Kapitel #2

Langsam fing ich an zu verstehen. Ich fing an zu verstehen, wieso mein Bruder immer diese Klamotten trug. Ich verstand nun, wieso er diesen kurzen Gesichtsausdruck vor der Schule gezeigt hatte. Meine Hand wanderte wie von selbst gesteuert an meinen Mund und meine andere ließ meinen Stolz fallen. Mein Prüfungsergebnis. In diesem Moment änderte sich mein Leben von Grund auf. Mir war bewusst, dass wir nicht viel hatten. Wir liefen immer mit abgetragenen Klamotten herum, hatten kaum Geld um uns richtiges Essen zu kaufen, doch ich hatte das bisher immer aus einem ganz anderen Blickwinkel gesehen. Nie hätte ich gedacht, dass die größten Probleme wirklich in unserer eigenen Familie zu finden waren. Nie hätte ich gedacht, dass meine Eltern so mit meinem großen Bruder umgehen würden. Niemals hätte ich ihnen das zugetraut. Ich dachte immer, sie würden mit ihm einfach mehr unternehmen, doch das war nicht der Fall. Ich atmete noch einmal tief ein und aus und ging in den Raum, wo sich meine Familie befand. Das Wohnzimmer. Ich tat so als wäre ich gerade aufgewacht und rieb mir meine Augen. "Ich kann nicht schlafen" stellte ich fest und blickte anschließend in das aggressive Gesicht meines Vaters. Auf dem Tisch standen viele Dosen und es roch extrem nach Alkohol in diesem Zimmer. Eine Spritze lag ebenfalls auf dem Boden, doch ich konnte damals nicht wissen, für was man so einen Gegenstand zuhause brauchen könnte. Das Gesicht meiner Mutter war blass und sie schien nicht wirklich ansprechbar zu sein. Mir machte die Situation angst. So sehr, dass ich leicht anfing zu zittern. Doch ich wollte zu meinem Bruder, ich wollte meinen Bruder sehen. Mein Vater starrte mich wütend an, als hätte ich etwas angestellt, also wich ich ein paar Schritte zurück. "Du verdammter Versager was machst du hier? Verschwinde zurück auf dein Zimmer du Missgeburt!" schrie er mich an und erneut drangen Tränen aus meinen Augen. Ich wollte weglaufen, doch ich konnte mich nicht rühren. Es ging einfach nicht. Meine Augen waren weit geöffnet und ich hatte Angst vor dem was als nächstes passieren würde.


Doch plötzlich hörte ich eine leise und monotone Stimme, die der meines Bruders glich. "Bitte Vater. Ich bin hier. Lass Senon zufrieden." diese Worte vernahm ich und ich beruhigte mich etwas und blickte zu meinem Bruder der beinahe hinter meinem Vater stand und langsam auf mich zukam. Das war das erste Mal, dass ich meinen Bruder so sah. Er blutete an den Armen und war mit blauen Flecken übersät. Selbst sein Hals hatte keine normale Hautfarbe, sondern färbte sich in einem violett Ton, der dann ins grüne auslief. Es sah schmerzhaft aus. Für mich sah es schmerzhaft aus. Ich sah ihm kurz in die Augen und erschrak beinahe. Seine Pupillen waren leer und strahlten keinerlei Emotion aus. Keine Trauer, keinen Schmerz, keine Wut und keinen Hass. Ich streckte meine Hand aus und wollte ihn anfassen, doch er ließ es nicht zu und schnappte meine Hand mit seiner. "Ich bringe ihn zurück ins Bett" erklärte mein Bruder in der selben Tonlage wieder. Ich schloss die Augen. Was hätte ich tun können? Ich beschloss auf meinen Bruder zu hören und mit ihm mitzukommen. Seine Haut war warm. Zu warm. An den Händen haltend gingen wir in mein Zimmer wo er mir ein kleines Lächeln schenkte. Es hätte mich wohl aufmuntern sollen, doch meinen Bruder so zu sehen... Er hätte die Erde in Bewegung setzen können und ich hätte mich nicht besser gefühlt. Ich liebte ihn doch. Auch wenn ich noch andere Geschwister hatte, die ich in meiner Geschichte nicht weiter erwähnen werde, gab es doch niemanden, der sich so um mich kümmerte wie er es tat. Ich wollte nicht, dass ihm etwas zustoßen würde. Ich fing wieder an zu weinen und wollte mein Zimmer wieder verlassen, also erhob ich mich und ging wackelnd und zitternd auf die Türe zu und ergriff den Türknauf. Ich rüttelte und zerrte daran, doch mein Bruder hatte scheinbar abgeschlossen. Wieder wurde ich hysterisch und fing an zu schreien und fing an gegen die Tür zu Hämmern. "KIO! KIO! Lasst meinen Bruder in Ruhe! KIOOO!!!!" schrie ich verzweifelt und konnte dabei nicht aufhören zu weinen. Ich musste sehr verzweifelt geklungen haben zu diesem Zeitpunkt. Mein betteln und heulen, sollte jedoch nicht erhört werden. Ich wusste nicht was vor sich ging, aber diese Ruhe war mir unangenehm. Es war zu leise für meinen Geschmack. Aber was hätte ich tun können? Ich konnte nur abwarten was passieren würde. Es kam niemand mehr. Auch mein geliebter Bruder Kio kam nicht mehr. Mir gingen die Kräfte aus und ich erinnere mich noch, wie ich an der Türe lehnte und immer wieder leicht dagegen hämmerte, bis ich schließlich einschlief.


Schluchzend wachte ich in der Nacht wieder auf und rieb mir den Schlaf aus den Augen. Kurz wusste ich nicht mehr was geschehen war, Ich brauchte einen Moment bis ich das Geschehene wieder realisierte. Ich war psychisch wirklich nicht besonders stark und so wurde mir schon wieder unwohl und ich verfiel in eine Art Panik. Schnell rüttelte ich noch einmal an der Türe. Ich klatschte auf den Boden, als sich die Tür öffnete. Ich hatte nicht damit gerechnet, wie ich mir selbst eingestehen musste, denn schon wusste ich gar nicht mehr, ob ich wirklich nach draußen gehen wollte. Äußerst langsam und zögernd stand ich auf und zwang mich selbst langsam nach draußen zu gehen. Es war dunkel. Kein Licht brannte, weswegen ich davon ausging, dass bereits alle schlafen gegangen waren. Langsam schleppte ich mich zum Zimmer meines Bruders, der das kleinste der Räume bekommen hatte. Zum Leben reichte es, doch groß war dieses Zimmer wirklich nicht. Zögernd klopfte ich an die Tür und öffnete sie,, ohne auf eine Antwort zu warten. Das Zimmer war dunkel, doch die Umrisse konnte ich sehr wohl erkennen, da sich meine Augen an die Dunkelheit bereits gewöhnt hatten. Mein Bruder lag eindeutig im Bett, doch er bewegte sich nicht. Mir lief es eiskalt über den Rücken, doch andererseits musste ich wissen was passiert war. Vorsichtig fasste ich meinem Bruder auf die Schulter und rüttelte ihn vorsichtig. Schließlich bewegte er sich etwas und wachte nach kurzer Zeit auf. Eine kleine und halb kaputte Nachttischlampe diente mir als Lichtquelle, nachdem ich sie eingeschaltet hatte. Ein paar Mal musste ich blinzeln, da das Licht etwas blendete. Ich war so froh zu sehen, dass mein Bruder am Leben war und sich bewegte, weshalb ich sofort wieder zu weinen begann. Ein kurzer Blick auf seine Schlafklamotten und seine Bettwäsche genügte um mir zu sagen, dass er gelitten hatte. Immer wieder waren leichte Blutspuren zu sehen, meine Gefühle übermannten mich einfach. Mein Bruder hingegen saß ruhig da uns strahlte eine Ruhe aus, die ich nicht nachvollziehen konnte. Woher nahm er diese Ruhe und diese Kraft trotz allem noch weiterzumachen? Er nahm mich in den Arm und drückte meinen Kopf gegen seine Brust und umschlang mich mit seinen Armen. "Es wird alles wieder gut Senon. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde immer da sein um dich zu beschützen. Mach dir keine Sorgen." Diese Worte werde ich mein Leben nicht vergessen. Ein Junge von nicht einmal 10 Jahren tröstete seinen noch jüngeren Bruder, obwohl er selbst mehr als genug durchlebt hatte und vermutlich stand ihm auch noch einiges bevor.


n seinen Armen beruhigte ich mich und auch ich umschlang ihn mit meinen Armen. Ein paar letzte Tränen bahnten sich noch den Weg über meine Wangen, bevor ich mich wieder wohl und geborgen fühlte. Er sprach in so einem beruhigenden Ton und seine Nähe fühlte sich so gut an, dass ich sogar kurz auf die Sorgen vergaß. Irgendwas hatte mein Bruder einfach an sich, dass man sich bei ihm wohl fühlte. Er verurteilte mich nicht für meine Gefühle und akzeptierte mich einfach wie ich war. Obwohl ich eigentlich mit ihm gestritten hatte, war er auch jetzt für mich da und machte mir keine Vorwürfe. Im Gegenteil. Es wirkte eher so, als würde er sich selbst die Vorwürfe machen, was ich jedoch nicht verstand und es bis heute nicht tue. Hätte ein Junge in seinem Alter denn die Möglichkeit gehabt sich gegen zwei Erwachsene aufzulehnen und etwas an der Gesamtsituation zu ändern? Diese Nacht veränderte mein Leben. Ich fing an, die Welt mit anderen Augen zu sehen und auf andere Dinge zu achten, als ich es bisher tat. Meine Eltern wurden mir egal. Ich wollte nur, dass mein Bruder nicht länger leiden musste. Wie konnte ich meine Augen so lange vor der Wahrheit verschließen?

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