Wenn der Herr Teemeister dem Herrn Töpfermeister den Tee zubereitet…

Dieses Frühjahr war schlimm, Regen, nichts als Regen.
Was unerfreulicherweise zur Folge hatte das uns die Kirschblüte völlig zerstört wurde. Was wiederum die Frage aufwarf, was also tun, wenn man dem Ansinnen hinterherläuft dringend Fotos im Kimono machen zu wollen? Wo findet man nur den passenden Hintergrund???


Doch es hat ein Vorteil in der Partnerstadt von Sapporo zu wohnen, die zum Anlass vergangener Olympiaden Teehäuser verschenkt & in der
Welt verteilt. Noch praktischer ist es natürlich, wenn in diesen Teehäusern auch regelmäßig, zuminderst im Sommer, Teezermonien stattfinden! Wenn dies kein Anlass ist einen Kimono auszuführen, was sonst?
So begab es sich also, dass meine Wenigkeit, sich an einem mittelprächtigen Sonntagmorgen, in einem Rudel wild gewordener Jungkunoichis
wieder fand, welche in Nagisas Zimmer ein Stelldichein gaben zum Zwecke der Verschönerung durch das Anlegen eines Kimonos.
Wie üblich war ich für das Binden der Obis zuständig, was auch ganz gut verlief, außer bei Nebel, die in ihrer Unachtsamkeit vergessen hat selbigen zu bügeln. Merke… ungebügelte Obis mögen nicht gebunden werden & sehen es ebenfalls nicht ein eine schöne Schleife zu werden! (Memo an mich: Nebel ein Bügeleisen kaufen zu Weihnachten). Leider, durch das Fehlen eines Unterjukatas, musste der bayrische Kimono zu Hause bleiben, was mir sehr leid tat, denn auch er sollte ruhig einmal unter die Leute und endlich seine Schüchternheit als Unikat, das er war, ablegen. Immerhin hatte er ja das Oktoberfest noch vor sich!
Kaum vor der Haustür stellte sich mir das nächste Problem: Wie kontrolliert man fünf junge Damen, die in den mentalen Zustand von 3-jährigen zurück gefallen sind und von denen bereits jede in eine andere Richtung läuft?
Seufzend hob ich meinen Schirm und Stimme und verkündete es wäre an der Zeit sich der Größe nach aufzustellen und durchzuzählen… Was auch prompt, zu meiner eigenen Überraschung, geschah! Man zählte auf Japanisch… Wozu sonst hatte man schließlich einen Japanischkurs belegt… Nach mehreren kleinen üblichen Störungen der üblichen Art: „Nagi pieks!“ Nakushina stupps…“, den dazu gehörigerem Zurechtweisungen meinerseits: „Nein, Nakushina, du sollst Haraniko nicht mit Totoro schlagen, das mögen Totoros nicht!“ und dem üblichen Gekicher und Geplapper endeten wir endlich vor dem Teehaus.
Die übliche halbe Stunde zu früh, da wir aus Erfahrung wussten, das es normalerweise recht voll werden könnte. Heute nicht, was auch
an dem Umstand liegen mochte, das das Wetter immer miserabler wurde, was sogar den Himmel zum weinen brachte. Doch die Reihe hinter uns wurde zusehends länger, ob dies an dem Umstand liegen mochte, das wir hier standen und man sich einfach mal mit anstellte… im Sinne von, wenn hier schon mal welche stehen, die auch noch so gekleidet sind, MUSS hier ja was Interessantes passieren! Oder daran lag, dass für heute der Besuch eines Töpfermeisters ins Haus stand… möchte ich nicht beurteilen.
Die Pforten wurden uns aufgetan und wir durften über die kleine Brücke, ein Wunder, das keine der Kunoichis im Wasser landete, die kleine Insel betreten, auf der das kleine Teehaus stand. Freundlich begrüßt von nett lächelnden, in seidenen Kimonos gekleideten… Öhm… großen blonden Damen und einem Herren? …immerhin trug der eine Brille… Man deutete uns über die großen Steine, platziert im sorgsam gerechten Kies, weiter zum Eingang zu balancieren, wo wir von einer Japanerin (!!) in Empfang genommen wurden, die uns, für eine Asiatin recht resolut, auf die vorderen Bänke in einer Ecke verfrachtete und dann wohlwollend ihr Werk betrachtete, bevor sie sich den anderen Eindringlingen annahm. So waren wir platziert zwischen Bühne und dem Türrahmen zum Nebenraum, indem nun stumm lächelnd die beiden blonden Damen wieder erschienen waren, im Eingang ihnen gegenüber stand nun der Bebrillte und begann nach einem kurzen Räuspern mit seinen von vielen „Ähm´s“ durchzogen Erklärungen. Kaum hatte er geendet öffnete sich die Schiebetür auf der Bühne.
Ein Japaner kniete am Eingang und legte seinen Fächer ab. (Wie wir später erfuhren, symbolisierte dies das Samuraischwert, welches natürlich am Eingang abgelegt wurde, kam man doch in der Absicht Tee zu trinken & kein Blutbad anzurichten.) Er kniete sich in den Raum rein, es ist schwer zu es anders zu beschreiben, denn genau das tat er, er bewegte sich äußerst geschickt und in einer fließenden Bewegung in den Raum hinein und schloss die Tür. Dann tat er Absonderliches, jedenfalls für in den Augen eines Nichtasiaten. Er erhob sich um sich kurz danach wieder hinzuknien, dieses Mal vor einem kleinem Öfchen auf den fröhlich ein Wasserkessel kochte… Er suchte etwas… schien
es… Ernst beäuge er die Gegenstände. Er erhob sich wieder und begab sich in die andere Ecke des kleinen Raumes, in der eine Schriftrolle hing und eine Vase mit drei unterschiedlichen Blumen davor stand. Wieder ging er in die Knie und betrachtete alles ausgiebig, den Kopf mal dorthin und mal hierhin neigend. Mmmh, seine Kontaktlinsen konnten er nicht verloren haben, zumal er seine Brille auf der Nase trug…
Er erhob sich ein weiters Mal um sich am anderen Ende des Tür, durch die er gekommen war niederzulassen. Eine Tür öffnete sich, ein andere als die durch die der erste Herr gekommen war. Herein kam ein … Japaner… ein kleines flaches Tellerchen tragend und hübsch darauf platziert, drei Kekse. Er kniete sich vor dem anderen nieder & verbeugte sich… Der andere Herr verbeugte sich ebenfalls…
Nun ich muss wohl nicht schildern, dass dies einige Zeit hin und her ging, mit den dazugehörigen Dankesfloskeln, die selbst ich verstand. Unser reizender Kommentator meldete sich zu Wort und erklärte das Ofensichtliche, fügte aber hinzu, das Herr Okuda (der nette Herr Gast) nachdem er hereinkam sich erst einmal der ausgiebigen Betrachtung der Einrichtungsgegenstände hingab und nun schließlich einen der dargereichten, völlig übersüßten Kekse verköstigte, da der danach gereichte Tee von der bitteren Sorte sei. Diese Erklärungen waren in geflüsterter Form, wollte man doch die ernste Würde der Zeremonie nicht entweihen.
Der zweite Herr verschwand wieder und erschien, wären Herr Okuda selig lächelnd an seinem Keks knabberte, mit diversen Gerätschaften wieder, die zur Zubereitung des Tees wohl von Nöten waren. Herr Okuda wendete sich zu uns, dem Publikum und deutete breit grinsend
auf einen tönernen Gegenstand, der neben dem Öfchen stand…. Gebannt betrachtete das Publikum das Ding, wohl in der Hoffnung, das dort ein Teeteufelchen entsprang. Der Kommentator kommentierte diese Handlung mit dem Hinweise, das Herr Okuda, der Töpfermeister dieses wundersamen Gegenstandes sei und es sich hierbei um einen Wasserbehälter handelte, wie überhaupt, der Herr Töpfermeister die meisten Gegenstände, die heute genutzt wurden, selbst hergestellt hatte.
Ich fragte mich, ob diese Töpferwaren wohl zum Abschluss der Vorstellung zum Verkauf angeboten wurden und ich mich hier auf einer asiatischen Variation einer Kaffeefahrt befand. Nun entbrannte eine hitzige Debatte, insofern zwei Japaner bei solche einem Anlass dazu in der Lage sind, eine solche zu führen, über den wohl sehr tiefgründigen Inhalt der Schriftrolle die da an der Wand hing, während Herr Teemeister, die Teegerätschaften sorgfältig mit einem immer aufs neu gefalteten schwarzen Tuch putzte.
Es wurde uns erklärt, dass man ohne weiteres bei einer Teezeremonie Gespräche führen durfte. Das Gespräch der beiden Herren schien nun bei der Blumenvase angekommen zu sein und den darin befindlichen Blumen. Die Vase war… ich traute meinen Ohren kaum, von Herrn
Okuda produziert und fand wohl bei dem Herrn Teemeister wohlwollenden Anklang, was durch fröhliches Genicke und hin und her gedanke bekräftigt wurde. Mittlerweile war auch der Tee fertig gerührt worden und ich fragte mich, wie das nun weiter gehen sollte, denn bedient ein Sensei den anderen? Wie sah das denn aus? Musste nicht die Position der Beiden auf dem gleichen Niveau bleiben?
Die Lösung war sichtlich einfach, die Schiebetür öffnete sich und in den Raum kniete sich ein weiterer Japaner… jünger, Mittelscheitel, Brille… Angetan mit traditionellen Kleidung, die auch die beiden Senseis trugen, Hakama (Hosen, kennt man gut aus den üblichen Samurai Genre) und den dazupassenden Oberteilen.
Sein Status wurde sehr schnell klar, er musste ein Kohai sein. Ich weiß nicht warum, aber mittlerweile fühlte ich mich in eine fremde Welt versetzt…. Eine wenig Hakuoki, bzw. „House of five leafs“ machte sich bei mir breit, als ich die Drei da oben agieren sah. Der Kohai aufs äußerste bemüht ja alles richtig zu machen und sich noch mehr verbeugend, als die beiden anderen. Die Senseis höflich distanziert ihm gegenüber. Der arme Junge durfte aber auch nur solange auf der Bühne verweilen, wie der Töpfermeister brauchte seinen Tee zu trinken. Denn nachdem Kohai die leere Tasse zurückgebracht hatte verschwand er unter weiteren Verbeugungen, als würde er sich dafür entschuldigen wollen überhaupt auf die Welt gekommen zu sein… Ein komisches Völkchen diese Japaner!
Die Teezeremonie neigte sich ihrem Ende zu und zwar auf ähnliche Art, wie sie begonnen hatte, der Teemeister reinigte seine Teegerätschaften und verfiel in philosophische Betrachtungen mit seinem Gast über dessen Tätigkeit als Töpfermeister, ferner bewunderte man die Gerätschaften… Mal wieder…
Der Kommentator, erläuterte hierzu, dass dies üblich sei, da jedes einzelne Stück ein Unikat sei und man somit Achtung vor den Künstlern zeigte. Was natürlich wieder Kohai auf den Plan rief, der gute Junge!! Ich beschloss, dass ich mir dringend einen Kohai für Zuhause zulegen musste. So ein nützliches Kerlchen! Und außerdem… hatte ich schon erwähnt dass er Brille trug und wie eine real gewordene Animefigur
wirkte??? Da war er wieder unter mannigfaltigen Verbeugungen, irgendwie machte er einen nervösen Eindruck und wirkte als würde ihm der Schweiß auf der Stirn stehen, der Arme… Vielleicht sollte ich ihn gleich mit nach Hause nehmen? Da war er nun und nahm einen Bambuslöfffel und eine Teeschale von Teesensei in Empfang, um sie Töpfersensei zu reichen. Die beiden diskutierten über Löffel & Schale, während Kohai in der Verbeugung mit gesenktem Kopf verharrte, bis er endlich wieder die beiden Dinge zurücktragen durfte und die Szenerie verlassen konnte. Es kam zu einem allgemeinen Austausch von Danksagungen und Verabschiedungen, dann schließlich verließ Herr Teemeister die Bühne.
Natürlich rief dies den Kommentator auf den Plan, der die Teezeremonie für beendet erklärte und Freikekse und Freitee für Alle ankündigte, woraufhin gleich die blonden Geishas mit Tabletts erschienen auf denen besagte Kekse lagen. In das Getümmel hinein wollte ich allgemeine Informationen über den Gesprächsverlauf auf den Bühne einholen, da mein Japanisch eigentlich nicht vorhanden ist und ich alles gleich eines Stummfilmes interpretiert hatte & nun auf Klärung hoffte, musste aber zu meinem Entsetzen feststellen, das die drei vor mir Sitzenden (Nagisa, Nebel, Nakushia) mehr oder weniger genauso wenig oder viel wie ich verstanden hatten, was natürlich die Investition in den
japanisch Kurs, denn alle drei absolviert hatten auf jeden Fall rechtfertigte.
Herr Okuda betrat erneut die Bühne und ließ sich am Bühnenrand nieder und lächelt…
Etwas schien seine Aufmerksamkeit erregt zu haben, waren es die europäischen Damen im Kimono? Nein, wie mir Nakusiha versicherte…
Es war der Stofftotoro, der auf ihrem Schoß saß! Dann kam Kohai und ließ sich neben Herrn Okuda nieder.
Begann nun der Verkauf der asiatischen Heizdecken? Nein, es sollten die Fragen des Publikums beantwortet werden, zur Teezeremonie und zum Töpferhandwerk, aber zuerst wollte der Meister selbst ein paar Worte an uns richten, was er auch tat und große Fragezeichen in meinem Gehirn erzeugte. Aber… der nützliche Kohai, ob ihn Herr Okuda wohl gegen das Totoro eintauschen würde, konnte deutsch und übersetzte uns die weisen Worte seines Senseis. Das wiederum erzeugte noch mehr Fragezeichen in meinem Gehirn, da Kohai eine recht interessante Art und Weise hatte die deutschen Wörter aneinander zu reihen ohne das sie wirklich Sinn ergaben, traumhaft!!! Genau mein Ding!!! Ich grinste still vor mich hin und erfreute mich an den Erklärungen zur japanischen Töpferkunst.
Schließlich ging man dazu über, die Fragen des geneigten Publikums beantworten zu wollen…. Welche nun mittlerweile alle bestückt mit Tassen voll des grünen Tees, etwas betreten vor sich hinstarrten, hatte doch wirklich keiner eine Ahnung was man so einen Töpfermeister fragen sollte. Herr Okuda nickte aufmunternd lächeln in die Rund. Sein Kohai tat es ihm gleich, als bedarf auch diese Geste einer Übersetzung. Nun wie es in solchen Fälle wohl immer kommt, fingen die unnützen Fragen an… Nein, ich hatte keine gestellt, falls das „Jemand“ denken sollte. Die Fragen drehten sich, was ja auch kein Wunder war, man hatte es hier ja immerhin mit einem Töpfermeister zu tun, um Tee. Es wurde über Wasserqualitäten gesprochen, über Teesorten und der Meister verriet uns ein außergewöhnliches Geheimnis: Man sollte im September in einer Vollmondnacht eine Teeparty machen, das wäre ein ganz besonderes Erlebnis. Ich musste mir eingestehen, einen kurzen Augenblick geneigt gewesen zu sein anzunehmen, das der Kohai falsch übersetzte oder Herr Okuda sich einen Spaß mit uns unwissenden Europäern erlaubte.
Aber der Gedanke hielt nicht lange vor, wurde uns doch von dem beflissenen deutschen Helferlein verkündet dass nun die Audienz beendet sei und wir unseres Weges ziehen durften. So sammelte ich meine Meute, mit einem kurzen Schlenker meines Schirmes um mich und wir verließen im Gänsemarsch die Insel. Die Damen vorneweg und ich hinterher. Als wir die mit japanischer Kleidung gekleideten europäischen
Helfer passierten, lagen wohlwollende Blicke auf den Mädchen in Kimonos vor mir und ich vernahm ein dahin gehauchtes: „Ach, wie süß!“ von unserem Moderator.
Wenn der wüsste… Aber auch ich musste lächeln als ich sie da so vor mir sah, ja ich habe wirklich süße Töchter!


P.S.: Was die Fotos anbelangte, war uns das Wetter an diesem Tag leider nicht zugeneigt. So werden wir wohl doch die nächste Kirschblüte anwarten müssen.

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