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Morgoth

Though this be madness, yet there is method in 't

  • »Morgoth« ist der Autor dieses Themas

Laune: Inspiriert

Charakter: Realist

1

Mittwoch, 11. August 2010, 18:04

Deswegen bin ich ein Pessimist - der Versuch einer ernsthaften Biographie unter mystischen Umständen

Wie es der Zufall so wollte, dachte ich mir vor einiger Zeit, dass ich auch mal etwas Humorvolles schreiben sollte, anstatt mich immer nur an pathetisch-philosophischen Geschwafel zu üben und herausgekommen ist diese Geschichte, die ich wohl gegebenenfalls nutzen werde, um einiges über dieses Forum zu schreiben in einer mehr humorvollen Art und Weise...
(Im Falle, dass man sich wundern sollte: Die Drama-ähnlichen Einleitungen bei den Kapiteln haben nichts mit der eigentlichen Erzählung zu tun und sind eigentlich mehr oder weniger eine Geschichte für sich)

Kapitel 01 – Deswegen bin ich ein Pessimist…

(Spät abends, die typische Dorfkneipe, dutzende ältere Männer, die in Runden an Tischen sitzen und laut diskutieren, ein Barkeeper putzt ein Glas am Tresen, vor ihm ein sehr betrunkener und heruntergekommener Mann, der augenscheinlich der jüngste in der Kneipe ist)
Ich (lallend): Jimmy…?
Barkeeper #01: Mein Name ist nicht Jimmy.
Ich (immer noch lallend): Jimmy…?
Barkeeper #01: Erwarte nicht, dass ich dir antworte…
Ich (unterbricht Barkeeper): Jimmy! Was würdest du machen…
(Der junge Mann hält inne; die Dorfkneipe beginnt sich langsam zu leeren als sich immer mehr Männer voneinander verabschieden und die Dorfkneipe verlassen)
Jimmy (starrt den jungen Mann eine Weile schweigend an): Du hast zu viel getrun…
Ich (unterbricht Jimmy wieder): Was würdest du machen, wenn du dein Leben noch einmal leben könntest?
Jimmy (abschätziger Ton): Vergiss es, ich will mir nicht vorstellen, mir den ganzen Mist nochmal antun zu müssen…
Ich: Aber wenn Jimmy…
Jimmy (lakonisch): Mein Name ist nicht Jimmy.
Ich (ignoriert den Einwurf): …würdest du nicht irgendwas ändern wollen?
Jimmy (seufzend): Da wäre was…
Ich (Interessiert): Was?
(Die Dorfkneipe ist bis auf Jimmy und den jungen Mann leer)
Jimmy (den jungen Mann vor ihm abwertend musternd): Ich hätte dich schon vor fünf Minuten rausgeschmissen.
Ich (empört und verwirrt): Was? Warum…?
Jimmy: Weil seit fünf Minuten diese Kneipe geschlossen ist.

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Wie so oft gab es einen Grund: Gestern Abend hatte ich mich seit langem mal wieder mit einem guten Freund von meiner Schulzeit getroffen. Es war ein unterhaltsamer und sehr geist- und alkoholreicher Abend, wobei letzteres wie es sich für einen unterhaltsamen Abend gehört, eine sehr untergeordnete Rolle spielte, soweit es das „unterhaltsam“ des Abends betrifft.
Jedenfalls fragte er mich, wie meine Pläne für mein Leben aussehen und ich sagte ihm, ich habe keine. Im Folgenden versuchte er mich zu belehren, wie man ein ordentliches Leben zu führen hätte, dass jeder Träume hätte und man jene verfolgen sollte, dass man sich ordentliche Versicherungen anschaffen sollte (mein Freund war Versicherungsvertreter geworden) usw. Nach einer Weile bemerkte er, dass ich ihm nicht so wirklich zuhörte, was zum einen am Alkohol lag und daran, dass mein Freund ein verdammt schlechter Erzähler war, natürlich vor allem an letzterem. Aber es gab auch noch einen dritten Grund, der selbst, wenn ich ihm zugehört hätte, die ganze Sache des Zuhörens und Antworten recht sinnlos gemacht hätte: Ich würde sterben. In drei Jahren zwei Tagen 22 Stunden und 45 Minuten um genau zu sein. Man wird sich fragen, was die Ursache dafür ist. Krankheit? Kein Arzt könnte so genau sein, zu wissen, wann man sterben würde – im Übrigen war ich gesetzlich versichert, in der von mir angesprochenen Zeit würde ich wahrscheinlich nicht mal einen Termin bei einem Facharzt bekommen.
Jemand hat einen Killer auf mich angesetzt? Lassen wir die Späße, sowas macht man nur in Actionfilmen.
Selbstmord? Ich glaube, das wäre dann nur das Tüpfelchen auf dem i, dass mein Leben darstellt.
Nein, der Grund war: eine Prophezeiung. Es begann alles vor fünf Jahren als ich sechzehn war und mein Vater von einem seiner archäologischen Expeditionen zurückkam…

Vor fünf Jahren (nur zur Erinnerung)…

„Ich bin zurück! Bist du irgendwo, Erik?“, rief mein Vater als die Haustür zufiel. Ich ging gelangweilt aus meinem Zimmer, die Treppe herunter in den Flur. Das Haus war still und leer. Meine Mutter war vor drei Jahren gestorben und meine zwei älteren Brüder waren bereits alt genug, um für sich selbst zu leben, was sowieso notwendig war, da mein Vater als Archäologe seit dem Tod meiner Mutter sich mehr denn je in seine Forschung stürzte. Heute kam er von einer Expedition aus… Wo war er gleich nochmal gewesen? Achja, da hatte ich schon nicht mehr hingehört.
„Sohn…“, begann mein Vater, der ein Kopf kleiner war als ich. Er wirkte schmächtig und unscheinbar, nicht das es bei mir viel anders war, die Größe ausgenommen. Der Apfel fiel eben nicht weit vom Stamm in dieser Sache.
„Hi, wie war die Expedition?“, fragte ich gelangweilt als ich ihm die Sachen abnahm und sie nach oben ins Arbeitszimmer meines Vaters bringen wollte, aber mein Vater ergriff energisch meinen Arm und mit einem intensiven Blick brachte er mich dazu, stehenzubleiben.
„Ich habe schlechte Nachrichten, Erik.“, begann er mit bedrückter Stimme.
„Oh.“, antwortete ich, da ich nicht wirklich irgendwas Besseres zu antworten wusste in dieser Situation.
„Wir sollten eine Familienkonferenz einberufen.“ In früheren Zeiten als meine Brüder und meine Mutter noch da waren, hatte mein Vater die seltsame Gewohnheit anstatt einfach zu sagen, was er zu sagen hatte, pathetische Versammlungen abzuhalten und dann zu sagen, was er zu sagen hatte. Da oft das Gesagte den Großteil der Anwesenden eh nicht interessierte war eine der ersten Dinge, die ich beim Zuhören von meinem Vater gelernt habe, das Weghören.
„Gut.“, sagte ich nur knapp.
„Hast du allen Bescheid gesagt?“, fragte mein Vater ernst.
„Ja.“, antwortete ich, während ich die Augen verdrehte.
„Du hast mir nicht Bescheid gesagt.“, stellte er beleidigt fest.
„Du hast die Konferenz vorgeschlagen.“, bemerkte ich trocken, worauf er mich eine Weile prüfend anschaute und dann stumm nickte als hätte er mich gerade testen wollen, obwohl er wahrscheinlich einfach nur seltsam war mal wieder, was seine Gedanken anbelangte.
„Also… die Konferenz ist eröffnet… Was…“, fuhr ich fort als mich mein Vater stürmisch unterbrach: „Ich berufe mich auf Paragraph §34 Absatz 3, der besagt, dass man den Ort der Familienkonferenz ändern kann, wenn sich ein oder mehrere Familienmitglieder an dem jeweiligen Ort unwohl fühlen.“
„Es gibt tatsächlich Regeln?“, fragte ich verwundert.
„Natürlich, Erik!“
„Ich dachte immer, das wäre nur ein Scherz.“
„Wenn du sie für einen Scherz hältst warum lachst du nicht?“
„Akteure in einer Komödie lachen selten über Scherze, die Teil ihres Lebens sind.“
„Egal, gehen wir ins Wohnzimmer, Erik…“
So gingen wir also ins Wohnzimmer nachdem mein Vater seine Schuhe ausgezogen hat und er stand nun am großen Fenster im Wohnzimmer, auf dessen Fensterbank mehrere Blumen standen, die (natürlich) alle ich versorgen musste.
„Erik… Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.“, begann mein Vater.
„Es einfach zu sagen, denke ich, wäre die beste Option.“
„Auf meiner archäologischen Expedition bin ich auf diese Steintafel gestoßen…“
„Und sie spricht vom Untergang der Welt?“
„Nein, du bist verflucht, sie spricht von deinem Tod…“
Schweigen.
„Aber keine Sorge, du hast noch ganze acht Jahre zu leben.“
Ich denke nicht, dass ‚keine Sorge‘ das Richtige war in dieser Situation zu sagen.
„U-Und was hat denn diese Steintafel zu sagen?“
„Ich habe keine Ahnung.“, antwortete mein Vater.
„Und weshalb weißt du dann, dass sie von meinem Tod redet und warum gerade von meinem überhaupt?!“
„Ich habe sie gelesen, aber…“
„Aber?“
„Aber ich hab den Text vergessen.“
„Notizen?“
„Ich hab mein Notizbuch vergessen.“
„Fotos?“
„Der Fotograf hat sie bei einem Unfall zerstört.“
Ich seufzte.
„Hör zu, Erik, ich weiß, welch große Bürde dies für dich sein muss, aber ich reise sofort wieder ab, um die zweite Tafel zu finden.“
„Warte, lass mich raten: sie redet davon, wie man den Fluch aufheben kann.“
„Nein, aber die Tafel, die ich gelesen habe, war die Übersetzung von einer Übersetzung und wie ich gehört habe, wurde woanders eine genauere Übersetzung gefunden, es kann also auch sein, dass jemand anderes als du verflucht wurden ist. Ist das nicht toll?“, erklärte er euphorisch, obwohl mir im Allgemeinen nicht der Gedanke behagte, dass irgendeine uralte Steintafel vom Tod eines Menschen im 21. Jh. reden kann.
„Uh und was soll ich machen?“, fragte ich verwundert meinen Vater, der schon wieder im Aufbruch war.
Er wandte sich um, schaute mich mit einem zweifelnden Gesicht an und sagte: „Eine Biographie schreiben?“

Und ich sagte meinem Freund, dass ich tatsächlich dem Rat meines Vaters gefolgt bin und angefangen habe, eine Biographie zu schreiben. Mein Freund stimmte mir zu und meinte, dass er auf jeden Fall die Biographie von jemanden gerne lesen würde, der wegen eines uralten Fluchs in jungem Alter gestorben ist – auch wenn ich meine Zweifel hatte, ob er mich nicht gerade mit denselben Augen ansah, mit denen ich immer meinen Vater angesehen hatte, wenn er irgendeinem Irrsinn mal wieder verfallen war.
Sei es wie es sei, ich lebe nur noch etwa drei Jahre und meine Biographie war mehr oder weniger unvollendet und langsam gingen mir die Ersparnisse aus. Ich war arm, zum Tode verurteilt und meine Freunde schienen mich nun für einen Irren zu halten. Deswegen bin ich Pessimist…


Kapitel 02 – Du solltest eine Biographie schreiben…

(Die Dorfkneipe ist nahezu leer, draußen sieht man die Sonne untergehen, wieder sitzt der junge Mann am Tresen, ein anderer Barkeeper als der im ersten Kapitel mustert ihn gelangweilt, der genauso alt wie der junge Mann scheint, wenn auch ein wenig bewusster seines Äußeren)
Barkeeper #2 (höflich, aber sichtlich gelangweilt): Was wollen sie zu trinken?
Ich (ohne seinen Blick von dem Sonnenuntergang zu wenden): Ein „Smoky Martini“…
(Barkeeper #2 starrt den jungen Mann eine Weile verständnislos an, füllt dann ein normales 0,3 l Glas mit einer dunklen Flüssigkeit und stellt es dem jungen Mann, der daran nippt)
Ich (pathetisch): Das ist kein ‚Jimmy‘.
Barkeeper #2 (überrascht): Huh? Wer ist Jimmy?
Ich: Jimmy hätte ihn besser gemixt, den Martini mein ich.
Barkeeper #2: Wir haben keinen Jimmy…
Ich: Hat ihnen noch nie jemand gesagt, dass sie keine Ahnung vom Mixen eines Martinis haben?
Barkeeper #2: Wir haben keinen Martini. Sie trinken Coc…
Ich (unterbricht Barkeeper #2): Ein ‚Jimmy‘ hätte einfach mehr ‚Style‘, wissen sie…
Barkeeper #2 (lakonisch): Sie wissen aber, dass dies eine Dorfkneipe ist?
Ich: Ich versteh schon, einer wie Jimmy braucht auch mal Urlaub…
Barkeeper #2 (aufgebracht): Ich sagte doch, wir haben niemanden, der Jimmy heißt!
Ich: Seine Schattengeschäfte brauchen auch ihre Zeit.
Barkeeper #2: Was für ein Bild von Jimmy haben sie eigentlich? Und überhaupt: So jemand würde nie und nimmer in einer Dorfkneipe zu finden sein!
Ich: Wenn du so alt bist wie ich…
Barkeeper #2: Wir sind gleichalt! Wir waren in derselben Jahrgangsstufe auf dem Gymnasium…
Ich: …dann wirst du ein Auge für Menschen bekommen und ich sag dir: Jimmy ist so einer – ruhig und unscheinbar auf den ersten Blick, aber im Innern ist er…
Barkeeper #2: Ich will es gar nicht wissen…
Ich: …ein Barkeeper.
Barkeeper #2: Was? Und was hat das mit seinen Schattengeschäften zu tun? Und wie oft soll ich es noch sagen: Es gibt keinen Jimmy hier!
Ich (kopfschüttelnd): Du hast noch eine Menge zu lernen, Junge.

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Es war dunkel und kalt als ich auf den Bahnhof kam, der nicht mehr als ein paar Schienen und eine verfallene Ruine darstellte. Der einzig mehr oder weniger heilgebliebene Teil jener Ruine war ein größeres Zimmer, deren Fenster (die einzigen, die noch nicht bei dem Gebäude mit Brettern zugenagelt waren) eine Sicht auf die Schienen boten und dahinter konnte man bei einem warmen Licht einen Bahnmitarbeiter sehen, der seine Aufmerksamkeit mehr dem Kampf gegen den Schlaf zu widmen schien als dem eigentlichen Job, den er hatte.
Zum Glück gab es aber Bänke auf jenem Bahnhof und ich setzte mich auf eine von ihnen. Licht gab es keines auf dem Bahnhof oder besser gesagt, es gab welches, aber irgendwelche Jugendliche hatten letzte Nacht die Idee gehabt, dass es ein guter Zeitvertreib war Straßenlampen zu zerstören.
„Jaja, die heutige Jugend, sie sucht Unterhaltung in den wirklich trivialsten Dingen…“, seufzte jemand neben mir. Neben mir? Ich hatte nicht bemerkt, dass da jemand vorher gesessen hatte und ich hatte auch nicht gesehen wann er gekommen war. Egal, wahrscheinlich hab ich ihn einfach überhört.
„Ja, daran dachte ich auch gerade. Wenigstens ist heute Vollmond.“, antwortete ich seufzend.
Der Unbekannte nickte bei dem Gesagten und schaute wie ich in den Himmel zum Mond als er nach einer kurzen Weile unbehaglicher Stille sagte: „Sie wollen mit dem Zug verreisen?“
„Ja und sie?“
„Auch.“
„Uh… überraschend nicht wahr?“
„Das wir beide mit dem Zug fahren wollen, wenn wir an einem Bahnhof sind?“, fragte der Unbekannte, wobei das Grinsen in seiner Stimme zu hören war.
„Ja… Na gut, vergessen sies einfach, ich habe einfach keine Ahnung… Also, was ich sagen will ist: Sollten wir nicht über was anderes reden?“, erwiderte ich unsicher.
„Wir haben noch nicht wirklich viel geredet.“, bemerkte er.
„Na gut, was machen sie so den ganzen Tag?“
„Schlafen.“
„Hmm…“
„Natürlich nur solange die Sonne scheint, wenn sie nicht scheint, fahre ich mit dem Zug irgendwo hin, einfach um mal ein Abenteuer zu erleben.“
„Ein Abenteuer?“
„Sie wissen schon, ich als Vampir würde durch das Sonnenlicht sterben und die Bahn zu benutzen, wo doch jene nie pünktlich ist, ist da wie ein Kampf um Leben und Tod.“, erklärte er leidenschaftlich.
Als ich gerade antworten wollte und ihn fragen wollte, warum er nicht eher genervt war von einer zu späten Bahn, fiel mir auf, dass er ganz nebenbei etwas verdammt Seltsames gesagt hatte.
„Sie sind e-ein Vampir?“
„Ja.“, begann er knapp und fügte nach einer Weile hinzu, während er mich verständnisvoll musterte: „Ah, sie haben natürlich ein Problem damit. Das haben viele, ich auch nebenbei bemerkt, aber ich kann ihnen versichern, dass die Welt nicht wirklich wesentlich angenehmer wird – egal ob man fünfzig oder, wie ich, vierhundert Jahre gelebt hat.“
„Ziemlich lange Zeit… Und weshalb nochmal, fahren sie mit dem Zug?“
„Ich habe festgestellt, dass man als Unsterblicher unmöglich was Ernsthaftes mit seinem Leben anfangen kann. Die Versicherungen weigern sich einen zu versichern, weil man zu lange lebt, kein Arbeitgeber will mich einstellen, da er mich nicht so leicht wieder entlassen kann und eine Familie gründen… Nur Film-Vampire sind so sentimental, darum zu trauern. Der Gedanke seine Verwandten bei Familienfeiern für die Ewigkeit ertragen zu müssen, ist ein so abschreckender Gedanke, dass viele Vampire lieber keine Familie gründen wollen und Einzelgänger bleiben wollen. Und sie? Was machen sie so?“
„Oh, ich? Ich bin wegen einer alten Prophezeiung verflucht und werde in drei Jahren sterben, falls sich nicht herausstellt, dass die Übersetzung von der Übersetzung der Prophezeiung inkorrekt war.“
„Mein Beileid.“
„Wir haben alle unsere kleinen Probleme im Leben.“, antwortete ich achselzuckend.
„Und der Fluch… Kann er gebrochen werden?“
„Mein Vater, er ist Archäologe, sucht gerade eine bessere Übersetzung. Vielleicht meinte die Prophezeiung nicht einmal mich.“
„Das wäre doch gut, also besteht noch Hoffnung.“
„Aber irgendjemand wird sterben, meint mein Vater.“
„Das ist wiederum nicht so gut.“
„Aber jetzt nochmal mit dem Zugfahren. Ist das wirklich so gefährlich?“
„Ja, sehr, der Regionalverkehr hat zwar immer nur so fünf Minuten Verspätung, aber stellen sie sich vor, sie wollen umsteigen und der andere Zug wartet die fünf Minuten, dann überträgt sich die Verspätung. Also wenn ein Zug Verspätung hat, dann kann es durchaus sein, dass deswegen gleich dutzend andere Züge auch Verspätung haben. Ein teuflisches System, muss ich zugeben. Besonders wenn man in einen dieser Züge sitzt, die auf andere Züge warten, die sich verspäten. Man geht zum Schaffner und fragt ihn: ‚Warum hat sich der Zug verspätet?‘ und der Kerl antwortet: ‚Der Zug hat sich nicht verspätet.‘, worauf ich ihm sage, dass nach den Zeiten im Fahrplan der Zug fünf Minuten zu spät ist und er sagt: ‚Wir warten auf einen Anschlusszug.‘. Nach einigem Hin und Her gab er dann zu, dass die Möglichkeit bestand, dass sich der Anschlusszug verspätet hat.“
„Und was haben sie dann gemacht?“
„Ich habe bei der Bahn angerufen.“
„Und?“
„Das Call-Center lag in Indien und es gab gerade Server-Probleme und die Person, die ich am Telefon konnte sieben Sprachen fließend sprechen – Deutsch zählte aber nicht dazu, wie ich bemerkte, was die Unterhaltung etwas schwierig gestaltete und ich rief von einem öffentlichen Telefon an und mein Geld ging langsam zur Neige.“
„Also ist die Globalisierung auch schon bei der Bahn angekommen.“
„Scheint so.“
Ich schaute zum Mond wieder und dann auf meine Uhr: 18:34.
„Die Bahn ist spät.“
„Hmm, wie spät?“
„Fünfzehn Minuten.“
„Wir könnten beim Bahnmitarbeiter nachfragen, ob er mehr weiß. Vielleicht warten sie nur auf einen Anschlusszug.“
Dies gesagt rafften wir uns recht unentschlossen auf und gingen zu jenen heilen Fenstern, wo ein alter, ergrauter Bahnmitarbeiter uns gelangweilt anstarrte und überrascht war als wir gegen seine Scheibe klopften und mit ihm reden wollten.
„Ja, wie kann ich ihnen helfen?“, fragte der alte Mann verschlafen.
„Wir wollen wissen, warum die Bahn zu spät gekommen ist.“
„Die Bahn ist zu spät?“, fragte er überrascht.
„Ja, fünfzehn Minuten…“, begann der Vampir als der Bahnmitarbeiter lachte und sagte: „Nur fünfzehn Minuten, kommen sie in dreißig Minuten wieder, dann können wir über die Verspätung reden.“
„Dann ist bereits die nächste Bahn da.“, bemerkte ich.
„Auch gut.“, meinte der Bahnmitarbeiter und wollte sich wieder auf den Stuhl setzen als ich in das alte Zimmer trat, dass so verstaubt roch wie es aussah.
„Können sie nicht irgendwo nachfragen?“, fragte ich den Bahnmitarbeiter als der Vampir hinter mir auch ins Zimmer trat und die Tür schloss.
„Nein, dazu muss ich diesen Computer benutzen, also so ein Ding, so ein Programm und ich habe keine Ahnung, wie es funktioniert.
„Mir geht es oft genauso, keine Ahnung, was die sich immer denken, diese Computerprogramme so kompliziert zu machen.“, regte sich der Vampir auf.
Es gab also keine Hoffnung herauszufinden, was mit dem Zug los war. Ich schaute mich im Zimmer um. Es war wirklich alt und verstaubt.
„Ziemlich alt dieses ganze Zimmer.“, sagte ich, um ein anderes Thema zu beginnen.
„Ja, die Bahn hat kein Geld die ganzen Bahnhofsruinen zu restaurieren. Sie haben sogar schon die Erste-Hilfe-Ausrüstung gestrichen.“, sagte der Bahnhofsmitarbeiter mürrisch und wies auf einen weißen Zettel, wo groß stand „Anleitung zu Erste-Hilfe-Maßnahmen“. Darunter stand folgendes:
‚Insofern sie in eine Situation kommen, die Erste Hilfe erfordert, gibt es nur eine Frage zu beantworten, entweder (1) sind sie kein Arzt oder (2) sie sind ein Arzt. Im Falle von:
(1) Rufen sie endlich einen verdammten Arzt!
(2) Fangen sie endlich an, ihren verdammten Job zu machen!‘
„Und das haben die Mitarbeiter mitgemacht?“, fragte ich verwundert.
„Nein, es gab sogar eine Abstimmung, aber nur 16% haben sich dagegen entschieden.“, merkte er traurig an.
„Und der Rest?“, fragte der Vampir.
„Ach der… Naja, die standen alle kurz vor der Rente und konnten sich eh nicht vorstellen, irgendwann einen Notfall noch in der verbliebenen Arbeitszeit zu erleben.“
„Und sie?“, fragte ich.
„Ich gehörte zu denen, die kurz vor der Rente stehen.“
In dem Moment kam der Zug und der Vampir und ich verabschiedeten uns von dem Bahnmitarbeiter, der sich wieder dem dramatischen Kampf gegen den Schlaf zu widmen schien. Im Zug begegneten wir einem Ticket-Kontrolleur und fragten, warum der Zug 20 Minuten Verspätung hatte und der Ticket-Kontrolleuer meinte: „Dieser Zug nicht, aber der Anschlusszug hatte Verspätung gehabt.“
„Siehst du? Zugfahren ist ein wahres Abenteuer.“, meinte mein Vampirfreund eine Weile später und ich sagte zu ihm nur trocken: „Ich weiß, du solltest eine Biographie darüber schreiben…“

Kapitel 03 – Kann ich meine Bewerbung auch zurückziehen?

(Wieder die Dorfkneipe, aber es ist Mittag und die Sonne scheint. Jimmy ist damit beschäftigt das Lokal gründlich zu reinigen als ein junger, aber sehr unordentlich aussehender Gast hereinkommt und sich an den Tresen setzt.)
Ich (ermüdet): Dasselbe wie immer, Jimmy.
Jimmy (hält beim Reinigen inne): Was ist?
Ich (niedergeschlagen): Ah, du weißt schon, Leben, Arbeit, Liebe – von jedem ein bisschen…
Jimmy (verwundert): Solltest du nicht heute mit der Arbeit beginnen? Oder war es ein anderer Tag? Als was willst du eigentlich arbeiten?
Ich (überrascht): Welchen Tag haben wir?
Jimmy: Keine Ahnung…
Ich: Verdammt, sag bloß nicht, heute ist…
Jimmy: Ich sagte doch…
Ich (springt auf): Ich muss gehen Jimmy!
Jimmy: Huh, warum? Und ich heiße nicht Jimmy!
(Der junge Gast verlässt das Lokal.)
Jimmy (mustert verwundert die Tür, durch die der junge Gast verschwunden war): Was sollte das denn?!
(Junger Gast kommt zurück gerannt, reißt die Tür auf.)
Ich (eindringlich, während er auf Jimmy emphatisch zeigt): Und falls jemand fragt: Ich bin nie hier gewesen, ok?
(Jimmy nickt stumm und verwundert. Junger Gast verlässt Kneipe wieder. Barkeeper #02 betritt die Kneipe.)
Barkeeper #02: He, Jimmy…
Jimmy: Mein Name ist nicht Jimmy…
Barkeeper #02 (den Einwurf ignorierend): … war das nicht der Junge gerade, der heute bei uns anfangen soll zu arbeiten?

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Ich hatte vor zu arbeiten und dies bei einem Traumberuf von mir: Privatdetektiv. Na gut, eigentlich war mein Traumberuf Polizist, aber da ich in drei Jahren sterben würde, würde ich auf jenem Wege wahrscheinlich gar keine Leiche zu Gesicht bekommen oder die Kompetenz haben, irgendwas Signifikantes zu machen – nicht das es bei einem Privatdetektiv unbedingt anders sein könnte. Aber ich hatte gehört, dass einer dieser berühmten Privatdetektiven, also die, welche mal Polizisten waren und wegen irgendwelchen Disziplinarmaßnahmen suspendiert wurden, natürlich obwohl sie verdammt talentiert waren bla bla usw. Jeder kennt die Story, hunderte von Filmen handeln davon.
Aber das Problem bei jenem Detektiv war, dass er bereits einen Assistenten hatte, aber aus irgendeinem Grund hatte er eine Ausschreibung für eine Stelle in die Zeitung gesetzt und in seinem Blog geschrieben (heutzutage hatte ja jeder einen Blog – auch jene, die nichts zu sagen haben), dass jeder, der Lust hat, Kriminalfälle zu lösen, ohne eine Ahnung davon haben zu müssen wie das eigentlich geht, sollte sich melden. Die Beschreibung war sehr treffend für mich. Ich dachte eh nur an die Bezahlung, welche seltsamerweise sehr hoch war in Hinsicht darauf, dass selbst der Arbeitsunwille eines notorischen Hartzers wohl ausreichen sollte, um der Jobbeschreibung gerecht zu werden (dann wiederum wurde jene kleine Gruppe von Leuten eh schon komplett von den Fernsehsendern beansprucht).
Ich kam also zu jener Detektei von diesem Herrn Selchruvev, mit Vornamen Rob. Er hatte in einem Interview mal gesagt, dass sein Nachname von einer adligen Familie aus Sibirien stammte, da aber Sibirien eigentlich nie ein eigenes Adeltum in dem Sinne hatte widersprach dies in gewisser Hinsicht den Angaben von Selchruvev, worauf er nur gemeint hatte: ‚Was wissen sie schon, was dort in Sibirien abgeht! Und wenn ich bereits schon davon keine Ahnung habe, dann sie sicherlich auch nicht!‘
Ich kam in eine Art Wartezimmer, wo bereits dutzende Leute saßen. Kurz nachdem ich gekommen war, kam der Assistent Herr Maracujaeis, mit Vornamen Bob. In Hinsicht auf seinen Nachnamen meinte er, dass er auf den Fakt zurückgeht, dass in ferner Vergangenheit eine Namensänderung vorgenommen wurde (der vorherige Name soll sogar noch schrecklicher gewesen sein) und da keinem in der Familie ein passender Name einfiel, veranstalteten sie eine Umfrage im Internet – auf einer japanischen Website. Der Fakt, dass die Seite japanisch war, entging der Großmutter von Bob, die dafür „zuständig“ war, völlig. Sie dachte, dies wäre einfach nur „die Art wie Jugendliche heutzutage reden“, also für sie komplett unverständlich. Die japanischen User in jenem Forum, welche wie viele User in einem Internetforum, nicht wirklich begriffen, dass eine Entscheidung im Hyperspace des Internets etwas mit der realen Welt zu tun haben könnte, wählten Maracujaeis als Namen – einfach weil es toll klang bzw. weil dem Großteil der User die deutsche Sprache genauso ein Rätsel war wie Robs Mutter Japanisch (das dies keinen davon abhielt, trotzdem abzustimmen, sollte offensichtlich sein).
„Guten Tag, wie sie sicherlich alle wissen, bin ich Herr Maracujaeis. Sie werden jetzt in zwei Gruppen eingeteilt und wir werden sie gruppenweise dem Bewerbungstest unterziehen.“, verkündete der schmächtige Mann mit der Glatze und der teuer aussehenden Brille, die ihn irgendwie mehr wie einen Professor wirken ließ als wie ein Assistent zu einem eher erfolglosen Privatdetektiv. Überhaupt fiel mir auf, dass es seltsam war, die Detektei von Selchruvev in einem Hochhaus anzutreffen, genau neben einer Anwaltskanzlei im elften Stock. Trotz der offensichtlichen Inkompetenz Selchruvevs irgendeinen nennenswerten Kriminalfall in den letzten drei Jahren zu lösen, hatte er das Geld für dieses luxuriöse, großflächige Büro in einem Hochhaus – vielleicht war doch was dran an dem Adelgerede.
Es war aber auch seltsam wie viele Leute da waren und was mich verstörte war wie diese Leute alle irgendwelche Hefter durchblätterten und scheinbar versuchten sich das darin Geschriebene einzuprägen. Ich hatte nur meine Bewerbung bei mir – und die musste ich mir nicht einprägen. Also was lernten diese Leute dann?
Ich und fünf andere Bewerber kamen in einen großen Saal, in welchem sechs Kabinen standen, die nach vorne zu den raumhohen Fenstern wiesen. In den Buchten standen kleine Klappstühle und vor diesen ganzen Kabinen war ein Schreibtisch, worauf mehrere Stapel an Unterlagen waren und ein großer LCD-Bildschirm, der scheinbar dafür da war Zahlen in einer Größe und Klarheit zu zeigen, dass man schon die Augen schließen musste, um die Zahl darauf nicht zu sehen. Herr Maracujaeis nahm hinter dem Schreibtisch Platz so wie ich in der zweiten Kabine von links Platz nahm. Die anderen Bewerber waren in den anderen Buchten verteilt, obwohl ich nicht darauf geachtet habe, wer wo hinging. Seltsamerweise hatten sich dabei die Bewerber recht misstrauisch beobachtet als gäbe es schon einen Vorteil dadurch, in welcher Kabine man landete. Ich bekam langsam das Gefühl, dass hier irgendwas abging, was jenseits meines Wissens liegt und wahrscheinlich auch meiner Vorstellung wie ein Einstellungstest aussieht.
„So, meine Damen und Herren.“, begann Herr Maracujaeis, „Ich will jetzt nur noch mal ihnen ins Gedächtnis rufen, worum es an dieser Stelle geht: Einer von ihnen ist der Mörder im Falle des Todes von Frau H.“
Huh? Warte, davon hab ich gelesen, war ein ziemlich durchschnittliches Verbrechen, dass nicht viel Aufsehen erregt hatte, aber warum war jener Mörder bei dem Einstellungstest?
„Und ihre Aufgabe ist es durch das gegenseitige Erfragen herauszufinden, wer der Mörder ist.“
Huh?! Was soll ich tun?! Sind Einstellungstests normalerweise so? Nein, bestimmt nicht, definitiv nicht!
„Ein Zufallsgenerator bestimmt einen von ihnen, der irgendeinem beliebigen Kandidaten eine Frage stellt. Der Gefragte kann bei der Antwort lügen, um zu verhindern, dass sie als Mörder entlarvt werden“
Warum sollte ich das tun, wenn ich nicht der Mörder bin?!
„oder sie können den anderen dazu bringen, falsche Vermutungen anzustellen.“
Warte, ist dies eine Art Duell oder sowas? Das ist doch kein Einstellungstest!
„Sie können aber ihre Nachforschungen benutzen, um die Aussagen zu überprüfen.“
Nachforschungen? Von was redet der? Aber jetzt wo er es sagt, hatte ich in den letzten Tagen das Gefühl, dass mir jemand folgte oder mich jemand im Cafe recht eindringlich beobachtete. Waren das etwa die anderen Kandidaten dieser Bewerbung?
„Also lassen sie uns beginnen…“
Während ich noch überlegte, was ich überhaupt für eine Frage stellen sollte, stellte ich beruhigt fest, dass die Drei auf der Tafel aufleuchtete, die auf Maracujaeis Schreibtisch stand. Ich war die Fünf, also war ich damit erstmal unwichtig.
„Ich will eine Frage an Nummer Fünf stellen.“, erklärte die kratzige Stimme von Kandidat Nr. 3.
Verdammt.
„Wann haben sie Geburtstag?“
Eine simple Frage. Vielleicht weiß er schon wer der Mörder ist und will so herausfinden, wer von den sechs der Mörder ist. Dann ist die Sache ja klar.
„Ich habe am siebten September Geburtstag.“, sagte ich knapp.
Ich wollte gerade entspannt ausatmen als ich hörte wie die anderen fünf Kandidaten eifrig irgendwas aufschrieben. Was schreiben die? Ich habe nur gesagt, wann ich Geburtstag habe. Oder hat etwa der Mörder am selben Tag wie ich Geburtstag? Oder vielleicht passt mein Geburtstag in einen Code, der die Logik eines Serienmörders erklärt, aber der Mord an Frau H. schien nicht wirklich wie das Werk eines Serienmörders… Warte, was interessiert mich das? Hauptsache der Mörder wird gefasst, ich kann ja den anderen die Arbeit überlassen, kein Grund, dass ich anfangen sollte, den anderen irgendwelche seltsamen Fragen zu stellen.
Die Tafel leuchtete auf: Es war wieder Nummer Drei.
„Ich will eine Frage an Nummer Fünf stellen.“
Schon wieder?!
„Essen sie gerne Cashewkerne?“
Will der Kerl wirklich einen Mörder finden? Und warum fragt er mich sowas? Hat das überhaupt was mit dem Mord zu tun?
„Uh, nein…“, antwortete ich, unsicher, ob dies wirklich wichtig war, aber scheinbar war es das, denn wieder schienen die anderen energisch zu schreiben.
Ich seufzte und schaute, wer als nächstes eine Frage stellen würde: Nummer Drei… Was?! Ist das wirklich ein Zufallsgenerator?
„Nummer Fünf bitte.“
Und was hat der Kerl eigentlich gegen mich? Wen er mich eh schon für den Mörder hält, dann soll er es offen aussprechen! Vielleicht versucht er den wahren Mörder mit seinem Wissen in die Ecke zu drängen, ihn in Sicherheit zu wähnen, während er aber mit den Fragen immer näher an die Wahrheit sich heranarbeitet. Es gab also Hoffnung, dass er einen Plan verfolgte, dachte ich beruhigt.
„Wenn sie einem Kakadu auf der Straße begegnen würde…“
Huh?
„… was würden sie es fragen?“
Interessiert sowas wirklich den Mörder? Wie hängt diese Frage denn mit den Morden zusammen?
„Uh, also, ich glaube, ich würde nicht in Erwägung ziehen, einem Kakadu eine Frage zu stellen.“, antwortete ich unsicher, jeden Moment hoffend, dass Maracujaeis diese sinnlosen Fragen unterbricht – aber er nickte zustimmend! Warum?!
Aber ich war froh zu sehen, dass als nächstes die Nummer Eins an der Reihe war.
„Nummer Fünf bitte.“, antworte eine tiefe Männerstimme.
Schon wieder ich?! Die haben was gegen mich, die haben eindeutig was gegen mich. Aber wenigstens wird es wahrscheinlich eine sinnvolle Frage sein, die irgendwie auf dem sinnvollen Part der ersten drei Fragen basieren wird, auch wenn ich den nicht wirklich bis jetzt erkennen konnte.
„Und was würden sie machen, wenn das Kakadu – sie nach dem Weg fragt?“
Warum setzt er die sinnloseste von den drei Fragen fort?! Nein, warte, vielleicht ist das ein Hinweis, vielleicht hat der Mörder einen Kakadufetisch und glaubt, dass tatsächlich Situationen wie „einem Kakadu auf der Straße begegnen, dass nach dem Weg fragt“ realistisch denkbar sind. Der menschliche Verstand ist schließlich zu echt seltsamen Dingen fähig, wenn er dem Wahnsinn anheimfällt. Meine Antwort sollte also lauten: „Ich würde das Kakadu ignorieren, da kein Kakadu mich nach dem Weg fragen würde.“
Zu dem normalen eifrigen Geschreibsel kam plötzlich noch das schockierte Luftschnappen von Nummer Drei hinzu. Er ist der Mörder! Eindeutig ein Kakadufetisch, eindeutig! Ich wusste schon immer, dass ich eine gute Deduktionsgabe hatte, aber ich war überrascht wie schnell ich die Sache durchschaut hatte, nun brauchte ich nur noch…
„Nummer Fünf bitte.“, erklärte Nummer Drei. Was?! Der war schon wieder dran? Warum ist es der Mörder, der die meisten Fragen in dieser Bewerbung stellt – und was am wichtigsten ist: Was hat der gegen mich?!
„Stellen sie sich vor, sie wären ein Kakadu…“
Verdammt sei sein verdammter Kakadufetisch! Und ich will mir nicht vorstellen, wie es ist ein Kakadu zu sein, das hat auch gar nichts mit dem Mord zu tun.
„… würden sie – nicht dann dem Kakadu helfen?“
Wir sind immer noch bei dieser sinnlosen Frage?!
„Es tut mir Leid, aber ich habe keine Ahnung, wie es ist, ein Kakadu zu sein.“, entgegnete ich, langsam ein wenig wütend.
Ich schaute, wer als nächstes dran war, erwartete fast schon wieder die Drei zu sehen, aber es war die Vier. Ah, es kann nur besser werden.
„Ich denke, dass Nummer Fünf der Mörder ist!“, rief Nummer Vier laut aus. Huh? Wie hatte der Kerl das den aus meinen bisherigen Antworten lesen können? Wir hatten noch nicht einmal über den Mord geredet. Wir haben eigentlich fast nur über dieses idiotische Kakaduszenario geredet…
„Falsch, sie scheiden aus der Runde aus, Nummer Vier.“, erklärte Maracujaeis in einem tadelnden Ton. Ich hörte wie Nummer Vier seine Sachen packte und dann das Zimmer verließ.
Die nächste Zahl ist…
„Nummer Fünf bitte.“
… schon wieder die Drei. Sollte ich was sagen? Nein, sollte es nicht auch den anderen auffallen? Wie konnte DAS Zufall sein?
„Können sie sich vorstellen, dass durch die Launen der Evolution irgendwann in einer fernen Zukunft, Kakadus intelligenter als Menschen sein werden und können sie sich dann in die Kakadus hineinversetzen, welche in die Vergangenheit zurückreisen und sie dann nach dem Weg fragen?“
Was soll dieses Sci-Fi-Szenario? Und dies hat nichts mit dem Mord zu tun, definitiv nicht!
„Uh, ich weiß nicht, warum Kakadus, wenn sie in jener fernen Zukunft durch die Launen der Evolution so intelligent sind, irgendetwas mit der Vergangenheit zu tun haben wollen, besonders mit einer Zeit wo es einem Menschen nicht möglich ist, Kakadus zu verstehen, verflucht, ich versteh nicht einmal den Sinn dieser Frage – und die wurde nicht von irgendeinem zeitreisenden Kakadu gestellt!“, antwortete ich gereizt.
Die nächste Nummer war die Zwei, welche sich als junge Frau herausstellte, die Nummer Drei etwas fragte: „Tragen sie Einlegesohlen mit weißer Baumwolle?“
„Ja.“, antwortete Nummer drei zögernd.
Ah, das klang schon mehr nach der Art von Unterhaltung, die ich in dieser Runde erwarte.
Als nächstes kam die Nummer Eins: „Nummer Zwei, tragen sie Einlegesohlen mit weißer Baumwolle?“
„Ja.“
Und wieder folgte dann die Nummer Drei: „Nummer Eins, tragen sie Einlegesohlen mit weißer Baumwolle?“
„Ja, die trage ich.“
Huh? Warum haben die alle Einlegesohlen mit weißer Baumwolle?
Und auch dann kam (schon wieder) die Nummer Drei: „Nummer Fünf, tragen sie Einlegesohlen mit weißer Baumwolle?“
„Uh, N-nein.“, antwortete ich stockend. Verdammt, das war schlecht, warum war ich der einzige dieser Runde, der keine Einlegesohlen mit weiter Baumwolle hatte? Irgendwie macht mich das doch zum perfekten Mordkandidaten oder? Nein, warte, mich hat schon mal jemand für den Mörder gehalten und Maracujaeis hat ihm eindeutig gesagt, dass ich nicht der Mörder bin. Aber so sehr ich es auch drehe und wende, bin ich derzeit der Mordkandidat Nr. 1 in dieser Runde, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass ich so gut wie nur der Einzige bin, der irgendwelche Fragen beantworten muss – aber nie welche selber stellen kann! Verdammt, ich muss nur einmal an die Reihe kommen und schon könnte ich dieses „Duell“ beenden und Nummer Drei anklagen und… Und was dann? Langsam verlor ich die Lust, überhaupt mich noch um die Stelle zu bemühen.
„ Nummer Fünf, sie sind an der Reihe.“, sagte plötzlich Herr Maracujaeis.
Ich bin dran?! Endlich! Aber wollte ich wirklich diese Stelle? War nicht mein Leben schon seltsam genug auch ohne einen Beruf, dessen Einstellungstest so absurd war? Es würde wohl alles von der folgenden Frage abhängen und ich hatte eigentlich auch schon eine auf meinen Lippen: Kann ich meine Bewerbung auch zurückziehen?

Kapitel 3.5 – Warte, habt ihr erwartet, dass jetzt schon Kapitel 4 kommt…?! Part I einer bedeutsamen Nebengeschichte von marginaler Bedeutung
(In einem Lagerraum der Kneipe stehen drei Männer in Barkeeperoutfits zusammen.)
Jimmy: Heute fängst du also an bei uns zu arbeiten, hmm?
Ich: Ja, ich wollte von einem Profi lernen.
(Schweigen)
Barkeeper #2: Er redet von dir, Jimmy.
Jimmy: Wie auch immer… Jedenfalls sollte ich dir erstmal den vorstellen, mit dem du neben mir direkt zu tun hast, also das wäre mich und Herr Ricke hier.
(Jimmy klopft mit seiner linken Hand auf die rechte Schulter von Herr Ricke, während er das Ricke genauso ausspricht, wie es geschrieben ist)
Jimmy: Und du…
Ich: Jimmy…
Jimmy: Mein Name ist nicht Jimmy…
Ich: Ich meinte meinen Namen eigentlich…
(Schweigen, Jimmy starrt fassungslos den neuen, jungen Barkeeper an, Ricke gähnt gelangweilt, aber zeigt ansonsten keinerlei Anteilnahme)
Jimmy (überrascht): Du heißt Jimmy?!
Ich (auf Barkeeper #2 zeigend): Ja, klar, er heißt auch Jimmy.
Barkeeper #2 (seufzend): Ich dachte immer, dass mein seltsamer Vorname einzigartig wäre und dann musste ich feststellen, dass noch jemand in meinem Jahrgang diesen Namen trug… Die Welt ist manchmal seltsam.
Ich: Oder die Menschen, die darin leben…
Ricke: Meine Eltern waren jung und naiv als sie mich so genannt haben. Das wird mich ewig verfolgen, dieser seltsame Vorname.
Ich: Meine waren einfach dumm, aber jung und naiv waren sie auch, deswegen war ich immer froh gewesen, dass es wenigstens nur Jimmy geworden ist am Ende.
Jimmy (deutlich verwirrt): Hast du ein Problem mit deinen Eltern… Jimmy?
Ich (lachend): Nein, sie haben eins mit mir.
Ricke: Das Schlimmste ist, dass Leute dich nicht einmal ‚Jim‘ nennen wollen. Da stellt man sich vor „Mein Name ist Jimmy, sie können mich auch Jim nennen.“ und was ist die Antwort? „Klar, Jimmy.“
Ich (an Ricke): Wem sagst du das… Aber wir müssen unsere Namen ändern, Jimmy. Wir können nicht alle Jimmy heißen.
Jimmy: Hey, warte, mein Name ist nicht Jimmy, also…
Ricke (ignoriert Jimmy): Ah, ich nehm einfach Harry und du…
Ich: Ach, ich verbleibe bei ‚Ich‘, nennt einfach nie meinen Namen, dann ist das Problem gelöst.
Jimmy: Warum das denn? Und welches Problem, ich bin nicht Ji…
Ich (unterbricht Jimmy): Ich hab schon die ganze Zeit ‚Ich‘ anstatt meinem Namen verwendet, also hab ich keine Lust das jetzt noch zu ändern.
(Jimmy setzt mehrere Male an, zu antworten, aber eine sehr offensichtliche Verwirrung hält ihn davon ab, genau das zu tun)
Harry (kopfschüttelnd): Mann, Jimmy, ist das nicht offensichtlich? Du musst dir nur das Skript ansehen…
Jimmy: Welches Skript denn?
Ich: Ich bin Schriftsteller.
Jimmy (skeptisch): Aha…
Ich (seufzend): Ich weiß, ich weiß, vor einigen Jahren wäre ich genauso skeptisch gewesen, aber es änderte sich alles von jenem Tag an…
(Der neue Barkeeper schließt die Augen und fängt in einer gedankenverlorenen Stimme an zu erzählen)

Ich hatte kein Geld – um es übertrieben auszudrücken. Die Wahrheit war aber, dass ich Geld hatte, aber real betrachtet, wenn man alles Lebensnotwendige abziehen würde… hatte ich eigentlich auch noch Geld, aber es war eben wenig und die Grenze zwischen wenig und gar nicht ist wie die zwischen der Entscheidung ob ein Brot mit einem Schimmelfleck besser aussehen würde als mit mehreren. Was auch schlecht aussah war meine neue Wohnung in einem dieser heruntergekommenen Wohnbauten, noch stammend aus der Zeit der Industrialisierung und nur notdürftig renoviert vor sehr langer Zeit. Es war eine dieser Wohnungen, in der man einen von Polanskis Filmen hätte drehen können, ohne Schauspieler zu engagieren, genau da wohnte ich jetzt – und ich war nicht erfreut darüber, aber ich nehme an, nach der Beschreibung spreche ich damit nur das Offensichtliche aus.
Man wird sich oft fragen, warum ich dann dort wohne, tatsächlich wurde ich es von nahezu jedem Bewohner dieses Hauses dies gefragt, sicher, Geld war ein Grund, aber ein wesentlich wichtigerer Grund brachte mich dazu, dort zu wohnen: Es sollte angeblich in jenem Haus spuken. Ich weiß, die meisten würden sich dadurch gestört fühlen, aber die Sache war, dass ich mir dachte, dass ein unbeweisbarer Spuk der beste Weg wäre, um den Vermieter auf Schadensersatz zu verklagen und so an Geld zu gelangen.
Natürlich musste ich dafür erstmal den Spuk aufspüren, was sich schwieriger gestaltete als erwartet. Der Spuk war nur zu hören, soweit ich wusste und er bestand in folgenden Geräuschen: Kindergeschrei, Schüsse, „Oh! Sweet Nuthin“ von Velvet Underground, Hundebellen, Tropfen, Niesen, Husten, Gejammer eines Hausschweins und Beschwerden über die vorherigen Geräusche. Das Problem war, dass man einen Großteil jener Geräusche auch ohne den Spuk hätte hören können und ich war mir deshalb unsicher, wenn ich nachts wach lag, um den Spuk zu lauschen, ob ich gerade dem Spuk lauschte oder nur den üblichen Nachtgeräuschen in einem heruntergekommenen Haus. Auf diesem Wege war also nichts zu beweisen, geschweige denn überhaupt überzeugend von „Spuk“ zu reden, na gut, vielleicht würde der Vermieter sich aufregen, welcher Idiot ein Hausschwein in einer seiner Wohnungen hält, aber ansonsten würde er nur mit den Schultern zucken und in einem netten und höflichen Ton vorschlagen, dass man sich gefälligst eine neue Wohnung suchen soll, wenn man damit nicht zufrieden war (eine Beschreibung, die ich aus erster Hand von einem meiner Vormieter erhalten habe).
Als erstes galt es die langjährigen Mieter zu fragen, die eine Ahnung von der Ursache des Spuks haben, also klingelte ich bei Frau Müller, die so langsam die Tür öffnete, dass ich befürchtete, sie würde dabei einschlafen und mit einem abrupten Halt kam der Vorgang zum Ende und ich stellte fest, dass sie eine Minute gebraucht hatte, um jenen Spalt zu öffnen, der blieb, wenn man das Türschloss an der Tür behielt.
„Ja…?!“, erklang ihre hohe, schrille Stimme, die so genervt wirkte wie sie auch mich bereits nervte, während aus der Wohnung ein starker Nikotingeruch mir entgegenwehte.
„Uh, Frau Müller…“, begann ich als sie mit lauter krächzender Stimme wütend sagte: „Sprich lauter, Junge! Die Jugend heute, in meiner Zeit…“
„Ja, ich weiß, was sie meinen, aber ich will mit ihnen über etwas SEHR Wichtiges reden.“, erklärte ich in einer lauten Stimme. Ich nehme an, das gesamte Haus würde so wahrscheinlich der Konversation folgen können.
„Wenn es um die Zahnarztrechnung geht, dann können sie sich…“, fing sie erbost an zwischen ihren getrockneten Lippen hervor zu zischen.
„Nein, darum geht es nicht! Es geht um den Spuk!“
„Achso, achso, sag das doch gleich…“, sagte sie milde gestimmt, aber nun wieder genervt mit dem unterschwelligen Ton am liebsten eine Gebühr dafür verlangen zu wollen, dass ich mit ihr reden durfte. Sie entriegelte die Tür und ich trat in eine Wohnung, die wohl ganz gut auch ein Museumsausstellungsstück aus einer fernen Vergangenheit hätte sein können.
„Also der Spuk…“, begann ich.
„Tee oder Kaffee?“, schrie sie mich förmlich an mit dem abschätzigen Blick einer Person an, die dabei war ihre „Top 100 der Dinge, die ich leider aus Höflichkeit tun muss“ abzuarbeiten.
„Kaffee.“, schrie ich zurück.
„Hmm.“, sagte sie und setzte sich auf das dunkelbraune Ledersofa im Wohnzimmer. Aber was war mit dem Kaffee passiert? Sie sah mich erbost an. Ich stand im Wohnzimmer und hatte keine Ahnung, was ich nun tun sollte. Sollte ich mich setzen? Ja, wahrscheinlich war es das Beste, aber langsam hatte ich meine Zweifel, dass sie sich überhaupt an den Spuk erinnern würde.
„Also der Spuk…“, begann ich wieder, nachdem ich mich gesetzt hatte.
„Ja, schreckliche Sache, sehr schreckliche Sache.“, unterbrach sie mich harsch, „Ist schon ein paar Jahre her, ‘s waren die Schmidts im dritten Stock, arme Leute mit einem Kleinkind und einem Baby. Das Drama begann…“
Frau Müller schüttelte traurig den Kopf wie als ob sie sich davon abhalten wollte, weiter zu erzählen, aber als sie meinen fragenden Blick sah, wusste sie, dass sie weiter reden musste. Sie stand auf und stellte sich ans Fenster und sah hinaus, geistesabwesend nahm sie dabei eine Zigarette aus der Packung, die direkt neben dem Christusdorn auf dem Fensterbrett lag. Das Feuerzeug nahm sie aus ihrer linken Hosentasche ihrer himmelblauen Stoffhose. Sie nahm die Zigarette mit der rechten Hand aus der Packung und hielt sie zwischen Zeigefinger und Daumen an den Mund, während sie mit dem Feuerzeug die Zigarette anzündete. Sie zog kurz an der Zigarette und sagte: „Es war schrecklich…“
Ihre Stimme war noch rauer als zuvor und sie unterbrach wieder ihre Erzählung mit einem tiefen Zug an der Zigarette, so wie Soldaten früher vor einer Schlacht sich mit Alkohol betrunken hätten. Man konnte sofort sehen, dass sie ein Profi war, was das Erzählen von Gerüchten anging, die sich in den meisten Fällen als falsch herausgestellt haben. Sie nahm die Aura einer Wissenden an, die Dinge wusste, die man gar nicht wissen wollte – entweder weil sie komplett falsch waren oder weil es besser hätte ersteres sein sollen.
„Es begann mit dem Schwein.“, fuhr sie fort.
„Ein Schwein?“
„Sie wollten ein Haustier und sind deshalb zu einem dieser Tierheime gegangen, aber die Leute dort waren verdammt hinterlistige Kerle, haben der kleinen Tochter verklickert, dass ein Hausschwein das ideale Haustier wäre. Und was hätten die Eltern sagen sollen zu ihrer Tochter, die hin und weg war? Das entwaffnende Lächeln einer Tochter…“
Sie lachte kurz mit einer kratzenden Stimme, die genauso ungesund wie auch furchterregend klang.
„Was ist dann passiert?“, fragte ich, während sie an ihrer Zigarette zog und eine riesige Wolke blauer Rauch sich um sie verbreitete als sie wieder ausatmete.
„Sie haben ihn aufgenommen, das Hausschwein, sein Name war Pieter Corneliszoon Hooft…“
„Was?!“, fragte ich verwirrt.
Sie wandte sich zu mir um und sagte harsch: „Holländischer Dichter. Muss wohl Teil der Gemeinheit dieser Kerle beim Tierheim gewesen sein, denken sich manchmal die schrecklichsten Namen aus.“
Sie wandte sich wieder dem Fenster zu, einfach nur damit sie dramatischer wirkte, nahm ich an. Nachdem sie wieder an der Zigarette gezogen hatte, fuhr sie fort: „Als das Schwein in dieses Haus kam, begann sich vieles zu verändern: Der Vermieter vor allem wechselte, der neue, dieses Schwein, war schrecklich, wäre froh gewesen, wenn er das ganze Haushätte niederreißen können und ein Parkhaus bauen können, aber nicht mit mir!“
Ihre wütende kratzige Stimme hatte den unangenehmen Unterton vergleichbar mit einer Metallpfeile, mit der man die Motorhaube eines Ferraris zerkratzen würde. Langsam bemitleidete ich den Vermieter, der sich ihre Beschwerden anhören musste.
„Er hat auch die Schmidts unter Druck gesetzt… und so Pieter Corneliszoon Hooft entdeckt. Und so begann erst die wahre Tragödie. Sie wollten ihn töten…“
„Den Vermieter?“
„Das Schwein natürlich!“, schrie sie empört.
„Also der Vermieter?“, fragte ich erneut verwirrt.
„Nein, das Hausschwein, das verdammte Viech aus dem Tierheim, Pieter Corneliszoon Hooft, verdammt noch ma-!“ Ihre Stimme verlor sich in einem rauen Husten, dass sie mit einem hektischen Zug an der Zigarette beendete, für sie scheinbar dasselbe wie ein Glas Wasser.
„Aha, verstehe.“, bemerkte ich lächelnd, versucht höflich zu erscheinen, aber sie starrte mich nur wütend an und murmelte irgendwelche Flüche, die ich ganz froh war, nicht zu hören, während sie durch das Zimmer schritt und vom Wohnzimmertisch den Aschenbecher nahm, die Zigarette zerdrückte und sich die nächste aus der Schachtel nahm, jene anzündete und sich wieder ans Fenster stellte.
„Sie wussten, dass es vorbei sein würde. Sie wussten, dass das Unheil nur auf einem Wege abzuwenden war. Das Schwein musste sterben! Und so gingen sie zu einem Metzger, der bereit war, dem Tier ein sinnvolles Ende zu bereiten und es zu Hackfleisch zu verarbeiten.“
„Und die Tochter? Wie hat sie es aufgenommen?“
„Wie so oft stellte sich heraus, dass das Kind keinerlei Interesse an dem Tier hatte, wenn ihr nicht danach war, Interesse zu haben, was relativ selten war und mit der Zeit immer seltener wurde. Meistens waren es die Eltern, die sich um Pieter Corneliszoon Hooft kümmern mussten.“
„Aber dennoch war es ihr Haustier…?“, begehrte ich auf.
Sie wandte sich mir mit einem ernsten Blick zu: „Es war ein Handel.“
Sie zog wieder an ihrer Zigarette und mittlerweile herrschte in dem Raum ein gewisser Nebel und mir kam der Gedanke, dass man durchaus in so einem Raum ersticken kann.
„Sie haben ihr eine Katze versprochen im Austausch für das Schwein, dass es zu einem neuen „Ort“ gehen darf, da es dort gerne sein wollte. Natürlich haben sie nie gesagt, dass jener „Ort“ das Jenseits war, wohin sie das Schwein schicken wollte. Aber das wahre Problem war nicht die Tochter, sondern…“
Ich schluckte und versuchte ein Husten an dieser unpassenden Stelle zu vermeiden.
„… das Schwein. Es wusste alles. Pieter Corneliszoon Hooft wusste, was sie vorhatten!“
„Das Schwein?“, fragte ich verwirrt, „Aber wie hat er… ich meine, er ist nur…“
„Ich weiß Junge, aber irgendwie hat er es geschafft. Der Metzger bekam urplötzlich aus heiterem Himmel Besuch vom Hygieneamt, ganz schlechtes Timing hatten die Jungs…“
‚Timing‘? Was für einen Wortschatz hatte diese alte Frau eigentlich?
„Sie haben das Gammelfleisch entdeckt mit dem er gehandelt hat. Die Schmidts waren natürlich entsetzt. Wer hätte gedacht, dass der Metzger um die Ecke mit Gammelfleisch handeln würde.“
Sie schüttelte traurig den Kopf. „Das Schwein war noch am Leben und sie hatten keine Ahnung, was sie nun machen sollten.“
„Das Tierheim? Was war mit dem Tierheim?“
Sie schüttelte traurig wieder den Kopf: „Das hatte mittlerweile geschlossen, jemand anderes, dem wie den Schmidts auch ein Hausschwein angedreht hatten, hatte das Tierheim auf Schadensersatz verklagt. In der ersten Instanz hatte er verloren, da der Richter meinte: ‚Es besteht nur ein geringer Grund, anzunehmen, dass die Möglichkeit bestehen könnte, dass es sich um einen Bauernhof in Insolvenz handeln könnte, der seine Tiere loswerden will.‘ In der dritten Instanz hatte der Anwalt des Anklägers endlich die richtigen Paragraphen und Akten gefunden, um den Richter dazu zu bringen, festzustellen, dass es sich tatsächlich um einen Bauernhof in Insolvenz handelte, der versuchte, seine Tiere an nichtsahnende Leute versuchte zu verkaufen. Aber die Schmidts… jene Nacht…“
„Aber was haben die Schmidts gemacht?! Was ist passiert in jener Nacht? Frau Müller, ich muss es wissen! Zum Wohle meiner finanziellen Zukunft!“
Sie wandte sich zu mir und musterte mich, während sie geistesabwesend an ihrer Zigarette zog und den Raum noch nebliger und stickiger machte als er es schon war.
„Ich weiß es nicht, Junge, ich weiß es wirklich nicht… Aber seit jener Nacht spukt es. Die Schmidts waren danach verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.“

(Jimmy musterte den jungen Barkeeper, während jener die Augen öffnet und nicht weitererzählte. Harry kam vom Lokal in das Hinterzimmer.)
Harry: Fertig?
Ich: Nicht ganz.
Jimmy: Und was hat das mit deiner Schriftstellerkarriere zu tun?
Ich: Kommt noch, Jimmy, das war ja nur die erste Hälfte.
Jimmy (ein wenig verwundert): Na gut… Arbeit, wir müssen an die Arbeit, Jungs.
(Jimmy ab.)
Harry: Glaubst du, er hat dir die Geschichte abgenommen?
Ich (schulterzuckend): Spielt es eine Rolle?
Harry (tonlos): Wahrscheinlich nicht.

Kapitel 04 – Tolle Aussichten
(Die Dorfkneipe ist hergerichtet für einen Festabend und die drei Barkeeper sind dementsprechend gekleidet. Jimmy steht hinter dem Tresen und putzt Gläser, Harry lehnt an der Tür zur Küche und beobachtet Jimmy gelangweilt, während jener arbeitet, der dritte junge Barkeeper sitzt an einem der Tische in der Kneipe und schreibt eifrig auf einen linierten A4-Block)
Jimmy (hält inne in seiner Arbeit): Aber was mich wirklich wundert…
Ich (hebt den Kopf und unterbricht das Schreiben): Ja?
Jimmy: Ich habe nun schon zwei Jahre mit Ricke zusammengearbeitet, aber ich habe nie gewusst, dass er Jimmy heißt und…
Ich (unterbricht Jimmy): Er heißt auch nicht Ricke….
Jimmy (aufgebracht): Verdammt, unterbri- Oh… (wendet sich überrascht an Harry) Was?!
Harry (zuckt mit den Achseln und sagt lächelnd): Nur zur Geheimhaltung.
(Der junge Barkeeper wendet sich wieder dem Schreiben zu)
Jimmy (skeptisch): Geheimhaltung?
(Eine junge Frau im Alter von Harry und dem jungem Barkeeper mit langen braunen, glatten Haaren betritt die Bar, sucht die Kneipe mit ihren Blicken ab und lächelt als sie Harry sieht)
Junge Frau: Ah, Meyer, da bist du ja, hättest ruhig was sagen können.
Jimmy (verwundert): Ähm, wer sind sie? Und er heißt Meyer?
Lisa: Ach, ich bin nur eine Bekannte von ihm, Lisa, warum wollen sie das eigentlich wissen?
Jimmy (mit der Eindringlichkeit als versuche er jemanden zu schockieren): Ihr… Freund hat zwei Jahre lang in dieser Kneipe unter falschen Namen gearbeitet.
Lisa: Natürlich hat er das!
Jimmy (verwirrt): Warum?
Lisa: Weil ich beim CIA arbeite.
(Schweigen. Jimmy mustert sie ruhig.)
Ich (während er den Stift vom Schreiben hebt und auf Jimmy zeigt): Und jetzt sagt Jimmy…
Jimmy (ruhig): Jimmy sagt gar nichts…
Ich (nach ein wenig Zögern): Gut. (schreibt weiter und sagt langsam vor sich hin, was er schreibt) „Jimmy schweigt Punkt“.
Jimmy (wendet seinen Blick nicht von Lisa ab): Ach, nein, warte… (schüttelt mit dem Kopf seufzend und wendet sich dem jungen Barkeeper zu und sagt laut) Verdammt noch mal, mein Name ist nicht Jimmy! Und fang endlich an zu arbeiten, Jimmy!
(Jimmy nimmt einen Lappen und wirft ihn zu dem jungen Barkeeper, welcher genau vor dessen Füßen landet)
Ich (hält im Schreiben inne und mustert Jimmy verwundert): Aber, Jimmy, du arbeitest doch schon…
Jimmy (aufgebracht): DU! Ich rede von dir…!
Harry (wirft gelangweilt ein): Hatten wir uns nicht auf ‚Ich‘ für den Namen geeinigt?
Jimmy (immer noch aufgebracht): Das ist doch kein Name und wie soll ich ihn damit ansprechen?!
Ich (während er mit dem Stift auf das Papier zeigt): Also ich schreibe im Skript dann immer „Junger Barkeeper“, wenn es darauf ankommt, von mir in der dritten Person zu reden, Jimmy.
Jimmy: Wir sind nicht in deinem verdammten Skript! Und mein Name ist nicht Jimmy!
(Der Junge Barkeeper weicht Jimmys Blicken aus)
Und weich nicht meinen Blicken aus, wenn ich das sage!
(Der junge Barkeeper seufzt, steht auf, legt sein Schreibzeug auf einen Tisch, nimmt den Lappen und fängt an wahllos Tische zu säubern. Jimmy putzt weiter Gläser, während Lisa gelangweilt am Tresen sitzt und Harry mustert, der gähnend auch nur weiter an der Tür zur Küche lehnt.)
Gast #1 (ein dickbäuchiger Mann mit einfacher Kleidung): Ah, gar nicht so voll heute…
Jimmy: Hmm, kannst dich setzen, wo du willst…
Gast #1 (lobend): Das ist wie immer sauber und ordentlich, die Kneipe…
Jimmy (lächelnd): Dan-
Gast #1 (setzt fort, während er dabei Jimmy unterbricht): …, Jimmy.
(Jimmy schweigt, aber lächelt noch)
Harry (tonlos an Gast #1 gewandt): Um Verwirrungen vorzubeugen (er zeigt auf Jimmy), er ist Jimmy.
Gast #1 (lachend): Natürlich und wird es immer sein! Ein Bier, Jimmy!
Jimmy (während er das Bier abfüllt, leise): Ich brauche Urlaub…

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Ich wollte gerade meine Frage stellen, als mein Handy klingelte. Mein Handy? Verdammt, ich hatte vergessen, es auszuschalten. Ich nahm das Handy aus meiner Tasche und schaute, wer es war. Mein Vater?! Was will der denn jetzt? Der sollte auf einer Expedition sein, um die bessere Übersetzung zu finden.
„Ja?“, sagte ich, während ich das Handy ans Ohr hielt.
„Erik! Du wirst nicht glauben…!“, sagte mein Vater, aber im Hintergrund waren irgendwelche piepsende Geräusche verschiedener Tonhöhe und in einem chaotischen Rhythmus, der jede Sekunde zu wechseln schien, zu hören - es war wie eine Verschmelzung von Techno und Free Jazz.
„Nummer Fünf?“, fragte Maracujaeis, indirekt drohend mich zu disqualifizieren.
„Warten sie kurz.“, sagte ich zu Maracujaeis, zu meinem Vater sagte ich: „Weißt du Vater, es ist gerade sehr ungünstig…“
„Ich bin von Aliens entführt worden!“, erklärte er mir freudig mit den seltsamen Hintergrundgeräuschen.
Maracujaeis wollte wieder was sagen als ich aufstand und verwirrt sagte: „Was?! Sag das nochmal.“
„Ich bin von Aliens entführt wurden, Erik! Oh, warte, sie sagen mir gerade, dass du im feindlichen Hauptquartier bist und ich das Gespräch beenden soll.“
„Uh, was, feindliches Hauptquartier?“
„Also man sieht sich, Erik!“
Er hatte aufgelegt.
„Nummer Fünf?“, fragte Maracujaeis.
„Mein Vater wurde von Aliens entführt…“, erklärte ich skeptisch und überrascht.
„Verstehe.“, antwortete Maracujaeis ernst. Ernst?! Warum das?
„Ach, bevor ich es vergesse, Nummer Drei ist der Mörder.“
Und wie zur Antwort hörte ich wie Nummer Drei fluchte: „Verdammt, meine Strategie schlug also fehl.“
Welche Strategie?! Aber das war nun egal, ich musste mich um meinen Vater kümmern, nicht nur seinetwegen… nein, eher nicht seinetwegen, sondern nur meinetwegen, er musste die bessere Übersetzung finden.
Maracujaeis stand auf und sagte laut: „Nummer Drei, sie sind damit wohl entlarvt! Das heißt dann wohl, dass sie ins Gefängnis müssen!“
Kurz vor dem Ausgang wandte er sich an Nummer Drei und sagte: „Sie finden den Weg selber oder?“
„Ja, natürlich, machen sie sich keine Umstände, Herr Maracujaeis.“
Er lässt ihn laufen?! Warum? Verdammt, in jeder anderen Situation hätte man ihn aufhalten müssen, aber nun… Aber das Leben hatte mal wieder die Dinge selbst in die Hand genommen und dabei jede Idee von Logik verworfen, irgendwo musste man schließlich Abstriche machen bei dem Aufbau einer epischen Wendung.
„Ist es wahr? Ist mein Vater wirklich von Aliens entführt wurden?“
„Es ist wahr. Meine Großmutter wurde auch von ihnen entführt.“, erklärte Nummer zwei, die junge Frau, in meinem Alter wie sich herausstellte. Sie hatte lange braune Haare und würde wohl gemeinhin als schön gelten, hätte sie nicht die üblichen Einschränkungen einer Person erfahren, die zu lange und zu oft gute Bücher gelesen hatte: Sie war kurzsichtig, schielte und durch das viele Lesen intelligenter Bücher mangelte es ihr an den drei Haupttugenden heutiger sozialer Kommunikation:
1. Lang und ausführlich über ein Thema zu reden, ohne je die eigene Meinung einzubringen. Es ist immer nützlich nach einer langen Rede im Prinzip nichts gesagt zu haben.
2. Die eigene Meinung immer wie etwas „Rein Zufälliges“ darstellen, das man genau so leicht ändern kann, wie die Richtung in die der Wind weht sich ändert. Wenn man schon manchmal Mist erzählt, sollte man wenigstens fähig sein, so zu tun als wäre es nicht der eigene Mist gewesen.
3. Lieber ungenau und schwammig bleiben als von Fakten reden. Märchen sind effektiver als Faktenberichte.
Besonders der Mangel der Tugenden der sozialen Kommunikation würde sich noch als herber Rückschlag für ihre berufliche Karriere herausstellen, ganze Herrscherdynastien leben von ihnen, früher wie heute, es ist eben ein ungeschriebenes Gesetz kommunikativer Kompetenz diese Regeln einzuhalten.
Aber zurück zum Hauptpunkt: Den Aliens.
„Folgen sie mir.“, erklärte Maracujaeis und ich und die andere Bewerberin folgten ihm durch den Warteraum, wo er stehenblieb und mir und Nummer Zwei zuflüsterte: „Sie beide gehen bitte in den Raum links.“
Maracujaeis verschwanden in der rechten Tür, während ich und Nummer Zwei verschwanden in der linken Tür, hinter der Selpruchev zu finden war, der in einem Sessel saß, während hinter ihm die übliche Glaswand war, die den aus Filmen bekannten Panoramablick aus dem Hochhaus bot. Sein Blick war ernst und es schien als wüsste er bereits Bescheid, warum ich und die andere hier waren.
„Lassen sie mich eines klarstellen: Dies ist kein Witz!“
Stille folgte auf einer mir unverständlichen Pause, so als ob es notwendig gewesen wäre die Worte erstmal zu verarbeiten. Aber dann wiederum ist der Gedanke, dass Leute von Aliens entführt werden würden nicht wirklich etwas, dass man im Normalfall ernst nehmen würde.
„Jedenfalls solange man sich auf die Fälle von diesem Jahr bezieht, die davor waren tatsächlich ein Witz.“, fügte Selpruchev hinzu, worauf wieder eine etwas längere Pause folgte und er sah auch auf seine Armbanduhr, wie um eine geplante Pausenzeit einzuhalten.
„Sie beide haben Verwandte, die von Aliens entführt wurden und sie haben schon vergeblich versucht sie zurückzuholen in der Annahme es sei ein Witz, versteckte Kamera hat schon hunderte von Drohbriefen unter der Annahme erhalten, dass die nächste Sendung sich darum drehen wird, wie sinnloserweise Leute anfangen, ihre Verwandten zu suchen, unter der Annahme, dass sie von Aliens entführt wurden sind.“
„Uh, also ich habe erst gerade eben erfahren-“, begann ich als mich Selpruchev unterbrach, mich vollkommen ignorierend.
„Aber! Dies ist kein Witz! Aliens haben begonnen Menschen zu dutzend zu entführen. Und wir sind die letzte Verteidigungslinie der Menschheit gegen die Aliens!“
Ich erinnerte mich, dass mein Vater meinte, dass die Aliens ihm erzählt hätten, dass ich im Hauptquartier ihrer Feinde wäre, bedeutete dies etwa…?
„Und was ist mit der Polizei? Der Armee?“, fragte ich vorsichtig, erwartend wieder ignoriert zu werden, aber Selpruchev schüttelte nur stumm mit dem Kopf und erklärte: „Ein kleiner bürokratischer Fehler: Da es bisher nur Alienentführungen gibt, ist ein gewisses Problem mit dem Verantwortungsbereich aufgetreten. Die Armee sagt, dass sie nicht für Entführungen zuständig sind und die Polizei meint wiederum, dass sie nicht für Aliens zuständig sind. Diese verdammten Aliens haben ein verdammtes Schlupfloch in unserer Verteidigung genutzt, um uns hart und schnell anzugreifen. Aber sie haben nicht mit der Privatwirtschaft gerechnet! Und deshalb bin ich als weltbekannter Privatdetektiv dafür zuständig die Aliens aufzuhalten!“
In dem Moment kam Maracujaeis herein und sagte: „Die Banner sind gekommen, Chef.“
Selpruchev lächelte und stand auf und sagte zu uns: „Kommen sie! Sie sind schließlich nun auch Verteidiger der Menschheit“, er hielt inne, „oder sowas jedenfalls in der Art, es wird bald ein Treffen mit den Anführern der Aliens geben und diese Banner werden dann von uns am Treffpunkt aufgestellt.“
Man konnte ein großes Banner gehalten von zwei Stangen an der linken und rechten Seite in der Eingangshalle sehen. Darauf stand: „Willkommen auf der Erde!*“ Ich war verwundert ob der Freundlichkeit dieser Begrüßung, sollten wir gar nicht gegen sie kämpfen, vielleicht ist Selpruchev weiser als ich… warte, was soll der Stern am Ende? Ich sah, dass am linken unteren Rand des Banners in sehr, sehr kleiner, kaum lesbarer Schrift etwas stand, ich ging genau auf das Banner zu, um es zu lesen: „Hiermit erklären wir, die Menschheit, den Aliens den Krieg.“
In meiner offensichtlichen Verwirrung trat Selpruchev zu mir und erklärte: „Ja, ein versicherungstechnischer Grund. Da weder wir noch die Aliens dazugekommen sind, der anderen Seite offiziell den Krieg zu erklären, gab es ein paar Probleme mit der Versicherung. Letzten Monat hat einer unserer Kameraden bei der Verfolgung eines Raumschiffes der Aliens sein Bein gebrochen. Die Versicherung wollte nicht aufkommen und ihn nicht als Kriegsopfer behandeln, schließlich gibt es keine Kriegserklärung, meinten sie. Keine Kriegserklärung, kein Krieg also – ich bin mir sicher, dass das erste, was diese Aliens gemacht haben als sie hierher kamen, war, Lücken im Gesetz zu finden und uns so zu schaden, indem sie jene sehr effektiv genutzt haben. Achja und die NATO bestand darauf, dass wir in friedlichen Absichten uns mit ihnen treffen, aber für den Fall der Fälle schon die Kriegserklärung parat haben, damit nicht erst ein neutraler Beobachter überprüfen muss, dass nachdem wir angegriffen wurden, uns tatsächlich auch im Krieg mit den Aliens befinden. Ist alles verdammt kompliziert… in Science-Fiction-Geschichten ist das immer so einfach, aber in denen sind ja auch nicht die Aliens so intelligent Rechtswissenschaften der Erde zu studieren und gegen uns zu nutzen. Verdammt, mir wäre ein Alien mit einer Laserkanone lieber als wieder so ein Versicherungsanwalt, der mir erklärt, warum ich dies und das nicht tun soll, darf und will.“
„Und was ist, wenn sie in friedlichen Absichten kommen?“
„Hmm, dann wird gesagt, dass
1. Dieses Banner nicht, wie geschrieben, für die ganze Menschheit spricht, dies war ein Schreibfehler.“
2. Die Aliens nicht gemeint waren als von Aliens geredet wurde, da sie ja nicht Aliens sind (Man hofft, dass sie für sich selbst einen anderen Namen als Aliens haben).
3. Sowieso die nötigen offiziellen Belege fehlen, die eine formale Kriegserklärung in solcher Form rechtfertigen (fall es zu einem unvermeidlichen Krieg kommen sollte, tauchen jene natürlich wundersamerweise dann auf).“
So kam natürlich alles zusammen, dachte ich als Selpruchev sich räusperte und laut sagte: „Aber dies ist ja nur die Vorbereitung, alles bis jetzt war nur eine Vorbereitung! Morgen werden wir die Aliens treffen!“
Ich schaute mich um. Maracujaeis nickte mir ernst zu. Ich wendete mich zögernd wieder Selpruchev zu und sagte: „Soll das heißen…?“
Ich stockte, aber nicht weil ich Angst hatte, sondern weil ich fürchtete, dass das nächste, was ich sagen würde, da es lebenswichtig war, verneint würde. Nein, ich redete nicht von der Alieninvasion.
„Habe ich damit wirklich den Job bekommen?“, fragte ich zögernd.
Die Stille, welche folgte, zeigte, dass es nicht die richtige Frage gewesen war. Mist, ich hätte doch zuerst von der Alien-Invasion reden sollen. Dabei hatte ich sogar extra die Frage nach meinem Lohn hinter die Frage nach der Alien-Invasion gesetzt. Na gut, es gibt nur einen Weg, die Situation zu retten…
„Haha, das war natürlich nur ein Scherz.“, erklärte ich lachend. Tat ich dies wirklich? Hatte ich soeben gerade eine sehr ernsthafte Frage gestellt, die aber völlig unpassend war in der derzeitigen Stimmung und habe dann versucht zu erklären, dass dies ein Scherz war? Ja, das habe ich, verdammt, aus den vorherigen Ereignissen, die ich vorhatte in meiner Biographie aufzunehmen, hätte man glatt annehmen können, dass ich intelligent bin, aber verdammt, ich habe an einem wichtigen Wendepunkt der Handlung einen schlechten Witz gerissen? Werden mich die Literaturkritiker dafür zerreißen?
Nein, das werden sie nicht. Sie werden eher mich für angeblich schlechte unrealistische Charakterisierung zerreißen, denn Selpruchev lachte über diesen schlechten Witz als wäre er, naja, eben nicht schlecht – und wenn das nicht unrealistisch ist, was dann? Na gut, ausgenommen die Alieninvasion, der Vampir und der jahrtausendalte Fluch, aber man muss schon zugeben, dass man nicht ausschließen kann, dass diese Dinge passieren können, ich meine, wer hätte gedacht, dass eine Agrarwirtschaft aus dem 12. Jahrhundert im 21. Jahrhundert Bio-Landwirtschaft genannt wird? Oder das man mit Geschmacksverstärkern tatsächlich den Geschmack von Essen, dessen Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, überdecken kann? Ich meine, wie abwegig sind denn da schon meine Erlebnisse? Aber verdammt, wer glaubt schon, dass jemand über einen so schlechten Scherz wie den, welche ich gerade gerissen habe, lachen kann? Existiert so eine Person auf diesem Planeten? Scheinbar ja – und genau diese Person sollte die Menschheit in einem Treffen mit den Alieninvasoren vertreten. Ich nehme an, die Absurdität dieser Tatsache entschuldigte die Abwegigkeit aller bisher beschriebenen Ereignisse.
Wird es schlimmer? Als ich Selpruchev, der mich lachend ansah und auf die Schulter klopfte, musterte, konnte ich nicht anders als mich dies zu fragen. Ich meine, habe ich nicht schon genug erlebt? Müsste nicht gleich jemand hinter dem Vorhang hervorspringen und erwähnen, dass dies nur ein Traum war – oder nur Versteckte Kamera und dann lachend hinzuzufügen: „Nein, nur ein Scherz, ist wirklich nur ein Traum.“
Aber die Frage blieb unbeantwortet, besonders da ich sie nicht ausgesprochen hätte. Wird es schlimmer? Ja, das wird es, verdammt, ich vergesse doch auch immer wieder, dass ich ein Pessimist bin, schlechte Ausgangsposition für einen Monolog.
„Erik, Maracujaeis und…“, begann Selpruchev, immer noch grinsend.
„Sarah.“, meinte die junge Frau an.
„Sarah, ja, morgen werden wir Geschichte schreiben und den ersten Kontakt mit den Außerirdischen aufnehmen!“
Ich seufzte. Die Welt könnte ab morgen in einem Krieg mit Außerirdischen stehen und Selpruchev handelt es wie eine Einladung zu einem All-You-Can-Eat-Buffet ab. Tolle Aussichten, wahrlich tolle Aussichten.


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Im Übrigen freue ich mich über jeden Leser meiner humoristischen Erzählung "Deswegen bin ich ein Pessimist" (Letzte Aktualisierung: 11. April 2010) und meines Novellenzyklus "Das Leben und seine gewissen Umstände" (L. Akt.: 11. Januar 2010)
Blog: Darker than Black - Ryūsei no Gemini
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Dieser Beitrag wurde bereits 7 mal editiert, zuletzt von »Morgoth« (11. August 2010, 18:04)


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