I used to be fat! [ Teil 2 ]

Ständig versuchte ich mir einzureden, dass ich die nichtaufhörenden Predigten meiner Verwandten einfach ignorieren sollte. Ich sei ja zu dick und solle drigend Sport machen. Von jedem Verwandten und Bekannten bekam ich das zu hören und es hing mir schon bis sonst wo hin. Dann war es natürlich kein Wunder, wenn ein sensibles Mädchen wie ich, das keinerlei Selbstbewusstsein hatte, dadurch depressiv wurde und einfach nur noch weg wollte von diesem "Magerland Vietnam". Ich fühlte mich unaufhörlich von Menschen beobachtet, weil ich "anders" aussah. Nicht vietnamesisch genug. Nich dünn genug. Die Blicke durchbohrten mich, ich konnte nicht mehr aufhören, mich zu schämen. Am liebsten wollte ich in Grund und Boden versinken. So ging es stets und ständig, egal wo ich war. Die Blicke meiner Landsleute verfolgten mich, Argwohn entfaltete sich in ihrer Mimik und ich wusste, innerlich verhöhnten sie mich und lachten sich schlapp über meine nicht ansehnliche Erscheinung. Ich war mir dessen zu sehr bewusst und wünschte ich könnte einfach meinen Kopf abschalten, nicht mehr darüber nachdenken. Doch so einfach war es nicht, da ich immer im Hinterkopf den Gedanken behielt, was meine Mitmenschen über mich dachten. Zu der Zeit wünschte ich, mir wäre dies einfach nur egal gewesen. Aber dies wird sich zu einem späteren Zeitpunkt als falsch erweisen.
Obwohl ich doch immer wieder schikaniert und attackiert wurde, aufgrund meines Äußeren, verbrachte ich doch einen recht schönen Urlaub in Vietnam. Das hing vorallem mit dem Fakt zusammen, dass ich meine liebste Cousine und meinen liebsten Cousin wiedertraf. Sie scherten sich recht wenig über mein Aussehen sondern hatten mich wegen meines Charakters ins Herz geschlossen, worüber ich mich sehr gefreut hatte. Sie machten den Urlaub erträglicher für mich und auch so genoss ich die vietnamesische Kultur und bin letztendlich sehr froh, dass ich mal wieder dort war. Doch trotzdem war ich sehr erleichtert, als es wieder nach Hause ging.
Dort wieder eingelebt, ließ ich alles revue passieren und dachte über vieles nach. Schlussendlich beschloss ich etwas an mir zu ändern und ich wusste, dass ich das hätte viel früher tun sollen. Doch es war niemals zu spät. Ich wollte wieder in den Spiegel sehen und mir sagen können, dass ich das mag, was ich da sehe und dass ich zufrieden mit mir selbst bin. Ich wollte wieder schöne Klamotten tragen und nicht ständig darüber frustriert sein, dass ich nicht in meine Wunschsachen hineinpasste. Ich wusste solange ich nichts an mir änderte, würde sich in meinem Leben nichts ändern. Ich war schon immer schüchtern, doch mein Aussehen verschlimmerte meine Situation umso mehr und ließ mein Selbstwertgefühl sinken.
All die Zeit besaß ich keinen Willen, etwas in Bewegung zu setzen und das ganze lag nur an der Tatsache, dass ich zu faul dafür war. Meine Mutter konnte es nicht mehr hören, wie ich ständig zu mir selbst murmelte: "Diesmal zieh ich es durch. Ich mache Sport und nehme ab!" Und im Endeffekt folgten nach diesen Worten keine Taten. Das war die ganze Zeit mein Fehler gewesen. Ich hatte keinen Ansporn etwas zu tun, weil ich der Meinung war, dass ich nicht abnehmen muss, denn andere sollen mich so akzeptieren wie ich bin. Doch gleichzeitig existierte dieses Minderwertigkeitsgefühl und diese unendliche Unzufriedenheit, die ich beseite schob, indem ich meine Ausrede vor meinem inneren Auge hielt. Diese Ausrede stellte sich als eine große Lüge heraus, die mich scheinbar blind machen sollte. In Wahrheit habe ich mich damit nur die ganze Zeit selbst belogen.
Daher bin ich meinen Landsleuten doch ein wenig dankbar darüber, dass sie mir ihre Meinung direkt ins Gesicht gesagt haben, auch wenn es doch recht verletzend war für den Moment. Vielleicht wollten sie mich nicht mit Absicht verletzen, sondern wollten mir nur helfen, etwas an mir zu ändern. Wer weiß das schon? Auf jedenfall haben sie den Stein ins Rollen gebracht. Sie haben mir die Augen geöffnet.
Natürlich haben sie mich gekränkt, aber sie haben mich ernsthaft zum Nachdenken gebracht und in mir ein Feuer entfacht, was mich bis heute noch antreibt und Ehrgeiz fördert.
Wenn man in der Gesellschaft so schief angeschaut wird, denkt man freilich darüber nach, was man falsch macht oder was an einem selber falsch ist. Die Gesellschaft ist eine wichtige Instanz im Lebens eines Menschens und kontrolliert ihn und führt ihn durchs Leben. Natürlich muss man abwägen inwiefern man sich der Gesellschaft anpasst oder auch nach Individualität strebt. Es gilt, die goldene Mitte zu finden, um im Leben erfolgreich zu sein. Ein ziemlich interessantes Thema, zu dem ich mich vielleicht ein ander mal äußern kann.