Das Fenster (und andere Geschichten)

  • Ich hab mal vor einiger Zeit ein paar Parabeln geschrieben. Ich weiß, dass es schwer ist die zu verstehen, was genau ihr Sinn ist, aber ich will niemanden davon abhalten trotzdem es zu versuchen ;) .




    Der Wal und sein „Wächter“
    Es war ein stürmischer Tag und das kleine Schiff schaukelte schwer, als der Wind damit spielte. Eigentlich hätte es nicht dort sein sollen, dort mitten auf hoher See. Doch es gab genug Gründe, die es in den Augen der Besatzung doch rechtfertigten. Sie nannten es eine „Wache“ und sich selbst „Hüter“. Und die zu behüteten waren jene Wale, die auf dem Meer schwammen. Jenes kleine Schiff hatte also durchaus keine feinseligen Gründe um dort zu sein. Es war dort um eben jene Jagd, die sonst üblich war, zu verhindern.
    Nun kam es zu einem späten Tage der Fahrt, dass einer der Wale unruhig um das Schiff schwamm. Der Kapitän, verwundert ob dieses sonderlichen Verhaltens, ging an die Stelle, wo der Wal gerade war in seinen Kreisbahnen um das Schiff und rief ihm zu: „He, du Wal! Was tust du so geheimnisvoll und umkreist uns ohne dein Anliegen zu nennen?“
    Der Wal stieg aus dem Wasser und sprach ebenso verwundert: „Warum fragst du, Kapitän? Willst du nicht die Harpune zücken und die Gelegenheit nutzen?“
    Der Kapitän musterte verwirrt den Wal und sagte ihm beschwichtigend: „Wie kannst du etwas derartig Böses von mir denken, Wal? Weißt du nicht, dass es verboten ist deine Art zu jagen und zu töten? Wir sind hier um dich und deine Art zu schützen! Ihr seid die Beute, die Opfer unserer Bösartigkeit.“
    Der Wal wartete kurz. Dann unter Aufschrei der Besatzung des kleinen Schiffes rammte er es, um es umzukippen. Der Kapitän, der im Wasser gelandet war, musterte den Wal.
    „Was hab ich dir getan, dass ich eine solche Bösartigkeit verdienen würde.“
    „Ich bin ein Raubtier. Und ich lasse mir keinen Heiligenschein aufsetzen um zu überleben. Ich will ein Wal bleiben!“
    „Aber warum betrachtest du uns als Beute? Diese Feindseligkeit war unnötig! Du hättest Gnade haben müssen – die oberste Regel der Vernunft!“
    Der Wal lachte und sagte im Wegschwimmen: „Das Jagen habe ich von der Natur gelernt, die fehlende Gnade vom Menschen. Und beides könnt ihr mir nicht nehmen.“





    Der Traum von dem Wind in den Gassen
    Ein starker Winterwind weht durch enge Gassen. Getrieben von urtümlichen Kräften weht er um jede Ecke, erreicht jeden Platz der Stadt. Ich beneide ihn und wünsche mir, ich könnte jeden Ort der Welt mit einem Wimpernschlag, mit einem bloßen Wunschgedanken erreichen. Und als ich wie der Wind durch die Gassen fegte und an den Knochen der Leute zerrte, versuchte ihre letzte Wärme aus ihren Gliedern zu reißen, so wand ich mich schüttelnd und angewidert von jenen Vorstellungen ab als ich feststellte, dass ich ihnen jenes nicht nehmen konnte, denn verkleidet war ihr Herz mit Pelzen aus wärmenden Fellen nie lebendiger Tiere. Wie sollten sie je Wärme schätzen können, ohne jemals Kälte gespürt zu haben?
    Beneidenswert jene Kraft, die dem Winde innewohnt – bemitleidenswert seine Unfähigkeit den Leuten zu zeigen was Kälte ist.




    Der Traum vom Fenster
    Fenster sind seltsam. Man kann durch sie nach draußen sehen und von draußen nach innen, aber der Unterschied ist, dass der Standort wo man steht immer hier ist und der den man durch das Fenster sieht dort ist. Dort und Hier. So verschieden und doch gleich. Ich schaue in den kalten grauen Raum hinter dem Fenster und frage mich ob dies jetzt hier oder dort ist. Das Fenster spiegelt auch meine eigene Gestalt als Schemen wieder, so als würde ein Teil von mir auf jener anderen Seite stehen, also nicht hier, sondern dort sein. Auf einmal fällt ein warmer Sonnestrahl über meinen Rücken in den grauen Raum und lässt ihn erblühen wie einen wunderschönen Garten. Mein Spiegelbild beginnt zu lächeln und irgendwie verschärfen sich seine Konturen, so als würde die Sonne irgendetwas in meinem Spiegelbild wecken, etwas Glück dahin streuen, wo sonst nur jener graue kalte Raum war, denn ich sonst erblickte.
    Als sich meine Augen endlich an den gleißenden Garten voller lichter Blumen gewöhnt hatten, den ich durch das Fenster sah, endete das Schauspiel auch schon und wie ein Vorhang zog sich jene graue Kälte wieder über das Zimmer. Mein Spiegelbild wurde wieder blass und auch das Lächeln verschwand.
    Fenster sind seltsam. Man weiß nie, ob man Dort oder Hier ist.



    Der Traum vom Abgrund
    Hast du ihn jemals gesehen? Diesen schwarzen Grund, der vor dir liegt wie ein Teppich, wie eine weit entfernte Insel? Es ist nicht so, dass es irgendetwas Wahnsinniges hat diesen schwarzen Teppich anzustarren, geschweige denn ihn für real zu halten. Ihn nicht zu sehen, das ist Wahnsinn. Warum? Licht und Schatten. Dort wo Licht ist, ist auch die Dunkelheit, was also auch die Existenz dieses schwarzen Loches bedingt. Etwas Simples, wie ich doch denke.
    Es begann mit einem abendlichen Spaziergang. Es war mal wieder einer dieser Tage, an denen man sich wünschte, dass die Welt nicht die sei, die sie ist und wo man sich fragte: Gehe ich zu schnell oder zu langsam? Geht meine Uhr falsch oder die Zeit? Nehme ich den rechten oder linken Weg? Ja und dann sieht man ihn – diesen schwarzen Abgrund. Ja, ein erhebender Anblick, wüsste man nicht, dass er real ist. Real, hallte es in meinem Kopf, so als müsste ich sogar mich selbst von der Existenz überzeugen. Nun, wenn man ihn gesehen hat, dann weiß man wovon ich rede. Also wie soll ich dieses Erlebnis beschreiben? Ich kann es eigentlich nicht, denn Worte würden dieses Erlebnis nur dämpfen oder gar überhöhen. Ich versuche es trotzdem, da mir bewusst ist, welche Neugier dich befallen muss, wenn du meine mystischen Ausführungen bis hier her verfolgt hast.
    Es ist als schaue man sein Leben an und wisse auf einmal, was richtig ist. Doch so wie man die Sicherheit findet nicht in den Abgrund zu stürzen, so befällt Trauer das Gemüt, als sich Wissen und Weisheit in Höhen steigert, wo auf einmal selbst die größte Hoffnung und Freude nur ein kleiner Funke im Sturm jener Erkenntnis ist, die dann einen befällt. Auf einmal scheint das Leben leer und man will sich am liebsten in jenen Abgrund abstürzen. Warum habe ich dies nicht getan? Ja, die Antwort ist so schwierig wenn nicht sogar noch mehr als die Ausführungen, die vorangegangen sind. Es ist so, dass doch ersichtlich ist, dass mich weder große Freude retten konnte, noch die größte Trauer abgewendet werden konnte. Aber trotzdem schreibe ich dies nun hier und besinne mich auf vernünftige, rationale Weise auf das Erlebte und verarbeite es mit diesen Worten.
    Als ich nun vor diesem Abgrund stand und hin und hergerissen war, zu springen oder zu gehen, erinnerte ich mich, dass diese Entscheidung irrelevant war, denn man brauchte sich nicht zu entscheiden zwischen Flucht und Wagemut, denn selten erwächst aus jenen extremen Entscheidungen etwas gutes. So besann ich mich auf die Tugend des Trotzes und blieb stehen. Ja ich starrte in den Abgrund und ich werde nie den verwunderten Ausdruck jener Dunkelheit vergessen als sie feststellte, mit welcher Gleichgültigkeit ich sie betrachtet hatte.
    Nun wird man sich fragen wie ich denn jenem Abgrund entkommen bin, schreibe ich doch nun diese Zeilen und berichte darüber in jener Weise, wie es doch hoffentlich jeder andere objektive Berichterstatter es auch getan hätte. Und ja, irgendwann bin ich einfach gegangen, als weder der Abgrund mich anstarrte, noch der Wagemut mich zu Dingen trieb, die ich später bereuen würde. Aber letztendlich muss man sich die Frage stellen: Welchen Ort kann man denn wirklich verlassen, ohne sich immer wieder umdrehen zu müssen oder eine Erinnerung zu haben, die wieder jenen Ort herbeiruft?