Morgoths Daily Life – Episode 256 „Der Versuch einer Meditation“… und ja, die Episodennummer ist zufällig ausgewählt wurden

Wie man hier im Geisteswissenschaftenbereich, den zufällig ich moderiere, finden kann (und ich weiß, dass manche überrascht sein werden, zu entdecken, dass ein solcher existiert), habe ich die interessante Methode der Selbstfindung für mich selbst ausprobiert. Natürlich musste ich dafür erstmal ein Thema finden und wie so oft in „Morgoths Daily Life“ gab es nur eine Sache, die ein Problem darstellte, dass Grund zur Diskussion hatte: Putzen…


Es war eine neblige Ebene, es war kalt, die Luft hatte die Art von feuchter Kälte, die der Herbst annimmt, wenn die Kaufhallen Schokoweihnachtsmänner verkaufen, besser gesagt dies schon seit mehreren Monaten tun, es war wie ein typisch spätherbstliches impressionistisches Gemälde voll von… unangenehmer feuchter Kälte.
„So hatte ich mir das nicht vorgestellt…“, schallte es in meinen Gedanken, was, da ich bereits in meinen Gedanken war, bedeutete, dass ein fernes Echo genau dies ausdrückte. Ich räusperte mich verlegen und die entfernte Stimme sagte: „SFX: Räusper.“
Ich seufzte, mir jetzt deutlich sicher seiend, dass dies nur mein Kopf sein kann, der sich etwas Derartiges ausdenkt.
Ich kam zu einem alten Baum, dessen Alter deutlich zu erkennen war, da ein Schild daneben stand, wo ‚Alter Baum‘ darauf stand. Aber das Schild war vollkommen überflüssig – denn auch auf dem Baum stand in die Rinde geritzt ‚Alter Baum, Japanisches Freundschaftsfest 1997 – Absperrungen sind dazu da, ignoriert zu werden.‘
Aber neben dem Baum saß niemand anderes als ich selbst, in Gedanken verloren seine Ellbogen auf einen prunkvollen Barock-Tisch stützend, die Hände eine Brücke bildend, hinter der meine Augen mich ernst musterten.
„Yo.“, sagte ich.
„Du weißt warum du hier bist?“, fragte er mich ernst.
„Ähm, da du ja ich bist, ist die Frage…“, begann ich.
„Staub.“
Staub. Ich hielt bei der Nennung dieser… dieser Abnormität inne. Wer hätte gedacht, dass er… ich meine, gleich ein solch schwieriges Thema zu Beginn in die Diskussion bringt.
„Er hat die Oberhand.“, stellte er fest und ich konnte nur nicken, an meine Bücherregale denkend, vor denen sich eine graue Schicht sammelte.
„Wir sollten… aufgeben.“, sagte er zögernd.
Ich starrte ihn entsetzt an und schrie ihn wutentbrannt an: „Aufgeben?! Und die Monate des Waffenstillstands in unserer Niederlage enden lassen?“
Er stand abrupt auf und sagte ebenso laut: „Seit ihrer Niederlage vor ein paar Monaten sind sie mehr geworden, mehr als sie es das letzte Mal waren als du geputzt hast!“
Und bevor ich etwas erwidern konnte, fuhr er fort: „Und selbst wenn… Sie haben die Ritzen zwischen den Schränken besetzt und sie scheinen nicht bereit jene aufzugeben!“
Ich seufzte und setzte mich ihm gegenüber an den Barocktisch: „Ein Guerillakrieg, hmm?“
„Ganz genau, es wird in einem Zermürbungskrieg enden und ich bezweifele, dass du alle Ritzen in unserem Zimmer putzen willst.“
Ich schaute ihn mit überraschtem Verständnis an: „Du denkst sie haben gewonnen.“
Er wendete seinen Blick beschämt zur Seite.
„Willst du damit sagen, dass du kampflos aufgeben willst?!“
„Aber der Staub, du weißt, es wird Opfer verlangen… Stunden, ein halber Tag…“, seine Stimme versagte als er sich vorstellte, was es bedeuten würde, all den Staub zu beseitigen, der sich in den Monaten des Waffenstillstandes seit dem letzten Sieg, seit ich das letzte Mal geputzt hatte, gesammelt hatte.
Stille senkte sich über unser Gespräch und ich wusste, dass es nur eine Wahl gab. Der Staub war in einer guten Position sollte es wieder zu neuen Verhandlungen des Waffenstillstandes kommen, der Staub hatte aufgerüstet, zu gut aufgerüstet. Es gab nur eine Wahl…
„PrimChlor.“, flüsterte ich.
Mein anderes Ich starrte mich entsetzt an: „Du willst doch nicht damit sagen…?!“
Ich schluckte. PrimClor war ein effektives Gemisch aus Zitronen- und Milchsäure und anderem Kram, den ich nie versucht habe mir zu merken, man muss nur eines wissen: Es war effektiv, es war sozusagen ein „State of the Art“-Putzmittel.
Mein anderes Ich musterte mich und Verstehen kam über ihn, im selben Moment aufspringend und empört ausrufend: „PrimChlor ist zu stark, du weißt, was… was mit dem Badteppich passiert ist! Er war…“
Seine Stimme versagte wieder und nun war ich es, der seinem Blick auswich. Er hatte Recht, der Badteppich war unbedacht in Kontakt mit PrimChlor gekommen und seine rote Farbe hatte an einer Stelle nun mehr eine Tendenz zu rosa als zu dem kräftigen Rot vom Rest des Teppichs.
„Es bleibt uns keine Wahl, der Staub MUSS weg!“, sagte ich mit so viel Überzeugung wie möglich.
„Aber PrimChlor auf so einer großen Fläche einzusetzen… das ist Wahnsinn! Der Bodenbelag…“
„Wir alle müssen unsere Opfer bringen!“, antwortete ich wutentbrannt, „Auch der Bodenbelag!“
„Wo soll das enden? Erst der Bodenbelag und was dann? Der Schreibtisch, die Stühle? Was muss noch alles als Kollateralschaden enden, damit du endlich einsiehst, dass es jeder Ethik widerspricht PrimChlor einzusetzen!“
„Und was willst du sonst machen? Versuchen diplomatisch dem Staub zu erklären, dass er nicht erwünscht ist und sich eine andere Bleibe suchen soll?“
„Es wäre zumindest einen Versuch wert.“, antworte mein Selbst mir zähneknirschend.
„Nie und nimmer! Du weißt, dass wir…“ War es schlecht, dass ich begann von ‚mir‘ als ‚wir‘ zu reden? Ja, das war es, glaubt mir… Sobald man von sich selber mit ‚wir‘ redet, geht es nur noch bergabwärts, ich meine, man könnte bei einer Kaffeefahrt enden – und die haben noch nie woanders als abwärts geführt – in vielerlei Hinsicht.
„… dass ich“, widerholte ich, „noch nie mit dem Staub verhandelt habe! Und dies wird sich auch jetzt nicht ändern! Es gibt nur eine Möglichkeit…“, begann ich als er mich unterbrach: „Nein, es gibt eine Alternative.“
Ich hielt inne und musterte ihn, er meinte es ernst.
„Wir könnten…“
Bevor er zu Ende reden konnte, erkannte ich woran er dachte und warf schockiert ein: „Wir haben den Plan verworfen, du weißt, dass es unmöglich war. Und es ist immer noch unmöglich!“
„Du musst nur an anderen Stellen…“, setzte er fort, mich mit einem ‚Du weißt genau, dass ich Recht habe‘-Blick musternd – und ich hatte diesen Blick verdammt gut drauf, musste ich eingestehen. Mir war fast schon danach den Kerl vor mir arrogant zu nennen, aber dann fiel mir ein, dass ich von mir redete und einigte mich auf ‚selbstbewusst‘ in meinen gedanklichen Beschreibungen.
„Nein! Ende der Diskussion! Ich werde keinen Staubsauger kaufen!“
Natürlich gab es einen Plan, natürlich gab es einen Laden, der Staubsauger hatte, natürlich gab es einen Verkäufer, der versuchen würde, mir einen anzudrehen – und natürlich hatte ich als Student nicht das Geld für einen neuen Staubsauger außer…
„Du musst nur auf das eine oder andere verzichten.“, sprach mein Doppelgänger meine Gedanken laut aus.
In solchen Momenten dachte man immer ‚Kann er meine Gedanken lesen?‘ und der Gedanke, dass er es praktisch konnte, ließ mich drei beunruhigende Fragen aufwerfen: 1. Warum kann ich nicht seine Gedanken lesen? 2. Wieso kann er aber meine Gedanken lesen? 3. Und warum muss ich mich überhaupt mit mir selbst unterhalten?
Zumindest bei dem ersten Punkt war ich mir sicher, dass es sich nur um einen beabsichtigten Effekt des Erzählers, also mich, handelte, dieses Gefasel interessant wirken zu lassen. War ich erfolgreich? Ich meine, 3. war ein triftiger Grund vor Müdigkeit schon bei der Einleitung wegzuklicken – also ich hätte es zumindest getan. Ich meine, der Kerl redet mit sich selbst! Mit sich selbst! Verdammt, sollte man so eine Person ernst nehmen?
Ja!
Ha, das war überraschend, nicht wahr? Weil (ja, jetzt setzt sowas wie die Moral der Geschichte ein – und das sogar vor Ende der Geschichte, noch eine Überraschung also, man könnte fast schon annehmen, dass dies beabsichtigt gewesen war…) es um einen „kritischen philosophischen Diskurs putzmittelrelevanter Thematiken in einer allegorischen Dramadialogform im Prosastil“ ging und von denen hört man heutzutage viel zu selten (ein Umstand, der jeglichen Verständnisses meinerseits entbehrt, muss ich gestehen…). Und allein schon wegen der Seltenheit wegen, also ich meine, so wie man bedrohte Tierarten irgendwann in den Zoo verfrachtet, so muss man doch auch über sowas wie einen „kritischen philosophischen Diskurs putzmittelrelevanter Thematiken in einer allegorischen Dramadialogform im Prosastil“ öffentlich diskutieren können – oder? Daher der Blog-Post…
Nun, der Plan, den Staubsauger zu kaufen, forderte mich auf an anderer Stelle zu sparen, das Problem war nicht das Sparen an sich, sondern WAS eingespart werden sollte. Essentielle Bestandteile meiner Freizeitbeschäftigung würden eingeschränkt werden wie z.B. der Kauf neuer Bücher oder immer einen guten Whiskey zum Trinken bereitstehen zu haben. Essentielle Dinge betone ich nochmal. Ich weiß, viele werden sich nun wundern, empört sein oder mir freudig zustimmen, denkend, dass ich hier von dem vulgären „Trinken“ rede, dass man oft mit Alkohol verbindet, nein, es geht hier um guten Whiskey, den man genießen kann und sollte (nicht also dieser ‚blended crap‘, den man oft auf der Speisekarte bei Restaurants findet, die keine Ahnung von Whiskey haben oder in Supermärkten…). Und Bücher… ja, irgendwie scheint der Stapel an Büchern, die noch ungelesen sind und die ich lesen will, nie zu schrumpfen, obwohl ich schnell und konstant lese. Man muss also verstehen, dass wir hier von wirklich, ich betone es nochmal, essentiellen Dingen von Morgoths Alltag reden!
Und dies schlug mein Doppelgänger vor aufzugeben!
Natürlich war meine Antwort eindeutig: „Also sollten wir doch etwas einsp…“
Der Versuch war da, das sollte man eingestehen, ich hatte versucht tugendhaft zu sein, nur hatte mein Gegenüber das Pech, dass in genau dem Moment, die Mikrowelle signalisierte, mein Essen fertig aufgewärmt zu haben.
Mein Doppelgänger musterte mich skeptisch, immer noch auf das Ende der Antwort wartend. Dies erinnerte mich daran, dass gute Antworten wie alle guten Dinge üblicherweise lang und langweilig waren, weswegen alle interessanten Dinge nie gut, aber immer kurzweilig waren.
Ich schüttelte meinen Kopf und sagte lächelnd: „Ich denke, ich werde die Herausforderung den Staub auf die klassische Art und Weise zu beseitigen, genießen.“
Und hatte ich dies wirklich getan? Hatte ich es wirklich genossen, in stundenlanger Arbeit mein Zimmer vom Staub zu befreien? Nein, das hatte ich natürlich nicht. Aber das Leben hatte schon immer ein gewisses Talent einem aus verschiedenen Gründen Dinge unter dem Mantel „verschiedener Möglichkeiten“ aufzuzwingen, aber wie hatte Oscar Wilde gesagt: „Life is never fair. And perhaps it is a good thing for most of us that it is not.” (dt. „Das Leben ist nicht gerecht, und für die meisten von uns ist das gut so.“).

Kommentare 4

  • Ich bin an sich schon erstaunt das du die Methode versucht hast aber dennoch recht intressant :D
    Das letzte mal als ich mich mit mir selbst unterhalten sind mur die gleichen Fragen aufgekommen: "1. Warum kann ich nicht seine Gedanken lesen? 2. Wieso kann er aber meine Gedanken lesen? 3. Und warum muss ich mich überhaupt mit mir selbst unterhalten?"
    Leider habe ich darauf keinerlei Theorie und verziehe mich lieber wieder ;)

  • @ Nagisa: Ab und zu ist mir eben auch danach gnädig zu sein ^^ ...

  • Du hast eine deutsche Übersetzung dazugeschrieben? ich bin erstaunt...

  • Dies... Dies war mal wieder wirklich ausgesprochen amüsant & unterhaltsam^^.
    Wie konnte ich aber auch nur jemals daran zweifeln, das die Banalitäten deines Alltages es nicht wären:rolleyes:?
    Aber du solltest auf dich selbst hören, wenn er es nicht schafft, wer sonst???
    Das Einsetzen solch ultimativer Waffen mag unter Umständen auch für Bekleidung nicht zuträglich sein, wenn man nicht äußerst behutsam damit umgeht!!!
    Davon kann ich nur aus Erfahrung sprechen...
    Und wie reizend, das du mich an DAS Bücherregal erinnern musstest >.<