Verlorene Wege

  • Ich poste mal wieder eine meiner neuen Geschichten ^^ . Ich hoffe sie gefällt euch.




    Die Landstraße war leer und ich konnte in Ruhe meine achtzig fahren ohne irgendeinen Bremser auf meiner Strecke zu fürchten, denn ich wusste, dass ich alleine war. Ein seichter weißer Nebel tanzte vor dem Auto knapp über dem Boden. Knorrige Bäume bewegten sich in einem gespenstigen Rhythmus zu den Takten, die ihnen der kalte, schneidende Wind gab. Es war ein seltsames Gefühl. Als ob man das erste Mal die Augen geöffnet hätte, als wäre einem zum ersten Mal bewusst geworden wie kalt und trostlos die Welt war, nachdem man sein warmes Zuhause verlassen hatte, nachdem man seine Familie verlassen hatte. Hatte ich Angst deswegen? Nein, natürlich nicht. Ich war schon immer ein Entdecker gewesen. Schon als Kind war ich alleine durch die Wälder gerannt, während ich nach etwas gesucht hatte, was man nicht finden konnte. Aber warum wieder diese alten Gewohnheiten aufleben lassen?


    Es fing vor einem Monat an...


    Ich war arbeitslos geworden. Meine Frau und mein Sohn waren ein Jahr zuvor bei einem Autounfall gestorben. Ich glaube, dass ich ihr Schicksal noch nicht einmal heute richtig begriffen habe. Ich ertappe mich immer wieder bei dem Gedanken, dass wenn ich nach Hause komme, sie auf mich warten würden. Ich hatte also niemanden mit dem ich meine Sorgen teilen konnte, niemanden der mich verstand, meine ich damit. Meine Eltern waren schon zu alt, um den Lauf der Zeit zu verstehen – ich verstand ihn nicht einmal selbst. Meine Existenz war also damit beendet, glaubte ich zumindest, doch zu jener Zeit kam es zu etwas, was mein Interesse erregte oder besser gesagt, jene Ablenkung war, die ich jetzt gerade brauchte. Es war eine Stadt in der Nähe gewesen, wo das einfach Unfassbare stattgefunden hatte: Terroristen hatten die Stadt als Geisel genommen – oder so glaubte man zumindest. Eine ganze Stadt! Ich konnte es nicht fassen und so wahrscheinlich auch der Rest der Menschheit wahrscheinlich nicht. Ich meine, wir redeten hier von einer Stadt mit knapp fünftausend Einwohnern. Ich hatte die Ereignisse niedergeschrieben, denn ich wusste instinktiv, dass hier etwas Seltsames passierte, etwas, dass man nicht mit der Logik eines Menschen des 21. Jahrhunderts erfassen konnte.

    Tag 1:


    Berichte vom Abbruch allen Kontakts zur Stadt sind aufgekommen. Man spricht von einer „EMP-Explosion“, die den Vorfall ausgelöst hat. Ärzte, Hilfsgüter und Techniker, sowie ein Haufen Freiwilliger, darunter Angehörige der Stadtbewohner machen sich auf den Weg zur Stadt.

    Tag 2:


    Der Hilfskonvoi ist nicht zurückgekommen. Erste Gerüchte eines Terroranschlags nie gekannten Ausmaßes.

    Tag 3:


    Neuer Hilfskonvoi – mit Soldaten. Kontakt brach in 10 km Entfernung vor Ziel ab – danach wieder keine Antwort. Unbehagen bei offizieller Seite. Erste übernatürliche Erklärungen, die aber keiner ernst nimmt. Warum?

    Tag 4:


    Gebiet wurde abgesperrt im Umkreis von 20 km. Panik in der Bevölkerung kommt auf. Besonders, da Ursache immer noch nicht klar ist. Offizielle Erklärungen werden verwirrend und ändern sich von einer Stunden auf die andere – Unwissenheit ist offensichtlich.

    Tag 5:


    Kontakt zu Absperrungen ist abgebrochen. Breitet es sich aus?

    Tag 6:


    Massenevakuierung der Gebiete um die Stadt. Bevölkerung panisch und verzweifelt. Rastlosigkeit, Unwissenheit und Verzweiflung dominieren die Bevölkerung. Was soll ICH tun?

    Tag 7:


    Ich mache mich auf um es zu sehen. Ich will wissen, was passiert ist. Ich habe nichts zu verlieren.




    Ich fuhr nun schon seit Stunden und hatte nichts gesehen. Es gab weder Absperrungen noch Anzeichen eines Menschen. Ich erhielt irgendwann keine Radiosignale mehr und auch mein Navigerät versagte, sowie alles andere elektronische Zubehör. Das Auto blieb natürlich auch stehen und so ging ich zu Fuß auf der Straße weiter. Ich stieg aus dem Wagen aus und die normalen nächtlichen Geräusche eines friedlichen Waldes waren zu hören, doch waren sie verzerrt, merkwürdig gedämpft, als würde sie etwas zur Stille zwingen, dass über ihnen lag, wie ein Teppich dunkler Verzweiflung – ich konnte es auch fühlen. Ich ging weiter und achtete nicht auf dem Weg, als das Knirschen unter meinen Schuhen mir sagte, dass ich nicht mehr auf der Straße lief. Ich blickte unsicher auf den Boden. Er war sandig und kleinere Asphaltsteine waren erkennbar. Erste Anzeichen von Moos und Gras waren schon erkennbar. Ich schaute hinter mir und entdeckte, dass die Straße in jene Wildnis überging. Der Weg vor mir wurde tatsächlich immer verwilderter, als würde die Straße seit Jahrzehnten nicht mehr genutzt werden und langsam verfallen. Ich blickte wieder zu dem Ende der Straße. Ich fühlte mich seltsam bei dem Anblick. War es Angst?


    Ich ging eine Weile weiter und dachte über das Gesehene nach. Ich schaute mich um und alles um mich herum erinnerte an jenen typischen Mischwald aus meiner Kindheit, doch war es mittlerweile dunkel und nebliges, graues Zwielicht herrschte unter dem dichten DACH aus knorrigen, verwundenen Ästen und geisterhaft raschelnden Blättern. Ich blieb stehen und ließ das dunkle Gemüt jenes Szenarios wirken. Ich wusste, was es war, was mich beunruhigte, es war diese Urtümlichkeit, jenes Unfassbare, jener Funke in Allem, der die Menschen dazu getrieben hatte zu glauben. Es war jener Funke, der die Religion erschaffte und die Wissenschaft – jenes diente nur einem Zweck: Verstehen. Und dieser Funke war aber das Anathema zum menschlichen Drängen, zu Religion und Wissenschaft – es war Unwissenheit, Mystik. Eigentlich konnte ich und auch die Menschheit es nicht beschreiben, denn es war nicht beschreibbar, da es eben jene Unbeschreiblichkeit ausdrückte. Und ich stand nun vor diesem Funken und sollte – verstehen? Was wurde nun von mir erwartet? Ich wusste es nicht, ich konnte nur weitergehen.

    Ich lief eine Zeit lang nur gerade aus. Ich begegnete niemanden. Mit wachsender Unsicherheit bemerkte ich auch die Abwesenheit der Tiere. Ich sagte vorher, dass ich sie hören würde – gedämpft und ängstlich. Doch je länger ich ihnen zuhörte, desto mehr hatte ich den Eindruck, dass es nicht jene vorher beschriebenen Gefühle waren. Waren es überhaupt Gefühle, die - menschlich waren? Aber was war schon menschlich an Tieren?


    Ich hörte den mysteriösen Gesängen der unsichtbaren Tiere zu und fragte mich, ob sie reden konnten? Wollten sie mich warnen oder war ich für sie nur ein Eindringling, dessen Tötung man planen musste – im Schatten der Nacht. War ich es etwa, der hier nicht am richtigen Platz war? Gehörte ich hierher? Vielleicht war ich es, der weg musste und nicht jener düstere Wald, der mich umgab oder jene dunkle, kalte Erde unter mir? Ich wusste, dass ich auf Wegen schritt, die ich hätte nicht betreten sollen. Warum war ich dann hier? Es gab keinen Zweck in meinem Hier sein, kein Ziel. Aber hatte der Wald denn einen? Vielleicht waren es nur zwei zufällige Ereignisse, die sich trafen. Vielleicht gab es nicht so etwas, wie ein Recht zur Existenz, vielleicht war die Menschheit genauso unbedeutend wie ein Kieselstein am Grund des Meeres. Er war eben da, aber wenn etwas größeres kam und ihn bewegte, so musste er folgen, denn er war klein – und seine Zeit war vorbei. Als ich diesen Wald sah, der nichts Menschliches an sich hatte, fragte ich mich, ob die Welt so besser sei – ohne die Menschheit. Doch ich konnte es nicht begreifen, denn dieser Wald, dieser Wind, der aller paar Minuten seine Richtung änderte, hier und da heulend an mir vorbeizog – dies war nicht logisch begreifbar. War ich überhaupt noch in dieser Welt? Vielleicht gab es meine Welt gar nicht mehr. Ich konnte es nicht wissen. Ich konnte nur unter dem kalten Gestirn der gnadenlosen Nacht wandern und umherirren in einer Welt, der ich nicht Teil davon war.

    Auf einmal verließ ich den Wald und stand vor der Stadt. Jene Stadt, die einfach so verschwunden war. Und tatsächlich war sie verschwunden – unter dunklen Wurzeln von uralten, schwarzen Bäumen, die sich auf eine unreelle Art und Weise um die leblosen Ruinen der Stadt wanden, als würden sie versuchen den letzten Rest der alten Welt zu verschlingen. Ihre schwarze glänzende, chitinartige Rinde, wirkte wie ein dunkles Herz aus Obsidian, dass alles Böse meiner Vorstellungen polarisierte. Und wieder konnte man den kalten, grausamen Wind hören, wie er durch die Alleen der schwarzen, fremdartigen Bäumen schnitt und dabei immer wieder seine Richtung änderte, als wäre er einem fremden, irrsinnigen Willen unterworfen.


    Ich schritt mit Unbehagen und einer gebückten, furchtsamen Haltung durch die Straßen. Waren andere vor mir auch so weit gewesen? Ich blickte zum Himmel und stellte mit Entsetzen fest, dass sich die Wolken am Himmel, wie eine schwarze Masse aus hunderten von ekligen Würmern wand, als würde selbst den Wolken jener Funke des Unmenschlichen innewohnen.


    Ich fiel auf die Knie. Wo waren sie?


    Wo waren sie nur hin?!, schrie ich in die unmenschliche Nacht – und erhielt keine Antwort, außer jenen unnatürlichen Lauten einer Welt, der ich nicht angehörte.


    Nur mit der Erinnerung an meine Familie, an die alte Welt, gelang es mir aufzustehen und weiterzugehen. Wie lange würde ich es noch überleben? Der Tod war unausweichlich, wurde mir nun bewusst. Ich gehörte nicht hierher, also was machte ich hier?! Was hielt mich hier? Kam keines jener Wesen, die beständig ihr grausames Lied in ihren Schatten spielten? Doch was war passiert? Wo waren die Menschen nur alle hin? Gab es überhaupt je hier Menschen? Nein, ich muss anders fragen: Hatten die Menschen je hierher gehört?

    Ich folgte den dunklen Wegen unter den schleimigen Ästen der irrsinnig gewundenen Bäume. Ich konnte sie auch flüstern hören. Es war wie das Summen einer Fliege, nur tiefer, schwerer vernehmbar. Doch ich hörte es und ich verstand es nicht. Wahrscheinlich war jenes Geräusch nie dazu gedacht gewesen meine Ohren zu erreichen. Aber ich hörte es!


    Ich traf keinen Menschen oder sonst etwas, was mich an die frühere Welt erinnerte. Von den Ästen der dunklen Bäume tropfte ein zäher Schleim, der genauso schwarz und unbeschreiblich emotional kalt war wie der Baum von dem er kam. Ich näherte mich einem größeren Schleimhaufen und sah mein Spiegelbild darin. Es war verzerrt und gab nicht die Realität der früheren Welt wieder. Es war einfach unlogisch und unmenschlich was ich sah. Ich musste meinen Blick abwenden um die plötzliche Übelkeit zu dämpfen, die in mir hochkam bei dem Anblick. Mit Abscheu folgte ich weiter dem Weg und gelangte endlich zum Marktplatz der Stadt.


    Es war ein großer Platz, der seltsamerweise frei von den schwarzen Bäumen war und frei von jenem schneidenden Wind, der mir jeden Funken Wärme bis jetzt geraubt hatte. In der Mitte des Platzes war ein Loch. Ich konnte selbst vom Rand des Marktplatzes, wo ich stand, sehen, dass es ein unendlich tiefes Loch war. Darin konnte nur das Vergessen der Dunkelheit liegen. Ich näherte mich mit Misstrauen dem Loch und schaute hinein. Was gäbe ich dafür es nicht getan zu haben!


    Es war ein dunkles Loch, dessen Dunkelheit bis zu mir ausstrahlte. Es war eines jener hellen Dunkelheiten, jener Dunkelheiten, die man Licht wohl hier nannte. Ich wusste es nicht, es war nicht Teil der früheren Welt gewesen und so konnte ich es nicht begreifen. Aber sicherlich standen schon viele Menschen vor diesem Loch und ich stand nun auch hier. Ich blickte mich um und sah jene unmenschlich grausame Welt, die in nichts der früheren glich – außer mir. Warum war ich hier? Was war mein Zweck hier zu sein? Wieder diese Frage und wieder keine Antwort. Gab es überhaupt einen Zweck? Hatte der Irrsinn dieser neuen Welt einen Zweck? Ich konnte nur in diese leuchtende Dunkelheit jenes Loches vor mir starren – das einzige Licht in dieser neuen Welt. Ich fühlte die Verzweiflung und die Einsamkeit einer Person, die am falschen Ort war. Und es gab nur einen Ausweg, nur einen Weg, der mir gewiesen wurde in dieser unmenschlichen Welt.

  • o.O Was für ein Schreibstil!!! Wie in einem Fantasybuch. :D Wie ein richtiger Autor ^^ Es hat wirklich Spaß gemacht die Geschichte zu lesen. Einerseits ist sie sehr interessant geschrieben und leicht zu verstehen. Vor allem die detaillierten Umgebungsbeschreibungen sind spitze! Du könntest locker Schriftsteller werden! ;)
    Am Schluss hast du allerdings ein bisschen nachgelassen mit der Genauigkeit der Sätze.


  • Also hatte ich die Geschichte hier doch schon einmal gepostet...


    Hmm, die Fehler am Ende hab ich teilweise schon ausgebessert, da die Geschichte jetzt auch schon wieder ein halbes Jahr alt ist und ich in der Zeit, sie immer mal wieder das eine ums andere Mal gelesen hab, aber trotzdem danke für die Bemerkung ;) . Manche Fehler sieht man einfach nicht mehr irgendwann, wenn man zu lange schreibt :D ...


    Und danke nochmal für die großartige Einschätzung meines Schreibstils, besonders die der detaillierten Umgebung, da mir das bis vor einige Zeit ziemlich schwer fiel :D .

  • naja, was gut ist sollte eben auch gut dargestellt werden! ;)
    das mit der umgebungsbeschreibung kommt i-wann, wenn man länger geschrieben hat, stimmts? ^^
    ich werd mir demnächst mal alle deine story durchlesen :D

  • Ja, irgendwann kommt das, aber ich denke, mein Talent liegt mehr im Beschreiben von Gedankengängen, also wirklichen Monologen, die auch zu etwas führen :D .


    Und du meinst Stories oder? Also jedenfalls hab ich hier im Forum nur drei Geschichten von mir gepostet.

  • ^^ ja ich ich meinte stories. hab mich verschrieben ;)


    meinst du diese monologe?

    Zitat

    Ich war arbeitslos geworden. Meine Frau und mein Sohn waren ein Jahr zuvor bei einem Autounfall gestorben. Ich glaube, dass ich ihr Schicksal noch nicht einmal heute richtig begriffen habe. Ich ertappe mich immer wieder bei dem Gedanken, dass wenn ich nach Hause komme, sie auf mich warten würden. Ich hatte also niemanden mit dem ich meine Sorgen teilen konnte, niemanden der mich verstand, meine ich damit.


    oder andere? :khuh:

  • Nein, solche Monologe meine ich eher ;) :


  • Danke :D . Noch glücklicher wäre ich natürlich, wenn jemand auch die subtilen Botschaften entdecken würde, die ich in den Text eingearbeitet habe ^^ .

  • Man, ich frga mich wie du immer so schreiben kannst ö.Ö
    was für ein Schreibstil :love:



    Woher nimst du eig. immer diese Ideen??? :prima:
    Wirklich toll, und das Ende ist dir auch echt gut gelungen

    [align=center]You are my sunshine, my only sunshine


    You make me happy when skies are gray


    You'll never know dear, how much I love you


    Please don't take my sunshine [color=#000099][i][color=#000000]away[color=#000000]..

  • Danke :D . Die Ideen... Mir kommt einfach ein Gesitesblitz, der den Anfang bildet und dann kommen langsam die nächsten Gedanken. Der Text ist entstanden als ich gerade die Biographie von H.P. Lovecraft, einem berühmten Horrorautor, gelesen hatte ;) .


    Und das beste sind eigentlich die subtilen Dinge und teilweise die Monologe in der Geschichte. Ich geb mal für einen versteckten roten Faden einen Hinweis: Ihr müsst darauf achten, wie der Ich-Erzähler von "der Welt" im Laufe der Geschichte redet ;) . Die Geschichte handelt eigentlich am wenigsten von irgendeinem Horrorszenario oder Science Fiction ^^ .