Die ungegriffene Hand

  • Ich habe mit 12 Jahren angefangen meine ersten kleinen Geschichten zu schreiben. Die erste und bisher einzige richtige "Kurzgeschichte" (Länge von 5 Seiten), habe ich mit 19 Jahren geschrieben. Die Geschichte kam ganz spontan an einem Donnerstag Vormittag, nachdem mich mein Arzt für den Rest der Woche aufgrund von Grippe krank geschrieben hat.


    In der Geschichte gibt es wenige Bezüge zu meinem realen Leben. Die Geschichte hat aber generell überhaupt nichts mit meinem Leben zu tun und so etwas oder so etwas in der Art ist mir nie wiederfahren. Deshalb keine Sorge :D


    Ich hoffe, es gefällt euch, wer auch immer das lesen sollte ^_^


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    Die ungegriffene Hand


    Ich dachte eigentlich, dass der Tag so wird, wie jeder andere vorige Tag, den ich durchlebt habe. Normalerweise habe ich auch nie daran geglaubt, dass sich die Zeit und mein Weg verändern würden. Doch heute drehte sich alles um mich herum, oder drehte ich mich um alles?


    „Hey, Chiishi. Ist alles OK mit dir?“ War alles OK mit mir? Ich kehrte wieder zurück zu mir. „Ist dir nicht schwindelig?“ Doch, irgendwie war mir schon schwindelig. Vom Nachdenken? Ich blieb nun einfach stehen und realisierte erst jetzt, dass ich in einem Kunstmuseum zusammen mit meiner Freundin war. Ich drehte mich um alle Bilder herum, die an den Wänden hingen. Van Gogh, Picasso und andere weltberühmte Künstler hatten hier ihre Bilder hängen. Ich verlor mich in diese einfachen Kunstwerke, und bemerkte nicht einmal, dass mich die wildfremden Leute um mich herum komisch ansahen. Sie sahen mich mit ihren Augen an, als wenn ich irgend einen Schaden hätte. Diese Augen, die mich jahrelang quälten. Wieso? Ich fühle mich nicht wohl beobachtet zu werden. Als ob die Leute es so interessant fänden, wenn jemand einen Pickel direkt zwischen Oberlippe und der Nase hat und sie nicht von diesen Anblick loskommen. Oder, wie jetzt in diesem Fall, unbedingt ihre Augen auf mich richten mussten, weil ich mich um die Bilder drehte. „Komm, wir gehen ein Eis essen.“ , sagte meine Freundin zu mir und schleppte mich hinaus aus dem Museum. Obwohl ich nicht alle Bilder angesehen habe, wehrte ich mich nicht. Hauptsache war ich weg von den Augen.


    Die Sonne schien hoch oben vom wolkenlosen Himmel herab auf mein Gesicht. Es war ein schöner und sommerlicher Tag. Eben ein Ferientag. Vor mir war die Straße befüllt mit Autofahrern, die zur Arbeit fuhren oder nur einen kleinen Ausflug machten. Gleich auf der anderen Straßenseite war schon die Eisdiele, in die meine Freundin am liebsten ging. „Na komm schon!“ Sie nahm meine Hand und rannte mit mir über die Straße. Ihre warme Hand hielt mich sanft fest. Obwohl die Eisdiele viele Besucher hatte, bekamen wir dennoch in einer angemessenen Zeit, ohne allzu lang zu warten, unser Eis. Ich bestellte mir, wie immer, ein Zitroneneis, während meine Freundin lieber ein Schokoladeneis verspeiste. Gemeinsam gingen wir zum nahegelegenen Park, wo wir uns auf eine Bank im Schatten setzten. Um die vierunddreißig Grad war es und an diesem Tag hatte der Wind eine Pause angelegt. Es waren viele Menschen im Park, die sich auf die Wiesen legten oder einfach nur spazieren gingen. Hier fühlte ich mich nicht so beobachtet, weil jeder mit sich selbst, mit ihrer Familie oder ihren Lebenspartnern beschäftigt waren. Ich hatte nun die Chance die Menschen zu beobachten, nachdem sie mich beobachteten. Doch meine Freundin piekte mich in die Seite, sodass ich gar nicht mehr dazu kam die Menschen anzusehen. „Worüber denkst du nach, Chiishi?“ Sie hatte mich schon immer Chiishi genannt, da sie Japan sehr liebte und Chi’s niedliche Animewesen sind. „Na los, erzähl’ es mir.“ , drängte sie neugierig. Ich wusste nicht so wirklich, was ich antworten sollte. Worüber habe ich eigentlich nachgedacht? Meine Freundin hockte sich vor mich hin. Sie war genauso groß wie ich, hatte schulterlanges braunes Haar und ihre nussbraunen Augen funkelten mich an. Sie war sehr hübsch und wollte nie von meiner Seite weichen. Obwohl ich nicht viel geredet habe stand sie immer zu mir. Ich war ihre beste Freundin. „Geht’s dir nicht gut?“ , fragte sie mich und hielt ihre warme Hand an meine Stirn. Ich musste sie anlächeln, weil sie so süß war, wenn sie sich um mich sorgte. „Wie schön! Endlich lächelst du mal.“ Und sie freute sich so sehr, wie ein kleines Kind sich über Weihnachtsgeschenke freute. „Sollen wir heute Abend ins Kino gehen?“ , fragte sie mich. Ich nickte, da ich genau wusste, dass sie gerne viel mit mir unternahm. „Heute läuft der Film ‚Alice im Wunderland’ mit Johnny Depp! Den können wir uns doch ansehen.“ , sagte sie mit freudiger Stimme. Sie mochte den Schauspieler Johnny Depp sehr und schaute sich wirklich jeden Film an, in denen er mitspielte. Am liebsten schaute sie sich diese Filme mit mir an.


    Nun verabschiedete sie sich von mir, da sie noch etwas mit ihrer Mutter erledigen musste. Was, das wusste ich nicht. Ich habe ja auch nicht gefragt. Wir verabredeten uns um viertel vor 20 Uhr vor dem Kino. Ich schaute ihr noch hinterher, wie sie mit Freudensprüngen aus dem Park lief. Nun sah ich mich wieder im Park um und merkte, dass es voller wurde. Um mich nicht so beobachtet zu fühlen, beschloss ich nach Hause zu gehen. Die Hitze quälte mich, da ich mit dunkler langer Jeans rumlief und ich ein dunkles T-Shirt anhatte. Immer wieder liefen kleine Kinder an mir vorbei und alberten rum, während ihre Mütter versuchten sie still zu halten. Es war kein weiter Weg bis nach Hause. Einige Straßen überqueren und mal links und rechts abbiegen, schon stand ich vor meiner Haustür. Es war das erste Haus auf dieser Straße. Ein Haus, das meine Familie selbst gebaut hatte und all ihre Liebe war darin enthalten. Ich öffnete die Tür, ging hinein und schloss sie wieder. Der Parfumduft meiner Mutter schwebte in der Luft. Anscheinend war sie nicht lange aus dem Haus. Ich zog meine Schuhe aus, legte meine Schlüssel auf die Kommode und betrat die Küche. Hier schnappte ich mir eine Flasche Wasser und ging die Treppen hinauf in mein Zimmer. An der Zimmertür klebte ein Zettel von meiner Mutter. Ich war allein im Haus und das Mittagessen stand im Ofen. Da ich keinen Hunger hatte, betrat ich mein chaotisches Zimmer. Hier und da lagen Kleider von mir. Mein Tisch war befüllt mit Büchern, Blättern, Stifte und Pinseln. Angefangene Bilder lagen herum, die ich selbst gezeichnet oder gemalt habe. Ich hob eine Zeichnung vom Boden auf. Es war eine Animefigur von einem Mädchen, die mich anschaute. Meine Freundin hatte mich mit dem Anime-Kram angesteckt, sodass ich seit paar Jahren mit Zeichnen angefangen habe. Meine Freundin wusste davon nichts, weil ich mein Zimmer vor ihrem Besuch immer aufräumte und die Bilder versteckte. Es sollte eine Überraschung für sie sein. Immerhin wurde sie bald 18 und da musste ich ihr einfach etwas ganz persönliches schenken. Es waren nur noch paar Tage, dann feierte sie ihren Geburtstag. Sie wusste selbst noch nicht, ob sie nur mich einladen sollte, oder auch andere Freunde, die sie gern hatte.


    Ich legte die Zeichnung auf den Tisch und schaute auf die Uhr. Es war gerade mal 15:17 Uhr. So setzte ich mich auf mein Bett, schaltete meinen Fernseher ein und trank aus meiner Wasserflasche. Im Fernsehen lief allerdings nichts sehenswertes, sodass ich ihn genauso schnell ausgeschaltet habe, wie angemacht. Auf den Computer hatte ich heute genauso wenig Lust. Ich stand auf und ging wieder runter in die Küche. Erst jetzt registrierte ich den Duft des Essens im Ofen. Es gab Nudelauflauf, aber Hunger hatte ich noch immer nicht. Ich wusste wirklich nicht, was ich bis viertel vor 20 Uhr tun sollte. Immer wieder ging ich die Treppen hoch und runter, bis ich mich schließlich an mein Tisch setzte und anfing zu zeichnen. Es fiel mir immer leichter Figuren zu zeichnen, da ich fast jeden Tag daran saß und das über Jahre hinweg. Aus diesem Grund fand ich meine Werke auch sehr gut. Ob meine Bilder jemals in ein Museum veröffentlicht werden? Ich musste mich wieder an heute Morgen erinnern, an die ganzen Augen. Mir schauderte es wieder, sodass ich meinen Kopf schüttelte und mich wieder auf mein Bild konzentrierte. Es waren ganz einfache Handgriffe, die ich machte. Mit immer weiteren Bleistiftstrichen entstand schon bald meine Idee auf dem Papier. Zwei Mädchen saßen zusammen und lachten. Ich war mir sehr sicher, dass sich meine Freundin darüber freuen würde. Mit guten Buntstiften malte ich das Bild auch noch bunt aus und signierte es. Ein weiteres Bild war für meine Freundin fertig. Wieder schaute ich auf meine Uhr. Es war um die 17 Uhr geworden und noch immer war ich allein Zuhause. Mein Vater arbeitete noch, genau wie meine Mutter und mein Bruder. Ich legte mein Kopf auf den Tisch, und schaute herum, was so alles auf meinem Tisch stand. Schließlich entdeckte ich einen Anhänger. Ich griff danach und betrachtete diesen. Es war ein Anhänger mit einem Vogel dran. Meine Freundin schenkte mir dies vor mehreren Wochen. Sie sagte mir, dass sie mich oft dabei gesehen hat, wie ich die Vögel beobachtete. Ich schaute mir tatsächlich immer wieder Vögel an und bewunderte sie durch ihre grenzenlose Freiheit. Manchmal wünschte ich mir sogar selbst ein Vogel zu sein, um die ganze Welt zu erkunden und einfach nur frei zu sein. Den Anhänger packte ich in meine Tasche, sowie mein Portemonnaie und weitere Sachen, die ich vielleicht draußen gebrauchen könnte. Ich schaute hinaus und bemerkte, dass sich langsam Wolken zusammenzogen. Ob es wohl heute Abend regnen wird? Ich ging hinunter in den Flur und sah meinen Vater das Haus betreten. Ich erklärte ihm, dass das Essen im Ofen stand und ich nun zur Verabredung mit meiner Freundin losgehen wollte. Er fragte mich, ob ich denn auch mein Handy dabei hatte. Ich überlegte und musste feststellen, dass es noch an mein Aufladegerät steckte. So lief ich schnell wieder hoch, nahm mir mein Handy, stellte es auf Vibration und packte es in meine Hosentasche. Wieder lief ich runter, zog meine Schuhe an, verabschiedete mich schnell von meinem Vater und ging raus. Es war noch zu früh, aber ich dachte, dass ich mal wieder in den Park gehen sollte, um die Menschen zu beobachten. Immerhin hatte ich ja noch eine Beobachtung offen, nachdem was im Museum geschah. So schlenderte ich mit der Tasche, die auf meiner rechten Schulter hing und dem Handy, das in meiner Hosentasche lag, in den Park. Es waren weniger Menschen da. Anscheinend, weil es wieder kühler wurde und die Wolken über uns schwebten. Durch die Wolken hindurch schien noch die Sonne und erhellte den Tag. Ich beobachtete die Menschen, die sich einen schönen Tag machten. Familien, Kinder und Jugendliche vergnügten sich alle auf ihre eigene Art. Ich hörte nicht einmal hin, worüber sie redeten. Mir war es einfach nur wichtig zu sehen, wie sie sich bewegten und was sie taten. Ich spürte in ihrer Nähe die Liebe, die sie sich gegenseitig gaben. Mit Küsschen und dem Händchenhalten zeigten sie sich ihre Zuneigung. Ich schaute, wie sie sich alle an die Hände festhielten. Die einen verschränkten ihre Finger ineinander und andere nahmen einfach die ganze Hand in ihre. Sie streichelten sich und küssten sich. Es war wie echte Liebe. Ich selbst wusste nicht, wie es sich anfühlte. Ich kannte nur diese warme Hand, die mir meine Freundin immer reichte.


    Es war genau vor 5 Jahren, als ich meine Freundin kennen lernte. Sie war noch 13 und ich hatte sie an einen regnerischen Tag einsam auf einer Bank sitzen gesehen. Sie hatte sich so klein gemacht, dass ihre Arme ihre angezogenen Beine umschlangen und ihr Kopf hinter ihre Beine versteckte. Ich wusste genau, dass sie am weinen war, aber ich machte mir eher um ihre Arme Sorgen. Sie waren am bluten und mit Dreck bezogen. Eigentlich war ich ganz zufällig da, weil ich einkaufen musste. Es war mehr los, als an einem anderen Tag, sodass ich die Abkürzung durch den Park nahm. Sie saß auf einer anderen Bank, als heute beim Eisessen. Ich ging damals zu ihr hin und fragte sie, ob ich den Krankenwagen rufen sollte. Allerdings reagierte sie nicht, sondern schluchzte herum. Weil ich mich um sie sorgte, habe ich mein Handy genommen. Gerade wollte ich den Krankenwagen rufen, da hielt sie meine Hand fest. „Bitte, ruf nicht den Krankenwagen an, sonst machen sich meine Eltern sorgen.“, schluchzte sie. Ich habe ihr den gefallen getan und setzte mich neben sie. Warum, das wusste ich nicht, aber ich hatte das Gefühl, dass sie mich brauchte. „Ich bin zu schnell mit dem Fahrrad gefahren und da es so nass war, bin ich gestürzt...“ Ich schaute mich um und sah ein Fahrrad an einem nahegelegenen Baum stehen. „Hast du starke Schmerzen?“, fragte ich sie. Sie nickte nur. Ich überlegte eine Weile und sagte schließlich: “Manchmal muss man Menschen Sorgen bereiten, um selbst geholfen zu werden. Und ich glaube, dass deine Eltern sich freuen würden, wenn sie dir helfen können. Immerhin lieben sie dich doch.“ Ich habe gehofft, dass die Worte sie aufmuntern würden, aber sie fing an noch mehr zu weinen. Um ehrlich zu sein war ich nicht besonders gut im Aufmuntern und ich wusste in dieser Situation nicht wirklich etwas zu machen. „Ich will stark sein. So stark, wie mein großer Bruder, damit meine Eltern dann genauso stolz auf mich sein können.“ Ich verstand nun, warum sie noch mehr weinte. Sie glaubte, dass ihre Eltern sie nicht lieben würden, weil sie nicht stark gewesen sei. „Ich beweise dir, dass deine Eltern dich lieben“, meinte ich, aber ich war mir selbst nicht so sicher, ob ich das wirklich beweisen konnte. Immerhin kannte ich ihre Eltern gar nicht und wusste nicht, ob sie ihre Tochter nun wirklich liebten, oder doch nicht. Allerdings versuchte ich mir meine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen und hoffte darauf, dass ihre Eltern sie in den Arm nehmen und sich um sie kümmern würden. Anscheinend wirkte dieser Satz der Ungewissheit, sodass sie ihr Fahrrad holte und ich mit ihr zusammen nach Hause ging. Ihr Zuhause lag genau auf der anderen Seite, als mein Haus. Der Regen legte sich langsam und auch ihre Tränen trockneten. Auf dem Weg zu ihren Eltern haben wir kein Wort geredet. Sie schob ihr Fahrrad neben sich her, bis wir vor ihrer Tür standen. Da stellte sie ihr Fahrrad ab und sie griff sofort nach meiner Hand, in der ich keine Einkaufstasche trug. Sie war noch leicht nass vom Regen. Ich klingelte an der Haustür und eine Frau öffnete vorsichtig die Tür. Sie entdeckte ihre Tochter und nahm sie direkt in die Arme. „Oh, meine liebe Chiara. Wir haben uns so Sorgen gemacht. Wo warst du die ganze Zeit? Wie siehst du denn aus? Was ist passiert? Komm ich wisch dir den Dreck aus den Wunden raus.“ Ich wusste nun, wie das kleine Mädchen hieß und sagte: „Siehst du, Chiara? Ich habe es dir doch gesagt“. Die Mutter verstand nicht so recht, was ich damit meinte, aber ich sah zum ersten Mal Chiaras Lächeln und sie nickte freudig. Nachdem ich einen Dank von der Mutter bekam, ging ich wieder zu mir nach Hause. Seit diesen Tag an, haben sich Chiara und ich uns immer getroffen. So schloss sich eine enge Freundschaft und ihre Hand griff seitdem immer nach meiner.
    Ich war froh, dass ich sie immer glücklich machen konnte, obwohl ich eigentlich nicht wirklich etwas tat.


    Ich wachte aus meinem Traum der Vergangenheit auf und schaute auf meine Uhr. Es war 19:34 Uhr. Ich ging also direkt zum Kino, wofür ich vom Park aus etwa 10 Minuten laufen musste. Die Wolken waren schon dichter und es fing an leicht zu regnen. Passanten um mich herum liefen mit Regenschirmen herum. So, als ob der Regen giftig sei oder sie selbst aus Zucker bestehen würden. Seltsamer Weise war meine Freundin noch nicht da. Ich wartete also vor dem Kino auf sie. Zum Glück musste ich nicht zu lange warten, denn sie fuhr mit Vollgas auf der anderen Straßenseite Richtung Kino. Sie entdeckte mich sofort und ohne auf die Autofahrer zu achten, wollte sie die Straße überqueren. Sie streckte eine Hand in meine Richtung aus, bis das Unglück geschah. Ich vergaß alles um mich herum und blickte nur auf meine Freundin, die von einem Auto angefahren wurde. Sie lag regungslos da und Panik brauch aus. Menschen schauten sich das Szenario an, andere riefen den Krankenwagen und ich lief zu ihr hin und rief nach ihr. „Chiara, Chiara!“ Sie öffnete ihre Augen nicht und sie zeigte auch keine einzige Reaktion. Ich hatte wieder nach ihr gerufen und wusste diesmal nicht, was ich tun sollte. Ich wollte sie nicht verlieren. Kurze Zeit später kam der Krankenwagen, ein Arzt zog mich von Chiara weg und dann passierte alles ganz schnell. Ich kam gar nicht mehr wirklich mit und habe keines ihrer Bewegungen noch wirklich wahrnehmen können. Da fuhr der Krankenwagen mit der Sirene auch schon weg und Chiara war nicht da. Nur ihr Fahrrad lag verbogen auf der Straße herum. Diesmal war die warme Hand da, die mich nicht erreichen konnte. Wieso nicht? Wir wollten doch zusammen ins Kino gehen. Sie wollte sich Johnny Depp ansehen. Wieso hatte mich ihre Hand diesmal nicht erreichen können? Wieso konnte sie diesmal nicht nach mir greifen? Ich machte mir schon selbst Vorwürfe. Warum stand ich nicht näher zu ihr? Wieso war ich so weit weg von ihr? Der Regen wurde immer stärker, den ich allerdings nicht mehr wahrnahm. Ich lief sofort ins Krankenhaus und dachte nur noch an meine Freundin. Dort traf ich die Eltern meiner Freundin, die sich in die Arme nahmen und weinten. Auch ihr älterer Bruder war da und saß verstummt auf einem Stuhl. Chiara lag auf der Intensivstation und alle beteten, dass sie noch lebte. Doch ich verspürte ein mulmiges Gefühl. Die Mutter registrierte mich plötzlich, nahm mich in die Arme, weinte und entschuldigte sich bei mir. Es sei ihre Schuld gewesen, weil sie Chiara vorher noch einkaufen schickte. Sie musste sich deshalb so beeilen. Tränen rannten über mein Gesicht und ich wusste nun, dass es keine Hoffnung mehr für meine Freundin gab.
    Damals wurde ich aufgehalten und traf sie verletzt auf einer Bank. Diesmal wurde sie aufgehalten und ihre Hand reichte nicht nach meiner.
    Nun kam der Arzt mit leicht gesenktem Kopf, schüttelte leicht den Kopf und entschuldigte sich. Die Familie weinte noch mehr, aber ich drehte mich um und lief nach draußen unbewusst in den Park. Ich saß auf der Bank, auf dem ich das letzte Mal mit ihr saß. Der Regen prallte hinab auf die Erde. Ich konnte meine Tränen nicht mehr unterdrücken.
    Alles drehte sich um mich herum. Der Lauf der Zeit ging weiter, nur meine Seele blieb in diesen Moment still stehen. Zusammengesunken ließ ich meine Tränen fallen. Nie wieder würde ich diese warme Hand noch mal fühlen, die mir das Gefühl gab, dass ich für jemanden da sein konnte. Wäre alles anders passiert, wenn ich meine Hand nach ihr ausgerichtet hätte? Ich habe das nie getan. Immer nahm sie meine Hand und hielt sie fest. Sie hielt sie fest, weil sie mich brauchte. Und erst jetzt, wo sie verstorben war, merkte ich, dass ich sie doch auch brauchte. Warum hatte ich nie nach ihrer Hand gegriffen? Wenn ich nun alles ändern könnte, hätte ich es getan. Doch es war nun zu spät. Die Zeit verging. Nur der Regen und meine Tränen blieben.
    „Manchmal muss man erst etwas verlieren, um etwas neues zu erfahren.“, sagte eine Stimme. „Es tut mir leid. Ihr habt euch wohl sehr gern gehabt. Auch ich habe einen geliebten Menschen verloren. Erst seitdem weiß ich, wie wichtig er für mich wirklich war.“ Ich blickte weg und schwieg weiterhin. Anscheinend war er bei dem Unfall dabei. Er streckte nun vor mir seine Hand aus und sagte: „Ich werde für dich da sein und dich glücklich machen. Ich glaube, dass es Chiara gewollt hätte.“ Nun sah ich ihn an und ich erkannte den Jungen. Er war der ältere Bruder von Chiara. Seine Hand hielt er weiterhin nach mir ausgerichtet. Es war nicht mehr die Hand, die immer nach meiner Hand griff. Es war nun eine Hand, die darauf wartete, bis ich meine darin legte. Ich zögerte erst, aber ich legte meine Hand in seine warme und feste. Er zog mich hoch und umarmte mich. Ich fühlte seine ganze Wärme und wir trauerten zusammen um Chiara, während der Regen ganz langsam nachließ.


    Es vergingen Wochen und Monate, seitdem der Unfall mit meiner Freundin geschah. Ihr Bruder und ich hatten uns seitdem täglich getroffen und wir besuchten Chiara immer wieder am Grab. Wir gingen Hand in Hand, er reichte mir die Hand und ich reichte ihm die Hand.
    Diese warme Hand von damals hat mich irgendwann nicht mehr erreichen können. War es so, weil ich nie nach ihr griff?


    Doch diesmal werde ich nach der neuen Hand immer wieder greifen, wenn ich sie brauche. Ich will sie niemals verlieren, denn ich liebe sie. Ich liebe den Mann, dem diese Hand gehört.


    Und nun dreht sich die Welt mit mir zusammen...