Donner und Hinkel - eine (un)weihnachtliche Weihnachtsgeschichte

  • Im Stile von 'Sleeping Hero' eine Kurzgeschichte, einer simplen Idee folgend. Dieses Mal handelt die Geschichte von Hinkel, einem Wichtel und Donner, einem Rentier, beides Angestellte im Dienste des Weihnachtsmannes. Eigentlich wollte ich die Geschichte schon zu Weihnachten posten, aber ich war mit dem Schluss unzufrieden, aber jetzt ist die Story fertig. Der Ton der Story ist zynisch und insgesamt mehr humorvoll als ernst. Ich freue mich auf Feedback wie immer, ich betone, wie immer! Keine Sorge, die Betonung hatte KEINEN Zweck.

    Donner und Hinkel - Ich hasse Karotten


    „Ich hasse Karotten. Ausrufezeichen. Karotten sollten einfach dort verrotten, wo sie gerade sind. Ausrufezeichen. Ich hasse Karotten. Ausrufezeichen.“, erklang die gelangweilte Stimme in der warmen Stube mit dem Kamin, vor dem auf einem Sessel der Weihnachtsmann saß und ihm gegenüber in einem viel zu groß geratenen Sessel ein Wichtel, der ein gelbes Blatt Papier in Händen hielt.
    Es war Sommer, die Sonne schien, die Leute suchten ihre Sonnencreme, Taucher präparierten ihre Ausrüstung, Hippies bemalten Schilder, um bist tief in die Nacht vor einem Atomkraftwerk stehen zu können oder einem Bahnhof – aber nicht hier, nicht in der Antarktis, wo Hinkel in der Werkstatt des Weihnachtsmannes sich auf Weihnachten vorbereitete. Aber die Sache war die: Es war nicht Weihnachten – und noch interessierte auch keinen Weihnachten. Es war Sommer.
    Hinkel hatte gelangweilt einen hektisch geschriebenen Zettel gelesen, den ihm der Weihnachtsmann lachend gegeben hatte. Er war einer der Wichtel, also einer der, welche die wirkliche Arbeit auf ihren Schultern trugen. Der Weihnachtsmann war eigentlich nur der, welcher den Kram, den sie produzierten, austrug. Lobte man etwa die Postboten für die Pakete, die andere verschickt haben? Nein, natürlich nicht! Aber der Weihnachtsmann hatte einfach die besseren Connections und dann kam noch dazu, dass Wenigen der Gedanke gefallen würde, dass ein kleiner Wichtel die von einem Kind gewünschte X-Box illegal kopiert hatte.
    „Ist das nicht ein seltsamer Wunschzettel?“, sagte der Weihnachtsmann lachend als wäre auf dem Zettel ein Witz versteckt, der jedem offensichtlich sein sollte. Hinkel fielen viele Dinge ein, die seltsam waren – und damit meinte er nicht nur, dass ihm die Pointe des angeblichen Witzes entgangen war. Denn a) war Weihnachten noch weit weg und damit auch die Zeit Wunschzettel zu schreiben, b) schrieb man nicht seine Abneigungen auf einen Wunschzettel und c) fragte sich Hinkel, was zur Hölle der Weihnachtsmann eigentlich mit dieser Bitte machen sollte?!
    „Ich… glaube, mir muss der Teil entfallen sein, wo der ‚Wunsch‘-Part eingesetzt hat.“, erklärte Hinkel, bereits müde der Diskussion.
    „Scharfsinnig erkannt, Hinkel, mein Freund!“, erklärte der Weihnachtsmann laut mit seiner tiefen Stimme.
    „Sie sind mein Vorgesetzter. Ich halte nichts von Freundschaften am Arbeitsplatz.“
    „Ja, ich weiß.“, sagte er lachend, „Aber deswegen bist du nicht hier. Ich habe ein neues Projekt für die Sommerzeit!“
    Hinkel wusste vieles über den Weihnachtsmann – seine Lieblingsfarbe, seine Lieblingsgerichte, seine Mittagsschlafzeiten, die Telefonnummer seines Zahnarztes, seine Schuhgröße und vieles mehr. Aber eines hatte er sofort am ersten Tag seiner Arbeit gelernt: Der Weihnachtsmann war ein Mann vieler Ideen – und meistens waren es schlechte.
    „Wir sollten Kindern in Not helfen!“, verkündete er stolz und versuchte dabei heroisch zu wirken, aber das Bild des Weihnachtsmannes hatte ihm nicht die gestischen und mimischen Fähigkeiten gegeben, genau dies darzustellen, weswegen es mehr wie der Versucht wirkte, Superman zu parodieren.
    Hinkel war natürlich nicht begeistert: „Und wir sollen mit den Karotten anfangen?“
    „Nein, mit dem Kind! Dem Kind, Hinkel, du musst dem Kind helfen!“
    „Er mag seine Karotten nicht, Herr Santa Claus.“
    „Eine Straße voll von Übel und Verderbnis…“
    „Vielleicht ist er einfach nur allergisch auf sie.“
    „… voll von Unmoral und schäbigen Lebensverhältnissen…“
    „Vielleicht hat seine Mutter sie nicht richtig gekocht.“
    „… nein, Hinkel, wir dürfen diese Ungerechtigkeit nicht hinnehmen!“
    „Vielleicht waren die Karotten verfault.“, merkte Hinkel an, aber Santa ließ sich nicht unterbrechen.
    „Nicht solange der Weihnachtsmann der Weihnachtsmann ist!“
    Stille senkte sich über den kleinen Raum, Hinkel war sich sicher, dass der Weihnachtsmann wohl keine Widerrede dulden würde in der Sache. Er brauchte eh Urlaub, dachte er seufzend, warum also nicht?


    Das hatte er gedacht. Als Hinkel in seinem Polaranzug im Schneetreiben stand und sich zum Stall praktisch vortastete bereute er seine Entscheidung schon wieder. Santa hatte ihm eins seiner Rentiere zugeteilt, das ihn zu seinem Zielort bringen sollte. Hinkel hatte nichts gegen Santas Rentiere, es war bloß so, dass sie arrogant, langweilig oder beides zusammen waren. Mit einer Ausnahme. Und wenn er Ausnahme sagte, dachte natürlich jeder gleich an den Kerl mit der roten Glühbirne, die sich Nase schimpft. Nein, wen er meinte, war Donner, das einzige Rentier mit dem es Hinkel aushalten konnte. Er hatte mit ihm sogar die eine oder andere Runde Poker oder Blackjack bestritten – was schon mehr als ausreichend war für eine Freundschaft hier in der Antarktis.
    Der Grund für Hinkels Einstellung gegenüber Donner ging hauptsächlich darauf zurück, dass jener eigentlich gar kein Rentier von Santa sein wollte. Aber der Job-Markt für Rentiere war nicht so lukrativ dieser Tage und deswegen hat er notgedrungen jene Stelle angenommen. Er hasste seinen Job, eine Einstellung, die Hinkel nur zu gut nachempfinden konnte und hatte sich zum Zeitvertreib das Hobby des Dichtens aufgenommen mit dem Ziel den Daddaismus wieder ‚hip‘ zu machen in Literatur-Kreisen – ein Unterfangen, dass bis jetzt bereits in der Theorie als gescheitert galt.
    Als Hinkel nun endlich den Stall gefunden hatte und in Donners Bereich des Stalls kam, war das erste, was er hörte wie üblich die sinnlose Aneinanderreihung von Silben und Lauten, die keinen Sinn ergaben – wie beabsichtigt. Donner dichtete mal wieder. Hinkel klopfte an und trat ein, ohne auf ein Wort von Donner zu warten.
    Donner war ein normales Rentier, normal in jeder Hinsicht und die Details, welche ihn von anderen Rentieren unterschieden, waren so gering, dass sie wahrscheinlich nur ein anderes Rentier sehen würde. Hinkel brauchte dies eh nicht, der typische Blick aus Frustration und Selbstmitleid, den Donner trug, war einzigartig.
    „Hi, wie kommt das Dichten voran, Donner?“, fragte Hinkel schnaufend, während er sich des Großteils seiner Polarausrüstung entledigte.
    „Yo, ich dachte an eine ‚Hymne des Schnees‘, aber dann fiel mir auf, dass man dazu Freude braucht, eine Sache, die mir in Sachen Schnee mangelt.“, erklärte er niedergeschlagen.
    „Hmm.“, erwiderte Hinkel, der sich für Kunst nur in Sachen „Stückzahl pro Minute“ interessierte. Teil der Berufsbeschreibung hatte er einst zu Donner gesagt als er ihn darauf angesprochen hatte.
    „Was spielen wir…“, begann Donner als er Hinkels Blick sah, ein Blick nicht ganz unähnlich dem seinen, den er vor ein paar Sekunden gehabt hatte. Und Donner wusste, dass es nur eine Ursache dafür geben konnte.
    „Er hat gelacht?“, sagte Donner nach einer Weile, Furcht und Ahnung in seinen Augen.
    „Er hat gelacht.“, stellte Hinkel fest, die Stimme gefüllt mit traurigem Fatalismus.
    Donner seufzte, schaute auf die verstreut liegenden Blätter voll von Gedichten oder zumindest dem, was Gedichte darstellen sollten, die vor ihm ausgebreitet waren und wusste, dass er seinem Leben einen weiteren Tag hinzufügen konnte, den er bereute gelebt zu haben.
    „Wo geht es hin?“, fragte er tonlos.


    „Name: Daucus Carotta. Die Wurzel (Rübe) speichert Reservestoffe. Sie besteht aus der Krone (Kopf), der Rinde (Bast), der Korkschicht, aus Adventivwurzeln und dem im Innern gelegenen Mark (dem Holzteil). Die meisten Inhaltsstoffe befinden…“
    „Was soll das sein?“, fragte Donner außer Atem, der nun schon seit Stunden mit Hinkel auf dem Rücken durch die Lüfte geflogen war, immer achtsam nicht von irgendjemand gesehen zu werden – außer von denen, die keinen Fotoapparat dabei hatten. Mit einem Mangel von Beweisen waren fliegende Rentiere wie Big Foot: Ein Lückenfüller für die Abendnachrichten, um der Welt zu zeigen, dass das Leben doch Humor besitzt.
    Mittlerweile war die Luft warm genug, um Hinkel es zu ermöglichen sich eines Teils seiner Polarausrüstung zu entledigen und frei mit Hinkel zu sprechen. Während er sich an den Zügeln festhielt, die lose um Donners Hals lagen, hielt er in der linken Hand einen roten Hefter aufgeschlagen und las daraus vor.
    „Das soll der Plan sein.“
    „Der Plan das Kind zum Biologen zu erziehen?“
    „Nein, der Plan ihm den Wert von Karotten zu erklären.“
    „Was bezwecken soll?“, fragte Donner zweifelhaft.
    „Das er Karotten isst.“, erklärte Hinkel tonlos.
    Donner sagte nichts, er wusste, dass die Essenz dieses Unterfangens für sich sprach. Es war eine verdammt idiotische Idee.


    Hinkel hatte sich des Polaranzugs entledigt und darunter einen feinen eleganten Anzug enthüllt. Er hoffte dadurch, seine Aura der Autorität, die er oft gerne beschwor für solche Anlässe, mehr zum Ausdruck bringen zu können. Er hoffte auch dadurch über den Umstand hinweg täuschen zu können, dass er kleiner als der durchschnittliche Mensch war.
    Er stand nun in einer beliebigen Vorstadt, in einer friedlichen Straße, an einem Freitag Nachmittag, neben sich ein Rentier, er in einem Anzug – für einen kurzen Moment glaubte er den Frieden schmecken zu können, die diese Situation in ihm hervorrief, aber deswegen war er nicht hier. Er hatte eine Mission.
    Er ging durch den Vorgarten und trat an die Haustür der 8a heran, ein kleines Haus, dass recht unscheinbar dem Minimum an Qualität und Stil entsprach, der auf der Straße herrschte, damit also weder positive noch negative Gerüchte in der Nachbarschaft hervorrufen würde.
    Hinkel räusperte sich, straffte seine Haltung, nahm die nötigen Unterlagen in seine linke Hand und bet…
    „Donner?“, fragte Hinkel genervt.
    Donner trat seufzend neben ihn und betätigte die Klingel an die Hinkel nicht herangekommen war. Mit einer Geste, die Hinkel sonst benutzte, um Fliegen zu vertreiben, gestikulierte er Donner, zurückzutreten, was dieser, seine Augen theatralisch verdrehend, tat.
    Eine kleine (also zwei Köpfe größer als Hinkel) Frau machte die Tür auf und musterte erst das Rentier, dann Hinkel, der sich von der misstrauischen Reaktion der Frau nicht beirren ließ.
    „Guten Tag, werte Frau. Wir sind vom Weihnachtsmann geschickt wurden“, er gab ihr eine Visitenkarte mit Weihnachtsmotiven und der Adresse des Weihnachtsmannes, „um mit einem gewissen…“
    Er hielt inne und nahm mit der rechten Hand aus seiner Brusttasche der Anzugsjacke eine Brille und setzte jene auf.
    „Um mit einen gewissen Dietrich Schmurz zu reden. Ist jen…?“
    „Schurz.“, sagte die Frau knapp.
    „Verzeihung?“, fragte Hinkel irritiert, die Brille noch auf seiner Nasenspitze, was ihn wie einen Beamten aussehen ließ, ein Eindruck, der scheinbar keine sehr positiven Erinnerungen bei der Frau hervorrief.
    „Der Name ist Schurz, nicht Schmurz.“
    „Aber sie sind hier als Schmurz gelistet.“, sagte Hinkel mehr zu sich selbst als zu der Frau, sein Blick auf das Blatt gerichtet, dass er in seiner Hand hielt. Aber dann fiel ihm etwas ein und er schaute zur Klingel, die er vorhin nicht erreicht hatte.
    „Aber dort steht ‚Schmurz‘.“, erklärte er, während er seine Brille abgesetzt hatte und sie in der rechten Hand haltend auf das Schildchen neben der Klingel zeigte.
    „Ja, da steht Schmurz.“, sagte sie tonlos. Hinkel wusste, dass sie ihn abwimmeln wollte mit ihrer Einsilbigkeit, aber er ließ sich von derartig billigen Tricks nicht beirren.
    „Also wohnen hier die Schmurz?“
    „Nein, hier wohnen nur die Schurz.“
    „Aber warum steht dann dort Schmurz?“, fragte er verwirrt.
    „Mein Ehemann hieß Schmurz. Wir haben uns getrennt.“
    „Das tut mir Leid. Also hießen sie Schurz und er…“
    „Schmurz.“, beendete sie den Satz, langsam ungeduldig.
    „Und Dietrich Schmurz…“
    „… ist nicht da.“, erklärte sie.
    Hinkel starrte sie hilflos an als aus dem Haus jemand rief: „Mama!“
    Die Frau starrte Hinkel an, ihre Gesichtsmimik regungslos, er wusste, dass dies eine alles oder nichts Situation war. Nur ein Schritt nachzugeben würde bedeuten, dass sie ihm die Tür ins Gesicht schlagen würde. Nach einem Moment, der wie eine Ewigkeit schien, sagte sie: „Er heißt Dieter. Sie haben das falsche Haus.“
    Und damit schlug sie die Tür vor seiner Nase zu, bevor er reagieren konnte. Seufzend verstaute er den Hefter und die Brille. In manchen Nächten glaubte er von einem früheren Leben träumen zu können und in jenem war er ein Vertreter. Aber er konnte sich nicht erinnern, dass ihm irgendjemand die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte. Das er also ‚Nein‘ als Antwort nicht gelten ließ, war etwas, was er gerne ‚belastende Vergangenheit‘ nannte.
    „Donner?“
    „Die Tür?“, fragte er gelangweilt.
    „Die Tür, Donner.“, sagte Hinkel resolut und trat zur Seite, während Donner im Vorgarten Anlauf nahm und mit einem Sprung die Tür eintrat. Überrascht drehte sich Frau Schmurz um und starrte auf das Rentier, dass gerade die Eingangstür eingetreten hatte.
    Donner musterte die Frau und sagte ruhig: „Schi-Bu-La-Sa-Mi-Mu-La-Tim. Der Sommer.“
    Die Frau fiel unbeholfen auf ihre Knie, entsetzt Donner musternd: „E-Es k-kann reden…!“
    „Eigentlich habe ich gedichtet.“, merkte Donner kritisch an und Hinkel schüttelte nur unverständlich seinen Kopf.
    „Du hast alles im Griff hier?“, fragte er Donner belanglos, während er die Treppe im Flur in den zweiten Stock hochging. Donner nickte darauf nur beiläufig, mehr beschäftigt damit Frau Schmurz sein Gedicht zu erklären, die es immer noch nicht fassen konnte, einem sprechenden Rentier gegenüberzustehen.
    Hinkel hatte schon im Erdgeschoss der Wohnung hören können, dass Dietrich wahrscheinlich oben war und so ging er sicheren Schritts die Treppe hinauf, vorbereitet auf alle Unwegsamkeiten, die sich zwischen ihm und dem Erfolg der Mission stellen könnten. Als er den Geräuschen zu dessen Ursprung folgte.
    Als Hinkel vor dem Zimmer stand, dem zwei Meter mal fünf Meter großen Raum, der länglich von der Tür aus auf ein Fenster zuging und an dessen rechter Seite ein Schreibtisch mit einem Computer stand, sah, dachte er sofort an eines – Geek. Aber vielleicht war es auch egal an was genau er dachte, denn es war offensichtlich, dass seine Meinung für Dietrich nicht viel zählte, da er trotz das Hinkel nur zwei Meter von ihm entfernt stand, jenen komplett ignorierte, stattdessen intensiv auf den Computerbildschirm starrte.
    „Dietrich Schurz?“, fragte Hinkel förmlich, schon insgeheim nachdenkend wie er den Jungen von dem Computer trennen könnte, aber jener antwortete. „Schmurz.“, sagte er knapp, worauf Hinkel nur knapp erwiderte: „Natürlich.“ Hinkel nahm sich einen Stuhl und setzte ihn neben Dietrich, der immer noch konzentriert auf den Computerbildschirm fixiert war, hektisch mehrere Tasten auf der Tastatur drückend ohne irgendeinen erkennbaren Rhythmus. Der Kerl würde auf jeden Fall kein Musiker werden, dachte sich Hinkel.
    „Dietrich“, begann Hinkel ernst, „es geht um deine… Essgewohnheiten.“
    „Ich bin nicht verhungert falls du das meinst. Aber es wäre cool nicht essen zu müssen, du weißt schon wie ein Untoter, irgendwie das Leben ohne diesen ganzen nervigen Kram rocken.“
    „Natürlich.“, sagte Hinkel knapp wieder, nicht wirklich begreifend, wovon Dietrich genau sprach. „Es geht um Karotten.“
    „Igitt.“, erwiderte Dietrich, versuchend so viel Verachtung und Hass in den Ton dieses einen Wortes zu legen, dass es keine Zweifel geben würde bezüglich seiner Einstellung zu Karotten – es gab keine Zweifel. Er hasste Karotten. Aber das wusste Hinkel bereits.
    „Ich soll etwas an dieser Einstellung ändern.“
    „Du kannst mich mal, Wichtel. Was interessiert es dich überhaupt, ob ich Karotten esse? Ich kann essen was ich will!“
    Hinkel seufzte. So kam er nicht weiter. Na gut, er würde einfach den langen Weg nehmen müssen – er hatte genug von diesen Psychologie-Seminaren… Er starrte auf den Bildschirm. Dietrich spielte scheinbar einen menschlichen Ritter, der begleitet von einer Truppe von bunt zusammengewürfelten Leuten verschiedener Fantasy-Rassen gegen eine andere Gruppe genauso bunter und seltsamen aussehender Gestalten kämpfte.
    „Das…“, stammelte Hinkel entsetzt, aber Dietrich ignorierte ihn. „Jetzt nicht! Der Kerl ist drei Level höher als ich gegen den ich gerade kämpfe. Verdammter Minotaur!“
    Tatsächlich stand der Ritter-Charakter Dietrichs einem Minotaur mit braunem Fell gegenüber. Verdammt, dachte Hinkel. „Du spielst World of Warcraft?“, prüfte Hinkel, Dietrich nickte nur beiläufig als Erwiderung.
    „Dietrich“, sagte Hinkel finster, „entferne dich von diesem Computer.“
    „Nein! Ich bin gerade am Gewinnen… Hey! Was soll das?!“ Hinkel hatte sich auf ihn gestürzt und versuchte ihn davon abzuhalten den Minotaur in dem Spiel zu töten. „Hör auf, Hinkel, du darfst den Minotaur nicht töten!“ Hinkel und Dietrich lagen am Boden und rangen wie zwei Tiere miteinander, tretend, wild um sich schlagend, fluchend und beide gewiss, dass das Schicksal des Kampfes auf dem Computer-Bildschirm in diesem Kampf entschieden werden würde, da einer im Team des Minotaurs bereit war den Minotaur zu heilen, was den Kampf abrupt wenden könnte. Dietrich verpasste in einem Moment scheinbarer Unterlegenheit als Hinkel ihn auf den Boden gedrückt hatte, eine Kopfnuss und stellte fest, dass nur in Hollywood-Filmen jene einen anderen Effekt hatten als einem Kopfschmerzen zu bereiten. Hinkel war sich seines Sieges sicher als er unachtsam geworden war, trunken bereits vom Gefühl des Sieges, dass seine Gesichtszüge in eine Maske des Hohns verwandelte. In dem Moment griff Dietrich, sich einige Zentimeter aus dem Griff Hinkels befreit, nach der kaputten Tischlampe unter dem Schreibtisch und schlug den metallenen Fuß der Lampe mit einem dumpfen Geräusch gegen den Hinterkopf Hinkels, der stöhnend zur Seite fiel. Den Moment nutzend sprang Dietrich zur Tastatur, nur einige Zentimeter davon entfernt, den Angriffsbutton zu drücken als Hinkel entsetzt rief: „Nein, tu das nicht! Töte ihn nicht, Dietrich!“ Und Hinkel rief dies nicht ohne Grund, denn der Minotaur-Charakter hatte keinen geringeren Spielernamen als „S_Claus666“, genau, dies war der Charakter des Weihnachtsmannes!
    Aber Dietrich hörte ihn nicht und drückte die Taste. Hinkel versuchte es zu verhindern, irgendwie zu verhindern, aber es nützte nichts, er konnte nur zusehen wie Dietrichs Charakter auf den Minotaur schlug. Erleichtert stellte Hinkel fest, dass der Charakter des Weihnachtsmannes noch am Leben war mit einem Lebenspunkt, aber er sah sofort, dass Dietrich nachsetzen wollte, ihm den Gnadenstoß versetzen würde.
    „Nein!“, rief Hinkel wütend, „Donner!“ Donner erschien innerhalb weniger Millisekunden in der Tür des Computerzimmers, eine heftige Windböe seine magische Geschwindigkeit begleitend mit der er angekommen war. Dietrich starrte verwirrt auf Donner, der ihn genauso verwirrt betrachtete, nicht wirklich verstehend, was er hier sollte bis zu dem Moment als Hinkel schnaufend auf Dietrich zeigte: „Er will den Weihnachtsmann töten! Halte ihn auf!“
    Donner verstand wenig Spaß, was seine Arbeit anging, der Gedanke arbeitslos zu werden, weil sein Arbeitgeber getötet werden würde, war etwas, was er nicht dulden konnte – auch wenn die Konsequenzen dieser Situation nicht derartig drastisch waren, aber Hinkel hatte natürlich nicht die Zeit alle Details Donner zu erklären.
    Donner raste auf Dietrich zu und packte ihn mit seinem Maul am Kragen und sprang durch das Fenster in den Himmel steigend. „Donner!“, rief Hinkel zum Fenster laufend. Er beobachtete wie Donner mit Dietrich einige hundert Meter geflogen war als er Dietrich fallen ließ. „Oh, verdammt.“, stellte Hinkel tonlos fest. Was sollte er bloß in den Bericht schreiben?


    Donner und Hinkel standen vor dem Krankenhaus, Hinkel in Anzug und mit Blumen und Donner… war ein Rentier. „Du hättest ihn nicht fallenlassen sollen, Donner.“, stellte Hinkel fest. Donner erwiderte mit der Gleichgültigkeit einer Person, die glaubte vom Problem einer anderen Person zu reden: „Er hat gesagt, dass er runter will und wie man so schön sagt: Der Kunde ist König.“
    „Er hat mit ‚runterlassen‘ sicherlich nicht gemeint, aus zwanzig Meter Höhe haltlos in die Tiefe zu stürzen!“, erwiderte Hinkel frustriert.
    „Mach mal halb lang, Kumpel. Du hast behauptet, dass er den Weihnachtsmann töten wollte. Was hätte ich machen sollen? Ihn um Erlaubnis bitten?!“
    Hinkel seufzte. So kamen sie nicht weiter. „Gut, ich gestehe, dass ich teilweise auch mit schuld bin an der Misere.“
    „Er lebt zumindest noch.“
    „Ein Wunder, meinten die Ärzte.“, fügte Hinkel geistesabwesend hinzu. Wie sollte er das bloß seinem Vorgesetzten erklären?
    „Vielleicht war es ein Zeichen.“
    „Von Gott?“, fragte Hinkel ungläubig.
    „Schicksal, Gott, Salzstreuer, was spielt es für eine Rolle…“, erwiderte Donner trotzig als würde er mit einem Idioten reden, dem er gerade versuchte die Gravitation zu erklären.
    „Ich bin Atheist.“, merkte Hinkel nur tonlos an.
    „Und ich bin ein Rentier. Du solltest toleranter sein, Hinkel, was deine Sichtweise angeht.“
    „Ich bin nur ein Wichtel, ich bin schon froh, wenn ich einen gefüllten Teller vom Leben bekomme, da hab ich keine Zeit mich mit dem Kram jenseits des Tellerrandes auch noch zu beschäftigen.“
    „Es kann aber immer noch ein Zeichen sein, auch wenn du nicht daran glaubst.“, ermahnte Donner als die beiden auf den Eingang des Krankenhauses zugingen.
    „Gut, was willst du damit sagen?“, fragte Hinkel irritiert, „Dass dies alles ‚Gottes Wille‘ war oder sowas in der Art?! ‚Mission fehlgeschlagen, aber zumindest war es Gottes Wille‘?“
    „Es ist optimistisch.“
    „Es ist unrealistisch.“
    Die beiden blieben stehen. Aus dem Krankenhaus kam gerade Dietrichs Mutter. Ihre Augen weiteten sich beim Anblick von Donner und Hinkel. „Lasst uns in Ruhe!“, sagte sie hysterisch und furchtvoll. Hinkel versuchte elegant zu wirken und merkte an: „Keine Sorge, Frau Schmurz.“ Donner stieß ihn an. „Schurz, natürlich, ich meine Frau Schurz. Der Weihnachtsmann wird für alle entstandenen… Schäden aufkommen.“
    „Schäden?!“, erwiderte sie empört. Gut, sie hatte Recht, vielleicht war die Wortwahl nicht SO glücklich gewesen.
    „Also ich meine, sowas kann vorkommen und wir sind uns unserer Verantwortung…“, sagte er lächelnd als er von Frau Schurz unterbrochen wurde, die aufgeregt sagte: „Lassen sie uns einfach ins Ruhe, verstanden?! Er isst nun Karotten! Zufrieden? Deswegen sind sie doch hergekommen, sie… sie…“
    „Uh, gut“, sagte Hinkel hastig, langsam zurücktretend, Donner tat es ihm gleich, „Falls sie noch Fragen haben…“
    „Verschwinden sie einfach!“, unterbrach sie Hinkel wütend.
    „Gut, verschwinden wir, Donner.“, flüsterte Hinkel zu Donner, der nur zustimmend nickte.


    Es lag nicht an deren Mission, obwohl… vielleicht lag es an der Mission, dachte sich Hinkel und Gott wollte ihm nur die Suppe versalzen, ein Zeichen senden, ‚Gottes Wege Sind Unergründlich‘ als große Neonlicht-Reklame für den atheistischen kleinen Hinkel, aber verdammt, eines musste Hinkel zugeben, Gott war ein verdammt guter Sündenbock für solche Sachen.
    „Zumindest isst er jetzt Karotten.“, sagte Donner seufzend plötzlich, der scheinbare Abschluss seines inneren Monologs. „Wir sind gewaltsam in ein Haus eingedrungen, der Junge hat dutzende Knochenbrüche – ABER er isst jetzt Karotten. Danke, Donner, das ist wirklich motivierend.“, meinte Hinkel bitter.
    „Du bist einfach zu pessimistisch.“, erwiderte Donner abschätzig.
    „Nein, ich bin der Realist, du bist einfach zu optimistisch. Ein kleiner, aber wichtiger Unterschied.“
    Donner erwiderte nichts, aber sagte nach einer Weile: „Es war eine idiotische Idee.“
    Hinkel sagte nichts. Es gab nicht viel, was man dazu hätte sagen können, außerdem war er nicht in der Stimmung über die Mission zu reden.
    „Was denkst du? Wie wird Er es aufnehmen?“, fragte Donner vorsichtig, mit ‚Er‘ den Weihnachtsmann meinend. Aber was sollte er dazu sagen? Es war ja nicht so als wäre Hinkel der verdammte Therapeut des Weihnachtsmannes.
    „Wie wohl…?“, grummelte Hinkel kaum hörbar, plötzlich ein klares Bild vor sich wie Er wohl reagieren wird.
    „Er lacht?“, fragte Donner unsicher, selbst überrascht von dieser Eingebung.
    „Er lacht.“, stimmte Hinkel zu.
    „Er lacht immer oder?“, stellte Donner nun seufzend fest.
    „Nur Teil der Jobbeschreibung, Donner, nur Teil der Jobbeschreibung.“, erklärte Hinkel gelassen.
    Sie kamen langsam in die nördlicheren Gefilde und bald würde Hinkel die Kapuze seines Polaranzugs über seinen Kopf ziehen und seinen Schal bis zu seiner Nase hochziehen. Die Luft wurde mit jedem Moment kälter als Hinkel auf dem Rücken Donners gen Norden flog.
    „Du glaubst immer noch nicht, dass es Gottes Wille gewesen war, der uns zu jenem Zeitpunkt zu Dietrich geführt hat, um den Weihnachtsmann… also ich meine ihn indirekt zu retten?“
    „Bitte, Donner, fang nicht schon wieder damit an!“, rief Hinkel verzweifelt aus. Donner war manchmal einfach zu pathetisch für diese Welt, für solchen Kram waren schließlich Philosophen da – und die will in den meisten Fällen nicht einmal einer bezahlen für ihre Arbeit.
    „Gut, gut, ich sage nichts.“, sagte Donner ein wenig enttäuscht. Nach einer Weile sagte er, einer spontanen Idee folgend: „Ich könnte dir ein paar meiner neuen Gedichte vortra…?“
    „Donner“, unterbrach Hinkel ihn, „Bring uns einfach zum Nordpol. Bei unserem Glück hat Santa sicherlich schon eine neue Mission für uns.“
    „Du bist wirklich ein Pessimist, Hinkel.“, stellte Donner seufzend fest.
    „Man tut was man kann.“, erwiderte Hinkel trocken.