I used to be fat! [ Teil 1]

I used to be fat!


Vietnam ist das Land des Magerwahns. Das ist eine wage, absurde und skurille Aussage, die dennoch stimmt. Warum? Ganz einfach. Weil in Vietnam nur dünne, Klappergestelle rumlaufen und man sich vorkommt als wäre man in einem Magersuchtsland, in dem Fettleibigkeit schon ein Tabu ist. Wo man hinsieht, entdeckt man nur schlanke Wesen, die mehr aus Knochen und Haut, als aus Fleisch bestehen. Irgendwie ist es eine absurde Vorstellung und man fragt sich natürlich, weswegen es nur dünne Menschen dort gibt. Auch dafür gibt es eine plausible Erklärung. Die Vietnamesen haben es in den Genen, diesen Magerwahnfaktor. Er wird von Generation zu Generation weitergegeben und immer streng gehütet. Nein, eigentlich war das nicht die richtige Erklärung, aber indirekt schon. Denn in Vietnam wird besonders viel Wert auf die Ernährung gelegt; Fisch, Gemüse und Obst landet besonders häufig auf dem Essenstisch, zusätzlich noch jede Menge Reis, der ebenfalls sehr gesund ist. Die Vietnamesen ernähren sich nur von Guten Dingen. Fettiges Essen wird größtenteils vermieden und selten verspeist. Fakt ist: Vietnamesen ernähren sich deutlich gesünder als Europäier oder Amerikaner. Wodurch sich auch dieses Schlankheitsbild herausbildet und in Vietnam weit verbreitet ist.


Wie schon einmal erwähnt, sind Vietnamesen von Grund auf alle dünn. Allerdings nur wenn man auch in Vietnam geboren wurde. Natürlich gibt es auch viele Vietnamesen die hier in Deutschland geboren sind und auch dünn sind, so trifft es aber nicht auf alle zu. Das beste Beispiel eines solchen vietnamesischen Kindes bin wohl ich. Von klein auf war ich nie dünn, eher etwas pummelig. Das lag wohl an meiner Ernährung. Ich ernährte mich nie wirklich gesund, verschlang haufenweise Süßigkeiten, viel viel Fleisch und Fett. Ich liebte es einfach und liebe es auch heute noch! Das Essen war einfach zu verführerisch als dass ich es einfach so stehen lassen konnte. Es schien schon so etwas wie ein natürlicher Impuls zu sein, einfach mal refelxartig in die Chips-Tüte zu greifen, eine handvoll Leckereien herauszunehmen und sich genüßlich in den Mund zu stopfen. Danach kam der beste und leckerste Teil, der Teil, indem ich es genüßlich verspeiste. Ich kaute solange bis sich das volle Aroma entfaltete und sich Glücksgefühle spürbar machten. Und zum Schluß schluckte ich den göttlichen Brei genußhaft hinunter und fühlte mich einfach herrlich. Doch einmal ist keinmal. Ich wiederholte diesen Prozess immer und immer wieder bis mein Hunger gestillt wurde und ich vor Glück platzen konnte. Natürlich fühle ich mich gut und glücklich, aber auf der anderen Seite wirkte sich das Fressessen auf mein Gewicht aus. Immer mehr nahm ich zu, doch es scherte mich nicht. Selbst Sport machen wollte ich nicht, um meine Kilos abzutraninieren und ein gutes Gewissen zu bekommen. Ich war einfach nur stinkenfaul und eine verdammte Stubenhockerin! Ständig hockte ich Zuhause, bewegte mich kein Stückchen und lag am liebsten den ganzen Tag auf dem Sofa und frass etwas in mich hinein. Sport in der Schule hasste ich wie die Pest und auch in der Freizeit nahm ich nicht an sportlichen Aktivitäten teil, weil sie mir zu anstrengend und sinnlos erschienen. Sowohl die Ernährung als auch meine Lebenseinstellung wirkten sich negativ auf mein Gewicht und auch auf mein Selbstwertgefühl aus. War doch klar, dass ich irgendwann wie ein Klops aussah und mich fast zu Tode erschrak, als ich in den Spiegel schaute und bemerkte: ICH BIN ZU FETT!! Diese Erkenntnis kam leider etwas zu spät und selbst als ich mein Problem realisierte, wollte ich nix dagegen machen. Zu sturrköpfig vermied ich den Blick in den Spiegel, zu sturrköpfig umging ich Shopping-Touren oder Schwimmausflüge, aus Angst mich selber entblößen zu müssen und deswegen ausgelacht zu werden. Die ganze Zeit über wollte ich es nicht wahrnehmen, es verdrängen und mein schlechtes Gewissen beruhigen. Ich redete mir ein, ich bräuchte nicht abzunehmen, obwohl ich genau wusste wie nötig es doch war. Ich redete mir ein, dass ich mich so gut finde, wie ich bin und das mich andere so akzeptieren sollten wie ich bin. Doch insgeheim leidete ich darunter, besonders wenn ich mich mit anderen Mädchen meines Alters verglich, die soviel schlanker waren und schöne Klamotten tragen konnten, aufgrund ihrer Körpermaße. In meinem tiefsten Inneren wünschte ich mir dünn zu sein, so wie alle anderen Mädchen auch. Eigentlich wollte ich auch mal wieder Klamotten einkaufen gehen, so richtig schöne, aber das war ein Problem für mich, da ich zu dick war und es deswegen für mich zu schwer war, etwas Gutes zu finden. Ich konnte bestimmte Kleidungsstücke wie Röcke, enge Jeans, T-Shirts oder Tops nicht einfach so tragen ohne vor Schamgefühl sterben zu müssen. Überall sah man mein Fett, die ganzen Fettpölsterchen und Fettringe brachten mich immer wieder zum Verzweifeln und ich dachte, es ist hoffnungslos, jemals dünn zu werden. Doch dann eines Tages, nein besser formuliert eines Sommer veränderte sich alles! Es war der Sommer 2009, in dem ich mit meiner Mutter zusammen nach Vietnam flog, um dort für 5 Wochen zu bleiben und wieder Verwandte zu sehen und Vietnam zu erkundigen. Alles begann als wir, meine Mutter und ich, am Flughafen auf unsere Familie trafen und das Erste was ich zugleich vernahm: Du bist ja dick geworden! Natürlich auf vietnamesisch, was mir auch da wieder wehtat. Es reichte schon, wenn mich meine Mutter Zuhause damit zulaberte, von wegen ich sei zu dick und müsste dringend abnehmen. Nein, in Vietnam ging es weiter damit und sogar noch härter als je zuvor! Gleich zu Beginn wusste ich, das wird ein harter Urlaub für mich!