehörte zu Letzterem.
    Seufzend antwortete ich: „Ich weiß nicht, was ich hier soll und wie bin ich hierher gekommen? Ich war gerade dabei mit einem Mädchen zu reden, dass nicht seltsamer als du war.“
    „Eine abruptes Betreten dieses Ortes ist nicht ungewöhnlich.“, erklärte die Person mit dem unverständlichen Ton einer Person, die glaubte gerade das Offensichtlichste auszusprechen – was es aber natürlich nicht für mich war!
    Ich gab es auf von dieser Person irgendetwas Sinnvolles an Information zu bekommen und betrachtete meine Umgebung. Sie wirkte tatsächlich wie der Park, den ich kannte obwohl die Sterne am Himmel klar erkennbar waren – klarer als sonst. Es war als würde meine Stadt keinerlei Licht spenden um die Ansicht der Sterne zu stören und nach einem kurzen Umsehen erkannte ich durchaus, dass man von meiner Position nur in endlose Wälder starrte anstatt auf die funkelnden Lichter einer Kleinstadt, die man sonst zwischen den Bäumen funkeln sehen würde. Als ich wieder in den Himmel schaute konnte ich mich auch nicht des Eindruckes erwehren, dass die Sterne ihre Position verändert hatten. Das war wirklich seltsam und noch seltsamer wurde es als ich auch bemerkte, dass ich weiter von dem Weg mit den mottenübersäten Laternen entfernt war als ich mich erinnern konnte. In diesem Ort schienen auch andere Kräfte mich bewegen zu können als ich selber – eine furchterregende Vorstellung. Aber ich muss mich beruhigen. Das ist nur ein Alptraum, nur ein Alptraum, redete ich mir ein. Aber dieses eisige Gefühl, dieser Druck im Brustkorb, dieses nagende Gefühl der Machtlosigkeit – wie konnte man dies alles ignorieren? Wie oft hatte ich mir selbst ausgemalt, dass man in jenen Situationen ruhig bleiben konnte oder gar klar denken?! Es war einfach unmöglich. Die Vorstellung, dass dies alles nur ein Alptraum ist, macht ja den Alptraum nicht schöner.
    Ich rannte auf den Weg zu. Von dort aus sollte ich dann einen Weg nach Hause finden – nicht wahr? Ich rannte eine Strecke, die man mit sieben Schritten hätte durchqueren können in zehn Minuten, wo ich eigentlich eher sprintete als gemütlich gelaufen bin. Irgendwann stand ich auf dem Weg und ein dunkler grünlicher Schein bedeckte alles, so als würden die grünen Pflanzen von innen heraus leuchten. Der Weg führte in endlose dunkle Löcher, die man entfernt als die Anfänge endloser dunkler bedrückender Wälder ausmachen konnte. Ich rannte einfach geradeaus dem Weg entlang in der Hoffnung einen Ausgang oder dergleichen zu finden, obwohl ich natürlich keine Ahnung hatte, wie genau jener aussehen sollte. Auf dem Weg rannte ich immer weiter, aber konnte nicht die Geräusche raschelnden Grases ignorieren, die mein Herz beinahe aussetzen ließ und mir Vorstellungen von dunklen schlangenartigen Bestien mit gelben, glühenden, gierigen Augen aus dem kopf schlagen, welche durch das Gras sich schlängelten um mich zu fressen. Doch jedes Mal, wenn ich stoppen würde um nach jenen Ungeheuern, die ich in meinem Verstand sah, blicken würde, so würde ich nur endlose Wälder sehen, die in der dunklen Atmosphäre bedrückender Stille ihren eigenen bedrohlichen Blick erwiderten und als ich mich überzeugt hätte, dass da im Gras nichts wäre, so würde ich wieder das Gras rascheln hören, nur nun aus einer anderen Richtung.
    Ich weiß nicht, wie lange ich rannte, aber irgendwann kam ich zu dem Platz, der inmitten des Parks war. In der Realität war dies ein offener bepflasterter runder Platz mit schwarzen Laternen an der Seite mit Bänken davor, wo immer wieder sich Leute niederlassen würden um die Ruhe des Parks zu genießen. Doch in dieser grauenhaften Welt bildeten knorrige verdrehte kahle Bäume mit ihren meterlangen Ästen ein dichtes Netz über den Platz und die verdrehte und wahnsinnige Art und Weise des Wachstums der Bäume ließ den Ort dämonisch und unheilvoll wirken. Ich war froh, dass wenigstens jenes Geräusch des Verfolgers, den ich zu haben schien, verklungen war, auch wenn mir unwillkürlich der Gedanke kam, dass er sich nur nicht hier herwagte oder gar mich hierher gedrängt hatte. Mit vorsichtigen Schritten lief ich über dem Platz oder suchte mir einen Weg, besser gesagt, denn die Wurzeln der mächtigen Dämonenbäume hatten den Platz zerstört und überall schauten in verdrehten Windungen die Wurzeln der Bäume aus dem Boden. Erst jetzt bemerkte ich, dass der Brunnen noch lief. Was für ein verrückter Traum, dachte ich, während ich mir den Brunnen ansah, der völlig intakt war, seltsamerweise. Das Wasser war, bei näherer Betrachtung, glasklar aber der Grund strahlte ein rötliches Licht aus, dessen Farbe mich leider viel zu sehr an Blut erinnerte, als das ich es hätte schön nennen können. Natürlich trug jenes Licht auch nicht wirklich zur Verbesserung der Atmosphäre auf dem Platz bei.
    Menschen reagieren auf Furcht immer anders. Manche würden verzweifeln. Andere würden in eine Scheinwelt in dem Versuch fliehen die Unerträglichkeit der harten Realität zu vergessen. Und dann gab es den seltenen Fall jener, die der Furcht entgegentreten würden und sie überwinden würden. War ich eine solche Person? Ich lehnte gegen den Brunnen auf dem Platz und betrachte von meiner sitzenden Position meine Umgebung. Würde der Alptraum je enden? Würde ich denn je diese Welt überwinden, die scheinbar nicht ermüdet war mir immer wieder neue Herausforderungen zu schicken? Mit der Zeit wurde der Gedanke, dass dies alles nur ein Alptraum wäre immer absurder. Es war einfach zu – fantastisch. Wer würde von solchen Dingen träumen? Vielleicht sollte ich einfach nur hier sitzen bleiben, anstatt einen der drei möglichen Wege zu wählen und vielleicht meinem Tod zu begegnen.
    Ich schloss die Augen und träumte von meinem Leben. Welche Ironie: In einem Alptraum zu träumen, dachte ich lächelnd. Als ich das knurrende Geräusch hörte und langsam meine Augen öffnete, konnte ich nur noch mit Schrecken feststellen, dass die Dämonenbäume um mich herum zum Leben erwacht waren – und sie schienen Hunger zu haben. Die Gewissheit, dass ich ihre Speise sein würde, war offensichtlich. Ich schluckte und schloss wieder meine Augen – denn es gab nur noch eines, was ich tun konnte: Auf den Tod warten.


    Ein schrecklicher Tag. Es gibt aber nun mal schlechte Tage und damit sollte die Sache erledigt sein. Sollte...
    Seufzend konzentrierte sich Max auf den Verkehr. Journalisten hatten kein einfaches Leben, musste er zum wiederholten Male sagen – und leider war er einer von ihnen. Fünfunddreißig Jahre harte Arbeit und am Ende würde man keinen Dank bekommen außer einem netten Händedruck, netten Worten von Kollegen und dem Gewissen, dass kein Mensch sich je an ihn erinnern wird. Zur Hölle mit den Filmen von aufregenden Krimifällen, die man mitlösen würde, spannenden, politischen Intrigen und dem ganzen verdammten anderen Kram, den man als Journalist erleben könnte – aber nicht in einer solchen Kleinstadt, wie jene, wo Max sich gerade befand. Und dann wird er mitten in der Nacht, der Zeit wohlverdienter Ruhe von seinem Freund Benny angerufen, der bei der Polizei angestellt war. Benny war eigentlich ein lebenslustiger Mensch und der Typ, der jede Feier zu einem lustigen Erlebnis machen würde. Umso mehr hatte Max die düstere Ahnung eines Streiches als Benny übermäßig eingeschüchtert und bedrückt klang als er ihn sofort auf das Polizeirevier bat um ihm bei etwas zu „helfen“. Und er hatte auch noch die verdammte Frechheit besessen danach einfach ohne ein Wort aufzulegen! Man muss sich das vorstellen: Man ruft mitten in der Nacht, wo man schlafen sollte, bei dir an um etwas total Unvernünftiges zu verlangen, es dann nicht einmal zu erklären, nicht einmal dein Einverständnis abzuwarten, sondern einfach wieder aufzulegen! Max seufzte wieder – er hatte die falschen Freunde: Auch dies hatte er nun zum wiederholten Male gedacht.
    Er parkte den Wagen vor dem Polizeirevier und stellte verwirrt fest, dass kein Licht brannte. Es muss ein Streich sein, dachte Max genervt. Aber wer würde das noch in dem Alter erdulden wollen – Arbeit, familiäre Verpflichtungen und andere Dinge waren viel zu stressig als das man damit seine Zeit verschwenden könnte. Er schloss den Wagen ab und ging zum Haupteingang als er hinten Schüsse hörte. Es klang so als würden dutzenden Pistolen gleichzeitig abgefeuert werden. Max hatte keine Ahnung von Waffen, aber ihm erschien der Klang so wie der von Pistolen, auch wenn er sonst nichts genaues sagen konnte. Der Gedanke kam unvermittelt, dass vielleicht doch mehr an der Angst seines Freundes dran gewesen war als ein kleiner Streich.
    Leise schlich er mit einem ängstlichen Gefühl der Beklemmendheit in den Hinterhof des Polizeireviers, den man über die Einfahrt des Parkplatzes erreichen konnte. Er hörte keine Schritte, keine weiteren Schussgeräusche – da war einfach nichts, dass er hörte außer seinen eigenen vorsichtigen Schritten, seinem schnell schlagenden Herzen und seinem hektischen Atmen, dass er so leise wie möglich hielt. Langsam gewann er Einblick in den Hinterhof und sah etwa zehn Personen am Boden liegen und eine Person stand abseits von ihnen. Max presste sich an der Häuserwand des Polizeireviers an der Ecke zum Hinterhof. Er hörte sein Herz schlagen und dachte über die nächsten Schritte nach. Da lagen zehn Personen, die scheinbar tot sind. Aber wie konnte jemand zehn Schüsse zur selben Zeit abfeuern? Und war sein Freund auch unter den Toten?
    Er schaute um die Ecke und bemerkte zufrieden, dass sich nichts an der Lage geändert hatte, obwohl ihn dies im Falle der noch lebenden Person beunruhigte, denn jene war nun schon in der Starre verharrt seit er hier war. Langsam verließ er sein Versteck und ging auf die liegenden Personen zu. Als er näher kam, enthüllte eine Wolke, die den Mond sichtbar machte, das volle Ausmaß des Geschehens. Das milchige weiße Licht des Mondes strahlte auf zehn Polizisten unterschiedlichen Alters, die der Haltung ihrer Körper nach zu urteilen sich alle mit ihrer Dienstwaffe erschossen hatten. Max schluckte benommen die Galle herunter und wendete sich der stehenden Person zu, welche sich als sein Freund Benny herausstellte. Max wollte etwas sagen, aber Anspannung, Entsetzen und dunkle Vorahnung schnürten ihm die Kehle zu.
    „Sie sind wegen mir gestorben, weil er wollte, dass ich sterbe.“, erklärte Benny mit einer melancholischen Stimme, wobei er dabei seltsamerweise lächelte als würde er von einer schönen Vergangenheit reden.
    „Wer wollte dich töten, Benny?!“, schrie Max verzweifelt, aber Bennys abwesende Augen schienen genauso wie der Rest von ihm bereits in einer ganz anderen Welt zu sein.
    „Sie sind wegen mir gestorben... Sie... wegen mir... sterben... Ja... Wegen mir... Sie hatten es nicht verdient... Ich habe es nicht verdient.“
    Bennys leblose Augen fixierten Max, welcher ängstlich zurückstolperte und nach Hilfe schrie, was einige Lichter die dunklen Fenster in der Umgebung erhellen ließ als Benny seine Waffe, weinend und immer noch die selben Phrasen vor sich hin jammernd, erhob und an seinen Kopf hielt. Als Max dies erkannte änderte er die Richtung seiner Bewegung und rannte stattdessen auf ihn zu in der Absicht wenigstens ihn, seinen Freund, von diesem seltsamen Massenmord abzuhalten. Rechtzeitig erreichte Max Benny und riss ihn mit einem Sprung zu Boden, während er verzweifelt versuchte die Waffe in der rechten Hand vom Kopf wegzuführen und gleichzeitig auch nicht in eine Richtung zu lenken, wo sie ihn hätte verletzen können. Benny schrie voller Verzweiflung und der Wut eines übermäßig deprimierten Menschen, der nur im Selbstmord einen Ausweg zu finden glaubte, aber nach einer Weile schaffte es Max ihm die Waffe zu entreißen und er warf sie in einer schnellen hektischen Bewegung außer Reichweite. In jenem Moment als er seinen Freund niederhielt und jener verzweifelt nach seinem Willen zum Tod herausschrie, erklang ein Schuss und Max schien es als würde die Zeit stehen bleiben. Die Geräusche der aufgebrachten Anwohner, die einerseits aus ihren Fenstern schrieen, dass endlich Ruhe sein sollte. Andere schauten verwirrt und geängstigt auf das Szenario als jene langsam verstanden, was sich abgespielt hatte. Andere standen mit besorgten und verzweifelten Gesichtern am Fenster, ratlos, was sie tun sollten, denn scheinbar war die Polizei tot, also wenn sollte man dann anrufen? Und jene fanden keine Antwort außer abzuwarten und zu hoffen, dass jemand anderes ihnen die Bürde der Entscheidung abnehmen würde. Doch Max hörte nur in diesem Moment den Schuss und bevor er die Folgen eines solchen Geräusches realisieren konnte, verstummte sein Freund und ein kleines dunkles Loch war auf seiner Stirn erschienen und ein haarfeines Rinnsaal Blut lief aus dem Loch. In jenem Moment stürzte auf Max die Schwere der Gegenwart – die Anwohner verzweifelt, aufgebracht, ratlos, sein Freund tot aufgrund eines präzisen Schusses von jemand Unbekannten und die Erkenntnis, dass er wahrscheinlich auch bald sterben würde. Doch jene Erkenntnis kam zu spät...


    Ich hatte sicherlich schreckliche Schmerzen, alptraumhafte Visionen voll Blut und Angst erwartet, aber auf jeden Fall nicht der Schrei eines Mädchens und als ich verwundert meine Augen öffnete, stellte ich fest, dass es das Mädchen vom See war. Aber warum war sie hier? Ich schaute mich um und erkannte die Situation: Ich würde sterben, wenn ich nichts unternehmen würde. Warum hatte ich überhaupt darüber nachgedacht mich umbringen zu lassen?
    In letztem Moment sprang ich außer Reichweite der Wurzeln, welche in einem krachenden Geräusch dort einschlugen, wo ich mit geschlossenen Augen auf meinen Tod gewartet hatte – und jener wäre mir dann auch sicher bestimmt gewesen. Ich schaute zu dem Mädchen und bemerkte wieder die Unnatürlichkeit, die ich vorher gespürt hatte, aber jetzt war es mehr als offensichtlich als sie sich in einer Art bewegte, wie es kein Mensch tun würde – oder könnte. Die Schönheit der Bewegungen war atemberaubend, aber auch verstörend übermenschlich. Sie rannte an mir vorbei und schien mich zu ignorieren. Schreiend rannte sie den Wurzeln der Dämonenbäume entgegen, welche versuchten nach mir zu greifen, aber sie schienen ihre Präsenz zu meiden – was ich auch tun würde. Ihr Gesicht war von Wut verzerrt, auch wenn jenes aufgrund der Perfektion ihrer Züge auch eine gewisse Schönheit besaß. Aber dies war nicht der Platz an dem ich Schönheit bewundern konnte, sondern sie eher als etwas Unnatürliches fürchtete. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass hier an jenem Ort, wo ich jeden Moment sterben könnte, so etwas wie wahre Schönheit sein könnte. Nach einer Weile wichen die Wurzeln an ihren Platz und schienen auch dort zu bleiben. Mit Wunder beobachtete ich, wie der Schaden, den die Wurzeln eben gerade verursacht hatten, wieder verschwand als würde man einfach die Zeit bis zu dem Punkt vor meinem Erscheinen zurückdrehen. Die Aktion des Mädchens wirkte genauso bizarr wie alles in dieser Welt, wo ich plötzlich gelandet war. Deshalb versuchte ich erst gar nicht jene Dinge zu verstehen, die mich umgaben, denn unweigerlich würde ich dann in jenen Teil hinabgleiten, der eher in den Bereich der Religion als in den rationaler Wissenschaft gehörte und wir lebte schließlich im 21. Jahrhundert – als warum an Übernatürliches glauben?
    Keuchend wand sich das Mädchen an mich und ihre Stimme war ebenso wunderschön wie der Rest ihrer Erscheinung – was sie aber in meinen Augen noch unmenschlicher machte: „Ich hätte nicht erwartet, dass du diesen Ort betreten könntest. Du hast Glück, dass ich rechtzeitig erschienen bin.“
    „D-Danke.“
    Ihre Augen wirkten distanziert als würde sie durch mich hindurchsehen – nein, vielmehr war es so, dass sie mich nicht als Person wahrnahm. Wenn man einem Menschen gegenüberstand, so würde man ihn ansehen, ihm zuhören und dann urteilen, ob man ihn für gut oder schlecht hielt. Aber am Ende bedeutete es immer, dass man seinen Gegenüber anerkannte, ihn als existierend bezeichnen würde, wenn man wieder in seinen Erinnerungen jener Person gedenken würde. Diese Person aber schien ihren Gegenüber gar nicht zu beurteilen, sondern vielmehr ihn mit dem selben kalten Blick zu begutachten, wie man über dem Wert eines Gemälde urteilen würde – eine Abwägung von Nutzen und Leid ohne Menschlichkeit. Diese Person war genauso unmenschlich wie alles andere hier und der Gedanke brachte eine Frage auf.
    „Wie hast du mich gerettet?“, fragte ich vorsichtig in der Absicht herauszufinden, was genau sie war, denn durchaus erwartete ich nun eine Erklärung übernatürlicher Kräfte. Natürlich glaubte ich nicht an solche Dinge, aber wie sollte ich je Dinge verstehen, wenn ich nicht einmal die irrationale Variante kannte?
    Sie musterte mich prüfend. Dieser Blick wieder, dachte ich schaudernd.
    „Dieser Ort nennt sich „Der Platz der Verlorenen Hoffnung“. Jene, die sterben wollen, können hier ihr Ende finden.“
    „Das erklärt aber nicht, warum du es geschafft hast dieses... Ungetüm zu vertreiben.“
    „Es ist ein Vertrag zwischen den Lebenden und diesem Platz. Der Platz war seit jeher von diesem Ungetüm bewohnt, wie du es nennst, auch wenn dies ein eher ungenauer Name für dieses Wesen ist. Anfangs war es wahrlich eine Bestie, die alles überfiel und fraß, was in ihre Nähe kam, bis ein Weiser kam und die Kreatur besiegte. Doch er tötete sie nicht, denn dies wäre unehrenhaft, da Leben geschätzt werden sollte – in jeder Form. Er sagte stattdessen: ‚Nun habe ich dich besiegt und dein Ende sowie Leben liegen in meinen Händen. Was soll ich wählen? Leben oder den Tod? Und so ich weise und gnädig bin, werde ich das Leben wählen, denn alles, was unter diesem Himmel wandelt verdient zu leben und niemanden ist es gestattet zu töten, denn niemand hat das Recht mit anderen Leben nicht wie mit seinem umzugehen. Doch musst du dir bewusst sein, dass du einen Fehler gemacht hast und so sei dieser Fluch dein Segen, der dich auf den rechten Pfad führen soll: Nur jene, die bereit sind dem Tod entgegenzutreten, sollst du essen’. Und des Weisen Worte wurden Gesetz für das Ungetüm. Das Ungetüm verschlang unwissende Wanderer, Reisende, Spaziergänger – aber sie starben alle, weil sie nicht mehr leben wollten. Er gab ihnen den Mut ihr Leben hinter sich zu lassen und so auf ihr nächstes Leben zu warten.“
    Die Erzählung war in einer Art und Weise vorgetragen, die jeden Zuhörer fesseln würde und so unterbrach ich sie nicht als ich der eher längeren Erzählung zuhörte. Ich verstand nun die Situation ein wenig, auch wenn viele Fragen offen blieben, die mir noch auf der Zunge lagen, gab es für mich nur eine Frage: „Aber warum ich? Ich hatte keine Absicht das Zeitliche zu segnen.“
    Sie musterte mich wieder mit ihrem starren Blick als hätte ich etwas Unnötiges gesagt und antwortete: „Genau deswegen bin ich hier. Die Vorfälle von seltsamen Selbstmorden häufen sich. Menschen sterben, ohne sich ihren Tod eigentlich zu wünschen. Und es scheint, wie von mir vermutet, an diesem Platz liegen. Der Platz verletzt seinen Vertrag und – lebt noch.“
    Ich bemerkte mit mehr als Neugier, wie jener Vertrag durchaus ein Teil der Wahrheit dieser Welt sein musste, die den meisten verborgen war. Ist das der Grund, warum ich, also der normale Standardmensch, keine Ahnung von dieser übernatürlichen Welt hat? Weil sie an Verträge gebunden wurden?
    „Und was willst du dagegen tun?“, fragte ich, obwohl ich eine wütende Reaktion von ihr für eine solche Frage erwartete. Ich wusste, dass ich nichts mit der Situation zu tun hatte und wahrscheinlich war es unglücklichen Umständen zuzuschreiben, dass ich hier war.
    „Nichts.“, sagte sie in einem eher gelangweilten Ton und wand sich von mir ab und ging auf einen der Ausgänge von dem Platz zu.
    Ich musterte sie verwirrt. Nichts? Hatte sie keinen Weg etwas gegen diesen Platz zu unternehmen? Menschen würden sterben – aber ich konnte sie auch nicht zwingen. Ich war nicht in der Position Forderungen zu stellen. Ich schaute mich um und stellte fest, dass alles still war – außer dem Plätschern des Brunnens in der Mitte des Platzes, was aber eine eher beruhigende Wirkung hatte als eine furchterregende.
    „Nimm den anderen Weg um von hier zu verschwinden. Ich habe noch Dinge zu erledigen hier.“, sagte sie in einem harschen Befehlston als wäre meine ganze Rettung und meine bloße Anwesenheit etwas Störendes. Ich konnte dies durchaus nachvollziehen, denn ich selbst hatte in meinem einsamen Leben viele Routinen, deren Änderung durch Außenstehende durchaus beleidigt auffassen würde. Es fühlte sich so an, als würde jemand einen Teil des Selbst herausreißen – der Druck in der Brust, das verzehrende Gefühl genau dieser Routine zu folgen: Es führte zu einem festgelegten Ablauf, den man nicht ändern würde und jede Änderung wäre eine Verletzung, eine weitere Narbe, die eigentlich schon die Routine selbst dem Wesen eines Menschen zugefügt hatte, es war eine Narbe auf der Freiheit und der Zorn aufgrund der Änderung der Routine war der schmerzhafte Gedanke, wie schwach man doch ist, sich die Freiheit nehmen zu lassen. Solche Narben waren immer etwas, dass nur durch Stolz entstehen konnte und durch ein gutes Selbstbewusstsein wieder geheilt werden konnte. Ich seufzte bei diesen Gedanken. Es war einfach Prinzipien aufzustellen, aber schwierig sie aufzugeben zugunsten besserer Ideale.
    Das Mädchen verschwand in der Dunkelheit und ich beschloss ihrem Rat zu folgen – trotz ihrer unmenschlichen Erscheinung. Ich ging vorsichtig auf jenes dunkle Loch, dass angeblich ein Weg nach draußen sein sollte. Doch aufgrund des dichten Dickichts an den Seiten konnte man an der Seite nichts sehen und der Weg selber endete an einer unendlich dunklen Mauer, es war als würde man in eine Höhle gehen, auch wenn alles dagegen sprach, dass es eben jene sein könnte. Ich hatte Angst und wer hätte sie nicht gehabt? Ich betrat etwas, was ich nicht kannte, geschweige denn in irgendeiner Art und Weise einschätzen hätte können. Aber ich konnte ihr nur vertrauen, denn sie hatte mich ja gerettet und wozu sollte sie mich retten um mich gleich danach wieder in den Tod zu schicken? Es war durchaus jetzt eine Frage des Mutes jene Höhle zu betreten und vorsichtig machte ich wieder einen weiteren Schritt, immer wieder innehaltend, immer wieder lauschend, versuchend etwas zu sehen um am Ende Dinge zu hören, die nur meiner Furcht entsprangen und Dinge zu sehen, die nicht da waren.
    Als ich den ersten Schritt in die Dunkelheit wagte, so atmete ich auf. Aber als ich den zweiten Schritt tat, so fühlte ich keinerlei Grund und ich erkannte, dass ich in eine dunkle Hölle fiel und ich hatte keine Ahnung, wo ich landen würde.
    Es war als sei die Entscheidung die Höhle zu betreten schwieriger als in der Dunkelheit der Höhle selbst zu gehen. Entscheidungen waren wohl immer der schwierigste Teil an Wegen. Nur war es fatal, wenn man den falschen Weg gewählt hatte.


    Kapitel 3: Die Folgen eines seltsamen Traumes


    Tagebucheintrag: 19. November
    Habe ich je die Welt angesehen und gefragt: „Warum?“ Viele werden sagen, dass dies doch philosophische Übertreibung sei, sinnloses Gerede ohne Inhalt und Zweck. Doch ich würde lachen und antworten: „Du fragst dich dies die ganze Zeit – und hörst nicht einmal die Antwort als das, was sie eigentlich ist.“
    Ursache und Folge – einfach, nicht wahr? Doch jene Dinge sind oft wesentlich komplizierter als diese zwei Wörter. Es ist nicht das Prinzip, sondern die „Zutaten“ des Weges, den die Welt geht. Wir verstehen, dass ein Stein herunterfällt, wenn ich ihn loslasse, aber warum fällt er? Etwa aufgrund der Schwerkraft oder vielleicht weil wir ihn nicht halten wollen oder – können? Wir denken, dass dies selbstverständlich sei und so versuchen wir nicht nach dem ‚Warum’ zu fragen, sondern nach dem ‚Wie’ und es entsteht: ein Gesetz.
    Gesetze sind nur das Verständnis von Prozessen und wie jene ablaufen sollten. Letztendlich sagen uns Regeln oder Gesetze nicht, warum wir dieses oder jenes tun sollten, sondern nur: wie. Der Verbrecher handelt nicht im Unrecht, weil er gegen das Gesetz verstößt, sondern, weil er unwissend ist: er versteht nicht warum Gesetze da sind.
    Natürlich gibt es jene, die auch die Existenz der Gesetze als selbstverständlich ansehen und ihnen folgen, doch jene sind kurzsichtig. Wir müssen fragen, warum die Dinge so sind, weil es in der menschlichen Natur liegt. Jene kurzsichtigen Menschen werden unzufrieden mit ihrem einfachen Leben, weil sie nach mehr streben als ihnen zusteht und sie erkennen nicht den wahren Wert der Welt und ihrer Vorgänge. Ist es Unrecht jene Menschen unschuldig dann für ihre Ignoranz falsch zu handeln, zu nennen? Sicherlich nur, weil die Weitsichtigen das Prinzip der Gnade und Gerechtigkeit verstehen.
    Was soll ich zu meinem Leben sagen? Es ist nur ein Traum, denn weder ‚Wie’ noch ‚Warum’ fragt man in meinem Alter und ich bin dankbar dafür, denn wie sorglos ist ein solches Leben, wie – verantwortungslos. Doch ich weiß und das beunruhigende, nagende Gefühl meiner Weitsicht bestätigt es, dass der Tag näher rückt, wo der Traum endet, wo ich ‚Wie’ und ‚Warum’ fragen werde. Ich fürchte diesen Tag für sein Risiko und sehne ihn herbei für die Weisheiten, die er mich lehren kann. Scheinbar werde ich bald mein ignorantes Dasein als Theoretiker aufgeben müssen um die Qualen der Verantwortung als neuen Lehrmeister zu akzeptieren. Auf das sie mich reinigen und erleuchten werden! Welch pathetische Worte: nur die Ignoranz kann solch schöne Worte für so etwas Schreckliches finden. Aber manche Dinge versteht man erst, nachdem man ihre schlechteste Seite gesehen hat.


    Es war Chaos. In einer Nacht starb die Polizei – die Umstände mehr als mysteriös. Zehn Polizeibeamte hatten sich selbst getötet, während es schien als hätte ein Jounalist versucht einen der Polizisten vom Selbstmord abzuhalten und er schien dabei erfolgreich, aber dennoch hatte jemand anderes, ein mysteriöser Außenstehender, den selbstmordgefährdeten Polizisten und den Journalisten getötet. Dutzende Anwohner hatten das grausige Spektakel gesehen, doch keiner hatte einen Schuss gehört, noch hatten sie gesehen von wo geschossen wurde – der mysteriöse Mörder war einfach wie Luft, die plötzlich kam, unsichtbar für das Auge und mit seiner Kälte dem Journalisten und dem Polizisten das Leben nahm.
    Die Polizisten hatten meistens Familie und ohne Ausnahme ging es ihnen allen gut. Es gab keine Sorgen, Bedrohungen, Einschüchterungen oder sonstige Dinge, die einem zu einem Selbstmord bewegen würden. Aber dennoch hatten sich alle Polizisten von ihren Wohnungen mitten in der Nacht auf das Polizeirevier begeben um auf dem Hinterhof sich selbst zu erschießen. Jeder, der ihre Entscheidung dieses nächtlichen mysteriösen Treffens in Frage stellte hatte festgestellt, dass jene Polizisten im vollen Bewusstsein ihres Vorhabens waren. Sie wirkten an jenem Tag nicht sonderlich anders als sonst, außer der Entschlossenheit zu diesem Treffen zu gehen. Der Zwang hinter diesem Treffen war für die meisten Angehörigen irrational, da es weder einen Grund gab sich mitten in der Nacht zu treffen noch gab es einen Grund für die Notwendigkeit der Anwesenheit aller Polizisten. Keiner der Polizisten erklärte seine Absichten oder gab wenigstens eine Scheinlüge zu der Absicht des Treffens. Still und mit der Absicht zu sterben waren die Polizisten gegangen – ohne einen einzigen Gedanken an die Nächststehenden in ihrem Leben zu denken. Natürlich vertrauten die Angehörigen meistens jenen Polizisten und ließen sie gehen – um sie nie wieder zu sehen.
    Die Presse sprach von einer Krankheit, Aliens und anderen fantastischen Dingen, die jeder als Geschwätz abtun würde, wenn der ganze Vorfall nicht tatsächlich jene mysteriöse Aura hatte, welche Dinge besaßen, die scheinbar jenseits menschlicher Vorstellung lagen. Menschen würden aufhorchen, die Stirn runzeln und sie würden zweifeln. Und auch wenn ihnen philosophischer Instinkt oder naturwissenschaftliche Logik fehlte, um sinnvolle Diskussionen über das Thema zu machen, so begannen sie dennoch hitzige Debatten zu führen und versuchten mit ihrem mangelnden Wissen und ihrer kreativen Fantasie Logik in das einfach Unlogische zu bringen. Es war, als wären sie einfach gezwungen logisch zu denken, als müsste die Wahrheit, wie sie eben jene sahen, auch die Wahrheit in diesem Falle sein. Und wer würde denn auch freiwillig sein Weltbild verwerfen wollen, weil er zweifelte? Und auch wenn es viele Meinungen gab – die einen sinnvoller, die anderen fantastischer – so gab es wahrscheinlich nur eine klar denkende Person in der kleinen Stadt, die in den richtigen Bahnen denken konnte.


    Ich wachte in meinem Bett mit fürchterlichen Kopfschmerzen auf. Der Wecker klingelte unentwegt. Es war ein nervtötendes Piepen, dass in einem festgelegten Intervall immer wieder erklang und da mein Kopf genau am Rand des Bettes neben dem Wecker lag, schickte jeder Ton des Weckers grausige Wellen des Schmerzens, ausgehend vom Kopf bis in meinen Nacken. Seufzend drückte ich halbverschlafen den Knopf, der das schreckliche Geräusch beendete. Mit einem gepeinigten Gesicht drehte ich mich auf meinen Rücken und schaute zu der weißen Decke, die mir nicht erklären konnte, warum ich solche Kopfschmerzen hatte. Langsam kamen die Erinnerungen von letzter Nacht – nein, von meinem Traum. Ich musste lächeln und flüsterte: „Jetzt wirst du wirklich noch verrückt...“
    Ich hatte für einen kurzen Moment wirklich in Erwägung gezogen, dass dieser Traum wirklich passiert wäre – aber es war ein sehr spannender Traum, musste ich eingestehen. Vielleicht kann ich daraus eine Kurzgeschichte machen oder ein Buch machen, dachte ich amüsiert. Ich wollte mit diesen humorvollen Gedanken irgendwie den Schmerz in meinem Nacken und Hinterkopf bekämpfen, etwas Freude an diesem schrecklichen Start in den Tag finden. Aber der Schmerz wollte nicht verschwinden – egal wie humorvoll ich die Situation bewertete. Ich ging mit schweren Schritten in das Bad meiner Drei-Zimmer Wohnung. Das Gesicht, dass ich im Spiegel sah, wirkte so ermüdet, gequält und deprimiert, wie ich mich bereits fühlte. Gesichter sind wirklich der Spiegel der Seele, dachte ich lakonisch.
    Nach etwas einer halben Stunde hatte ich alles Nötige vorbereitet. Denn trotz meiner Kopfschmerzen und der Feststellung, dass es draußen so ungemütlich war wie schmerzhaft meine Kopfschmerzen waren, musste ich zur Schule gehen. Heute fing das elfte Schuljahr für mich an und damit zwei sehr entscheidende Jahre, wo ich mich anstrengen würde – und ich verweilte einen Moment vor dem Fenster im Wohnzimmer, die Stille des weißen Nebels beobachtend. Meine Eltern würden mir sicherlich dasselbe sagen, wenn sie noch da wären.
    Nach einer Weile seufzte ich nur und erinnerte mich, dass ich dieses Jahr nicht mehr jener Melancholie nachhängen wollte: „Ein wirklich scheußlicher Tag.“
    Ich nahm meinen Rucksack und ging zur Tür. Ich wusste, dass ich einen Schritt in ein neues Leben machen würde. Vielleicht war der Traum so etwas wie eine Vorsehung, eine Prophezeiung, aber dann war es wohl nur ein seltsamer Traum wie ihn wohl hundert andere Leute in dieser Kleinstadt letzte Nacht hatten. Als ich aus der Tür schritt, nahm ich mir vor für heute nicht mehr über diesen Traum nachzudenken. Es gab wichtigere Dinge – oder besser gesagt: Ich hoffte, dass ich ein wenig Ablenkung von meinen Kopfschmerzen außer derlei melancholischen Gedanken finden konnte.


    Der Raum war dunkel und dies in mehr als einem Sinne. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt und winzige Schlitze wirkten wie weiße Flecke in der schwarzen Welt dieses Raums. Ohne das man hätte den Raum sehen können, spürte man dessen unbeschreibliche Kälte, welche von draußen in den Raum strömte. Der Raum schien unbewohnt und unbenutzt und war vollkommen leer.
    Mit einem plötzlichen Knarren öffnete sich die schwarz angestrichene Tür gegenüber den Fenstern. Licht fiel in das Zimmer, doch es war kalt, grau und hatte wenig von der Wärme der Sonne. Es war ein kalter und unerbittlicher Herbst und damit schien der Raum mehr als passend zu dem Wetter draußen. Der braunhaarige junge Mann, der hereinschritt, war in einen formellen Anzug gekleidet, der ihm eine gewisse Autorität trotz seines Alters verlieh. Seine Erscheinung insgesamt war geordnet, beinahe ästhetisch. Seine Gesichtszüge hatten etwas beinahe apollinisches und seine dunklen Augen wirkten wie kalte Onyxsteine, welche jeden erschauern lassen würde, der zu lange in sie blicken würde. Diese Person strahlte eine größere Kälte aus als es wahrscheinlich je der verlassene Raum tun könnte, den er betrat.
    „Wieder da?“, erklang eine kratzige Stimme in einem spöttischen Ton aus der Dunkelheit des Raumes, welche sich geräuschvoll wand und scheinbar bei dem Betreten des jungen Mannes lebendig wurde. Die Unfassbarkeit der Dunkelheit schien wie ein lebendiges Wesen sich zu winden als würde es versuchen sich aus dem Schlaf zu reißen und seine wahre Gestalt wieder anzunehmen.
    „Sei still!“, erklang die wütende Stimme des jungen Mannes, der auf den Namen William hörte, welche gefasst war und jene Spur der Überheblichkeit besaß als würde er mit einem Insekt reden, dass er jederzeit zertreten konnte, sollte es notwendig sein.
    „Natürlich, Meister...“, antwortete die Stimme aus der Dunkelheit.
    „Die Schnüffler sind...“, begann der Mann gelangweilt.
    „...beseitigt – wie ihr es befohlen habt.“
    „Gut. Komplikationen?“
    „Es hat wieder eingegriffen. Dieses Mal war es wieder nur eine Marionette.“
    Der junge Mann nickte. Mit ‚Es’ bezeichnete er jene fremde Gestalt, die vor ein paar Monaten aufgetaucht war und von da an hektisch daran arbeitete seine Pläne zu durchkreuzen. Er war jenem Wesen nur einmal begegnet und die Aura der Fremdartigkeit hatte ihn schockiert. Er hatte jahrelang seine Sensibilität für das Magische trainiert und hatte so schnell jegliche Magie in anderen Personen wie auch in Gegenständen gefunden. Aber alles war bis jetzt ein Werk von Menschen gewesen – selbst der Dämon vor ihm enthielt eine Spur jener menschlichen Resonanz, die aus der Beschwörung durch einen Menschen rührte. Aber dieses Wesen hatte keinerlei Spuren irgendeiner menschlichen Aura – gewissermaßen war sie nicht einmal ein Geist, sondern vielleicht sogar ein Gott.
    Er nahm die beunruhigen Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf das Nächstliegende. Er würde sich schon früh genug um sie kümmern können. Andererseits brauchte er nur warten bis sie ihm wieder persönlich gegenübertreten würde – und dann würde er sie definitiv für ihre Taten büßen lassen.
    „Soll ich sie töten?“, fragte der Dämon mit einem Unterton der Freude, der davon sprach, welch unmenschliche Freude für ihn das Töten darstellte. Diese Emotionalität widerte den jungen Mann an und mit einem scharfen Blick beendete er das zufriedene Kichern des Dämons.
    „Nein, lass sie zu uns kommen. Ich denke, es wird ein leichtes sein sie zu töten – jetzt nachdem ich die Struktur ihrer magischen Essenz kenne.“, erwiderte er mit einem zufriedenen Lächeln, dass wahrscheinlich dem des Dämons nicht unähnlich war – wenn man es hätte in der Dunkelheit sehen können.



    Kapitel 4: Der Sinn unerwarteter Wendungen


    Tagebucheintrag: 22. November
    Ich erwarte nicht, dass man mir glaubt, nein, womöglich sollte ich wohl von verrückt hier reden, also darf man mir nicht glauben. Ja, das könnte es sein, ja, das muss es sein! Wie schön klang Wahnsinn nun, wie eine logische Erklärung, die mir nun helfen konnte. Ich muss lachen, wenn ich diese Worte durchdenke. Hätte ich sie vor einer Woche gelesen, so hätte ich niemals geglaubt, dass sie mir gehören, dass ich sie sagen würde, sie als sinnvoll, als die einzige Wahrheit betrachten würde, so wie ich sie derzeitig begreife.
    Ich erwarte nicht, dass man mich versteht, nein, wahrscheinlich hat mein Leben einen Weg eingeschlagen, dem keiner folgen kann. Ich bin in einer hoffnungslosen Lage, allein, so scheint es mir. Nun, „allein“ in dem Sinne war ich schon immer, aber vertraut, wissend bin ich durch jenes einsame Leben gegangen und somit nicht wirklich allein. Dies wird mir erst jetzt bewusst, die Erinnerungen, die Vertrautheit meines Selbst mit meiner Umgebung war diese Wärme, dieser Schein einer nicht ganz so einsamen Welt, die ich mir wesentlich kälter vorgestellt hatte als sie eigentlich war. Ich bemitleide mich, nur wenn ich daran denke, wie depressiv ich damals war, aber ich war nicht allein! Nein, wahre Einsamkeit ist nicht der Mangel an Freunden, nicht die Unfähigkeit mit irgendjemanden seine Sorgen zu teilen oder der bloße Stolz mit anderen zu reden, nein, wahre Einsamkeit entspringt nicht unseren eigenen Fehlern, sie wird uns aufgezwungen! Und so ging es nun auch mir, nun verstand ich es auch, nun begriff ich, wie glücklich ich mich hätte schätzen können einfach sein zu können. Aber jetzt, da ich wirklich einsam bin: wie kann ich einfach nur noch hier sein, wie kann ich in dieser Fremde sein, in dieser – Unwirklichkeit?
    Alles begann mit diesem Traum, mit diesem einen, seltsamen, verworrenen, trügerisch realistischen Traum, aber nun weiß ich nicht mehr, ob ich träumte oder wach war. Alles ist so anders, so sehr wie diese Romane von großen Taten, Rittern und Magie. Aber wer bin ich, was mache ich hier? Bin ich denn ein Held? Hatte das Schicksal mich auserkoren – oder eher verflucht? Nein, nicht so sollte ich denken, aber fühlen tat ich so! Mein Herz konnte ich nicht mit netten Worten aufmuntern, einsam fühlte ich mich, einsam und entmutigt, unwissend, was kommen würde, unwissend, was ich tun sollte, unwissend – ob dies alles einen Sinn hat.


    Es sollte ein normaler Tag werden, dachte ich, gelangweilt. Ja, Langeweile war alles, was mir einfiel bei der Vorstellung wieder denselben Tagesablauf zu erleben, denn ich bereits kannte – zur Genüge kannte. Manchmal hoffte ich, dass solche Träume, wie ich sie diese Nacht erlebt hatte, Wirklichkeit werden sollten, nur damit sich etwas ändert, nur damit ich nicht mehr diese Eintönigkeit spüren muss, erleben muss, fühlen muss – ertragen muss.
    Nein, ich mochte mein Leben nicht und trotzdem war es manchmal so, dass ich anders dachte, anders fühlte, anders die Welt ansah als ich es sonst zu tun pflegte. Ich würde sehen und begreifen, verstehen, dass ich allein war, dass da nichts war, was mich hier aufheitern konnte und das ich vielleicht deshalb eine andere Welt wollte, weil ich selbst anders sein wollte. Ja, am Ende war das Problem bei mir und nicht bei der Welt – aber der Alltag änderte sich nicht.
    Ich verließ das Haus um 7 Uhr früh und der Herbstmorgen war wie immer kalt und grau. Ich seufzte, denn es war klar, dass wieder einer dieser Tage kommen würde, wo man eigentlich nicht seinen Fuß vor die Tür setzen wollte – aber durch die Pflichten, die man zu erfüllen hatte, trotzdem dazu gezwungen wurde. Ich war nur ein Schüler, also war es vielleicht übertrieben von Pflicht zu reden, aber man sollte wahrscheinlich früh beginnen sich zu üben, sich daran zu gewöhnen, eben jene Pflicht auszufüllen, schließlich war es das, was einen Erwachsenen ausmachte, die Pflicht, seinen Teil zum Leben der Gesellschaft beizutragen.
    Als ich nun wie gewöhnlich meinen Weg zur Schule ging, bemerkte ich erst nichts, dann schien mir es merkwürdig, doch ich wusste nicht, was genau dieses Unwohlsein hervorrief, diese intuitive Abneigung, diese – Furcht. Ich blieb verwirrt stehen und schaute mich um. Ich kannte die Szenerie, die Häuser, die Straße, die Bäume, die Zäune – aber etwas fehlte. Ich hörte nichts außer dem kalten Wind, der durch die Straßen fegte. Die Wolken bewegten sich ungerührt über dem Himmel in ihrer grauen Eintönigkeit, die mir nun erdrückend erschien, verhängnisverheißend. Aber da waren keine Leute, keine Vögel, einfach nichts, was mir hätte sagen können, dass hier mehr war als ich. Sicher, es war erst 7 Uhr, aber diese Leere, diese Stille. Unmerklich kam mir die Erinnerung an den Traum von letzter Nacht, an den ich mich immer noch erinnern konnte – etwas, was Träumen normalerweise nicht zu Eigen war. Vielleicht war es doch real gewesen? Diese Frage schallte in meinem Kopf und drückte auf mein Herz, als Angst, Anspannung und Verwirrung mich innehalten ließen. Es war einer dieser Momente, wo man einfach nicht wusste, was man tun sollte, wo man einfach nur – verzweifeln konnte. Mein Atem ging heftiger, mein Herzschlag beschleunigte sich zu einem beunruhigendem Tempo, ich spürte wie meine kalter Schweiß sich auf meiner Stirn bildete, meine Beine begannen zu zittern, wie auch bald meine Hände. Was sollte ich tun? Ich starrte meine Hände an, meine zitternden Hände, meine Hilflosigkeit schien so deutlich, so unabänderlich, ich konnte nicht, nein, ich musste versagen. Zu lange hatte ich dies hinausgezögert, mich vom Unabwendbaren abgewandt, ich musste…
    Ein Auto hupte laut hinter mir und verwirrt drehte ich mich um. Ein genervter Mann schaute mich wütend an und ich ging langsam an die Straßenseite, sodass er vorbeifahren konnte. Der Mann fluchte hörbar im Auto. Ich sah, wie eine Frau einige hunderte Meter mich kopfschüttelnd mustere und weiterging. Was war passiert? Ich spürte immer noch meine Beine zittern, spürte den Hauch der Angst in meinem Herzen, spürte die Verzweiflung, hörte die letzten Worte in meinen Gedanken verhallen, Worte, die von etwas Unsagbarem redeten, nein, ich durfte nicht so denken. Beruhige dich, schärfte ich mir ein. Es war eine Illusion, nur eine Vorstellung, ein Gedanke, eine Müdigkeit, eine Nachlässigkeit der Konzentration, ein Fehler, etwas, was nicht sein sollte, nicht sein durfte. Ich atmete ruhig ein und aus und ging danach weiter. Ich wusste, dass selbst wenn es eine Illusion war, das es beunruhigend war, wie oft ich eben jene derzeitig erlebe und nun auch, wenn ich wach bin. Vielleicht bin ich, vielleicht bin ich verrückt?! Der Gedanke war absonderlich und war wohl genauso furchterregend wie die Stille meiner Illusion, aber es war beruhigender so zu denken, musste ich mir eingestehen, realer, vertrauter. Solange ich noch begriff, dass dies nur eine Illusion ist, wird es einen Weg hier raus geben. Da war ich mir sicher. Die Furcht in meinem Herzen war aber nie ganz verschwunden von da an.


    Georg öffnete langsam die Augen und wunderte sich, wie hell es draußen war. Ist heute Samstag? Nein, gestern war Dienstag, also musste heute… Nein, warte, wenn heute ein Wochentag wäre, hätte mein Wecker mich schon längst geweckt. Aber was ist, wenn mein Wecker kaputt ist. Er dachte dies und drehte sich seufzend zur Seite um auf den Wecker auf dem Nachtschränkchen zu blicken. 7.14 Uhr sagte der Wecker. Wenn heute ein Wochentag wäre, müsste ich bereits auf dem Weg zur Arbeit sein. Da ich es aber nicht bin, muss es Wochenende sein, dachte er zufrieden. Aber er schreckte hoch. Gestern war doch Dienstag! Wie hatte er das vergessen können. Nein, sein Wecker ist kaputt – oder hatte er vergessen ihn einzustellen? Er drehte sich zur Seite, überprüfte den Wecker, nein, die Einstellung stimmt, dachte er erleichtert. Also ist heute Wochenende. Er lag auf dem Rücken und schaute zur Decke. Der Wecker kann kaputt sein – diese Möglichkeit blieb, dachte er verärgert. Er musste wohl aufstehen und den Kalender ansehen. Gestern war Dienstag, denn er konnte sich nur an seinen freien Tag am Dienstag erinnern, wie er nach Hause torkelte von der seltsamen Bar und dann… Ja, was war dann? Nun ist ein Blackout wegen Alkohol nichts Ungewöhnliches für ihn, dachte er amüsiert. Er war schließlich jedes Jahr betrunken an diesem Tag, an diesem verhängnisvollen Tag als seine Freunde verschwunden waren. Aber was war mit Mittwoch? Mit Donnerstag? Mit Freitag? Eigentlich hätte er an diesen Tagen arbeiten müssen. Also muss der Wecker kaputt sein, dachte er genervt. Anders konnte er es sich nicht erklären. Der Wecker, er ist daran Schuld. Man kann sich einfach nicht auf die Konstanten im Leben verlassen, alles kann einmal verloren gehen.
    Seufzend und fluchend stand Georg auf. Er wusste, dass er zu spät zur Arbeit kommen würde, denn heute war Mittwoch und damit ein Arbeitstag. Er schaute zu seiner Frau rüber und bemerkte, dass sie nicht da war. Seltsam, dachte er, wo mag sie sein? Er ging aus seinem Zimmer in die Küche. Die Wohnung war still, ja, sein Sohn musste in der Schule sein, seine Frau auf Arbeit – wahrscheinlich irgendein wichtiges Meeting, dass sie vorbereiten muss. Er schaute auf den Kalender. Es war ein Abreißkalender, man würde damit immer sehen, welcher Tag nun heute ist. Er sagte: Samstag. Samstag? Dann ist der Wecker doch nicht kaputt. Heute ist also Wochenende. Nein, warte, aber warum erinnere ich mich dann nicht an die Tage nach Dienstag? Nein, sein Sohn spielte ihm einen Streich, damit. Er hat den Wecker manipuliert (er musste dies können, so lange wie er vor dem PC sitzt) und dann den Abreißkalender bis Samstag abgerissen. Ja, es muss so gewesen sein. Sein Sohn war also daran schuld. Aber seine Frau? Warum hatte sie ihn nicht geweckt? Achja, das wichtige Meeting, erinnerte er sich, ja, sie ist wahrscheinlich eher als sein Sohn gegangen und dann hat er meinen Wecker manipuliert und den Abreißkalender manipuliert, ja, aber wie durcheinander er meinen Alltag damit gebracht hat. Er war verzweifelt, nein, er musste mit dieser Situation umgehen, er würde seinem Sohn zeigen, dass er kein alter Greis ist, der nicht mit der Welt umgehen kann. Er schaltete den Fernseher ein. Im Teletext würde er den Beweis finden, die wichtige Information – unfehlbar, wahr. Der Bildschirm blieb schwarz. Er schaute auf die Stecker, alles eingesteckt. Hatte er etwas Falsches gedrückt? Er wiederholte die Prozedur. Der Bildschirm blieb schwarz. Er holte die Anleitung und seufzte: „Bei dem Licht kann man nicht lesen.“ Er ging zum Lichtschalter, betätigte ihn – nichts passierte. Ich verstehe, dachte er zufrieden. Sehr schlau, mein Sohn, sehr schlau. Er schaute auf sein Telefon: Samstag. Aber Georg wusste, dass dies sein Sohn auch hätte manipulieren können. Also erstmal der Strom, dachte er zufrieden als er glaubte auf dem Weg zur Wahrheit zu sein. Er wusste, wie er gegen diesen bösen Willen vorgehen würde: Taschengeld würde er für einige Monate streichen, keine Partys, kein Alkohol. Er würde ihm Vernunft beibringen. Schließlich war er sein Vater, es war seine Pflicht als Erwachsener den Jüngeren den Weg zu weisen.
    Er ging die Treppen im Flur runter in den Keller. Etwas roch seltsam, stickig, süßlich, nein, metallisch. Er öffnete die Tür zum Heizungsraum, dort wo der Geruch am intensivsten war. Und gerade als er sich überlegte, was sein Sohn sonst noch für Überraschungen hatte und als er noch überlegte, wie er sich bei seinem Chef entschuldigen konnte, fielen alle diesen Gedanken aus seinem Bewusstsein als er den Heizungsraum betrat. Und er wusste, dass es egal war, welcher Tag heute war, dass es egal war, was er heute zu tun hatte, tun sollte. Was in diesem Raum war, hatte nichts mit Vernunft zu tun. In diesem Raum lagen die Leichen seiner Frau und seines Sohnes und zum ersten Mal schaute er auf seine eigene Kleidung und bemerkte, dass jene blutgetränkt war. Und es war offensichtlich, wessen Blut es war.


    Ich saß im Klassenzimmer, gelangweilt starrte ich aus dem Fenster, es war wohl Glück, dass ich am Fenster saß und so mich von dem langweiligen Unterricht ablenken konnte indem ich nach draußen sehen würde, den Ausblick aus dem vierten Stock genießen würde, die Bäume beobachten wie ihre Blätter sanft im Winde sich bewegen, gequälte Passanten vor der Schule auf dem Gehweg vorbei gingen mit trüben Gesichtern, so trüb wie der Himmel, dessen Wolken vorbeizogen, ignorant gegenüber dem Leiden unter ihm, aber wenn man über etwas steht, so würde man wohl selten verstehen, wie es ist zu - leiden. So dachte ich in dem Moment als plötzlich, ungewollt, aufgezwungen mich wieder dieses Gefühl überkam, dieses Gefühl der Panik, der Verzweiflung, der Trauer und des Wunsches zu sterben. Aber es war dieses Mal anders, denn ich saß hier im Klassenraum, ich war mit Freunden hier, mit vertrauten Personen. Ich schaute mich um, mich versichernd, dass es eine Einbildung war, eine Täuschung, eine Irrung, ein Phantomschmerz, ein Echo vergangenen Unheils als ich plötzlich einen Schüler aufstehen sah. Philipp hieß er, er sprang energisch auf, mit Panik im Gesicht, Überraschung in denen der anderen, die Schere hatte er in seiner linken Hand, er war Linkshänder, erinnerte ich mich und im nächsten Moment nahm er die Schere, Verzweiflung im Blick, dann geistesabwesend, sich seinem Schicksal ergebend, führte die verhängnisvolle Bewegung aus, schnell, präzise, ruhig, aber Unruhe kam im Rest des Raumes auf, als Blut aus seinem Halse lief, langsam sein Gesicht erschlaffte, erblasste, das Leben wich, die ersten Schüler standen panisch auf, rannten aus dem Raum, die Lehrerin auch ebenso panisch, verschreckt, verwirrt, überrumpelt, unfähig zu reagieren, Ordnung zu bringen in das aufkeimende Chaos als sein Körper zu Boden sank, in die bereits vorhandene rote Lache fiel, die Blicke wendeten sich ab, die Füße wendeten sich zum Fliehen, die Lehrerin rief nach einem Sanitäter, aber keiner antwortete, sie hatten alle Angst, nur Angst. Aber ich saß da, beobachtete ihn, beobachtete alles im Raum. Ruhig war ich – hätte ich nicht schreien sollen? Hätte ich nicht fliehen sollen? Hätte ich nicht – wie jeder andere sein können? Normal sein können? Aber da war keine Panik, keine Angst, nur die Feststellung, die Ahnung, das Verständnis, das rationelle Bewusstsein der Logik. Und der Raum war leer, still. Die Leiche starrte mich mit bleichen Augen, leblosen Augen an, Blut lief immer noch aus seiner Wunde am Hals, aber er war tot, würde tot bleiben. Aber niemand war da, niemand war da um zu trauern, um sich seiner zu erinnern. Ich kannte ihn nicht, ich verstand nicht, warum er gestorben war, warum er sich getötet hatte, ich war da – aber ich konnte nichts machen. Unfähig war ich, mich zu rühren, Hilfe zu holen – etwas zu fühlen. Was ist nur mit mir passiert, dachte ich panisch. War dies überhaupt noch menschlich?
    Die Gestalt betrat den Raum. Er war über zwei Meter groß, dürr, trug einen feinen Anzug, bei näheren Hinsehen war er nicht nur dürr, nein er war verzerrt, seine Gestalt unmenschlich in die Länge gezogen. Lange, feingliedrige, blasse Hände, weiße, dünne Haare, die an die Fäden eines Spinnennetzes erinnerten, schmale komplett weiße Augen, blind wirkte er, doch bewegte er sich sicher auf die Leiche zu. Er hielt inne, starrte auf die Leiche, hob seinen Blick, starrte mich an, verwirrt, doch war ich mir nicht sicher, ob es dies war, da seine Gesichtszüge so unmenschlich wirkten. Sein Gesicht, bei näheren Betrachten, war nicht nur sehr länglich, sondern war auch von dutzenden Falten verrunzelt.
    „Was machst du hier? Bist du… ein Menschling?“ Seine Lippen bewegten sich kaum, aber seine Stimme war klar, deutlich, hell, so hell, dass sie mich eher an die eines kleinen Jungen erinnerte als an die des scheinbaren Alters dieser Gestalt.
    „Ich… Ich weiß nicht. Wo bin ich?“
    Er hielt inne, musterte mich lange, sehr lange, ich hielt den Atem an, ich wusste, dass er mich töten könnte, töten würde, wenn ich etwas Falsches machen würde oder sagen würde.
    „Du bist nicht in deiner Welt, Menschling.“, erklärte er vorsichtig.
    „Aber warum bist du hier?“
    „Ich hole ihn hier ab, bevor er lebendig wird.“, erklärte er und zeigte dabei auf die Leiche, die still und unverändert so dalag wie sie gefallen war. Das Blut war verschwunden.
    „Lebendig?“, fragte ich verwirrt. Ich bemerkte, dass ich immer noch saß. Wenn er mich angreifen würde, was sollte ich tun? Aus dem Fenster springen? Vielleicht würde ich hier nicht sterben, nicht hier, wo alles anders ist. Nein, das ist ein zu großes Risiko. Die Tür? Ich schaute so unbemerkt wie möglich zur Tür. Fünf Schritte, nein, vier, wenn ich große Schritte mache. Die Tür ist offen, bemerkte ich zufrieden.
    „Es ist seltsam, dass du hier bist, obwohl du scheinbar so wenig von der Welt weißt.“ Er hielt inne, blicke sich um, ging zum Lehrertisch und setzte sich darauf, lächelte mich an, auch wenn es für mich eher wie das diabolische Lächeln eines Monsters wirkte, dass dem einsamen Wanderer zeigte, dass er in der Falle saß.
    „Lass es mich erklären: Es gibt zwei Welten, deine und meine. Die Grenze ist dünner als du vielleicht annehmen würdest. Die zwei Welten bilden eine Balance – was in der einen stirbt, wird in der anderen lebendig, was in der einen lebendig wird, stirbt in der anderen. Deshalb ist jeder von uns genauso sehr wie du als auch ich. Wir sind immer beides, es ist nur so, dass man nur eines zur selben Zeit sein kann.“
    „Du willst damit sagen, dass, wenn ich sterbe, zu einem Monster wie du werde?“
    „Ja und nein, vielmehr bist du bereits wie ich, aber existiert nur als eine Seite deines Seins. Erklären wir es so: Jedes Wesen hat eine helle und eine dunkle Seite, nehme wir meine Welt als die dunkle Seite, so scheint es für dich zu erscheinen sicherlich. Wenn das Wesen in meiner Welt lebt, existiert es nur als die dunkle Hälfte seines Seins und wenn es in deiner Welt lebt, nur als dessen lichter Hälfte.“
    „Und der Wechsel…“
    „Vollzieht sich ohne Schwierigkeiten. Ihr seid zu ignorant um die andere Welt zu bemerken, wir sind zu vorsichtig, der Rest… ergreift die nötigen Maßnahmen zur Erhaltung der Balance.“
    „Aber ich…“, fing ich an, denn ich verstand nun, dass ich gar nicht hier sein sollte, gar nicht hätte fähig sein sollen die Grenze der Existenz zu überschreiten, die dunkle Seite sehen zu können, während ich noch auf der hellen Seite existierte.
    „Du bist eine Anomalie.“, erklärte er ernst.
    „Eine… Anomalie also.“, sprach ich mein Entsetzen laut aus. Ich ahnte was kommen würde.
    „Und deshalb muss ich dich töten. Du zerstörst die wahre Balance der Existenz und deshalb musst du sterben.“
    Er stand von dem Lehrertisch auf und ging auf mich zu, mit langsamen Schritten, einem Lächeln auf dem Gesicht, ein zufriedenes Lächeln, denke ich. Was sollte ich tun? Aus dem Fenster springen, zur Tür rennen, nein, ich konnte mich ihm auf keinem Fall nähern. Ich sprang von meinem Platz aus und wich vor ihm zurück, Schritt um Schritt, bald spürte ich die eiskalte Wand im Rücken, erkannte mein Verhängnis. Ich würde verschwinden, dachte ich, genau wie er. Ich schaute auf die Leiche. Ihm würde man nachtrauern, man würde sich seiner erinnern. Ich wusste dies, es war sicher, weil es so normal war. Aber ich? War ich denn je normal gewesen? Ich hatte keine Verwandte, lebte von Nebenjobs, der Gunst anderer, hatte keine große Hoffnung für die Zukunft, keine Freunde, die in mich ihrer Hoffnung setzten, keine Freunde. War es überhaupt das wert so zu leben?
    „Halt!“, rief die weibliche Stimme und zerschnitt die Angst, die Spannung, die ich fühlte, Hoffnung keimte in mir auf, denn ich kannte die Stimme. Es war die Person gewesen aus meinem Traum, die mich schon einmal vor dem Tod gerettet hatte.
    Die Gestalt, die mich noch vor kurzem töten wollte, wendete sich abrupt zu dem Neuankömmling und erstarrte. Nach einer Weile fing er sich und verbeugte sich vor ihr.
    „Ich wusste nicht…“, begann er aber sie unterbrach ihn wütend mit den Worten: „Es gehört nicht zu deinen Aufgaben, Anomalien zu beseitigen. Außerdem muss dies keine Anomalie sein.“
    Er wirkte überrascht, nein, vielleicht sogar empört, dachte ich, als er erwiderte: „Dieser Menschling soll… Unmöglich! Dies wäre nur umso mehr ein Grund ihn zu töten!“
    „Nein, die Zeiten erfordern es, Totengräber.“, erwiderte sie ruhig und würdigte ihn eines arroganten Blickes, der deutlich machte, dass sie bereit wäre, ihn zu töten, wenn er ihr in die Quere kommt. Ich schauderte bei dem Anblick und der Tod schien mir nun eher wie eine Erlösung als die Errettung durch eine solche Person.
    „Reicht es nicht, dass bereits eine Person „Das Gesetz“ überschritten hat?!“, rief er wütend aus.
    Sie musterte ihn mit einem kalten Blick und nach einer Weile packte der Mann, den sie Totengräber genannt hatte die Leiche von Philipp, verbeugte sich vor ihr, blickte mich mit Hass und Verabscheuung an, als würde er überlegen, ob er mich nicht doch töten sollte.
    „Nein, was machst du mit ihm!“, rief ich als ich realisierte, dass dieser Totengräber meinen Klassenkameraden verschleppen wollte.
    „Sei still.“, sagte das Mädchen in einem harten Ton, der mich innehalten ließ. Der Totengräber ging an ihr vorbei, ohne mich oder sie noch eines Blickes zu würdigen und verließ den Raum still mit Philipps Leiche. Nichts im Raum weiß noch darauf hin, dass sich vor wenigen Minuten hier jemand umgebracht hatte. Die Stille verharrte im Raum, ich wusste nicht was ich sagen sollte, einerseits aus Furcht, dass ich getötet werden könnte, andererseits – weil es nichts zu sagen gab.
    Nach einer Weile fing sie aber an zu reden: „Du willst sicherlich wissen, warum ich dich nicht umgebracht habe, damals wie heute oder?“
    Ich schwieg.
    „Er hatte es bereits erwähnt, denke ich. Du bist eine Anomalie, ein Fremdkörper, nein, vielleicht sogar ein wenig mehr als das.
    Er hat dir sicherlich schon „Das Gesetz“ erklärt, die Balance, die diese Welt zusammenhält, sie existieren lässt. Das, was in deiner Welt stirbt, findet ein neues Leben in unserer Welt. Das was in unserer Welt stirbt, findet in eurer Welt ein neues Leben. Nichts stirbt in dieser Welt, sie ist perfekt, nichts geht verloren, ein endloser Kreislauf. Jede Welt für sich, aber auch dann wiederum voneinander. Wir wissen von eurer Welt und wir wissen von den Konsequenzen „Des Gesetzes“, aber wir können die Grenze nicht überschreiten, außer wir sterben – und dann würden wir alles Wissen verlieren, was wir hier erworben haben und all unsere Macht. Und letzteres würde auch keiner der Unsrigen so gerne aus der Hand geben wollen, besonders da unsere Macht, unser Wissen, unsere Gesamtheit in allen Dingen deiner Welt überlegen ist, nein, es sind zwei verschiedene Welten, es wäre wohl Unsinn, zwei solch grundsätzlich verschiedene Dinge zu vergleichen als hätten sie etwas gemeinsam. Ja, ich sehe, dass du mitdenkst, ich muss mich korrigieren, sie haben etwas gemeinsam: „Das Gesetz“. Die Balance, das Gleichgewicht – das Schicksal. Dieses „Gesetz“ ist es, das dafür sorgt, dass eure Welt lebt, weil wir sie brauchen um selber zu leben. Aber es ist nicht nur der Übergang zwischen den Welten damit gemeint, nein, auch die Regelung der Übergänge ist damit gemeint. Und genau da kommst du ins Spiel: Die Anomalie. Um sicherzustellen, dass der Fluss an Übergängen, also der Tode in einer Welt zur Wiedergeburt in der anderen immer in geregelten Bahnen verläuft ist die Aufgabe von Anomalien wie dir. Deswegen wollte dich der Totengräber vorhin töten. Einer Anomalie gegenüberzustehen bedeutet meist, dass man „Dem Gesetz“ zum Opfer fallen soll zum Wohle der Balance. Gewissermaßen ist dein Freund Philipp wegen dir gestorben. Ja, sei nicht so entsetzt. Er ist zum Wohle der Balance gestorben. Immer noch schockiert? Komm mir nicht mit eurer Moral und dem anderen Müll, den ihr euch in eurer Ignoranz zusammengereimt habt. „Das Gesetz“ ist die Existenz unserer Welt! Ich will nicht wissen, was geschieht, wenn wir nicht jenem „Gesetz“ folgen.
    Aber wo war ich? Ach ja, die Anomalien. Diese glücklichen oder sollten wir nicht unglücklichen Kerle sind die einzigen Wesen, die beide Hälften ihrer Existenz gleichzeitig sein können. Sie besitzen menschliche Gefühle als auch unsere außergewöhnlichen Kräfte. Ein schrecklicher Gegner – keiner der unsrigen hat je einen Kampf gegen eine Anomalie gewonnen. Frag mich nicht warum. Du bist die erste Anomalie, die ich je gesehen habe und das du gerade erst entstanden bist, macht mich froh. Sonst wäre ich wahrscheinlich jetzt bereits ein kleines Baby, dass aus dem Leib irgendeiner Menschenmutter kriecht – hilflos, unwissend, fühlend. Wie abartig! Ja, schau nicht so verwundert! Du kannst dir nicht vorstellen, wie ekelerregend wie entwürdigend diese Vorstellung für uns ist. Ihr Menschen habt euch in eurer Ignoranz sogar noch schöner gemacht als er eigentlich ist, nichts von dem Überlebenskampf in unserer Welt, nichts von den endlosen Kriegen, nichts von den Katastrophen, die wir täglich über uns selbst bringen und das nur, weil wir zu viel Macht besitzen als gut für uns ist! Es ist die Hölle. Aber lieber diese Hölle als diese, diese Machtlosigkeit!“
    Sie hielt inne, sie schäumte vor Wut, schwelgte in bitteren Erinnerungen voll Schmerz und nie enden wollender Trauer. Das sie an dieser Wut, an diesem bitteren Leben nicht zerbrach war eine Leistung, die wohl kein Mensch aus meiner Welt zustande bringen würde. Nach ihrer Beschreibung schienen alle meine Beschwerden über meine Welt, die Dinge, die ich hier Leiden genannt hatte, nahezu unbedeutend zu dem Leid, dass sie schilderte. Aber vielleicht gab es keine bessere Welt, vielleicht war sowohl die eine als auch die andere Welt eine Hölle, jede auf ihre eigene Art und Weise.
    „Aber ich bin nicht hier um weiter meine Zeit mit diesem Gerede zu verschwenden. Eine Anomalie aus unserer Welt ist in eure Welt entkommen.“
    „Sollte sie das nicht auch? Es ist doch ihre Aufgabe…“
    „Diese Anomalie folgt nicht dem „Gesetz“. Es war einst Teil unserer Welt und aus welchen Gründen auch immer, will es „Das Gesetz“ zu Fall bringen. Es will die Balance zerstören.“
    „Aber das bedeutet ja…“
    „Ja. Wenn du nichts unternimmst wird deine Welt zerstört werden und was mit meiner dann geschieht, will ich gar nicht wissen.“


    Teil 2: Der Sinn des Schicksals


    Wenn ein Weiser höchster Art vom SINN hört,
    so ist er eifrig und tut danach.
    Wenn ein Weiser mittlerer Art vom SINN hört,
    so glaubt er halb, zweifelt halb.
    Wenn ein Weiser niedriger Art vom SINN hört,
    so lacht er laut darüber.
    Wenn er nicht laut lacht,
    so war es noch nicht der eigentliche SINN.


    Tao Te King: Zweiter Teil – Das Leben, Laotse



    Erste Ouvertüre: Beobachten


    „Wir haben keinen Grund, gegen unsere Welt Misstrauen zu haben, denn sie ist nicht gegen uns. Hat sie Schrecken, so sind es unsere Schrecken, hat sie Abgründe, so gehören diese Abgründe uns, sind Gefahren da, so müssen wir versuchen, sie zu lieben.“
    Rilke, An F.X. Kappus, 12. August 1904


    Ich saß auf der Bank im Park, der Bank, welche ich in meinem Traum auch gesehen hatte, doch anders, wirklicher, nein, einfach nur anders; zu wissen, dass man mehr sehen konnte, dass man die Dinge auf mehr als eine Weise sehen kann, verkompliziert die Dinge ins Unermessliche, Fragen stellt man sich, Antworten sucht man, aber alles was man in den Händen halten kann, alles, was man Wahrheit nennen kann sind Fakten, bloße Fakten: nichts sagend, mitleidlos, erbarmungslos, quälender ist es da hier zu wissen anstatt einfach zu ignorieren, aber Ignoranz ist eine Tugend, wenn es zu Fakten kommt, Fakten sind interpretierbar, roh, der Geschmack muss noch erst im Braten geschaffen werden oder in einer anderen Art der passenden Zubereitung, wobei man allerlei Beilagen schon dazugeben sollte um ein wirklich schmackhaftes Essen daraus zu machen, ja, lecker muss es schmecken und schön aussehen, ja, sehr schön muss es aussehen, denn das Auge isst immer mit, es sind oft die honigsüßen Worte, die wie ein Dessert dazu kommen noch am Ende um das ganze abzurunden, aber der Zweck, der einfache grundlegende Zweck des Essens, das simple Füllen des Magens braucht keine derartigen zusätzlichen Zutaten, es braucht nur die einfachen Zutaten – so weiß man wenigstens was man isst und ob man es essen will.
    Ich las ein Buch, alt war es, die Seiten vergilbt, der Einband rissig, der Titel auf dem Umschlag kaum lesbar, die Schrift im Buch in der veralteten Schreibweise. Ich seufzte. Wie konnte man so etwas lesen, dachte ich. Sollte man nicht eine neue Auflage davon lesen – oder eine neue schreiben? Ich legte das Buch weg, links neben mir auf die Bank, der Platz war frei, der rechte neben mir war auch frei. Dies machte natürlich die Wahl schwierig, wohin ich das alte Buch legen sollte, ob nun zu meiner linken oder zu meiner rechten Seite. Wahrscheinlich machte man sich da nie Gedanken darüber, aber heute machte ich mir Gedanken darüber und weil ich mir darüber Gedanken machte, so fiel mir auf, wie schwierig eine Entscheidung nun war, da ich mir nun auch noch Gedanken darüber machte. Diese Gedanken! Hätte ich sie bloß weggelassen! Wie schwierig machte es erst diese Entscheidung, wenn man dabei auch noch denken musste, würde man nach seinem Instinkt handeln, so wie es die Tiere zu tun pflegen, so würde man einfach handeln, das tun, was richtig erscheint, aber wenn man denkt! Man würde sowohl richtig als auch falsch im Blick haben, das eine herbeisehnen, das andere fürchten. Aber Zweifel würden da aufkommen, eben weil man nun weiß, was passieren kann, weil man weiß, dass nicht alles, was in guter Absicht geschieht, auch ein gutes Ende nehmen wird. Nein, ich legte das Buch links neben mir hin – ohne zu denken. Was nicht heißen mag, dass es auch ein schlimmes Ende nehmen kann.
    Ich schaute auf und sah den Park vor mir. Leute gingen in die eine Richtung, andere gingen in die Entgegengesetzte, keiner wählte denselben Weg, jeder ging für sich allein, wohl ging da zwei Personen nebeneinander, redeten miteinander, aber sie sahen nicht, sie blickten sich nicht an, immer wieder wichen sie der Erkenntnis aus, der Erkenntnis, was der andere sagen wollte, sie lachten, glaubten zu verstehen, was der andere meinte, redeten weiter, redeten für sich, aber nicht miteinander. Auch da waren zwei ältere Herren, die redeten aufgeregt, so leidenschaftlich, so vertieft, aber sie redeten nicht über sich selbst, nicht über den anderen, über den Geist redeten sie, nicht über ihre Umgebung oder sonst irgendetwas, was man hätte an einem Gegenstand festmachen können, vertieft waren sie in diesen Geist fern der Realität, nein, wahrscheinlich zu tief in der Realität, zu sehr im Einzelnen um den Blick für das Ganze wahren zu können. Auch da liefen zwei nebeneinander, die sprachen nicht, sie liefen nur nebeneinander, zufällig, aber still waren sie, denn sie hatten nichts zu sagen zu der Person, die sie nicht einmal eines Blickes würdigten, wie Luft schien ihnen die Person neben sich, wohl alle Menschen auf diesem Platz für sie wie Luft, vertieft in sich selbst, in ihre eigenen Probleme waren sie der bedauerlichste Anblick auf dem Platz – aber wahrscheinlich die einzigen, welche wussten, wie die Wahrheit in dieser Welt aussah.
    Aber die Bäume sie waren auch stumm, bewegten sich nur langsam, nur sanft, bewegt wurden sie vom Wind, nichts machten sie außer ihren Teil dem Zusammenspiel der Natur beizutragen. Harmonisch wirkten die Bewegungen, doch erinnerten sie mich an den Traum, an eben jenen Platz, der hier auch war, dieser andere Platz, der Platz, der den Tod nur fordern konnte, wenn er gewollt war, aber will man wahrscheinlich wohl eher in dieser Harmonie sterben als in der Einsamkeit der Menschen, die über diesen Platz liefen und ihn nicht beachteten, also auch nicht mehr in dem Platz sahen als das, was sie in sich selbst sahen, leer wirkte der Platz auf die Suchenden, kalt auf die Freudigen, nur die Traurigen, die Einsamen, sie sahen hinter dem Schleier, hinter die Maske dieses Platzes und erkannten dessen wahres Gesicht, dessen wahrer Maske – was aber wiederum hinter dieser Maske lag konnte und wollte man um seiner Vernunft willen gar nicht wissen. Aber ich sah nur, wie sich alles bewegte, wie alles einfach nur existierte, neben mir, an mir vorüber sich wandelnd, mich ignorierend, ich war allein, auch weil ich die Welt nicht mehr sah, wie sie war, weil ich ihr nicht mehr vertrauen konnte, nicht mehr mich hier heimisch fühlen konnte. Ich sollte womöglich diese Nacht das Fenster zu lassen, es würde kälter werden. Ich stand seufzend auf und ging den Weg nach Hause. Ich hatte noch einige Schularbeiten zu erledigen, musste wenigstens den Schein der Pflichterfüllung wahren in diesem Leben, dass mir nun wertlos erschien.
    Als ich einige Schritte getan hatte, bemerkte ich, dass ich jenes alte Buch vergessen hatte. Es lag noch auf der Bank. Ich drehte mich. Ein anderer sehr förmlich gekleideter Mann wollte sich auf die Bank setzen, sah das Buch, nahm es verwundert, blätterte darin, erst interessiert, dann enttäuscht, schaute danach auf den Papierkorb, der rechts neben der Bank stand, musterte das Buch, schaute sich um, ob irgendjemand ihn aufhalten wolle, aber da war niemand, ich beobachtete nur, wartete ab, der Mann zuckte wieder mit den Schultern und warf das Buch in den Papierkorb und setzte sich auf die Bank. Er las dasselbe Buch – in einer neuen Auflage.

  • Erste Geschichte: Tod – Die vergessene Realität


    Sybill saß an ihrem Schreibtisch und schaute auf das kleine Buch vor ihr. „Mein Tagebuch“ stand in goldenen, teilweise schon unerkenntlichen Buchstaben darauf. Sie war 18 – also nicht mehr in dem Alter um selber Tagebücher zu schreiben. Natürlich hatte sie auch früher nicht ein Tagebuch gehabt, schon zu ihrer Zeit als sie klein war, gab es relativ wenige in ihrer Klasse die tatsächlich ein Tagebuch besaßen und auch regelmäßig darin ihre täglichen Erlebnisse niederschrieben. Sie hatte deshalb auch keines – man ging schließlich in diesem Alter mit der Masse mit. Nicht das es heute anders wäre. Das Tagebuch war von ihrem Freund mit dem sie nun schon ein Jahr zusammen war. Sie liebte ihn natürlich und er liebte sie auch wenn sie manchmal fand, dass er zu ernst war und das er manchmal seltsam wirkte, verschwiegen, ablehnend – und das, obwohl er ihr seine Liebe gestanden hatte. Er hieß William und war eigentlich der Schwarm vieler Mädchen gewesen in der Schule und auch jetzt noch beneiden viele sie um die Liebe eines so schönen Mannes.
    Gestern war wieder einer dieser Tage, wo sie ihn nicht verstand. Er war einfach seltsam. Er hatte sich mit ihr beim Brunnen im Park verabredet. Sie dachte, dass es ein Date werden würde, stattdessen gab er ihr sein Tagebuch, damit sie ihn verstehen lernen würde. Sie verstand den Kerl manchmal einfach nicht! Und wie ernst er dabei auch noch gewesen war. Vielleicht sollte sie sich doch von ihm trennen. Aber sie hatte ihm natürlich trotzdem zugestimmt und hatte das Tagebuch genommen. Was soll ich damit, dachte sie. Ist es nicht ein wenig… unhöflich, darin zu lesen? Aber neugierig war sie. Vielleicht würde sie ihn dann besser verstehen, was wohl Seinen Ernst nicht verringern würde. Aber vielleicht konnte sie ihm dann ein wenig helfen, normaler zu werden.
    Sie schlug das Buch auf der ersten Seite auf. Seine gute Handschrift erinnerte sie an die eines Mädchens, ihre war aber schöner, fand sie. Sie begann zu lesen:


    „Ich bin bereit zu reden, zu schreiben, was geschehen ist, zu sagen, warum dies geschehen ist, nachzudenken, warum es nicht anders geschehen ist – und zu hoffen, dass die Zukunft besser aussehen möge.“


    Sybill hielt inne. Sie strich mit der linken Hand verwirrt eine Strähne ihres langen schwarzen Haares hinter ihre Ohren. Er liebte ihr schwarzes Haar. Sie hatte auch schönes Haar. Das hatten ihr auch viele andere bestätigt und sie wusste es auch. Sie las die ersten Zeilen noch einmal. Sie wusste nicht, dass er so poetisch war, seine Aufsätze in Deutsch waren zwar sehr gut gewesen, aber niemals – poetisch. Was sie mehr beschäftigte war die Stimmung dieser Zeilen. Sie hatte nie festgestellt, dass er traurig wäre. Sie wusste aber: er war ernst. Er war manchmal ZU ernst. Er war verschlossen, einzelgängerisch. Aber traurig? Sie kannte ihn wahrscheinlich besser als seine Eltern. Das dachte sie jedenfalls. Das hatte sie bis jetzt geglaubt. Vielleicht sollte sie wirklich alles lesen um ihn zu verstehen. Sie las weiter:


    „Ich war als Kind verschlossen, schüchtern und furchtsam was alles Unbekannte anbelangt. Ja, ich würde nicht einmal in einer Großstadt gehen, mich weigern, Orte mit vielen Menschen zu betreten, Menschen zu grüßen, die ich nicht kannte. Da ich aber jeden mied, den ich nicht kannte, konnte ich natürlich auch niemand neuen kennen lernte, hatte also während dieser Zeit weder Freunde noch waren meine Eltern sehr fürsorglich, wenn es um meine Belange ging.
    Ich will nicht darüber reden, doch oft war ich alleine im Wald, stundenlang, alleine träumend, spielend, in einer anderen Welt scheinbar lebend, einer besseren Welt, nicht hier – oder dort – nein, es war eine wirklich bessere Welt, eine Welt, die scheinbar nur ich sah.
    Als ich in die Grundschule kam, bemerkte ich, dass auch wenn ich bereits in allen Wissensgebieten genug wusste um mit Leichtigkeit alle Aufgaben zu lösen, die man mir stellte, so bemerkte ich, dass ich im Umgang mit meinen Klassenkameraden nichts tun konnte, d.h. ich verstand ihre Ansichten nicht, ich verstand nicht, wie ich es hätte verstehen können. Ich war allein – aber das war ich schon immer gewesen und deshalb erschien es mir nicht einmal seltsam. Heute mag ich die Ignoranz jener Tage – ohne Schmerz, ohne Missverständnisse. Alles schien so klar, so träumerisch, so schön. Aber derartige Dinge vergehen schnell, wenn es um die Realität geht.
    Ich wurde ein Opfer. Ich wurde ein Schatten, ein Ausgestoßener, ich wurde ein Opfer. Es gab eine Gruppe an Jungs, die zwei Jahre älter waren als ich und sie schienen Gefallen daran zu haben, mich herumzuschupsen, mich zu hänseln und mich auf andere Arten zu schikanieren, wie man sie wohl bereits genug aus Schilderungen von solchen Dingen kennt. Ich war auf sie wütend, aber ich verstand, dass wenn ich meine Wut zeigen würde, dann würden sie nur umso mehr Grund haben mich zu ärgern, denn meine Mutter meinte immer, dass Gewalt keine Lösung wäre. Ich folgte diesem Rat, aber hielt sie davon ab, die Initiative zu ergreifen, diesen Rat auch den Tätern zu lehren als sie eines Tages meine blauen Flecke sah. Ich wollte es nicht. Ich wollte es wirklich nicht. Irgendwie verstand ich meine „Freunde“, irgendwie hatte ich ihren Unmut, ihren bösen Willen gegen mich akzeptiert und zu verstehen gelernt. Irgendwie schien es mir wie ein Geschenk, denn war es nicht das erste Mal, dass sich überhaupt jemand mit mir abgegeben hatte? Vielleicht konnte ich lernen mit anderen Kindern umzugehen, mit ihnen zu reden, mit ihnen meine Sorgen zu teilen. Vielleicht würden sie nicht nur mir ihre Aufmerksamkeit schenken, sondern mich auch verstehen! Ja, diese Vorstellung war damals so etwas wie eine Verheißung, eine lichte Prophezeiung besserer Tage. Aber die Realität sah natürlich anders aus.
    Ich wurde weiter gequält, akzeptierte es weiter, meine Mutter akzeptierte es, gab es irgendwann auf nur zu akzeptieren, sondern akzeptierte nun auch dasselbe wie ich. Sie hatte mich zu verstehen gelernt. Mein Vater war gleichgültig. Er hatte auch eine Art Verständnis. Dieser Tage freute ich mich wenig, lachte selten, wurde ernst, wurde bitter, weinte, trauerte, hoffte, träumte, schlief, wachte dann aber leider immer wieder auf. Leider war ich wach! Ja, ich war wach, obwohl ich träumen wollte!
    Ich fand auch in diesen Tagen etwas, was ich beschützen konnte: Eine Katze. Eine schwarze, eine ganz schwarze Katze. Schwarz war meine Lieblingsfarbe geworden – oder vielleicht war sie das auch schon vorher gewesen, ich weiß es nicht mehr. Sie kam immer zu unserem Treffpunkt im Park und ich brachte ihr Essen, Milch und andere Dinge – jedenfalls denke ich, dass ich dies getan haben muss. Ich erinnere mich eigentlich nur daran, wie ich sie gestreichelt habe, wie weich ihr Fell war, wie warm es war und wie sie schnurrte voll Zuneigung. Aber da war natürlich ein Hindernis – gab es nicht davon eines überall? Ein alter, gebrechlicher Mann mit einem böse aussehenden Hund (er war böse, das ist sicher, aber ich weiß nicht mehr, welches Merkmal seines Äußeren diesen Eindruck auslöste) kam auch um die selbe Zeit immer vorbei, wie eine Warnung, der Hund würde laut und wütend bellen, mich an den Schrecken meiner ersten „Freunde“ in der Schule erinnern. Ich würde zusammenzucken, ins Gebüsch fliehen, mich verstecken – zusammen mit meiner Katze.
    Außer an diesem einen Tag. Verträumt wie ich war hatte ich bei der Flucht ins Gebüsch die Katze vergessen. Der Hund riss sich mit wütendem, gierigem Gebrüll von seinem Herren, die Katze krächzte in einem ebenfalls wütenden Ton. Was wollte sie tun, dachte ich verwundert. Bevor ich bemerkte, dass der Hund auf die Katze zu rannte, bewunderte ich den Mut der Katze, sich ihrem Feind zu stellen. Natürlich kannte ich die Sagen, die Märchen, die Geschichten von Helden voll Mut. So schien mir die Katze in diesem Moment und da die Helden in jenen Geschichten immer gewannen, sorgte ich mich natürlich nicht um die Katze (wenn die Realität nur wirklich so einfach wäre!). Der Hund sprang auf die Katze, rang sie nieder, zerfleischte sie. Der alte Herr wollte Seinen Hund wegreißen, war aber zu alt, zu schwach. Sein Hund hatte die Fessel abgelegt, er war nicht mehr Diener, er war selbstverantwortlich und da er nie eine Verantwortung besessen hatte, so war diese Selbstverantwortlichkeit nur umso unmoralischer und grausamer. Als ich nun sah, dass die Katze, jenes Objekt meiner ersten Liebe, tot am Boden lag, zerfleischt, so war ich wütend, ja, auch ich kostetet hier diese Frucht zum ersten Mal. Unbewusst schrie ich meinen Zorn hinaus, der Mann starrte mich verwundert an. Der Hund ließ von der Katze ab und wollte nun auch mich zerfleischen, aber im Gegensatz zur Katze wusste ich, dass ich ein Held bin – auch wenn mein Herz heftig schlug, ich vor Angst weinen wollte, meinen Vater neben mir haben wollte, um mich zu beschützen. Als ich nun dieses Ungetüm vor mir sah, abwehrend die Hände hob, Gott anflehte (ich ging Sonntags mit meiner Familie immer in die Kirche, also war ich natürlich ein wenig gläubig damals) er möge mich beschützen, so geschah es. Es geschah. Das Wunder, es geschah! Aber nicht Gott war es und auch nicht mein Vater – ich war es. Ich hatte zum ersten Mal einen Hauch der Macht gespürt und unbewusst benutzt, welche seit meiner Geburt in mir schlummerte. In jenem Moment als ich vor Angst meine Augen zusammenpresste, meine Arme über dem Kopf hielt, da hörte ich ein Zischen, wie wenn ein Teekessel, endlich kochend, sein Zeichen gab, dass dessen Inhalt kochte. Es war ein seltsames Geräusch, unerwartet, dem Geräusch folgte ein Plätschern, so als würde jemand einen Eimer Wasser über mir ausgießen. Ich weiß nicht, was passierte, denn ich fiel in Ohnmacht bevor ich die Augen aufschlug. Später erfuhr ich, dass jemand einen alten Mann im Park, Seinen Hund und eine Katze auf brutale Weise getötet hatte. Wie ich unversehrt bei mir zu Hause angekommen war ist mir bis heute ein Rätsel.
    Natürlich war ich verängstig. Ich muss es betonen: ich war verängstigt. Ich würde einige Tage nicht in die Schule gehen (eine gewisse Erleichterung war es mir aber auch, nicht gehen zu müssen). Meine Mutter dachte, es sei eine Grippe, mein Vater hatte volles Verständnis, sagte, dass ich schnell wieder gesund werden soll und verschwand nach diesen hastig gesagten Worten wieder mein Zimmer. Ich schätzte diese Geste, sie hatte ihm sicherlich einiges an Überwindung gekostet. Ich bat meine Mutter es meinem Vater gleichzutun – ich wollte keine Last sein. Sie beschwichtigte mich, sagte, dass ich nie eine Last sein könnte. Aber ich wusste, dass es ihr Pflichtgefühl war, nicht die Liebe zu mir, ich wusste, dass sie nur das sagte, was jede Mutter sagen würde. Die gewisse Eintönigkeit von Worten, die jeder sagen würde, ist leicht zu bemerken, wenn man diesen Menschen in das Gesicht sieht und feststellt, dass da dieser Schimmer des Triumphes in den Augen der Person ist, die zeigt, dass jene denkt, sie hätte das Richtige gesagt. Natürlich ist dieser Schimmer nie da, wenn man seine eigenen Gedanken ausspricht – jene Gedanken sind ja auch oft genug nichts, dessen man stolz sein durfte.
    Nun da ich allein war, bereute ich es, alleine zu sein. Ich wollte nach meiner Mutter rufen als ich bemerkte, dass der Raum dunkel war und er wurde mit jedem Lidschlag scheinbar dunkler. Innerhalb weniger Momente sah ich nicht einmal mehr meine Hand vor meinem Auge. Aber da öffnete sich ein anderes Auge vor mir, weiß war es, farblos, nur ein schwarzer Punkt in der Mitte, starrend wirkte das Auge, die Äderchen schienen zu pulsieren, haarfein waren sie, aber pulsierten unablässig wie das Blut unter der Haut des Auge kroch und von einem Ort bis zum anderen schnellte.
    „Du hast sie getötet.“, sagte das Auge in einer grässlichen Stimme, die beinahe unverständlich war, so grässlich war sie.
    Ich war verängstigt, das sagte ich bereits. Natürlich antwortete ich nicht – und ich hätte es auch nicht zehn Jahre später nicht getan, hätte ich nicht gelernt, was diese Erscheinung ist.
    Ich öffnete wieder meine Augen und stellte fest, dass die Erscheinung immer noch da war, das Auge schwebte vor mir in der undurchdringlichen Dunkelheit, groß war es, musste ich feststellten, größer als meine eigenen Augen, das genaue Aussehen in jenem Moment zu studieren und Vergleiche zu ziehen war natürlich in dem Moment unmöglich. Schließlich war ich verängstigt.
    „Du hast sie getötet.“ Derselbe Satz, dieselbe Intensität der Verbitterung und der Wut wie beim ersten Mal. Die Erscheinung wiederholte den Satz noch oft. Ich nahm fälschlicherweise an, dass meine Eltern die eigentlich doch recht laute Stimme hören müssten und mir zur Hilfe eilen würden, aber damals wusste ich natürlich nicht, dass ich hier etwas sah, was ein normaler Mensch gar nicht sehen sollte.
    „Du hast sie getötet.“ Er sagte es nun sicherlich schon zum hunderten Male. Ich zählte natürlich nicht mit. Noch wusste ich, wie viel Zeit vergangen war. Angst machte es sehr schwierig auf derartige Dinge zu achten.
    „Ich habe sie nicht getötet.“, flüsterte ich schüchtern und ängstlich. Ja, natürlich war ich verängstigt und laut sein konnte ich auch nicht. Meine Eltern würden es sicherlich verstehen, aber die Nachbarn? Meine Klassenkameraden? Und was gab es hier überhaupt zu verstehen? Aber damals war ich ein Kind, man muss verstehen, dass ich es in das Reich des Möglichen verbannte, dieses Ungetüm, das gar nicht da sein sollte. Da man als Kind vieles nicht erklären kann, aber auch weiß, dass man noch vieles lernen muss, so war man zugänglich für derartige Dinge.
    Ich bemerkte, dass das Auge still war. Es war aber da, es schaute mich an und es war auch noch dunkel. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wartete, fürchtete mich, wartete wieder, fürchtete mich wieder und wiederholte das Ganze so oft bis ich dessen überdrüssig wurde und fragte: „Wie… Wie habe ich sie getötet?“
    Es war eine seltsame Frage. Mir ist heute unheimlich, wenn ich darüber nachdenken will, wie ich überhaupt darauf gekommen bin, mir einzugestehen, dass ich sie getötet hätte. Es war ein Fehler – oder vielleicht auch einfach nur ein weiterer Schritt in meinem Leben.
    Die Erscheinung lachte und sagte nur: „Ich werde es dir zeigen…“
    Was folgte waren komplexe Erklärungen, die sich in mein Gedächtnis brannten, dass selbst heute ich mich noch ihrer klar erinnern kann. Ich bezweifele, dass ich in jenem Moment der Notwehr, tatsächlich all dies unbewusst getan hatte, was er mir in seinem Vortrag erklärte, aber letztendlich endete er damit, dass er mir dienen würde und meinen Willen ausführen würde. Ich fragte nicht nach dem Grund. Ich wusste, welcher es war, aber ich hatte Angst davor. Ich sollte hier es noch mal ausdrücklich erwähnen: Ich war verängstigt. Und diese Angst hat mich bis heute nicht verlassen.“


    Sybil sah auf, es war still. Ihre Hand zitterte ein wenig. Sie stellte fest, dass ihr Mund trocken war und das ihr Herz hektisch gegen ihre Brust schlug als wolle es fliehen. Sie schluckte ihre Angst herunter. Es war ein Scherz. Es war nicht sein Tagebuch. Nein, es war ein Scherz. Oder vielleicht wollte er Schriftsteller werden. Ja, das war es. Sie lachte, aber es klang gezwungen – und das war es auch.
    Sie ging aus ihrem Zimmer, die Treppen herunter, dann dem Flur entlang, die erste Tür links, wo die Küche war. Sie nahm ein Glas geistesabwesend und füllte es mit Leitungswasser, trank es dann schnell. Sie atmete wieder ruhiger. Eigentlich wollte sie nicht weiterlesen. Die Geschichte wirkte zu… real. Die Gedanken der Person erinnerten sie tatsächlich zu sehr an ihren Freund. War er verrückt? Nein, sie sollte es nicht einmal annehmen.
    „Geht es dir nicht gut?“
    Sybil schreckte aus ihren Gedanken hoch uns sah in das besorgte Gesicht ihrer Mutter.
    „Du siehst blass aus. Hast du dich erkältet, Sybil?“, fragte ihre Mutter scherzhaft vorwurfsvoll und musterte sie aber sorgvoll. Warum bin ich blass, dachte sie verwundert. Sie merkte aber tatsächlich, dass sie sich ein wenig schwach fühlte, ihr ein wenig der Kopf schwirrte. Vielleicht war es wirklich nur eine Erkältung, ein unglücklicher Zufall. Nichts weiter. Ihr Herzschlag wurde wieder langsamer.
    „Es geht schon. Zur Not mach ich morgen frei.“, sagte sie lachend.
    „Du hast aber bald Prüfungen, Sybil. Du solltest jetzt nicht fehlen…“
    „Irgendwie wird es schon gehen. Keine Sorge, Mama. Ich geh dann mal wieder. Ich habe noch ein paar Hausaufgaben zu machen“, sagte sie so fröhlich wie möglich.
    Sie verließ die Küche und ging wieder hoch in ihr Zimmer, schloss die Tür hinter sich und blickte auf das kleine Buch, das Tagebuch ihres Freundes. Es lag immer noch aufgeschlagen da. Sie schaute sich um. War das Zimmer immer schon so dunkel gewesen, wunderte sie sich, während sie spürte wie die Angst sie beinahe wieder aus dem Zimmer treiben wollte. Es ist nichts.
    „Es ist nichts!“, sagte sie laut.
    „Ist was? Hast du was gesagt, Sybil?“, rief ihre Mutter von unten.
    War sie zu laut gewesen?
    „Es ist nichts.“, rief sie und da ihre Mutter nicht antwortete, nahm sie an, dass ihre Mutter wieder mit etwas anderem beschäftigt war.
    Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und zwang sich trotz der ankündigenden Kopfschmerzen weiterzulesen:


    „Irgendwann betrat ich wieder die Schule. Natürlich tat ich dies, denn es war meine Pflicht. Natürlich würden meine „Freunde“ da sein. Natürlich würde ich es bereuen in die Schule zu gehen. Natürlich würde ich wütend werden. Natürlich würde ich…
    Aber es war noch nicht so weit. Nein, noch ertrug ich Tag für Tag mein Leiden, meine Bürde, verwechselte Schweigsamkeit mit Stärke, erhoffte mir Dinge, die nie geschehen würden, da ich niemals etwas tat, nie stand ich auf, immerzu war ich nur das Opfer. Nur das Opfer. Ich bin nur ein Opfer. Man möge sich dies merken: Ich bin nur ein Opfer.
    Auch wenn ich von Leid umgeben war, Folter es war einfach nur zu leben, so gab es doch anderes, andere Zeiten, Pausen, Erholung, ein Einatmen, eine Ruhe – meine eigene Welt. In jenem Wald in dem ich allein war, wo niemand mich störte, wo ich niemanden stören konnte, genau da war meine Welt. Die Einsamkeit, die Stille, die Natur – dies waren die Grundpfeiler meines Heiligtums, dass ich meine wahre Existenz nannte. Wenn ich groß wäre, so versprach ich mir, dass ich auf ewig in diesem Wald leben solle, auf ewig einsam, auf ewig in Stille, auf ewig – natürlich. Aber als ich an jenem einen Tage den Wald betrat, so hörte ich sie, ich hörte etwas! Die Stille, sie war zerstört, meine Seele verunreinigt, das geringe, zerbrechliche Gleichgewicht meiner gläsernen, kalten Seele zersprang, Wut kochte in mir, der Frust, zusammengehalten von jener Stille, jener Einsamkeit, jener Natur, diese Balance zerbrach als die anderen Kinder den Wald betraten – und mit ihr wurde meine Seele in jenes Dunkle getrieben, dass schon seit Ewigkeiten in mir lauerte, jenes Dunkle, dass den Tod des Hundes und des alten Mannes verantwortete, so wie ich es heute weiß und zu diesem Zeitpunkt damals fühlte. Aber kein Bedauern, kein Mitleid und keine Furcht entrang sich nun meiner Seele, nur noch Wut und Hass auf jene, die mein Heiligtum betraten, die es besudelten mit ihrer bloßen Präsenz. Es waren närrische Gedanken, so kindisch wie auch teuflisch, obwohl meistens dies sowieso dasselbe ist. Denn Böse ist meistens dort, wo der Wille nicht durch das Gute gehemmt wird.
    Ich spürte in jenem Moment, wie es wieder erschien. Es war da, wie gerufen und vielleicht hatte ich dies auch unbewusst getan. Ich weiß es nicht. Aber es war da, die Dunkelheit, die undurchdringliche Dunkelheit, jene, die mir diente, die meinem Willen, meinem Verlangen folgte und in jenem Moment forderte dieses Verlangen das Leben der Eindringlinge. Ich kannte die Kinder nicht, ich kannte nicht ihren Grund hier zu sein, ich kannte nicht ihren Grund mein Heiligtum ungefragt zu betreten, ich wusste nicht, was ich sonst hätte tun sollen.
    Und als ich aus dem Wald floh, der nun nicht mehr mein Heiligtum war, wusste ich, dass meine Welt zerstört war, es gab nun nur noch eine Welt, die ich kannte, eine Welt, die mir als Heiligtum dienen sollte – und da dies offensichtlich nicht der Fall war, so würde ich eben jene dazu machen. Ich schaute auf meine Hand, welche Dunkelheit umgeben war, welche lebendig zu sein schien. Ich lächelte und wusste, dass ich nun nicht mehr ein Kind war, die Entscheidung war gefallen, die Balance war zerstört und ich würde in ein neues Leben eintreten. Wie zur Ausrufung dieses neuen Lebens begannen die ersten Kinder im Wald zu schreien – bald danach war Stille. Ja, dies war meine neue Welt.“


    Sybil wusste nichts zu sagen. Sie wusste es einfach nicht. Es gab nichts zu sagen. Es war verrückt, wahnsinnig. Nicht nur die Fantasie, die der Dämon darstellte, auch der Erzähler, dieses Kind, nein dieser Dämon, der wahrscheinlich genauso grausam war wie diese Dunkelheit, die ihm diente. Und diese Person soll ihr Freund sein?! Sie wusste nichts zu sagen. Sie konnte nichts sagen. Sie konnte nur weiterlesen.




    Zweite Geschichte: Die Umstände eines Unglücks


    4. März


    „Haben sie gehört, Frau Bertling? Dieser Herr, wie hieß er noch... Also jedenfalls hat er seine Familie brutal ermordet. Und dann die Polizisten und dein Klassenkamerad. Irgendetwas ist faul in der Gesellschaft.“
    „Ja, Frau Dietrich. Irgendetwas ist sicherlich faul, aber die Gesellschaft? Übertreibt das nicht ein wenig die Tatsache, dass es vielleicht nur reiner Zufall ist?“
    „Zufall? Nie und nimmer, Frau Bertling! Das glauben sie doch selber nicht. Mein Mann meinte, dass die Politiker etwas vertuschen. Hier ist sicherlich irgendwas Großes im Busche.“
    „Denken sie? Die Tode sind traurig, aber...“
    „Ah, Herr Geherich. Was denken sie dazu?“
    Ich kam unschuldig des Weges und wurde von diesen zwei älteren Frauen angesprochen, nein angefallen trifft es eher. Sie stellten mir diese eine Frage, eine Frage, die so viel zu sagen hatte – und dann noch erst die Antwort. Es würde schwierig sein, eine Antwort zu geben, gestand ich mir ein. Aber still sein? Wie konnte man zu etwas so Großem still sein? Ich wollte es nicht wissen, ich wollte mein Leben einfach nur haben, so wie es war: ruhig und einsam.
    „Es gibt nicht viel zu denken, wenn man nicht mehr wissen kann als das viele gestorben sind.“, gab ich meine lakonische Antwort, welche wohl gerade, weil sie so nüchtern und lakonisch war die beiden Frauen erstarren ließ.
    „Einen schönen Tag noch.“, sagte ich lächelnd und bog in der nächsten Straße ab. Die Frauen redeten weiter und schienen in einer stillen Übereinkunft beschlossen zu haben, meine Bemerkung zu ignorieren.
    „Er wird wieder zuschlagen.“, erklang die melodische Stimme meines übernatürlichen Begleiters, dieses Mädchens, dass nun immer auftauchte, wenn ich glaubte allein sein zu können. Sie war nicht immer präsent, doch in letzter Zeit immer öfters. Erst dachte ich, sie seit eine Halluzination meines Verstandes, der in den Wahnsinn sich verloren hat, aber vor einiger Zeit sprach mich ein Klassenkamerad auf sie an. Und ich wusste nun, dass sie real war, genauso wie die Dinge, die sie mir erzählt hatte. Wobei letzteres immer noch etwas war, dass ich zugunsten eines stillen Lebens ablehnte.
    „Und wenn er kommt, werden wieder Leute sterben... Ich weiß. Aber was soll ich tun? Ich bin kein Held, selbst der Sportunterricht in meiner Schule fällt mir schwer und du verlangst dann, dass ich kämpfen soll? Wir haben bereits hundertmal darüber diskutiert...“
    „Aber du bist eine Anomalie...“
    „Und? Ich weiß immer noch nicht, welchen Vorteil dies mir bringt außer zu wissen, wo die Kräfte aus deiner Welt am Werke sind. Damit kann ich eben jene weder aufhalten noch verstehen. Ich sehe sie nur!“
    Sie schwieg und dachte nach. Es gab Argumente, die sie einfach nicht widerlegen konnte, Tatsachen, die mein Eingreifen im Kampf gegen diese Person, deren Identität und Natur ich immer noch nicht kannte, befürworten würden. Aber sie hatte ihr Pflichtgefühl, so vermutete ich es. Aber auch dieses konnte nichts an jenen Tatsachen ändern.
    „Was willst du dann tun?“
    „Wir werden heute seine Wohnung ansehen.“
    Sie betonte ‚Wir’ besonders, was bei mir unweigerlich ein Seufzen hervorrief.
    „Wessen Wohnung?“, fragte ich entmutigt.
    „Musst du nicht wissen, wir gehen einfach hin.“
    „Was ist an der Wohnung so besonders?“
    „Seine Frau und sein Sohn sind dort gestorben.“
    „Kein Grund dort einzubrechen. Die Polizei...“
    „Sie wurden zerfleischt. Und der vermeintliche Täter wurde blutüberströmt bei ihren Leichen gefunden. Das Blut auf Seinen Sachen ist aber nicht das der Leichen.“
    „Was ist das denn für ein Mordfall? Man nimmt doch an, dass er sie umgebracht hat oder?“
    „Ja, aber es fehlen die Beweise, aber auch sonst kann es niemand außer ihm gewesen sein.“
    „Verständlich, das die Polizei nun vor einem Problem steht. Von wem ist das Blut auf den Sachen des vermeintlichen Täters?“
    „Das weiß man nicht.“
    Ich seufzte. Das klang kompliziert und ich wollte nicht wissen, wie tief mich dies weiter in die Welt dieses Mädchens zerren würde. Es war offensichtlich, dass sie etwas vermutete und das sie einen Grund hatte, mich um Hilfe zu ersuchen. Und es war offensichtlich, dass sie etwas plante. Ich war letztendlich nur ein Werkzeug für ihren Plan. Aber was sollte ich tun? Ich konnte es sehen. Ich sagte zwar, dass ich die Geschehnisse nicht beeinflussen konnte, aber ich konnte sie sehen. Und etwas zu sehen, ohne jenes beeinflussen zu können, ist etwas ziemlich Zermürbendes, hatte ich in den letzten Monaten feststellen müssen.


    Nachdem ich aus der Schule kam und einige Schritte mich entfernt hatte, sodass ich allein war, erschien sie wieder plötzlich, so wie ich es erwartet hatte. Ich wusste auch (ich hatte es mehrere Male erprobt), dass sie mich jederzeit finden könnte, sobald ich allein war und mir an jeden Ort folgen konnte. Wie genau sie dies tat, war mir ein Rätsel.
    „Das Haus des Täters?“, fragte ich gelangweilt
    „Nicht weit von hier.“, antworte sie mit einem triumphierenden Lächeln.
    Wir liefen in etwa zehn Minuten und kamen dann in eine kleine Straße mit mehreren Einfamilienhäusern an der Seite. Hier lebten die eher wohlhabenderen Leute der Stadt. Dies war offensichtlich. Die Gärten waren gut gepflegt und jedes Haus präsentierte Seinen Garten wie als wäre es notwendig jenen zu zeigen, einige Häuser hatten auch prächtige Mauern um ihr Grundstück gezogen, sich sozusagen von den Leuten auf der Straße abgegrenzt. Es wunderte mich immer wieder, wie man so etwas als lebenswert betrachten konnte, so isoliert zu leben.
    „Hier ist es.“, verkündete meine Begleiterin.
    Ich sah mir das Haus an, welche von Polizeiabsperrungen umzäunt war und die Eingangstür war scheinbar versiegelt, so wie ich es von der Straße erkannte. Ansonsten war das Haus normal und durchschnittlich im Vergleich zu den anderen Häusern der Straße. Ich schaute mich um und bemerkte das energische Bellen mehrerer Hunde vom gegenüberliegenden Grundstück, welches eine jener war, die mit einer hohen Mauer umbaut waren. Wie konnte man nur mit diesem Gebell leben? Die Anwohner sollten sich darüber beschweren. Vielleicht haben sie es bereits getan, aber jener Bewohner ist einer der, welcher mehr Probleme als Nachbar schaffte als er es als Mensch je tun könnte.
    „Wir gehen rein.“,
    Ich war verwundert, aber irgendwie hatte ich es erwartet.
    „Wie?“, fragte ich zweifelnd.
    „Durch die Eingangstür.“, antwortete sie gelangweilt als wäre es offensichtlich.
    „Das ist nicht wirklich eine Antwort...“
    „Du wirst es sehen.“, antwortete sie lachend.
    Ich musterte sie verwundert. War sie gerade – humorvoll? Ich erinnerte mich an unsere erste Begegnung und wie unmenschlich sie gewirkt hatte, beinahe beängstigend. Aber jetzt hatte sie beinahe menschlich gewirkt. Vielleicht machte das ihre Gesellschaft erträglicher, aber welche Auswirkung hatte dies auf ihre Kräfte. Würde sie schwächer werden? Ich wollte auf keinen Fall sterben, nur weil sie ihre neuerlangten Gefühle nicht unter Kontrolle hatte.


    „Sie glauben doch nicht, dass ich ihnen dies glaube!“
    „Aber sie müssen! Ich habe meine Frau und meinen Sohn nicht umgebracht, aber...“
    Es war ein kalter, grauer Raum. Georg starrte auf die Spiegelwand, hinter der Polizisten standen und aufmerksam auf jede seiner Reaktionen achteten, abwarteten, ob er einen Fehler machen würde, ob er einen Teil der Wahrheit enthüllen würde, ihre Wahrheit natürlich. Aber die Verzweifelung war präsent, denn er hatte ja die Wahrheit erzählt, aber jene war einfach nur... verrückt. Er weiß nicht, was passiert war. Er verstand es nicht! Aber bedeutete das denn, dass er verrückt war? Vielleicht hatte er sie umgebracht, vielleicht hatte er sie umgebracht. Nein, er hatte nur einen umgebracht, nur einen und das war Selbstverteidigung. Nur Selbstverteidigung, aber da war keine Leiche, nur sein Blut hatte er auf Seinen Sachen. Was war bloß passiert?
    „Erklären sie also noch mal den Ablauf, Georg.“, sagte der Polizist vor ihm langsam und mit einer bedrohlichen Ruhe. Er war alt, anfang 50 scheinbar, aber er hatte weiche Gesichtszüge, welche überhaupt nicht zu seinem bellenden Ton passten. Er sah eher wie ein Bürotyp aus, den man in irgendeiner Firma faul hinter dem Schreibtisch versteckt finden würde. Wie war noch mal sein Name? Theodor war es, glaubte er, ein seltsamer und wahrscheinlich dummer Name, aber er hieß nun so mal. Er musste damit leben, Georg musste auch mit sich leben.
    Er begann nun dasselbe schon zum dritten Mal zu erzählen: „Ich kam am Tag zuvor wie immer nach Hause und fand meine Frau und meinen Sohn aufgebracht vor. Sie stritten. Ich wusste nicht warum, also fragte ich und meine Frau schrie mich an und sagte, dass es meine Schuld wäre. Ich wurde wütend und schlug sie. Ich war frustriert und betrübt, da es der Tag war an dem ich meine Freunde in einem Wald verloren hatte. Danach schlug sie mich auch und wurde noch wütender. Mein Sohn kam dazu und schaute mich beschuldigend an. ‚Du also auch!’, schrie ich zornig. Er berichtete, was passiert war: Der Hund hatte ihn angefallen, wollte ihn scheinbar töten. Er zeigte seine Verletzungen, sie waren echt. Mit Hilfe seiner Mutter trieben sie den Hund in den Keller und sperrten ihn in den Raum, wo später auch... ihre Leichen lagen.“
    Georg versuchte sich zu beruhigen und nicht in ein Schluchzen zu verfallen als er an ihre Leichen dachte, die er hatte sehen müssen. Er fühlte sich schuldig, unrein, wenn er zurück denkt, wie er Seinen Sohn und seine Frau in ihren letzten Stunden behandelt hatte. Nach einer Weile redete er weiter, während er unbewusst dem Kommissar dankte, ihm die Zeit für diese Pause einzuräumen.
    „Wir entschieden in einem Streit danach, den Hund einzuschläfern. Ich war dagegen, suchte die Schuld bei meinem Sohn, sie waren dafür. Ich ließ mich überzeugen. Wir fuhren danach zum Tierarzt, berichteten, was passiert ist und meine Frau überzeugte den zögernden Tierarzt ihn einzuschläfern. Er schien sich sichtlich unwohl zu fühlen, während er unserer Bitte nachkam. Danach fuhren wir wieder nach Hause, die Leiche des Hundes ließen wir beim Tierarzt.“
    „Wann war das?“
    „So um vier, denke ich.“
    Ein anderer Polizist kam zur Tür rein und flüsterte dem Kommissar etwas ins Ohr, jener nickte grimmig und starrte Georg erst mit so etwas wie Verachtung an, dann aber mit Verwunderung. Er sagte, ohne den Ton der Verwirrung in seiner Stimme verbergen zu können: „Sie wissen also nicht, dass um halb fünf die Tierarztpraxis abgebrannt ist?“
    „Nein... ich... Ich sage die Wahrheit! Glauben sie mir. Ich weiß nicht, was ich sonst nach sagen soll...“
    Georg endete als seine Stimme immer leiser wurde und die Verzweifelung seine Kehle zuschnürte. Er wusste es nicht. Er verstand es nicht. Und was noch viel schlimmer war: Alle in seiner Umgebung aber erwarteten von ihm genau das Gegenteil.
    „Ich kann ihnen versichern, Georg, dass wenn sie nicht der Täter sind, auch nichts zu befürchten haben, aber wir müssen wissen, was passiert ist!“
    Ein kleiner Teil von Georg verstand, dass der Kommissar nur sein Vertrauen wollte, ihn vielleicht zu einem Geständnis bewegen wollte. Aber Georg musste ihm vertrauen. So gerne er eine Wahl haben würde, die ihm es ermöglichen würde, einfach von hier zu verschwinden, er konnte es nicht. Sie glaubten, dass er ein Mörder wäre. Und es schienen mehr Leute gestorben zu sein als er erst angenommen hatte.
    Georg fuhr zögernd fort: „Als... als wir zu Hause angekommen waren, bemerkten wir, dass der Hund von unserem Nachbar gegenüber wie verrückt bellte. Wir sagten aber nichts dazu, da wir ja gerade unseren eigenen Hund getötet hatten... Noch dazu, es mag verrückt klingen, nein, wahrscheinlich ist es verrückt...“
    „Sagen sie es ruhig. Ich verstehe schon, was sie durchgemacht haben.“, sagte der Kommissar versöhnlich.
    „Jener Hund hätte nicht da sein dürfen. Also ich meine, jener Nachbar hatte keine Haustiere, so dachten wir jedenfalls bis zu diesem Moment und noch dazu... noch dazu klang jener Hund unverkennbar genauso wie unser eigener.“
    Es breitete sich Stille aus und die Spannung war merklich, da Fantasie und Rationalität miteinander rangen, sich der Verstand versuchte zu versöhnen mit dieser Feststellung, welche jenseits jedweder Logik war.
    „Wir sprechen darüber später, Georg. Was ist danach passiert?“, merkte der Kommissar nach einer Weile an. Er schien Georg nicht zu glauben. Man merkte, dass er mit jedem Male skeptischer wurde, je fantastischer und irrationaler Georgs Erklärungen wurden.
    „Als wir das Haus betraten, begannen wir uns sofort wieder zu streiten. Ich wollte wie immer an diesem Tag durch die Bars ziehen und auf das Verschwinden meiner Freunde trinken. Es war eine Angewohnheit von mir, mich so an sie zu erinnern, ihnen zu gedenken. Nach einer Weile, sagte meine Frau, dass sie verreisen würde, wenn es so weitergeht.“
    „Deshalb also die Koffer...?“
    „Nein, ich wusste nicht, dass sie tatsächlich dies tun würde, auch bis ich das Haus verlassen hatte, machte sie keine Anstalten ihre Koffer zu packen, obwohl... es war eh nur eine Frage der Zeit gewesen bis es passiert wäre.“
    „Und danach sind sie durch die Bars gezogen...?“
    „Ja und da bin ich auf diese Bar gestoßen „Zur letzten Hoffnung“. Es war eine seltsame Bar...“
    „Wir haben es überprüft: Diese Bar existiert nicht. Wo genau soll die sein?“
    Georg wurde sich immer unsicherer, auch verzweifelter, weil er bemerkte, dass er so gut wie nichts wusste. Alles war beinahe ohne sein Wissen oder sein Zutun geschehen, es fühlte sich an, als hätte ihn jemand ins kalte Wasser geworfen, unvorbereitet und plötzlich.
    „Ich weiß es nicht, ich war, denke ich jedenfalls, schon ein wenig betrunken.“
    Der Kommissar seufzte laut und sagte ein wenig genervt: „Was ist also da so Besonderes passiert?“
    „Ich habe... ich denke, dass ich eine Art übernatürliche Illusion gesehen habe.“
    „Was nun? Was übernatürliches oder eine Illusion?“
    „Ich wäre froh, wenn es eine Illusion gewesen wäre, aber...“
    „Aber?“
    „Es war zu real und...“
    „Und?“
    „Und da war etwas, etwas, was mich beunruhigt hatte. Dieses Mädchen mit den roten Haaren hatte mir gesagt, dass ich es finden würde, dass ich meine Freunde wieder finden könnte! Das sie nicht tot wären!“
    „Sie wissen aber, dass sie tot sind?“
    „Ich weiß, aber es wurde nie geklärt, wie sie gestorben sind. Es ist ein Mysterium bis zu diesem Tage.“
    „Gut, aber warum glauben sie diesem Mädchen?“
    „Sie war nicht... echt. Jedenfalls wirkte sie so. Außerdem als ich gerade mit ihr ein Gespräch beginnen wollte, verschwand sie einfach.“
    „Wie ‚verschwand’?“
    Es war offensichtlich, dass der Kommissar genauso gerne aus diesem Raum verschwinden wollte wie Georg. Nur ihm schien das Gespräch einfach nur so lächerlich zu erscheinen, dass er keinen Sinn darin sah in diesem Raum zu sein. Georg aber wollte aus diesem Raum verschwinden, weil die Vorstellung, dass hinter diesen unerklärlichen Ereignissen ein Sinn sein könnte, eine Furcht in ihm hervorrief wie es jede Veränderung tun würde, die einer Person jeden Schutz der Vertrautheit nimmt.
    „Einfach so... Ein Augenblick und schon saß ich allein in einer verlassenen Bar, die seit Jahren scheinbar nicht mehr genutzt wurde.“
    „Also eine Illusion?“
    „Ich hatte einen Whiskey bestellt, hatte ihn von dem stummen Barkeeper bekommen... und jener stand immer noch vor mir, mit dem Whiskey. Der Rest war verschwunden. Ich hatte natürlich keinen Whiskey bei mir zu der Zeit.“
    Der Kommissar nickte zögernd und schien kein einziges Wort zu glauben.
    „Also... weiter?“
    „Danach verließ ich die Bar, dachte an meine Familie und wie sie auseinander fallen würde. Danach griff mich dieser Mann an, der sich als mein Nachbar herausstellte. Genau der mit dem Hund, was ich vorhin erwähnt hatte.“
    „Aha...“
    „Er griff mich mit bloßen Händen an. Er sagte nichts, sein Gesichtsausdruck war wütend, aber er ignorierte jeden Versuch von mir mit ihm zu reden. Er schien mich nicht einmal zu verstehen.“
    „Und wie haben sie ihn getötet?“
    „Irgendwann brachte er ein Messer als er bemerkte, dass er so nicht die Oberhand in dem Kampf gewinnen würde. Sie müssen wissen, dass ich ab und zu ins Fitness-Studio gehe und...“
    Georg bemerkte den eher desinteressierten Blick des Kommissars und fuhr sofort mit der eigentlichen Beschreibung fort.
    „Aber er war tollpatschig.“
    „Tollpatschig?“
    „Naja, seine Bewegungen waren grob, ungenau, so als wäre er nicht gewöhnt sich überhaupt zu bewegen. Deshalb konnte ich das Messer an mich reißen und aus Reflex stieß ich in Seinen Bauch als er mich wieder angriff.“
    „Danach?“
    „Danach bin ich bewusstlos geworden.“
    „Warum?“
    „Ich weiß es nicht.“
    „Was ist danach passiert?“
    „Danach bin ich aufgewacht und habe nach einer Weile die Leichen meiner Frau und meines Sohnes im Keller gefunden. Danach habe ich die Polizei gerufen. Das Blut auf meinen Sachen bemerkte ich erst richtig, also verstand dessen Bedeutung als die Polizei eintraf.“
    „Wer denken sie, ist der Mörder ihrer Familie?“
    „Wenn ich das wüsste... Wenn ich wenigstens verstehen könnte, was passiert ist! Aber ich verstehe nichts, es ergibt keinen Sinn.“
    Der Kommissar schwieg eine Weile und sagte dann nur: „Es ergibt wirklich keinen Sinn. Aber es muss einen Grund geben.“
    „Und was wollen sie jetzt tun, Kommissar?“, fragte Georg verzweifelt.
    „Das ist die große Frage gerade für mich...“, antwortete er lakonisch.


    Ich schloss die Augen und im nächsten Moment stand ich genau hinter der Wohnungstür. Es war ein seltsames Gefühl, beunruhigend, übernatürlich, falsch. Es war keine Erfahrung, die ich bald wiederholen wollte.
    „Du kannst die Augen öffnen.“, antwortete sie ruhig und als ich eben jenes tat war sie schon in einem der Zimmer verschwunden, scheinbar das des Sohnes, wie es sich herausstellte als ich ihr folge. Ein Koffer war auf seinem Bett mit Sachen gefüllt, die man für eine Reise brauchte. Der Kleiderschrank war offen. Ansonsten wirkte das Zimmer ziemlich chaotisch und auch die Sachen im Koffer wurden eher hineingeworfen. Es wirkte hektisch. Warum war er in Eile?
    „Schauen wir uns die anderen Zimmer an.“, sagte sie nach einer Weile und verließ das Zimmer.
    Im Schlafzimmer waren auch zwei Koffer, die schon halb gefüllt waren. Die eine Seite des Blutes war blutig, aber das Blut war längst eingetrocknet. Dies musste die Seite sein, wo der Mann geschlafen hat, stellte ich fest.
    „Er ist also blutüberströmt ins Bett gegangen.“, stellte ich ungläubig fest.
    „Das macht ihn als Täter und als Anomalie nur umso wahrscheinlicher.“
    „Bis jetzt sehe ich keinen Grund anzunehmen, dass hier übernatürliche Kräfte am Werk waren.“, widersprach ich ihr, was sie nur mit einem unverständlichen Kopfschütteln beantwortete.
    „Schauen wir uns den Keller an.“, sagte ich seufzend.
    Die Tür zum Keller war offen und die Treppen führten nach unten in einen Vorraum, welcher sich als Garage herausstellte. Neben dem Garagentor war noch eine Tür mit einer Hundeklappe.
    „Hatten sie Hunde?“, fragte ich.
    Nach einigen Überlegen sagte sie nur: „Ja, einen, aber jener ist gestorben.“
    Ich musterte sie, aber spürte keinerlei Verwendung von übernatürlichen Fähigkeiten. Woher wusste sie also, dass dies so war? Es war bis jetzt ein ungelöstes Rätsel für mich, aber ich konnte nichts anderes machen als ihr glauben.
    „Gut, also in dem Raum wurden sie gefunden?“
    „Ja.“
    In dem Raum selber war nur eine Heizung zur linken, ein kleines Fenster gegenüber der Tür am oberen Rand der Decke. Es war zu klein für ein Kind, vielleicht aber nicht für einen Hund oder eine Katze... Ich wusste nicht, was mich beunruhigte, aber etwas war falsch. Die Umrisse der Opfer waren mit weißer Kreide nachgezogen. Sie hatten unabhängig voneinander gelegen, aber ihre Position war zufällig. Blutspritzer waren überall erkennbar im Raum, besonders an den Stellen, wo die Opfer letztendlich gelegen hatten.
    „Gab es einen Kampf?“, fragte ich sie, ohne sie anzusehen.
    „Ja, die Opfer hatten definitiv einen Kampf. Der Täter hatte aber keinerlei Spuren, die darauf hinwiesen. Ich denke, er hatte Diener be...“
    „Das reicht.“, sagte ich, mal wieder seufzend. Es war immer so: Für sie gab es immer nur die Verwendung übernatürlicher Fähigkeiten, es kam ihr nie in den Sinn, dass jemand mit genug Kreativität denselben Effekt wie mit geringer Magie erzielen kann.
    Sie musterte mich mit einer Mischung aus Wut und Zweifel.
    „Ich denke nicht, dass wir bereits so weit gehen können.“, fügte ich nach einer Weile hinzu, „Das nächste wäre mit dieser Person zu reden, die der Mörder sein soll. Kannst du uns zu ihm bringen?“
    „Ich kann, aber wozu?“
    „Ich denke, seine Ansicht der Sache zu sehen, wird ein wenig informativer sein, als irgendwelche Thesen von übernatürlichen Intrigen zu beginnen.“, sagte ich.
    Sie wartete eine Weile und schien über irgendetwas nachzudenken. Ihr Ausdruck hatte wieder genau den unmenschlichen, emotionslosen Schein, der mich bei unserem ersten Treffen zum Erschaudern gebracht hatte. Vielleicht war die Annahme, dass sie menschlicher werden würde doch nicht mehr als eine Illusion gewesen, eine Einbildung.
    „Ja, das geht. Jetzt sofort?“
    Ich schaute auf die Uhr: 16.59 Uhr. Ich überlegte, ob ich irgendetwas Dringendes bis morgen erledigen musste. Natürlich waren da Hausaufgaben, aber keine davon war ernsthaft und nicht schaffbar, wenn ich sie am nächsten Tag von jemand abschreiben würde.
    „Ja, jetzt.“
    Sie nickte nur, nahm meine Hand und im nächsten Moment bereute ich auch schon meine Bitte.


    Wir standen in einer Zelle im Gefängnis. Die Zelle war mehr oder weniger genau das, was man erwarten würde und ich setzte mich auf das harte Bett als ich meine Übelkeit niederrang. Diese Art der Reise schien auf sie keinen Effekt zu haben, aber mir schien es eher eine Tortur so reisen zu wollen. Nach einer Weile beruhigte sich mein Magen. Meinem Körper dankend, dass ich nicht mehr das Bedürfnis verspüren musste, mich zu übergeben wandte ich mich an meine Begleiterin.
    „Und? Wo ist er?“, fragte ich nach einer Weile.
    „Ich weiß es nicht.“, antwortete sie.
    Wir schwiegen wieder eine Weile und ich musterte sie. Nach einer Weile sah sie auf. Es war offensichtlich, dass sie in Gedanken woanders war. Ich musste etwas sagen.
    „Ich habe nie gefragt.“, sagte ich schnell ausweichend.
    „Was?“, fragte sie neugierig.
    „Deinen Namen.“, antwortete ich versucht desinteressiert. Ich wollte eigentlich nur die Stille füllen. Aber es war offensichtlich, dass sie die Anspielung ernst nahm. Aber dann wiederum wirkte sie nicht menschlich, also wäre es auch lächerlich in menschlichen Bahnen der Logik in diesem Falle zu denken – oder?
    „Rate.“, sagte sie lächelnd.
    Ich dachte eine Weile nach und sagte nur: „Was ist, wenn ich falsch liege?“
    „Dann wirst du mich bei einem falschen Namen in Zukunft nennen.“
    „Karin.“
    Sie blinzelte verwundert. Nein, ich hatte nicht richtig liegen können, die Wahrscheinlichkeit dafür war aberwitzig gering, nein es war einfach unmöglich – und trotzdem…
    „Liege ich etwa richtig?“, fragte ich in einem scherzhaften Ton.
    „Nein, natürlich nicht.“, antwortete sie, nachdem sie wieder ihre kalte, emotionslose Art gefunden hatte. Ich wusste nicht, ob sie jetzt gerade log. Bei einem Menschen wäre ich mir dessen sicher gewesen.
    „Dann also Karin, oder?“
    „Ja, damit ist dies geklärt, Markus.“
    „Mein Name klingt gerade so schrecklich, dass ich gerne vorschlagen würde, dass du auch meinen Namen errätst. Schlechter wird er sicherlich nicht.“
    „Das hängt davon ab, ob dir Mädchennamen besser gefallen.“, sagte sie lächelnd.
    „Oh, mit dem einen oder anderen könnte ich leben. Elizabeth z.B.“
    „Warum gerade der Name?“
    „Naja, du kennst doch sicherlich die Königin von England, Elizabeth I.?“, fragte ich, aber sah sofort, dass sie jene nicht kannte.
    „Jedenfalls“, fuhr ich sofort fort, „waren ihre letzten Worte: ‚All my posessions for a moment in time.’“
    „Und was ist so besonders daran?“
    „Als ein Freund von mir zu spät an die Bushaltestelle kam und denn Bus wegfahren sah, so rief er eben jenen Satz. Als der Bus anhielt und mein Freund einstieg, meinte der Busfahrer nur: ‚Keine Sorge. Zwei Euro reichen dicke.’“
    „Und was hat dein Freund dann gesagt?“
    „Er bezahlte natürlich ein wenig beschämt seine Fahrkarte und fuhr mit dem Bus ans Ziel. Als ich ihn fragte, was nun der Sinn dieser Geschichte wäre, sagte er nur: ‚Rede nie mit dem Busfahrer.’“
    Sie lachte und nach einer Weile sagte ich ernst: „Was genau bist du?“
    „Das kann ich nicht sagen.“
    „Gut, aber du bist nicht menschlich. Oder…?“
    Sie starrte mich an. Es wirkte menschlich, beinahe sah man da so etwas wie Leid, wie eine Bürde, die ihr Gesicht verfinsterte. Oder war es nur eine Illusion, vielleicht war sie auch nur eine gute Lügnerin. Vielleicht war das alles, was ich wissen konnte, vielleicht war da nichts anderes als eine Lüge, aber es konnte natürlich auch mehr sein, aber wollte ich das auch wirklich wissen? War es dann nicht eher wie ein Weg ohne Rückkehr?
    „Deine Kräfte… Sie haben etwas mit der Beeinflussung des Raums zu tun – oder?“, fragte ich nach einer Weile. Wieder diese Unsicherheit, dachte ich bitter. Ich weiß nicht, was man nun fragen sollte, was man nun denken sollte, geschweige denn, was man nun tun sollte. Aber trotzdem war ich in dieser absurden Situation.
    „Ja, mehr als das. Ich kann jeden Ort betreten, fast jeden Ort. Und… ich kann an mehreren Orten gleichzeitig sein.“, erklärte sie langsam in einem geistesabwesenden Ton als würde sie mit jemand anderem reden. Ihre letzten Worte waren zudem so unsicher, das ich mich fragte, ob sie überhaupt wusste, was genau sie war.
    „An mehreren Orten?“
    „Ja, aber es geschieht meistens eher unbewusst, aber es ist am Ende immer noch ich, also… vertraue ich mir selbst.“
    „Aber das bedeutet ja…“
    In dem Moment ging die Tür auf und der vermeintliche Täter betrat seine Zelle. Und der erste Eindruck von ihm war in einem Wort zu beschreiben: Verzweifelung.


    Georg betrat alleine seine Zelle, welche auch leer sein sollte, doch saßen da zwei Personen. Er war verwundert, nein er fürchtete sich, wenn er genauer darüber nachdachte. Würden sie ihn töten?
    „Wer seid ihr?“, sagte er kleinlaut.
    „Wir sind hier um dir Fragen zu stellen.“, sagte die männliche Person als sie aufstand und Georg wunderte sich wie jung die Person war.
    „Ich habe alles der Polizei erzählt. Fragt die!“
    „Wir wollen es von dir hören. Dein Fall ist… anders.“, erklärte der junge Mann weiterhin in einem ernsten, höflichen Ton und Georg hatte den Eindruck, dass er ihm vertrauen konnte. Aber als er das Mädchen anstarrte blieb sein Herz beinahe stehen. Es war DAS Mädchen, jenes, das er in der Bar getroffen hatte. Er ging auf sie mit schnellen Schritten zu und fragte sie eindringlich: „Wo sind meine Freunde? Du weißt es! Wo sind sie?“
    Aber sie starrte ihn nur verwundert an, nein, nicht einmal Verwunderung war da, sie starrte ihn nur schweigend an. Der junge Mann fasste seine rechte Schulter an.
    „Lassen sie uns reden. Ich will alles von Anfang an hören.“
    Georg drehte sich um und schaute den jungen Mann verwirrt an. Ihm kam nun der Gedanken, dass er weder wusste, wer diese Personen sind noch wusste er den Grund warum sie hier waren. Von der Polizei schienen sie nicht zu sein, aber… was waren sie dann?
    „Und… was werdet ihr tun?“, fragte Georg als er nach den richtigen Worten suchte um die Fragen in seinem Kopf zu beantworten.
    „Das weiß ich nicht. Ich weiß nicht einmal, ob wir überhaupt etwas tun können.“, antwortete der junge Mann in einem aufrichtigen Ton, während sein Blick immer wieder zu dem Mädchen ging.
    „Aber ich denke“, fuhr er fort, „wir haben einen Vorteil gegenüber der Polizei. Wir glauben ihnen.“
    So sehr Georg sich freute jemand gefunden zu haben, der ihm zuhören würde und ihm glauben würde, so sehr machte ihn die Furcht zu schaffen, die bei der Frage kam, was für Personen er vor sich hatte, die seine Geschichte glauben würden.


    Theodor ließ sich übertrieben geschafft in seinen Stuhl am Schreibtisch fallen. Er schaute aus dem Fenster und zählte die vorbeischwebenden Wolken. Er musste irgendwie abschalten, aber er konnte es nicht.
    Ein braunhaariger Mann, Mitte 30, kam herein und schaute lächelnd zu dem Kommissaren: „Scheint ein verdammt lausiger Fall zu sein, Chef, nicht?“
    „Wenn es nur eine Laus wäre, müsste ich nur meinen Fuß ausstrecken und das verdammte Vieh zertreten.“
    „Was werden sie nun tun?“
    Der Kommissar lachte und sagte: „Dasselbe hat mich dieser irre Kerl auch gefragt. Als könnte ich was mit diesem Mist anfangen als schon die Abgabe zu den Akten vorzubereiten.“
    „An dieser Stelle fragt man sich immer, was wirklich passiert ist.“
    „Ja, aber ich bin Kommissar, kein verdammter Psychologe, der diesen Irrsinn versteht, den der erzählt. Oder verstehst du davon was?“
    „Es wäre ein guter Fantasyroman geworden.“
    „Und deine richtige Meinung?“, fragte Theodor gelangweilt, während er die Augen verdrehte.
    Der Polizist überlegte und sagte dann: „Einen Psychologen hinzuziehen?“
    „Und was erzählt der mir dann? Wahrscheinlich wird der mit seinem Kram das Ganze nur noch irrsinniger machen als es schon ist.“
    „Und was ist, wenn er Recht hat?“
    Theodor zögerte, ein wenig überrumpelt von der Frage antwortete er: „Wie meinst du das?“
    „Was wäre, wenn er Recht hat, Chef?“
    „Dann würde ich dir den Job überlassen.“, antwortete er lakonisch.
    „Ähm… Warum?“
    Theodor lächelte als er merkte, dass er nun seinen Gesprächspartner überrumpelt hatte im Gegenzug. Er stand auf und im Gehen sagte er nur: „Mir haben Fantasygeschichten noch nie gefallen. Eine gute Krimigeschichte wäre mir lieber.“


    Ich weiß nicht, ob ich diese Person bemitleiden soll. Ich verstehe sie durchaus, denn schließlich wurde sie (wie auch ich) in eine Welt geworfen, die rein gar nichts mit unserer Realität zu tun hat. Man kann nichts anderes tun als ihn zu bedauern, dass er nun in der schrecklichen Lage war, mehr zu wissen als er sollte, aber weniger zu verstehen als er es vorher konnte. Es waren immer diese Veränderungen, die Zweifel erwecken würden. Zweifel, die zu Furcht werden konnte. Zweifel, die aber auch zu Erkenntnis führen konnten. Aber das Wichtigstes dabei war natürlich zu überleben, auch dies zu wollen natürlich. Und dass ich hier stehe bedeutete, dass ich wenigstens bereits einen Schritt in die richtige Richtung gegangen bin.
    „Was ist also passiert?“, fragte Karin in einem ungeduldigen Ton.
    Georg musterte sie misstrauisch, schaute dann zu mir herüber, dann wieder zu Karin. Er zweifelte. Ein schlechtes Zeichen.
    „Na gut, vielleicht sollten wir uns erstmal vorstellen, damit wir uns besser unterhalten können.“, sagte ich so freundlich wie möglich. Sein Blick wurde skeptisch.
    „Georg.“, sagte er knapp.
    „Markus.“
    „Karin.“, fügte sie tonlos mit einer Abneigung hinzu als wäre es unnötig dies zu tun.
    „Gut, Georg. Was ist genau passiert? Und ich will deine Sicht der Dinge hören, nicht die Interpretationen der Polizei.“
    Georg schwieg und schien nachzudenken, nach einer Weile begann er zu erzählen und er war sichtlich überrascht als ich und Karin ihm die ganze Zeit stumm zuhörten. Bei der einen oder anderen Stelle hätte ich (wie es sicherlich die Polizei getan hat) verwundert nachgefragt, überprüft, da es doch schon seltsam klang – von einem vernünftigen Standpunkt aus gesehen. Aber ich hatte genug Seltsamkeiten bereits gesehen um jetzt noch von solch einer Geschichte überrascht zu werden. So dachte ich jedenfalls bis Georg zu einem interessanten Punkt seiner Geschichte kam: „... Und als ich in der Bar saß, tauchte sie auf.“
    Er zeigte auf Karin, welche seine Andeutung nur mit Schweigen beantwortete. Ich musterte sie, versuchte irgendeine Reaktion abzulesen, aber da war keine, ihr Gesicht war fest in der emotionslosen Maske gefangen. Und in diesem Moment fiel mir ein, wie sie erwähnt hatte, dass sie an mehreren Orten gleichzeitig sein kann und dies unbewusst geschah. Aber war es Zufall, dass sie dies gesagt hatte? Besonders da sie es vor genau dem Gespräch gesagt hatte, da es als Erklärung notwendig geworden wäre. Hatte sie gelogen, vielleicht auch etwas verheimlicht. Aber ich verstand auch in jenem Moment, dass ich es nicht wissen konnte, dass ich tatsächlich auch nicht mehr tun könnte als zu schweigen, einfach weil ich es nicht wusste. Vielleicht war es auch falsch ihr zu misstrauen. Vielleicht hat sie auch die Wahrheit gesagt, vielleicht war die Wahrheit nicht komplizierter als sie bereits war, vielleicht gab es am Ende doch eine logische Erklärung, wenigstens eine verständliche Erklärung.
    „Sie kann es nicht gewesen sein.“, sagte ich nach einer Weile als die Luft mit Anspannung gefüllt war. Karin hatte geschwiegen, Georg hatte sie angestarrt, anklagend, anflehend und herausfordernd.
    Georg wandte sich mir mit einem überraschten Blick zu, Karin ebenfalls (war sie wirklich überrascht?). Ich nickte als würde ich mich noch einmal selbst bestätigen wollen.
    „Ja, sie war zu dem Zeitpunkt mit mir zusammen.“
    Es war eine Lüge. Natürlich war es eine Lüge. Aber ich brauchte sein Vertrauen. Ich verstand, dass Menschen gestorben war und wenn ich der einzige war, der den wirklichen Täter zur Rechenschaft ziehen kann, dann muss ich es wohl hinter mich bringen – auf die eine oder andere Weise, egal wie unmoralisch es sein mag (obwohl ich natürlich immer versuchte mich so moralisch wie möglich zu halten).
    „Er hat Recht, Georg.“, stimmte Karin mir ernst zu. Sie wirkte natürlich wesentlich überzeugender, da ihre Stimme keine Spur von Zweifel zeigten – oder sonst irgendeiner Emotion, die man wohl erwarten würde.
    „Nun, gut, ich glaube euch. Aber sie sah wirklich wie du aus, das müsst ihr mir glauben.“, sagte Georg nach einer Weile, während er uns misstrauisch gemustert hatte und über irgendetwas nachgedacht hatte.
    Ich dachte nach und mir fiel etwas ein: „Du sagtest, dass du glaubtest, dass dein Nachbar einen Hund hätte, der genauso klingen würde wie der, welcher gestorben ist?“
    „Ja, es war seltsam…“
    „Angenommen es war jener Hund“, unterbrach ich ihn, „würde er nicht Rache wollen?“
    „Sicher, es gibt Geister, die genauso vorgehen würden, aber die der Toten sind dies nicht, besonders nicht jene, welche einst Menschen waren. Ihnen mangelt es… an Menschlichkeit.“, erklärte Karin.
    „Gut, Rache scheint mir auch nicht wie ein Konzept, dass zu einem Tier passen würde, auch nicht die Art wie er systematisch Georg in die schlimmstmögliche Situation gebracht hat, ohne sich zu verra…“
    Ich hielt inne als mir ein Gedanke kam: „Georg, was denkst du würde deine Frau und dein Sohn machen, wenn sie dich vor Trunkenheit tief im Schlaf gefangen blutverschmiert im Bett auffinden würden?“
    „Sie… würden wahrscheinlich versuchen die Polizei anzurufen.“
    „Du sagtest aber, dass der Strom weg war. Wenn er schon zu jenem Moment weg war, was würdest du tun?“, fragte ich weiter als ich langsam verstand, was passiert sein könnte.
    „Ich würde in den Keller…“, sagte Georg als er verstehend innehielt.
    Karin fügte verstehend hinzu: „Das würde erklären, warum einer im Keller war, aber nicht warum beide im Keller waren – und dazu gab es keine Spur eines Eindringlings.“
    „Der Täter brauchte sich keinen Eingang zwanghaft zu schaffen, er hatte bereits einen: Die Hundeklappe im Keller.“
    „Dann… Dann soll es mein toter Hund gewesen sein?!“, fragte Georg verwundert.
    Ich nickte und erklärte: „Ich denke, es ist wie folgt passiert: Deine Frau wachte auf und fand dich blutverschmiert vor. Sie wollte dich wecken, eine Erklärung fordern, aber du warst zu betrunken um aufzuwachen. Als nächstes wollte sie die Polizei anrufen, aber der Strom war weg. Sie weckte ihren Sohn, forderte ihn auf zu packen, holte ihre Koffer heraus, als sie den Hund wahrscheinlich zufällig draußen sah. Nun was würde man machen, wenn man feststellt, dass eine Gefahr in das Haus will?“
    „Man würde alle Eingänge verrammeln… Verstehe – die Hundeklappe! Sie ging in den Keller um sie mit irgendwas zuzustellen.“, merkte Georg an.
    „Genau, der Sohn packt weiter, hört wahrscheinlich die Schreie der Mutter, geht in den Keller – und stirbt auch.“
    „Aber warum hat er mich nicht auch getötet?“
    „Weil du leiden sollst. Dieser Angreifer, der dich töten wollte, war viel zu unmotiviert, wenn man bedenkt, dass diese Kreatur so leicht deine Frau und deinen Sohn töten konnte.“
    Georg wollte etwas sagen, aber senkte dann einfach den Kopf und schwieg.
    „Das bedeutet, dass wir nichts für dich tun können.“, stellte Karin kühl fest.
    Georg schien überrascht, aber auch schockiert, aber ein kleiner Teil von ihm schien es zu verstehen und zu akzeptieren. Er sagte nur: „Aber eines verstehe ich dann nicht. Warum waren alle Datumsangaben auf Samstag eingestellt?“
    Und darauf hatte ich auch keine Antwort, aber wenn man in Betracht zog, wie bereits der Rest der Theorie aussah, wollte ich auch gar nicht wissen, was dieses Stückchen zu bedeuten hatte.
    „Ich weiß es nicht.“, sagte ich nur, „Aber ich werde nachsehen, was mit diesem Nachbar ist, der dich angegriffen hat.“
    „Er wird tot sein.“, sagte Karin sicher.
    „Das werden wir sehen.“, sagte ich, aber wusste, dass sie Recht hatte. Aber mich interessierte, was sonst noch passiert sein könnte und ob man dort ein weiteres Stückchen der Wahrheit auffinden würde.
    Georg schien in sich gekehrt und versuchte mit seinem Schicksal klarzukommen.
    „Wir werden gehen, Georg.“, sagte ich.
    Nicht abwartend wie er reagieren würde, brachte Karin, sie und mich zu dem Haus des Nachbarn.


    Ich stand hinter der Mauer und der erste Eindruck zeigte ein ordentliches Haus ohne irgendwelche Dinge, die Aufsehen oder Misstrauen erwecken würden. Es war aber still. Der sauber gepflegte Garten wirkte seltsam erstarrt ohne Geräusche oder Wind, der Bewegung hätte schaffen können.
    „Die Tür ist offen.“, bemerkte Karin, die schon mit einem Schritt in der Wohnung war. Ich wollte sie daran erinnern, dass wir kein Recht hätten einzubrechen als ich bei der Tür ankam, aber in jenem Moment roch ich einen der schrecklichsten Gerüche, die ich mir vorstellen kann: den der Verwesung.
    Ich ahnte natürlich, was ich vorfinden würde. Ich ahnte, dass ich es nicht sehen wollte. Ich wusste all dies und ging trotzdem weiter. Sie lagen im Wohnzimmer, eine Frau und ein Mann. Ihre Leichen vertrocknet, verwest und in keinem Zustand, den ich ertragen konnte. Ich übergab mich als ich angewidert meinen Blick abwandte.
    „Verdammt!“, sagte ich.
    „Warum Karin?! Warum mussten sie sterben?!“, schrie ich den stummen Blick von Karin an als würde sie mir nicht zustimmen wollen
    Ich wendete mich ab, es war ein schreckliches Gefühl, viel schrecklicher als der bloße Anblick war der Gedanke, dass sie wirklich tot waren, dass vor mir Leichen lagen.
    „Sie wurden besessen. Scheinbar sind sie schon vorher gestorben. Die Kreatur hat nur ihre toten Überreste übernommen.“, erklärte Karin als sie sich die Leichen ansah.
    „Sie waren schon tot?“, fragte ich verwundert. Es ergab keinen Sinn, dass sie bereits tot waren bevor der rachsüchtige Geist in ihre Körper gefahren ist.
    „Ja, so scheint es.“
    „Aber... was ist dann passiert?“, fragte ich, nun nicht mehr fähig den Unglauben aus meiner Stimme zu verbergen.
    Sie schaute mich an, der Blick war leer, starr auf mich fixiert, es gab keine Beobachtung, kein Gedanke von ihr, nur der Fakt, das rationale, hypothetische über das wir gerade sprachen, jenes seltsame Dinge, dass ich Ursache zu nennen pflegte.
    „Es könnte viele Gründe geben, aber es wäre unsinnig sie alle zu nennen, auszuwerten usw.“, erklärte sie nüchtern. Es war ja auch nur eine Hypothese.
    „Und was werden wir tun? Ich meine...“
    „Gar nichts.“, sagte sie scharf als müsste sie ein Kind davon abhalten eine heiße Herdplatte zu berühren. Ihre Gestik war statt und genauso emotionslos wie ich es mir immer ausmalen konnte, wie ich sie lieber nicht sehen wollte. Schließlich war sie an sich menschlich – auf den ersten Blick.
    „Aber wir müssen etwas tun, nicht wahr? Wir müssen...“, flüsterte ich bei mir.
    „Hast du etwas gesagt, Markus?“, fragte sie mich, jetzt mit einem tatsächlich fragenden Ausdruck in Augen sowie Gesicht, ein durchaus verwirrender Ausdruck zumindest für mich. Ich verwarf meine Zweifel und wagte es zu sagen: „Wir müssen etwas tun.“
    „Und warum?“
    Ihr Ausdruck war wieder erstarrt. Wie beruhigend, dachte ich nüchtern. Ich war so daran gewöhnt, dass selbst das kleinste Vorhandensein von Emotionen mich fürchten ließ, dass mein Tod gekommen wäre – oder ähnliches. Kurzum: Ich konnte sie mir einfach nicht anders vorstellen.
    „Weil er wiederkommen wird. Seine Handlungen waren gierig, unlogisch...“
    „Ich verstehe deinen Gedankengang, Karin, aber trotzdem muss es auch für jene Gier eine Begründung geben.“
    „Seine Existenz, nichts weiter.“
    Ich wollte mir nicht vorstellen welche Existenz solche Gefühle hervorbringen würde. War dies etwa ihre Welt? War es ihre Welt, die solche Monster hervorbrachte, diese Ungeheuer, die aus Gier absurde Szenarien von Gewalt und Mord inszenierten? Nur um ihrerselbstwillen. Es schien grausam, aber dann würde ich nicht wiederlegen können, dass auch meine Welt diese Art von Menschen hervorbringen konnte, nur hatten jene meist nicht genug Macht um jene Grausamkeiten in der Realität ohne Widerstand umzusetzen. War es etwa nur dies, was meine Welt besser als ihre machte? Der Mangel an Macht? War es nur die Macht, die Reichweite unserer Handlungen, die uns bestimmte, wie gut oder wie schlecht wir sein konnten. War damit nicht jene andere Welt der Ort dieser Helden und Bösewichte, wie man sie aus Filmen und Büchern kannte? Jene komplette Gegensätzlichkeit von Gut und Böse? Vielleicht war dieser Gegensatz auch schon in unseren Welten und in ihnen jeweils tausendfach verkleinert widergespiegelt. Vielleicht wohnte schon der ganzen Existenz ein Kampf inne, der ungerechtfertigt und übermäßig brutal war. Umso mehr war es also vonnöten, dass jene, die sich dieses Kampfes bewusst waren, versuchen mussten diesen Kampf zu verhindern. Niemals hätte ein Kampf allein, ein Gegensatz allein so etwas wie Gerechtigkeit sein können, ich verstand nun, wozu Das Gesetz in der anderen Welt eingeführt wurde. Wenn ich dieses absurde Spiel vor mir sah, das nicht mehr hatte als die Gier des Mörders und die Verzweiflung des Opfers, so wusste ich, dass man etwas tun musste. Es war ersichtlich, dass ich eine Rolle zu spielen hatte in diesem Stück, in diesem Abenteuer, dass sich Existenz nannte. Aber zu welchem Preis? Zu welchem Preis bloß?
    Und als ich zur Antwort ansetzen wollte und in Karins ausdrucksloses Gesicht schaute, in jene stumpfen, unmenschlich wirkenden Augen, in jenem Moment wusste ich. Ich wusste, wie mein Preis aussehen würde. Aber ich würde jenen trotzdem zahlen, denn ich musste etwas tun. Ich musste.

    Dritte Geschichte: Das, was vom Unglück übrig blieb


    Die kleine Landstraße war leer, nicht das es anders hätte sein können. Schließlich war es Morgen, der Nebel hing knapp über dem vom Tau feuchten Asphalt der Straße und nur sachte bewegte ein fast unmerklicher Wind das Gras auf den weiten Wiesen, die neben der Straße lagen. Die Sonne stand dicht am Horizont, genau neben den weit entfernten Wäldern und den großen weißen Windräder, die im Schein der Morgendämmerung wie schwarze, dürre Beine wirkten, die aus dem Himmel wuchsen. Der Himmel war blau, noch ein wenig dunkel, je weiter man sich von der Sonne gen Osten wenden würde. Darum hätte man auch erst ziemlich spät jene dunkle Wolke am östlichen Horizont sehen können. Doch bewegte sich jene und dies sehr schnell.
    Hätte Frank nicht gerade mit dem Zigarettenanzünder zu tun gehabt, welcher mal wieder nicht funktioniert, so hätte er vielleicht gesehen, dass jene Wolke genau auf ihn zuhielt. Nur das Geräusch von splitternden Glas und dem hämmernden Geräusch, wenn etwas Hartes auf seine Motorhaube aufprallen würde, ließen ihn reagieren. Erst nahm er instinktiv an, dass es sich um einen Hagelsturm handele, doch war dies unsinnig, da vor einigen Minuten der Himmel noch blau und wolkenlos war. Als er sich, hektisch hinter sein Lenkrad duckend, scharf bremste und glücklicherweise nur von der Fahrbahn abkam, ohne weiteren Schaden zu nehmen, so sah er nun endlich, was es war: Raben.
    Natürlich kannte er genug Filme, wo Raben zu irgendwelchen Bestien wurden, die Menschen angriffen. Aber während er in Filmen immer über die Charakter gelästert hatte, welche zögerten, dass offensichtlich übernatürliche Ereignis zu akzeptieren, so merkte auch er in jenem Moment, dass es wirklich schwierig war, sich zu überzeugen, dass jene Raben ihn angreifen und töten wollten. Aber bevor er über seine nächsten Schritte nachdenken konnte, immer wieder unterbrochen als irgendein Rabe so tief durch seine Autofenster hindurchflog als das dessen Kralle oder der Schnabel schmerzhafte Furchen über seinen Rücken zogen, der ihm längst wie ein einziges Meer als blutigen Narben erschien im Geiste, so kam plötzlich ein Augenblick der Ruhe, die Geräusche der Krähen verstummten langsam, seine zugekniffenen Augen konnten vage wahrnehmen, dass es heller geworden war und er war vollends überzeugt, dass die Raben verschwunden waren. Er schaute auf. Sein Auto war zerstört wie nach einem schweren Hagelsturm, nur das an mehreren Stellen unübersehbar Rabenfedern waren, welche Frank überzeugten, dass dies kein Traum gewesen sei.
    Auf einmal hörte er das tuckernde Geräusch eines Traktors eines dicken Bauern als jener zur Feldarbeit fahren wollte. Frank stolperte aus seinem Wagen, das Brennen seiner Wunden auf seinem Rücken ignorierend rannte er die wenigen hundert Meter zum Traktor, der gerade um die Kurve kam.
    Der dicke Bauer, die Müdigkeit, Langeweile und Einfältigkeit stark ins Gesicht gebrannt, musterte, mehr als überfordert mit der Situation, Frank ungläubig und sagte in einem schlechten dialektschweren Deutsch: „Was’n los?“
    Und als Frank antworten wollte, bemerkte er, dass er nicht einmal selber genau erklären konnte, was soeben passiert war.


    Georg stand auf dem Hof des Gefängnisses und fegte mit seinem Rechen. Frühlingsputz. Ein netter Name, Frühling klang schön. Aber nicht so schön war, dass er immer noch im Gefängnis saß für etwas, was er nicht getan hatte. Er zog den Rechen rechts neben sich. Ein Blatt übersehen, schnell nachgebessert. So, jetzt ist es sauber. Ach ja, die Sauberkeit. Sein Leben war nicht wirklich der Idealzustand. Seine Familie tot und er war der vermeintliche Mörder, wobei keiner wusste, was er genau gemacht hatte um sie auf die Weise zu töten, wie sie von der Polizei vorgefunden wurden. Ein Mysterium. Er schaute hinter sich. Ein Haufen an Blättern lag schon da. Diese Blätter würden auch dazu kommen. Er kehrte die neu dazu gekommenen Blätter dazu. Aber da waren noch genug andere Stellen, die er kehren musste. Ja, ein Mysterium war es wirklich, nicht einmal dieser Markus hatte eine Lösung gefunden. Nein, er hatte einen Brief ihm geschickt mit der einfachen Zeile
    Leider habe ich nicht die Lösung gefunden. Es tut mir Leid.
    Und ihm erst! Nun war sein Leben versaut wegen irgendeinem übernatürlichen Ereignis. In Filmen gab es wenigstens eine Auflösung, er konnte nur die Scherben seines Lebens aufkehren wie diese Blätter.
    „Georg! Kehren sie oder träumen sie nur?!“, erklang die Befehlsstimme des Aufsehers.
    „Ich glaube weder noch.“, sagte er leise.
    „Was sagten sie?“, schrie er aus der Ferne.
    Ich sagte, dass du näher kommen solltest, wenn du mit mir reden willst.
    „Ja, ich kehre sofort weiter.“, sagte Georg laut.
    Er kehrte langsam weiter. Kein Gemecker mehr. Schien also nun in Ordnung zu sein. Wo war er gewesen? Ach ja, dieser unverschämte Brief. Er wusste nicht weiter. Aber er musste etwas tun, schließlich hatte er noch den Großteil seines Lebens noch vor sich. Es gab also keinen Grund jetzt schon aufzugeben.
    „Sieh dir das an, Georg! Das… Die…“, sagte Max, ein weiterer Gefangener, der nicht weiterkehrte, sondern in den Himmel starrte.
    „Max, ich denke gerade nach… ich meine, ich kehre gerade und du solltest das auch tun.“
    „A-Aber die…“, begann er.
    „Lass es Max, ich hab jetzt gerade wirklich schlechte Laune, also…“
    Georg hörte auf als er seinen Freund fallen hörte. Ein Herzinfarkt? Er schaute zu ihm und er sah einige Raben wie sie sich wild auf sein Gesicht stürzten. Sie starrten ihn an, blutrünstig wirkten sie.
    „Nicht schon wieder…“, sagte Georg, während er die Hilfsschreie seines Freundes Max ignorierte. Ihm kamen die Erinnerungen wieder hoch, die Erinnerungen an die Leichen seiner Frau und seines Sohnes. Er dachte auch an das Verschwinden seiner Freunde vor beinahe dreizehn Jahren. Ich muss fliehen, dachte er verzweifelt. Und in dem Moment als er sich umsah, sah er auch zum ersten Male in den Himmel. Er blieb stehen. Hunderte von Raben kreisten über dem Gefängnis und dutzende von ihnen stürzten von dem Himmel um Leute im Hof anzugreifen. Die ersten befanden sich auf der Flucht, aber sie wussten nicht wohin. Georg schaute sich um. Da! Eine geöffnete Tür und keiner schien sie zu bemerken. Aber dies war ihm im Moment egal. Er rannte durch den Eingang und schloss die Tür hinter sich, aber trotzdem hörte er noch die dumpfen Schreie der Leute auf dem Hof.


    Karin stand auf dem Hügel des Parks, der ein wenig außerhalb der Stadt lag. Die Geräusche, die sie umgaben waren größtenteils jene des Waldes, auch weil von jenem Aussichtspunkt, wo sie sich befand die nächste Straße mehrere nutzend hundert Meter entfernt war, aber sie konnte es von hier aus gut sehen: Der riesige Schwarm Raben über dem Gefängnis, dass mehr oder weniger im Zentrum der kleinen Stadt war. Sie konnte auch die Kälte spüren, die jene Raben lenkte, eine Kälte, wie sie ein Tier nie aufbringen konnte, nur die Verachtung eines Menschen konnte diese Kälte ausstrahlen. Wie eine schwere Gewitterwolke schwebten die Raben über dem Gefängnis und jener kalte Wille trieb immer wieder Schwärme von Raben wie einen wütenden Blitz zur Erde, zwang sie Menschen anzugreifen, sie zu töten, sie zu verunstalten, selbst als sie schon nicht mehr als Aas waren. Der Gedanke, dass sie Markus in die Nähe dieser Kälte gelassen hat, füllte sie mit Unbehagen, sie konnte ihm von hier aus nicht helfen, nur zusehen, nur beobachten, auswerten.
    „Willst du nicht eingreifen?“, fragte die höhnische Stimme Williams links hinter ihr.
    Wann hatte er…?
    „Aber ich muss schon sagen. Sehr gewagt von dir gerade ihn mit ins Spiel zu bringen.“, fügte er leicht lächelnd hinzu als er neben sie trat. Seine Gesichtszüge wirkten so autoritär wie eh und je und die Überheblichkeit seines Auftretens hatte in keinster Weise nachgelassen, bemerkte Karin.
    „Du weißt, dass wir Feinde sind, William.“, stellte Karin tonlos fest, während ihr Blick immer noch auf den Rabenschwarm fixiert war.
    „Du hast ihm noch nicht alles erzählt oder? Von unserer kleinen Historie?“, fragte William lachend und Karin warf einen verächtlichen Blick ihm zu bei dieser Bemerkung, aber wand sich schnell wieder dem Rabenschwarm zu, so als könnte sie es nicht ertragen ihn lange anzusehen.
    „Er muss nicht alles wissen – noch nicht.“
    „Unsere kleinen Zwistigkeiten mal beiseite genommen – was denkst du dazu?“, sagte William, während er auf den Rabenschwarm deutete.
    „Ich nehme an, dass du nichts damit zu tun hast…?“
    „Nicht mehr als dein Freund, ah… wie nennen sie dich jetzt… ach ja, Karin.“
    „Du weißt, weswegen sie hier sind?“
    William seufzte
    „Ich weiß es genau, Karin. Fang nicht mit dem Offensichtlichen an. Aber noch lebe ich und es wäre ja auch wirklich schade, mein Ende nicht durch deine Hände zu finden.“
    Beide schwiegen eine Weile so als würde der reine Gedanke, dass beide gegeneinander kämpfen mussten sie quälen, aber gleichzeitig schien dieser Qual eine Notwendigkeit innezuwohnen, die beide innehalten ließ, ihre wahren Gedanken auszusprechen und so den Konflikt vielleicht zu lösen.
    „Was wirst du nun tun?“, fragte Karin nach einer Weile.
    „Mal sehen, vielleicht sollte ich Ornithologe werden.“, sagte er lachend, während seine Stimme mit jedem Augenblick leiser wurde.
    Karin seufzte nur. Sie sollte sich langsam auf den Weg machen.
    Als sie sich zum Gehen wandte war von William keine Spur zu sehen und nichts deutete darauf hin, dass er je da gewesen war.


    Ich hatte natürlich nicht vor ihm wieder zu begegnen. Dieser Brief, von mir geschrieben, hatte Georg sicherlich mehr beleidigt als ihn mit Dank erfüllt, mehr noch stellte es perfekt in knappster Form meine eigene Inkompetenz dar. Ich denke, es war übertrieben gewesen, zu hoffen, tatsächlich etwas zu verstehen, was für mich so neu, so unnatürlich und so unlogisch war wie für Georg. Aber trotzdem hatte Karin mir inzwischen ein paar Tricks beigebracht, womit ich auf eigene Initiative ein wenig mehr Freiheiten hatte im Angesicht des Übernatürlichen. Nicht das ich dies freiwillig gelernt hatte, aber ich hatte längst akzeptiert, dass ein normales Leben für mich nur eine ferne Illusion sein würde. Mir stand eines dieser Leben bevor, wovon viele Kinder träumen, denkend, dass es langweilig wäre den normalen Alltag zu leben, aber wie sehr wünschte ich mir jetzt in der Schule zu sein, einfach mit meinen Freunden Spaß zu haben, über meine Zukunft nachzudenken usw. Man erkennt scheinbar nur den wahren Wert der Dinge, wenn man jene bereits verloren hatte.
    Ich lehnte an der Wand als die Tür aufging und wie zu erwarten Georg herein kam.
    „Hi…“, begann ich lächelnd, aber nach Georgs anfänglicher Verwirrung stürzte er sich auf und packte mich am Kragen.
    „Du… Verdammt! Wieso kommst du wieder hierher?! Bei deiner lausigen Entschuldigung hatte doch auch ein Brief gereicht!“, schrie er mich an.
    „Naja, dies und das…“
    „Fang nicht damit an! Was ist los?“
    Ich deutete auf meinen Kragen, wo er mich gepackt hatte und nachdem er mich einige Minuten lang wütend gemustert hatte, ließ er mich los.
    „Ich bin hier, um dich rauszuholen, es ist zu gefährlich für dich hier.“
    „Ja, das ist offensichtlich. Aber ob ich hier im Gefängnis bin oder draußen – wo ist da der Unterschied?“
    „Naja…“
    „Fang nicht damit an! Ein Freund ist vor meinen Augen gestorben, verdammt! Einfach so! Ich hab mit ihm gerade geredet als er plötzlich von diesen Raben attackiert wurde.“
    „Ich weiß, ich weiß…“, sagte ich beschwichtigend, „Aber wir müssen herausfinden, warum dies geschieht und wenn du die Ursache dieser Angriffe bist, dann ist es besser dich an einem Ort mit nicht so vielen Menschen zu haben.“
    Geog war eine Weile still, schien zu überlegen, dann schaute er sich um. „Wo ist eigentlich deine Freundin, Karin?“
    „Sie ist woanders.“
    Und ich habe keine Ahnung, was genau sie vorhat, fügte ich in Gedanken hinzu.
    Georg nickte und sagte: „Und was jetzt? Ich nehme an, dass du uns hier raus bringen kannst.“
    „Natürlich.“, sagte ich lächelnd, ein wenig stolz meine Fähigkeiten unter Beweis stellen zu können.
    „Als erstes sollten wir einfach nur dem Gang folgen.“
    Georg zuckte nur gleichgültig mit den Schultern und wir begannen den Gang entlangzulaufen. Irgendwann bog der Gang nach rechts ab, weiter vorne gab es wieder eine Abbiegung nach rechts.
    „Hmm, seltsam…“, begann Georg.
    „Was?“, fuhr ich ein wenig nervös dazwischen. Ich hatte eine Ahnung, aber wollte jene nicht aussprechen, in der Hoffnung, dass sie nicht wahr sein würde.
    „Ich war noch nie hier gewesen. Bist du so hergekommen?“, fragte mich Georg, ein wenig Frustration in seinem Blick. Er war schon bei derselben Annahme wie ich.
    „Nein, ich glaube, wir sind nicht mehr wirklich im Gefängnis.“


    „Die Raben… Wo kommen diese Viecher her? Das ist ja ein verdammter Horrorfilm…“, erklärte Karl nervös und zum Äußersten angespannt.
    Karl, einige andere Gefangene und die Bewacher, sie alle standen im Geräteschuppen im Hof des Gefängnisses und starrten nervös aus den Fenstern, die Massen von mordlüsternen Raben musternd. Keiner stand direkt am Fenster, die Angst hielt alle von jedem Eingang fern, wo die Raben hätten eindringen können. Auch herrschte eine drückende Stille, wie jene, wenn die Beute irgendeines Raubtiers verzweifelt versuchte sich zu verstecken, obwohl die Gewissheit bestand, dass man irgendwann entdeckt werden würde.
    „Wir sollten die Fenster verbarrikadieren…“, begann ein Aufseher.
    „Ach, quatsch, das macht die doch nur aggressiv.“, merkte die kratzige Stimme eines alten Gefangenen an.
    „Halt den Mund, Tom! Diese Biester warten doch nur darauf, dass wir einen Fehler machen. Wir sollten warten… denke ich zumindest.“, sagte Karl, unfähig seine Angst und seine Anspannung aus seiner Stimme zu halten.
    Keiner rührte sich, keiner sagte etwas, alle hielten gespannt den Atem an als plötzlich der Türknauf der Eingangstür sich rührte.
    „Sie versuchen die Tür zu öffnen…?!“, bemerkte ein Gefangener mit einer schon weinerlichen Stimme einer Person, die bereit war um ihr Leben zu betteln.
    „D-Das sind Raben, nicht vergessen, die können keine Türen öffnen.“, begann Karl als die Tür mit einem lauten Krach aufgestoßen wurde und ein entsetzlich starker Windstoß in den kleinen Schuppen blies. Die Gefangenen und Aufseher, die behelfsmäßig jedes brauchbare Gartengerät als Waffe einzusetzen hofften, wichen furchtsam zurück. Eine Gestalt schälte sich aus der Masse wild durcheinander fliegender Raben und jene Gestalt hatte nur entfernt etwas Menschliches an sich. Einen Umhang aus schwarzen Rabenfedern tragend, mit einem nach vorne gebeugten Kopf langsam auf den Eingang zustolzierend, begann eben jene Person in einem krächzenden Stimme, die tatsächlich mehr einem Raben als einem Menschen ähnelte: „Oh, wen haben wir denn da…“
    Die Männer zogen sich alle zurück, jedem war nun klar, dass dies kein Mensch war, noch ofensichtlicher wurde dies als die leichenblassen Züge der Gestalt zu sehen waren, die krumme, übergroße Nase und darüber zwei schwarze kugelrunde Augen und dann die Haare, die sich bei näheren Hinsehen auch als schwarze Federn herausstellten: All dies und eine Aura der Unmenschlichkeit, welche nur ein Wesen an sich haben konnte, welches nicht im Geringsten irgendeine Relation zu einem Menschen besaß würden jeden Menschen zögern lassen seine Hand gegen diese Grausamkeit zu erheben.
    „W-Was bist du…?“, stammelte ein Gefangener ungläubig.
    Keinem waren die Geschehnisse der letzten Monate entgangen, die absurden Morde, die Selbstmorde ohne jeglichen Grund, die Geschehnisse, die keine Erklärung fanden und trotzdem hatten sie es ignoriert, hatten darüber gelacht, hatten immer eine Lösung finden können, eine realistische Lösung, doch was nun vor ihnen stand, dieses Geschöpf war keinesfalls etwas Realistisches und die Erkenntnis, die daraus folgte, ließ viele der Gefangenen wahnsinnig werden. Sie sanken apathisch auf ihre Knie, beteten oder weinten einfach nur, weil sie ihr Schicksal besiegelt sahen. Manche griffen die Gestalt auch an, aber sie hatten zu lange gezögert und dutzende Raben waren schon in den Schuppen geflogen, die ersten durchbrachen nun auch die Scheiben – und langsam aber sicher starb einer nach dem anderen von den unschuldigen Menschen, die scheinbar nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen waren.
    Die Gestalt schaute sich jede von den Raben verunstaltete Leiche genau an, schien etwas zu suchen, der Mangel jeglicher Emotion wieder klar für dessen Unmenschlichkeit sprechend.
    „Er ist nicht dabei.“, stellte das Wesen kühl fest.
    Auf einmal merkte das Wesen auf als ein Rabe sich auf seine Schultern setzte und in einer Art Singsang krächzte.
    „Verstehe. Er ist nicht hier.“, antwortete das Wesen, welches scheinbar den Sinn der Laute des Raben verstand.
    Das Wesen stolzierte wie es in den Schuppen eingetreten war, wieder aus jenem heraus. Es schaute in den Himmel, wo immer noch dutzende Raben flogen.
    „Wo bist du, Georg?“, sagte es zu sich selber und dieses Mal war eine Emotion erkennbar, es war: Wut.


    Karin beobachtete ein wenig amüsiert, wie die Menschen, vom Schock der Absurdität der Situation sich erholend, begannen etwas gegen die Raben zu unternehmen. Sie konnte Soldaten sehen, Panzer sogar. Aber es würde nicht helfen, dachte sie bitter. Hilfe musste von anderer Seite kommen, der Feind auf einem anderen Schlachtfeld bekämpft werden. Hier war dies nichts mehr als der Lauf der Dinge, nichts was hier geschah könnte auf die andere Welt Einfluss nehmen – so waren sie beschaffen.
    Und sie musste in jenem Moment unweigerlich an Georg und Markus denken. Dass die Raben immer noch da waren, bedeutete wohl, dass er erfolgreich gewesen war, ihn fortzuschaffen. Nun war für sie nur noch eines zu tun: Den Weg auch wieder zurück zu finden. Denn auch, wenn die Zwischenwelt mit der realen Welt nichts zu tun hatte, so war doch das eine das Spiegelbild vom Anderen und so war der Ausbruch aus einem Gefängnis mit der Logik der realen Welt betrachtet in der Zwischenwelt deutlich einfacher, da es dort so viele Ein- und Ausgänge gab, wie man sich eben jene nur vorstellen konnte. Nur war es so, dass manche Dinge in der Zwischenwelt anders funktionierten als in dieser, die Logik war anders, wenn auch der Zweck nicht anders. Und wenn also ein Gefängnis in dieser Welt gebaut wurde um Gefangene drin zu lassen, so würde dieser Zweck auch in der Logik dieser Welt funktionieren, in der Zwischenwelt galt derselbe Zweck nur mit einer anderen Logik. Und diese Logik galt es zu überwinden, denn genauso wie in der realen Welt gab es auch dort einen Weg, wie man entkommen kann, auch wenn jener anders aussah als in der realen.
    Es war ein Test. Sie musste zugeben, dass es ein Wagnis war, ihn in einer solch wichtigen Situation zu testen, wo ein Fehlschlag unbedingt hätte vermieden werden müssen. Aber Karin wusste, dass die Dinge, die folgen würden, es notwendig machen werden, dass Markus der Aufgabe gewachsen ist, die sie ihm stellen würde. Sie würde einen anderen Weg gehen, einen neuen, einer der besser ist als jener von William. Sie würde ihr Ziel erreichen und sie war bereit alles für dieses Ziel zu opfern. Und als sie wieder zu dem Rabenschwarm über dem Gefängnis sah, stellte sie schaudernd fest, wie gering mittlerweile der Unterschied zwischen ihr und dem Ungeheuer war, dass diesen Schwarm anführte.


    „Ein Mysterium…“, begann ich.
    „Also… Wie kommen wir hier raus, Sherlock?“, fuhr Georg in einem sarkastischen Ton dazwischen.
    Ich wand mich von dem Gang ab, der scheinbar kein Ausgang war, wie ich erhofft hatte und wandte mich Georg zu. Er wirkte frustriert und seine Augen enthielten auch jenen Funken Furcht, den wohl jeder in dieser Situation hatte – auch ich.
    Ich wusste wirklich nicht, was ich zu tun hätte. Eine Möglichkeit war, dass das Monster, welches die Raben kontrollierte, uns hier eingesperrt hatte, aber ich verwarf diese Idee, weil sie sicherlich der schlimmste Fall war, der eintreten könnte. Dann war da noch die Sache, dass ich selber natürlich nicht wirklich zweifelsfrei von mir selber als einen Experten reden konnte. Ich hatte vielleicht einen Fehler gemacht…
    „Ah, ich sitze hier nicht ewig rum…“, erklärte Georg frustriert.
    Ich rollte nur mit den Augen und beobachtete wie er den Gang entlanglief. Der Gang mit den neun weißen Gefängnistüren, abwechselnd je eine auf jeder Seite, ohne das sich irgendeine Tür gegenüber einer anderen sah, wirkte mit türkisfarbenen Fliesen so kalt und steril, dass die Einsamkeit an sich ein Gedanke wäre, der wohl jeden in den Wahnsinn treiben würde. Aber ich wusste, dass ich nicht alleine bleiben würde. Als Georg am Ende des Ganges dem Verlauf nach rechts folgte, kam er augenblicklich links von mir auf dem Gang zurück von dem wir gekommen waren. Es war eine Falle. Wir kamen nicht hier raus. Selbst die Gefängnistüren halfen nicht: Betrat man eine, so würde man anstatt in einer Zelle bei einer anderen Tür auf dem Gang herauskommen. Das einzig Interessante war nur, dass sich jedes Mal die Tür änderte, bei der man rauskam.
    „Beeindruckend, du bist jetzt zwanzig Mal diesen Gang abgelaufen, ohne etwas zu erreichen. Man würde denken, dass die Vernunft einem schon beim zehnten Versuch zeigen würde, wie sinnlos das ist.“, sagte ich leicht lächelnd.
    Ich versuche natürlich nur meine eigene Anspannung zu überspielen, aber Georg war scheinbar noch angespannter als er mich wieder anschrie: „Was sollen wir machen?! Verdammt noch mal, finde eine Lösung, eine Lösung!“
    Ich setzte mich an die Wand und schaute zu ihm auf: „Beruhige dich. Es gibt zwei Möglichkeiten, was hier vorgeht: Die eine ist, dass wir tatsächlich hier aus welchem Grund auch immer gefangen sind, aber ich denke, dies würde mit Aufgeben gleichkommen, also verwerfen wir lieber erstmal diese Möglichkeit.“
    „Und die Andere?“, fragte Georg ungeduldig.
    „Ein Rätsel.“
    „Eh… Was?“
    „Ja, sie haben richtig gehört, Watson, ein Rätsel.“, sagte ich lächelnd. Ihm schien es nicht zu gefallen, in dieser Situation ein solch lächerliches Rollenspiel durchzuziehen, aber Humor war auch ein Weg um seiner Frustration Luft zu verschaffen und er nahm jene Chance wahr aus Notwendigkeit und nicht aus Vernunft, denke ich. Tatsache war, dass er auf den Zug jenes Rollenspiels aufgesprungen war als er antwortete: „Gut, Sherlock und was nun? Ich nehme mal an, dass du das Rätsel schon gelöst hast.“
    Jetzt kommt der schwierige Teil.
    „Gut, ich denke, wir denken falsch.“
    „Ja, das dachte ich auch als du mich Watson genannt hast…“
    „Nein, ich meine etwas, was Karin mir gesagt hatte. Sie sagte, dass diese Zwischenwelt, in der wir uns befinden einer anderen Logik, aber demselben Zweck folgt.“
    „Was heißen soll?“
    „Das diese Gänge verhindern sollen, dass wir entkommen – wie ein Gefängnis es allgemein tun soll.“
    „Verstehe, aber dann sind wir doch wirklich gefangen oder?“
    „Nicht ganz, man kann aus jedem Gefängnis fliehen. Es kommt auf den Weg an.“
    „Gut, Sherlock. Das ist die Theorie… und wie sieht das dann in der Praxis aus?“
    „Ja, die Praxis. Watson, der Stift.“, sagte ich während ich ihm meine leere rechte Hand hinhielt.
    Er schaute mich gelangweilt an: „Warum sollte ich einen Stift haben?“
    „Hmm, achja… Ähm, also die Praxis.“, fuhr ich schnell fort.
    „Da die Gänge immer wieder hierher führen, muss das Geheimnis in der richtigen Art zu gehen, liegen. Wir müssen nicht wie in unserer Welt nur einen Gang benutzen, sondern eine Kombination verschiedener.“
    „Aha… Wir sind immer noch bei der Theorie oder?“
    „Ja, um was es also geht, ist nicht der große Gang, in dem wir uns befinden, sondern die Türen.“
    „Die Türen? Na gut, irgendeinen Zweck müssen sie ja haben.“, stimmte Georg nachdenklich zu.
    „Ja, Watson, der Zweck. Wir haben also neun Türen…“
    „Das sehe ich auch, Sherlock… Komm auf den Punkt.“
    „Also die Türen müssen in einer bestimmten Reihenfolge betreten werden und ich denke, dass wir zuerst mit der ersten Tür auf der linken Seite, dann die zweite auf derselben Seite und dann die letzte auf derselben Seite.“
    „Eins, Zwei, Fünf… Welchen Sinn hat das?“, sagte Georg zweifelnd.
    „Guter Gedanke, Watson, nah dran, aber knapp vorbei. Du hast die Türen auf der anderen Seite vergessen. Wenn du jene mit einbeziehst, wird daraus…“
    „Eins, Drei, Neun… Verstehe, sieht logisch aus. Aber warum diese Reihenfolge?“
    „Ah, vertrau mir einfach, Watson.“, sagte ich und ging auf die erste Tür zu.
    Er seufzte und folgte mir. Als wir die erste Tür durchschritten, kamen wir bei der ersten auf der rechten Seite raus. Danach gingen wir durch die zweite Tür auf der linken Seite und kamen bei der dritten Tür auf der rechten Seite raus und letztendlich standen wir vor der letzten Tür auf der linken Seite.
    „Bereit, Watson?“
    „So sicher wie sicher, Sherlock. Obwohl ich erwarte, dass wir nur bei einer anderen Tür wieder rauskommen.“
    „Vertrauen, Watson, hab Vertrauen.“
    Georg seufzte nur und ich öffnete die Tür. In jenem Moment umgab uns ein grelles Licht und wir standen plötzlich außerhalb des Gefängnisses an dessen äußerer Mauer.
    Georg lachte und sagte nur: „Toll gemacht, Sherlock. Wir sind wirklich draußen!“
    „Wir haben es geschafft, Watson!“, rief ich zufrieden.
    Die wenigen Passanten in der Nähe starrten uns verwundert an und aus der Ferne waren Kampfgeräusche zu hören.
    „Das klang ziemlich dämlich oder, Markus?“, sagte Georg leise.
    „Hmm, ich denke, das war gerade die seltsamste Unterhaltung, die ich je gehabt habe in meinem Leben, Georg.“
    „Dann sind wir schon zwei.“
    „Eine Frage bleibt natürlich offen…“
    „Oh, warte, die kann ich dir abnehmen: ‚Was machen wir jetzt?’ oder?“
    „Gute Deduktion, Watson.“
    „Ich weiß, Sherlock.“