Advent (Teil 1)

  • Dies ist die Einführung zu einer Online-RPG-Runde für das RPG Engel von Feder und Schwert. Natürlich bedeutet dies, dass diese Geschichte kein Ende hat und ziemlich offen ist, aber ich dachte, dass ich vielleicht trotzdem diese Einführung hier posten sollte, damit sie jeder nachlesen kann ;) .


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    Es gibt in der Welt Dinge, die man nicht einordnen kann. Oft gab es Begriffe wie „Gut“ und „Böse“ um das Wesen der Welt zu beschreiben, doch am Ende waren es alles nur Meinungen und Meinungen haben die Angewohnheit eben nur die beschränkte Sicht Einzelner zu sein anstatt die universelle Beschreibung des Wesens der Welt, also deren – Gesetze.
    Gesetze sind es, die unsere Welt festhalten, denn schon kann man dies mit Gewissheit feststellen, wenn man die Natur betrachtet:
    Der Himmel über uns, der immer blau ist.
    Das Gras unter uns, dass immer grün ist.
    Und der Mensch, der all dies zu verstehen sucht.
    Ist dies nicht das, was man Ordnung nennen könnte?
    Und so beginnt der Mensch das verstehen zu wollen, was ihn umgibt und wenn er glaubt zu verstehen, so erwartet er, dass nichts Neues mehr kommen kann, denn wenn alles gelernt wurde, was es zu lernen gab, so sagt sich der Mensch, so gibt es nichts neues zu lernen. Der Mensch gibt Dingen Namen und er sagt ihnen „Du bist gut, weil du Nutzen bringst.“ Und zu den anderen sagt er: „Du bist böse, weil du Leid bringst.“ Und nun da alles einen Namen hat und alles eine gewisse Ordnung in den Augen der Menschen, so glauben sie jene Ordnung der Welt verstehen zu können.
    Doch wenn hundert mal hundert Tage vergangen sind, wird dem Menschen etwas begegnen, was er nicht kennt, aber jene, die erscheinen, werden die Ordnung der Welt kennen und sie werden sagen: „Schlecht ist es, dass ihr nicht alles gesehen habt, aber glaubt alles zu wissen. Schlecht ist es, dass ihr glaubt, ihr könntet die Welt verstehen und gar – beherrschen. Denn nicht mehr als eine Stufe seit ihr auf dem Weg zu einer neuen Welt. Und so soll man urteilen, ob ihr weiter sehen und lernen solltet, damit ihr uns verstehen lernt oder enden sollt, weil ihr es wohl nie lernen werdet.“ Und sowie der Mensch die Ordnung der Welt verstehen will, so wird in diesen Tagen die Ordnung versuchen ihn zu verstehen und zu urteilen, ob der Mensch weiterhin Teil jener Ordnung der Welt sein soll oder ob es Zeit ist, dass die nächste Stufe beschritten wird – zum Guten oder zum Schlechten der Welt.


    22. Januarii 2654, Prag


    Mit einem knarrenden Geräusch und einem pfeifenden Geräusch öffnete sich die schwere Holztür und der Windzug ließ die Kerzen auf dem Schreibtisch im Raum wie wilde Geister tanzen. Ein Mann schritt herein mit schnellen Schritten und seine Schritte hallten in dem Raum wieder, wie als würde zum ersten Mal seit Jahren wieder ein Geräusch in jenem stillen Raum erklingen. Der eintretende Mann hatte die wertvollen Gewänder eines hohen Kirchenbeamten und sein Gesicht war mit dem Selbstvertrauen eines Mannes gezeichnet, der gewohnt war, dass man ihm gehorchte. Mit langsamen Schritten bewegte er sich hinter dem Schreibtisch, auf welchen sich mehrere alte Bücher stapelten. Nur mehrere kleine Kerzen stand auf dem Tisch und spendeten ein wenig flackerndes Licht zum Lesen.
    Der Mann setzte sich auf den Stuhl hinter den Schreibtisch, was ein kurzes Knarren hervorrief als ob der eigentlich schon viel zu alte hölzerne Stuhl von seinem langen Leben berichten wollte. Der Mann nahm eines der Bücher, die oben auf dem von ihm linken Stapel lagen und begann wahllos darin umherzublättern. Nach einer Weile schlug er das Buch wieder seufzend zu als hätte er festgestellt, dass ihm diese Beschäftigung keine ernstzunehmende Verschwendung der Zeit bringen würde. Nach einer Weile als der Mann nur aus dem Fenster starrte und dem Treiben des Windes lauschte, klopfte es hektisch an der Tür.
    „Herein.“, sagte die tiefe Stimme des Mannes, deren Kraft deutlich zeigte, dass sie nur ans Befehlen gewöhnt war.
    Ein kleiner schmächtiger Mann in den Trachten eines Templers trat ein. Sein Gesicht wirkte ängstlich und im Schein des flackernden Lichtes erschien jener Ausdruck wie der eines übermütigen Ritters, welcher gerade feststellte, dass er in der Höhle des Löwen gelandet war.
    „I-Inquisitor Alric.“, sagte der Templer mit zitternder Stimme als er sich vor dem Mann am Schreibtisch verbeugte, welcher mit einer knappen Handbewegung ihm deutete, dass er weitersprechen solle.
    „Wir haben einen Boten aus dem Norden empfangen.“, sagte er nun mit etwas sicherer Stimme.
    Alrics Augen verengten sich misstrauisch. „Norden ist weit gefasst. Was genau hat er gesagt? Ihr habt ihn hoffentlich, dementsprechend sein Verhalten doch eher merkwürdig ist um diese Uhrzeit zu erscheinen und mich zu ersuchen, auch behandelt.“
    „Ja, haben wir, Inquisitor – wie ihr es für jenen Fall befohlen hattet.“
    Der Templer holte ein Buch aus einer kleinen Tasche hervor und ging mit disziplinierten und einem marschartigen Schritt zu dem Tische des Inquisitors und übergab ihm das Buch. Danach ging er wieder einige Schritte zurück und schien deutlich erleichtert nicht in der Nähe des Inquisitors zu sein. Jener blätterte wieder ebenso desinteressiert durch das kleine Büchlein. Es war ein Tagebuch, aber nur die ersten Seiten waren gefüllt und die letzte beschriebene Seite war unlesbar dank des Blutes, dass die Seiten rot färbte. Der Inquisitor wollte erstmal nicht den Gedanken erforschen, wie so viel Blut auf die letzten Seiten des Tagebuchs gekommen war.
    „Wo ist der Bote?“, fragte er an den Templer gewandt.
    „Er ist im Kerker.“ Auf den fragenden Blick des Inquisitors fügte der Templer unsicher hinzu: „Er wurde zu seiner eigenen Sicherheit aller Dinge entledigt, die sein oder das Leben einer anderen Person gefährden könnten.“
    „Warum ist dies so?“
    „Er hat... Anzeichen gezeigt, dass sein Verstand nicht mehr im Besitz all seiner Kräfte ist. Er sprach von Selbstmord und von den Grauen, die ihn erwarten würden, wenn er weiterleben sollte.“, antwortete er unsicher und zitterte dabei ein wenig.
    Alric stand auf und ging zur Tür, wobei er nur kurz im Befehlston sagte: „Bring mich zu ihm“.
    Der Templer folgte ihm hastig um zum Inquisitor aufschließen zu können. Auch wenn er meinte, dass der Templer ihn führen sollte, so schien er auch gut den Weg selber zu kennen.


    Die Kellerwände waren nass und die Luft roch muffig und abgestanden. Schwere Holztüren reihten sich an den beiden Seiten und aus manchen konnte man das hilflose Wimmern irgendeines Unglücklichen hören, der den Zorn der Angelitischen Kriche auf sich gezogen hatte und nun dieses erbärmliche Schicksal verdient hatte.
    Der Templer blieb vor einer Tür stehen und sagte mit ein wenig Angst: „Hier ist es.“
    Alric musterte den Templer und sah, dass er Angst hatte. Schwächling, dachte er und deutete ihm aufzuschließen. Der Templer wirkte erleichtert, als Alric hinzufügte: „Ich gehe allein.“
    Die Zelle war genauso schrecklich anzusehen wie der gesamte Kerker. Die Kerze, die Alric hielt, zitterte im kalten Winterwind, der durch das weit geöffnete Fenster in den Raum strömte. Der Raum war eine Gefängniszelle und das Fenster war eigentlich nur eine kleine Öffnung, die versperrt war mit Eisenstäben. Die Wände und der Boden im Raum bestand aus grob gehauenen Steinplatten, die im Lichte des Mondes nahezu weiß erschienen im Gegensatz zu der bitteren Dunkelheit, die dort herrschte, wo das Licht nicht hinreichen konnte. Ein jämmerlicher Mann mit zerrissenen Kleidern drängte sich in die finsterste Ecke des Raumes, als würde er das Licht fürchten, dass durch das kleine Fenster kam.
    „Bist du der Bote?“, fragte der Inquisitor harsch.
    Er wartete eine Weile aber der Mann regte sich nicht in seinem dunklen Schatten. Seufzend wollte sich Alric abwenden und den Templer anweisen ihn zu pflegen, sodass er ihn am nächsten Morgen vernehmen könne, als ein eisiger Schauer ihm den Rücken runter lief als hätte gerade die Präsenz eines Dämons selbst diesen Raum betreten.
    Zögernd drehte sich der Inquisitor um und erkannte mit Schrecken den hochgewachsenen Umriss des Botens, dessen Gestalt im Mondlicht durchaus mehr der eines Dämons ähnelte als der eines Menschen.
    „Ihr wolltet mich sprechen.“, stellte die kalte, krächzende Stimme des verwahrlosten Mannes fest. Alric war für einen Moment verwundert, denn selten, besser gesagt noch nie, hatte er eine solche Autorität in der Stimme eines einfachen Bauern im Angesicht eines Inquisitors gesehen.
    „Ja, es geht um den Grund eures Hierseins.“, erwiderte der Inquisitor mit fester Stimme.
    Der Unbekannte stieß ein harsches Lachen aus und sagte: „Ich habe keinen Grund außer jenem, den mir Gott gegeben hat!“
    „Wollt ihr damit sagen, dass Gott euch beauftragt hat?“, fragte Alric gleichgültig, der diesen Mann im Geiste schon als hoffnungslosen Irren bezeichnete.
    „Nein, welch blasphemischer Gedanke wäre dies doch, Inquisitor! Ich sah es als meine Pflicht an zu schützen, was ich, was ihr, als gerecht empfindet. Habt ihr mein Tagebuch gelesen?“
    Sein Tonfall wirkte zu gebildet für einen einfachen Bauern. Wer ist dies, dachte Alric verzweifelt.
    „Es ist also euer Tagebuch? Von wem stammt das Blut auf den letzten Seiten?“
    „Dann habt ihr es also nicht gelesen?“, erwiderte der Unbekannte lachend.
    Alric schwieg nur und nach einer Weile hörte der Mann auf zu lachen und sein Gesicht wurde ernst als hätte er erkannt, dass die Angelegenheit, die er besprechen wollte, doch kein Scherz war: „Ich habe ihn gesehen, mein Freund. Und ich habe mich gefürchtet.“
    Alric musterte verwundert den Mann als jener, der doch so viel lebensmüde Verrücktheit im Angesicht eines Inquisitors vorher gezeigt hatte, nun begann zu zittern als würde er an einen schrecklichen Kindheitstraum denken, der ihn selbst jetzt noch in Gefangenschaft hielt.
    „Wen? Wen haben sie getroffen?“, fragte Alric vorsichtig.
    „Er hat sie dazu gebracht! Es war seine Schuld! Glauben sie mir doch! Ihr Blut war seine Schuld. Er zwang mich, Hochehrwürdiger. Er zwang mich, mein Freund.“
    Alric erkannte natürlich nun den Wahnsinn des Mannes als er zwischen Distanz eines Höherstehenden und der Nähe des Freundes wechselte als wäre beides dasselbe – wahrscheinlich schien dieser Wahnsinnige nicht mehr genau feststellen zu können, was er sagen wollte. Er bezweifelte, ob er diese Geschichte nicht auch jedem anderen erzählt hätte. Mit Schrecken sah er aber dann zu, wie der Mann auf seine Knie fiel und sein Gesicht in seine Hände vergrub, die seltsamerweise sehr dunkel waren und einen feuchten Glanz in der Dunkelheit besaßen. Seine Hände waren blutig! Aber warum? Hätten dies die Templer, die ihn hergebracht hatten, nicht sehen müssen, rasten die Gedanken von Alric in furchtsamen Bahnen. Und als der Mann seine Hände senkte war sein Gesicht mit Blut verschmiert und scheinbar blutige Tränen rannen über sein Gesicht als sich Träne und Blut vermischten.
    „Er kam und wollte uns helfen. Aber was er brachte, war nur Unheil! Wir sind nicht wie er! Was für ihn Errettung heißt, nennen wir die Saat des Untergangs!“, schrie der wimmernde Mann nun aus Leibeskräften.
    „Ich... Ich weiß nicht, was sie meinen.“, stammelte Alric hilflos als ihm die Angst endlich klarmachte, dass dieser Wahnsinnige eine Gefahr darstellte. Langsam zog er sich zur Tür zurück. Er musste hier verschwinden, dachte Alric.
    „Advent, mein Freund! Er sagte, dass er Advent dient! Er sagte, dass er uns retten würde! Er sagte, dass er uns in ein neues Zeitalter führen würde! Er sagte...!“
    Wie als hätte es ein stilles Signal gegeben verstummte der Wahnsinnige abrupt. Sein irrer Blick, der vorher voll Schmerzen und Hoffnungslosigkeit war, verwandelte sich in hedonistische Freude als scheinbar eine neue Erkenntnis den verschleierten Verstand dieses Mannes durchbrach. Der Blick, dem jede menschliche Vernunft zu fehlen schien, löste ein grenzenloses Entsetzen in Alric aus. Er wusste, welchen Gedanken dieser Mann hatte. Er hatte jahrelang Ketzer, Rebellen, Sünder und andere Verdammte befragt, aber dieser hier war etwas, was wohl dem Wort Dämon am nächsten kam und sowie er verlangte ihn zu töten, weil es sein Glauben ihm befahl, so erkannte er auch in diesem Moment die Gefahr, die Grausamkeit mit der er konfrontiert wurde.
    „Hilfe! Helfen sie mir da draußen!“, schrie Alric als er zur Tür rannte und gegen sie mit seinen Fäusten hilfesuchend hämmerte. Sein Herz schlug hektisch und kalter Schweiß benetzte sein Gesicht, als Anspannung, Entsetzen und der Wille endlich diesen Wahnsinn zu entrinnen nur einen Gedanken zuließen: Er musste fliehen!
    Als Alric sich umdrehte konnte er nur noch sehen, wie der Mann ihn ansprang, wie es ein Wolf mit seiner Beute tun würde und eine schier unmenschliche Kraft drückte den Inquisitor zu Boden und die stahlharten Hände des Mannes schlossen sich um den Hals von Alric, der nur krächzend seine Hände verzweifelt dazu gebrauchte sich aus dem Griff zu befreien. Doch Alric war hilflos der Kraft des Wahnsinnigen ausgeliefert als er in die Augen dieses Grauens sah und erkennen musste, dass dies kein simpler Wahnsinn war. Es war nicht die Folge eines zu einfachen Verstandes, der nicht logisch dachte, es war nicht die einfache Befriedigung irgendeiner kranken Lust – es war die fanatische Überzeugung, dass er das Richtige tat. Und Alric fürchtete diesen Ausdruck mehr als alles andere. Nicht, weil er wusste, dass er jetzt aufgrund dieser Überzeugung sterben würde. Nicht, weil diese Überzeugung einen solch destruktiven Antrieb hatte. Am Ende war dies alles irrelevant denn jene Überzeugung war eigentlich etwas, was ihm zu vertraut war. Es war die Überzeugung, die ihn selbst dazu gebracht hatte seinen Feind zu töten. Dieser Wahnsinnige war sein Spiegel. Es war als würde er sehen, wie grausam seine eigene Seele war. Es war als würde sein Ersticken ein Zeichen sein, wie er selbst an seiner eigenen Überzeugung, an seinem Fanatismus, sterben würde.
    Und als er in das Gesicht des Wahnsinnigen blickte, so sah er ein hedonistisches Grinsen als hätte er gerade das schönste Geschenk seines Lebens erhalten. Dieser Ausdruck war nicht menschlich. Nein, diese Überzeugung war nicht seine Überzeugung, stellte Alric entschieden fest. Dieser Mann war kein Mitglied der Gemeinschaft der Angelitischen Kirche. Er war nicht einmal mehr ein Mensch. Aber diese Gedanken wurden immer schwerer als die blutverschmierten Hände des Wahnsinnigen sich immer enger um den Hals von Alric schlossen und als er an Gott sein letztes Gebet richten wollte, so wünschte er dem Wahnsinnigen vor ihm die schrecklichsten Qualen in der Hölle und er selbst betete, dass ein anderer diese Tat rächen würde und lernen würde dieses ganze Geschehen zu verstehen. Doch er kam nie soweit mit dem Gebet.




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  • Will denn keiner diese kleine Geschichte lesen? Also die Spieler der Gruppe, die ich leite, sagten bis jetzt alle, dass es eine der besten Einführungen wäre, die sie bis jetzt gelesen haben - ich hoffe, das dies Ansporn genug ist diese Geschichte zu lesen ;) .

  • Also ich lese mir alles im Fanficbereich gerade so durch, aber fasse recht selten den Mut etwas zu schreiben, da es ja sein könnte, dass ich da ein Thema nach dem Anderem wieder nach oben schiebe, obwohl die für sich schon abgeschlossen waren. Mir gefällt die Geschichte... ehhh Einführung sehr gut und vor allem, wie du beschreibst, dass diser Alric sich zwar fürchtet, aber wegen etwas, was normale andere Menschen wohl weniger fürchten würden, oder zumindest nicht "im Angesicht des Todes". Damit meine ich eben, dass du bei dem Blick ganz genau darauf eingegangen bist, und man sich die Szene, wie wenn sie wirklich passieren würde vor die Augen hervorrufen kann. Das geht be irecht wenigen Geschichten, da die meisten zu undetailliert sind.

  • Danke für die ausführliche Bewertung :D . Es freut mich, wenn jemand so genau meine Werke liest und solche Vergleiche bringt ;) .